The Project Gutenberg EBook of Ausgewaehlte Schriften, by Heinrich von Kleist Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 7-bit version. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. Ausgewaehlte Schriften Heinrich von Kleist Gesammelte Kleine Werke Inhalt: Das Bettelweib von Locarno Das Erdbeben in Chili Der Findling Der Zweikampf Die heilige Caecilie Die Marquise von O... Die Verlobung in St. Domingo Geistererscheinung Michael Kohlhaas Das Bettelweib von Locarno Am Fusse der Alpen bei Locarno im oberen Italien befand sich ein altes, einem Marchese gehoeriges Schloss, das man jetzt, wenn man vom St. Gotthard kommt, in Schutt und Truemmern liegen sieht: ein Schloss mit hohen und weitlaeufigen Zimmern, in deren einem einst auf Stroh, das man ihr unterschuettete, eine alte kranke Frau, die sich bettelnd vor der Tuer eingefunden hatte, von der Hausfrau aus Mitleiden gebettet worden war. Der Marchese, der bei der Rueckkehr von der Jagd zufaellig in das Zimmer trat, wo er seine Buechse abzusetzen pflegte, befahl der Frau unwillig, aus dem Winkel, in welchem sie lag, aufzustehn und sich hinter den Ofen zu verfuegen. Die Frau, da sie sich erhob, glitschte mit der Kruecke auf dem glatten Boden aus und beschaedigte sich auf eine gefaehrliche Weise das Kreuz; dergestalt, dass sie zwar noch mit unsaeglicher Muehe aufstand und quer, wie es ihr vorgeschrieben war, ueber das Zimmer ging, hinter dem Ofen aber unter Stoehnen und Aechzen niedersank und verschied. Mehrere Jahre nachher, da der Marchese durch Krieg und Misswachs in bedenkliche Vermoegensumstaende geraten war, fand sich ein florentinischer Ritter bei ihm ein, der das Schloss seiner schoenen Lage wegen von ihm kaufen wollte. Der Marchese, dem viel an dem Handel gelegen war, gab seiner Frau auf, den Fremden in dem obenerwaehnten leerstehenden Zimmer, das sehr schoen und praechtig eingerichtet war, unterzubringen. Aber wie betreten war das Ehepaar, als der Ritter mitten in der Nacht verstoert und bleich zu ihnen herunterkam, hoch und teuer versichernd, dass es in dem Zimmer spuke, indem etwas, das dem Blick unsichtbar gewesen, mit einem Geraeusch, als ob es auf Stroh gelegen, im Zimmerwinkel aufgestanden mit vernehmlichen Schritten langsam und gebrechlich quer ueber drei Zimmer gegangen und hinter dem Ofen unter Stoehnen und Aechzen niedergesunken sei. Der Marchese, erschrocken, er wusste selbst nicht recht warum, lachte den Ritter mit erkuenstelter Heiterkeit aus und sagte, er wolle sogleich aufstehen und die Nacht zu seiner Beruhigung mit ihm in dem Zimmer zubringen. Doch der Ritter bat um die Gefaelligkeit, ihm zu erlauben, dass er auf einem Lehnstuhl in seinem Schlafzimmer uebernachte; und als der Morgen kam, liess er anspannen, empfahl sich und reiste ab. Dieser Vorfall, der ausserordentliches Aufsehen machte, schreckte auf eine dem Marchese hoechst unangenehme Weise mehrere Kaeufer ab; dergestalt, dass, da sich unter seinem eignen Hausgesinde, befremdend und unbegreiflich, das Geruecht erhob, dass es in dem Zimmer zur Mitternachtstunde umgehe, er, um es mit einem entscheidenden Verfahren niederzuschlagen, beschloss, die Sache in der naechsten Nacht selbst zu untersuchen. Demnach liess er beim Einbruch der Daemmerung sein Bett in dem besagten Zimmer aufschlagen und erharrte, ohne zu schlafen, die Mitternacht. Aber wie erschuettert war er, als er in der Tat mit dem Schlage der Geisterstunde das unbegreifliche Geraeusch wahrnahm; es war, als ob ein Mensch sich von Stroh, das unter ihm knisterte, erhob, quer ueber das Zimmer ging, und hinter dem Ofen unter Geseufz und Geroechel niedersank. Die Marquise, am andern Morgen, da er herunterkam, fragte ihn, wie die Untersuchung abgelaufen; und da er sich mit scheuen und ungewissen Blicken umsah und, nachdem er die Tuer verriegelt, versicherte, dass es mit dem Spuk seine Richtigkeit habe: so erschrak sie, wie sie in ihrem Leben nicht getan und bat ihn, bevor er die Sache verlauten liesse, sie noch einmal in ihrer Gesellschaft einer kaltbluetigen Pruefung zu unterwerfen. Sie hoerten aber samt einem treuen Bedienten, den sie mitgenommen hatten, in der Tat in der naechsten Nacht dasselbe unbegreifliche, gespensterartige Geraeusch; und nur der dringende Wunsch, das Schloss, es koste was es wolle, loszuwerden, vermochte sie, das Entsetzen, das sie ergriff, in Gegenwart ihres Dieners zu unterdruecken und dem Vorfall irgendeine gleichgueltige und zufaellige Ursache, die sich entdecken lassen muesse, unterzuschieben. Am Abend des dritten Tages, da beide, um der Sache auf den Grund zu kommen, mit Herzklopfen wieder die Treppe zu dem Fremdenzimmer bestiegen, fand sich zufaellig der Haushund, den man von der Kette losgelassen hatte, vor der Tuer desselben ein; dergestalt dass beide, ohne sich bestimmt zu erklaeren, vielleicht in der unwillkuerlichen Absicht, ausser sich selbst noch etwas Drittes, Lebendiges, bei sich zu haben, den Hund mit sich in das Zimmer nahmen. Das Ehepaar, zwei Lichter auf dem Tisch, die Marquise unausgezogen, der Marchese Degen und Pistolen, die er aus dem Schrank genommen, neben sich, setzen sich gegen elf Uhr jeder auf sein Bett; und waehrend sie sich mit Gespraechen, so gut sie vermoegen, zu unterhalten suchen, legt sich der Hund, Kopf und Beine zusammengekauert, in der Mitte des Zimmers nieder und schlaeft ein, Drauf, in dem Augenblick der Mitternacht, laesst sich das entsetzliche Geraeusch wieder hoeren; jemand, den kein Mensch mit Augen sehen kann, hebt sich auf Kruecken im Zimmerwinkel empor; man hoert das Stroh, das unter ihm rauscht; und mit dem ersten Schritt: tapp! tapp! erwacht der Hund, hebt sich ploetzlich, die Ohren spitzend, vom Boden empor, und knurrend und bellend, grad' als ob ein Mensch auf ihn eingeschritten kaeme, rueckwaerts gegen den Ofen weicht er aus. Bei diesem Anblick stuerzt die Marquise mit straeubenden Haaren aus dem Zimmer; und waehrend der Marchese, der den Degen ergriffen: "Wer da?" ruft, und, da ihm niemand antwortet, gleich einem Rasenden nach allen Richtungen die Luft durchhaut, laesst sie anspannen, entschlossen, augenblicklich nach der Stadt abzufahren. Aber ehe sie noch nach Zusammenraffung einiger Sachen aus dem Tore herausgerasselt, sieht sie schon das Schloss ringsum in Flammen aufgehen. Der Marchese, von Entsetzen ueberreizt, hatte eine Kerze genommen und dasselbe, ueberall mit Holz getaefelt wie es war, an allen vier Ecken, muede seines Lebens, angesteckt. Vergebens schickte sie Leute hinein, den Ungluecklichen zu retten; er war auf die elendiglichste Weise bereits umgekommen; und noch jetzt liegen, von den Landleuten zusammengetragen, seine weissen Gebeine in dem Winkel des Zimmers, von welchem er das Bettelweib von Locarno hatte aufstehen heissen. Das Erdbeben in Chili In St. Jago, der Hauptstadt des Koenigreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der grossen Erderschuetterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefaengnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken. Don Henrico Asteron, einer der reichsten Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefaehr ein Jahr zuvor aus seinem Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er sich mit Donna Josephe, seiner einzigen Tochter, in einem zaertlichen Einverstaendnis befunden hatte. Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter nachdruecklich gewarnt hatte, durch die haemische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war, entruestete ihn dergestalt, dass er sie in dem Karmeliterkloster unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbrachte. Durch einen gluecklichen Zufall hatte Jeronimo hier die Verbindung von neuem anzuknuepfen gewusst, und in einer verschwiegenen Nacht den Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glueckes gemacht. Es war am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen, welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die unglueckliche Josephe, bei dem Anklange der Glocken, in Mutterwehen auf den Stufen der Kathedrale niedersank. Dieser Vorfall machte ausserordentliches Aufsehn; man brachte die junge Suenderin, ohne Ruecksicht auf ihren Zustand, sogleich in ein Gefaengnis, und kaum war sie aus den Wochen erstanden, als ihr schon, auf Befehl des Erzbischofs, der geschaerfteste Prozess gemacht ward. Man sprach in der Stadt mit einer so grossen Erbitterung von diesem Skandal, und die Zungen fielen so scharf ueber das ganze Kloster her, in welchem er sich zugetragen hatte, dass weder die Fuerbitte der Familie Asteron, noch auch der Wunsch der Aebtissin selbst, welche das junge Maedchen wegen ihres sonst untadelhaften Betragens liebgewonnen hatte, die Strenge, mit welcher das mit welcher das kloesterliche Gesetz sie bedrohte, mildern konnte. Alles, was geschehen konnte, war, dass der Feuertod, zu dem sie verurteilt wurde, zur grossen Entruestung der Matronen und Jungfrauen von St. Jago, durch einen Machtspruch des Vizekoenigs, in eine Enthauptung verwandelt ward. Man vermietete in den Strassen, durch welche der Hinrichtungszug gehen sollte, die Fenster, man trug die Daecher der Haeuser ab, und die frommen Toechter der Stadt luden ihre Freundinnen ein, um dem Schauspiele, das der goettlichen Rache gegeben wurde, an ihrer schwesterlichen Seite beizuwohnen. Jeronimo, der inzwischen auch in ein Gefaengnis gesetzt worden war, wollte die Besinnung verlieren, als er diese ungeheure Wendung der Dinge erfuhr. Vergebens sann er auf Rettung: ueberall, wohin ihn auch der Fittig der vermessensten Gedanken trug, stiess er auf Riegel und Mauern, und ein Versuch, die Gitterfenster zu durchfeilen, zog ihm, da er entdeckt ward, eine nur noch engere Einsperrung zu. Er warf sich vor dem Bildnisse der heiligen Mutter Gottes nieder, und betete mit unendlicher Inbrunst zu ihr, als der einzigen, von der ihm jetzt noch Rettung kommen koennte. Doch der gefuerchtete Tag erschien, und mit ihm in seiner Brust die Ueberzeugung von der voelligen Hoffnungslosigkeit seiner Lage. Die Glocken, welche Josephen zum Richtplatz begleiteten, ertoenten, und Verzweiflung bemaechtigte sich seiner Seele. Das Leben schien ihm verhasst, und er beschloss, sich durch einen Strick, den ihm der Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben. Eben stand er, wie schon gesagt, an einem Wandpfeiler und befestigen den Strick, der ihn dieser jammervollen Welt entreissen sollte, an eine Eisenklammer, die an dem Gesimse derselben eingefugt war; als ploetzlich der groesste Teil der Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstuerzte, versank, und alles, was Leben atmete, unter seinen Truemmern begrub. Jeronimo Rugera war starr vor Entsetzen; und gleich als ob sein ganzes Bewusstsein zerschmettert worden waere, hielt er sich jetzt an dem Pfeiler, an welchem er hatte sterben wollen, um nicht umzufallen. Der Boden wankte unter seinen Fuessen, alle Waende des Gefaengnisses rissen, der ganze Bau neigte sich, nach der Strasse zu einzustuerzen, und nur der, seinem langsamen Fall begegnende, Fall des gegenueberstehenden Gebaeudes verhinderte, durch eine zufaellige Woelbung, die gaenzliche Zubodenstreckung desselben. Zitternd, mit straeubenden Haaren, und Knieen, die unter ihm brechen wollten, glitt Jeronimo ueber den schiefgesenkten Fussboden hinweg, der Oeffnung zu, die der Zusammenschlag beider Haeuser in die vordere Wand des Gefaengnisses eingerissen hatte. Kaum befand er sich im Freien, als die ganze, schon erschuetterte Strasse auf eine zweite Bewegung der Erde voellig zusammenfiel. Besinnungslos, wie er sich aus diesem allgemeinen Verderben retten wuerde, eilte er, ueber Schutt und Gebaelk hinweg, indessen der Tod von allen Seiten Angriffe auf ihn machte, nach einem der naechsten Tore der Stadt. Hier stuerzte noch ein Haus zusammen, und jagte ihn, die Truemmer weit umherschleudernd, in eine Nebenstrasse; hier leckte die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln, und trieb ihn schreckenvoll in eine andere; hier waelzte sich, aus seinem Gestade gehoben, der Mapochofluss auf ihn heran, und riss ihn bruellend in eine dritte. Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier aechzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Daechern herab, hier kaempften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemueht, zu helfen; hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Haende zum Himmel. Als Jeronimo das Tor erreicht, und einen Huegel jenseits desselben bestiegen hatte, sank er ohnmaechtig auf demselben nieder. Er mochte wohl eine Viertelstunde in der tiefsten Bewusstlosigkeit gelegen haben, als er endlich wieder erwachte, und sich, mit nach der Stadt gekehrtem Ruecken, halb auf dem Erdboden erhob. Er befuehlte sich Stirn und Brust, unwissend, was er aus seinem Zustande machen sollte, und ein unsaegliches Wonnegefuehl ergriff ihn, als ein Westwind, vom Meere her, sein wiederkehrendes Leben anwehte, und sein Auge sich nach allen Richtungen ueber die bluehende Gegend von St. Jago hinwandte. Nur die verstoerten Menschenhaufen, die sich ueberall blicken liessen, beklemmten sein Herz; er begriff nicht, was ihn und sie hiehergefuehrt haben konnte, und erst, da er sich umkehrte, und die Stadt hinter sich versunken sah, erinnerte er sich des schrecklichen Augenblicks, den er erlebt hatte. Er senkte sich so tief, dass seine Stirn den Boden beruehrte, Gott fuer seine wunderbare Errettung zu danken; und gleich, als ob der eine entsetzliche Eindruck, der sich seinem Gemuet eingepraegt hatte, alle frueheren daraus verdraengt haette, weinte er vor Lust, dass er sich des lieblichen Lebens, voll bunter Erscheinungen, noch erfreue. Drauf, als er eines Ringes an seiner Hand gewahrte, erinnerte er sich ploetzlich auch Josephens, und mit ihr seines Gefaengnisses, der Glocken, die er dort gehoert hatte, und des Augenblicks, der dem Einsturze desselben vorangegangen war. Tiefe Schwermut erfuellte wieder seine Brust; sein Gebet fing ihn zu reuen an, und fuerchterlich schien ihm das Wesen, das ueber den Wolken waltet. Er mischte sich unter das Volk, das ueberall, mit Rettung des Eigentums beschaeftigt, aus den Toren stuerzte, und wagte schuechtern nach der Tochter Asterons, und ob die Hinrichtung an ihr vollzogen worden sei, zu fragen; doch niemand war, der ihm umstaendliche Auskunft gab. Eine Frau, die auf einem fast zur Erde gedrueckten Nacken eine ungeheure Last von Geraetschaften und zwei Kinder, an der Brust haengend, trug, sagte im Vorbeigehen, als ob sie es selbst angesehen haette: dass sie enthauptet worden sei. Jeronimo kehrte sich um; und da er, wenn er die Zeit berechnete, selbst an ihrer Vollendung nicht zweifeln konnte, so setzte er sich in einem einsamen Walde nieder, und ueberliess sich seinem vollen Schmerz. Er wuenschte, dass die zerstoerende Gewalt der Natur von neuem ueber ihn einbrechen moechte. Er begriff nicht, warum er dem Tode, den seine jammervolle Seele so suchte, in jenen Augenblicken, da er ihm freiwillig von allen Seiten rettend erschien, entflohen sei. Er nahm sich fest vor, nicht zu wanken, wenn auch jetzt die Eichen entwurzelt werden, und ihre Wipfel ueber ihn zusammenstuerzen sollten. Darauf nun, da er sich ausgeweint hatte, und ihm, mitten unter den heissesten Traenen, die Hoffnung wieder erschienen war, stand er auf, und durchstreifte nach allen Richtungen das Feld. Jeden Berggipfel, auf dem sich die Menschen versammelt hatten, besuchte er; auf allen Wegen, wo sich der Strom der Flucht noch bewegte, begegnete er ihnen; wo nur irgend ein weibliches Gewand im Winde flatterte, da trug ihn sein zitternder Fuss hin: doch keines deckte die geliebte Tochter Asterons. Die Sonne neigte sich, und mit ihr seine Hoffnung schon wieder zum Untergange, als er den Rand eines Felsens betrat, und sich ihm die Aussicht in ein weites, nur von wenig Menschen besuchtes Tal eroeffnete. Er durchlief, unschluessig, was er tun sollte, die einzelnen Gruppen derselben, und wollte sich schon wieder wenden, als er ploetzlich an einer Quelle, die die Schlucht bewaesserte, ein junges Weib erblickte, beschaeftigt, ein Kind in seinen Fluten zu reinigen. Und das Herz huepfte ihm bei diesem Anblick: er sprang voll Ahndung ueber die Gesteine herab, und rief: O Mutter Gottes, du Heilige! und erkannte Josephen, als sie sich bei dem Geraeusche schuechtern umsah. Mit welcher Seligkeit umarmten sie sich, die Ungluecklichen, die ein Wunder des Himmels gerettet hatte! Josephe war, auf ihrem Gang zum Tode, dem Richtplatze schon ganz nahe gewesen, als durch den krachenden Einsturz der Gebaeude ploetzlich der ganze Hinrichtungszug auseinander gesprengt ward. Ihre ersten entsetzensvollen Schritte trugen sie hierauf dem naechsten Tore zu; doch die Besinnung kehrte ihr bald wieder, und sie wandte sich, um nach dem Kloster zu eilen, wo ihr kleiner, huelfloser Knabe zurueckgeblieben war. Sie fand das ganze Kloster schon in Flammen, und die Aebtissin, die ihr in jenen Augenblicken, die ihre letzten sein sollten, Sorge fuer den Saeugling angelobt hatte, schrie eben, vor den Pforten stehend, nach Huelfe, um ihn zu retten. Josephe stuerzte sich, unerschrocken durch den Dampf, der ihr entgegenqualmte, in das von allen Seiten schon zusammenfallende Gebaeude, und gleich, als ob alle Engel des Himmels sie umschirmten, trat sie mit ihm unbeschaedigt wieder aus dem Portal hervor. Sie wollte der Aebtissin, welche die Haende ueber ihr Haupt zusammenschlug, eben in die Arme sinken, als diese, mit fast allen ihren Klosterfrauen, von einem herabfallenden Giebel des Hauses, auf eine schmaehliche Art erschlagen ward. Josephe bebte bei diesem entsetzlichen Anblicke zurueck; sie drueckte der Aebtissin fluechtig die Augen zu, und floh, ganz von Schrecken erfuellt, den teuern Knaben, den ihr der Himmel wieder geschenkt hatte, dem Verderben zu entreissen. Sie hatte noch wenig Schritte getan, als ihr auch schon die Leiche des Erzbischofs begegnete, die man soeben zerschmettert aus dem Schutt der Kathedrale hervorgezogen hatte. Der Palast des Vizekoenigs war versunken, der Gerichtshof, in welchem ihr das Urteil gesprochen worden war, stand in Flammen, und an die Stelle, wo sich ihr vaeterliches Haus befunden hatte, war ein See getreten, und kochte roetliche Daempfe aus. Josephe raffte alle ihre Kraefte zusammen, sich zu halten. Sie schritt, den Jammer von ihrer Brust entfernend, mutig mit ihrer Beute von Strasse zu Strasse, und war schon dem Tore nah, als sie auch das Gefaengnis, in welchem Jeronimo geseufzt hatte, in Truemmern sah. Bei diesem Anblicke wankte sie, und wollte besinnungslos an einer Ecke niedersinken; doch in demselben Augenblick jagte sie der Sturz eines Gebaeudes hinter ihr, das die Erschuetterungen schon ganz aufgeloest hatten, durch das Entsetzen gestaerkt, wieder auf; sie kuesste das Kind, drueckte sich die Traenen aus den Augen, und erreichte, nicht mehr auf die Greuel, die sie umringten, achtend, das Tor. Als sie sich im Freien sah, schloss sie bald, dass nicht jeder, der ein zertruemmertes Gebaeude bewohnt hatte, unter ihm notwendig muesse zerschmettert worden sein. An dem naechsten Scheidewege stand sie still, und harrte, ob nicht einer, der ihr, nach dem kleinen Philipp, der liebste auf der Welt war, noch erscheinen wuerde. Sie ging, weil niemand kam, und das Gewuehl der Menschen anwuchs, weiter, und kehrte sich wieder um, und harrte wieder; und schlich, viel Traenen vergiessend, in ein dunkles, von Pinien beschattetes Tal, um seiner Seele, die sie entflohen glaubte, nachzubeten; und fand ihn hier, diesen Geliebten, im Tale, und Seligkeit, als ob es das Tal von Eden gewesen waere. Dies alles erzaehlte sie jetzt voll Ruehrung dem Jeronimo, und reichte ihm, da sie vollendet hatte, den Knaben zum Kuessen dar.--Jeronimo nahm ihn, und haetschelte ihn in unsaeglicher Vaterfreude, und verschloss ihm, da er das fremde Antlitz anweinte, mit Liebkosungen ohne Ende den Mund. Indessen war die schoenste Nacht herabgestiegen, voll wundermilden Duftes, so silberglaenzend und still, wie nur ein Dichter davon traeumen mag. Ueberall, laengs der Talquelle, hatten sich, im Schimmer des Mondscheins, Menschen niedergelassen, und bereiteten sich sanfte Lager von Moos und Laub, um von einem so qualvollen Tage auszuruhen. Und weil die Armen immer noch jammerten; dieser, dass er sein Haus, jener, dass er Weib und Kind, und der dritte, dass er alles verloren habe: so schlichen Jeronimo und Josephe in ein dichteres Gebuesch, um durch das heimliche Gejauchz ihrer Seelen niemand zu betrueben. Sie fanden einen prachtvollen Granatapfelbaum, der seine Zweige, voll duftender Fruechte, weit ausbreitete; und die Nachtigall floetete im Wipfel ihr wolluestiges Lied. Hier liess sich Jeronimo am Stamme nieder, und Josephe in seinem, Philipp in Josephens Schoss, sassen sie, von seinem Mantel bedeckt, und ruhten. Der Baumschatten zog, mit seinen verstreuten Lichtern, ueber sie hinweg, und der Mond erblasste schon wieder vor der Morgenroete, ehe sie einschliefen. Denn Unendliches hatten sie zu schwatzen vom Klostergarten und den Gefaengnissen, und was sie um einander gelitten haetten; und waren sehr geruehrt, wenn sie dachten, wie viel Elend ueber die Welt kommen musste, damit sie gluecklich wuerden! Sie beschlossen, sobald die Erderschuetterungen aufgehoert haben wuerden, nach La Conception zu gehen, wo Josephe eine vertraute Freundin hatte, sich mit einem kleinen Vorschuss, den sie von ihr zu erhalten hoffte, von dort nach Spanien einzuschiffen, wo Jeronimos muetterliche Verwandten wohnten, und daselbst ihr glueckliches Leben zu beschliessen. Hierauf, unter vielen Kuessen, schliefen sie ein. Als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und sie bemerkten in ihrer Naehe mehrere Familien, beschaeftigt, sich am Feuer ein kleines Morgenbrot zu bereiten. Jeronimo dachte eben auch, wie er Nahrung fuer die Seinigen herbeischaffen sollte, als ein junger wohlgekleideter Mann, mit einem Kinde auf dem Arm, zu Josephen trat, und sie mit Bescheidenheit fragte: ob sie diesem armen Wurme, dessen Mutter dort unter den Baeumen beschaedigt liege, nicht auf kurze Zeit ihre Brust reichen wolle? Josephe war ein wenig verwirrt, als sie in ihm einen Bekannten erblickte; doch da er, indem er ihre Verwirrung falsch deutete, fortfuhr: es ist nur auf wenige Augenblicke, Donna Josephe, und dieses Kind hat, seit jener Stunde, die uns alle ungluecklich gemacht hat, nichts genossen; so sagte sie: "ich schwieg--aus einem andern Grunde, Don Fernando; in diesen schrecklichen Zeiten weigert sich niemand, von dem, was er besitzen mag, mitzuteilen": und nahm den kleinen Fremdling, indem sie ihr eigenes Kind dem Vater gab, und legte ihn an ihre Brust. Don Fernando war sehr dankbar fuer diese Guete, und fragte: ob sie sich nicht mit ihm zu jener Gesellschaft verfuegen wollten, wo eben jetzt beim Feuer ein kleines Fruehstueck bereitet werde? Josephe antwortete, dass sie dies Anerbieten mit Vergnuegen annehmen wuerde, und folgte ihm, da auch Jeronimo nichts einzuwenden hatte, zu seiner Familie, wo sie auf das innigste und zaertlichste von Don Fernandos beiden Schwaegerinnen, die sie als sehr wuerdige junge Damen kannte, empfangen ward. Donna Elvire, Don Fernandos Gemahlin, welche schwer an den Fuessen verwundet auf der Erde lag, zog Josephen, da sie ihren abgehaermten Knaben an der Brust derselben sah, mit vieler Freundlichkeit zu sich nieder. Auch Don Pedro, sein Schwiegervater, der an der Schulter verwundet war, nickte ihr liebreich mit dem Haupte zu.-In Jeronimos und Josephens Brust regten sich Gedanken von seltsamer Art. Wenn sie sich mit so vieler Vertraulichkeit und Guete behandelt sahen, so wussten sie nicht, was sie von der Vergangenheit denken sollten, vom Richtplatze, von dem Gefaengnisse, und der Glocke; und ob sie bloss davon getraeumt haetten? Es war, als ob die Gemueter, seit dem fuerchterlichen Schlage, der sie durchdroehnt hatte, alle versoehnt waeren. Sie konnten in der Erinnerung gar nicht weiter, als bis auf ihn, zurueckgehen. Nur Donna Elisabeth, welche bei einer Freundin, auf das Schauspiel des gestrigen Morgens, eingeladen worden war, die Einladung aber nicht angenommen hatte, ruhte zuweilen mit traeumerischem Blicke auf Josephen; doch der Bericht, der ueber irgend ein neues graessliches Unglueck erstattet ward, riss ihre, der Gegenwart kaum entflohene Seele schon wieder in dieselbe zurueck. Man erzaehlte, wie die Stadt gleich nach der ersten Haupterschuetterung von Weibern ganz voll gewesen, die vor den Augen aller Maenner niedergekommen seien; wie die Moenche darin, mit dem Kruzifix in der Hand, umhergelaufen waeren, und geschrieen haetten: das Ende der Welt sei da! wie man einer Wache, die auf Befehl des Vizekoenigs verlangte, eine Kirche zu raeumen, geantwortet haette: es gaebe keinen Vizekoenig von Chili mehr! wie der Vizekoenig in den schrecklichsten Augenblicken haette muessen Galgen aufrichten lassen, um der Dieberei Einhalt zu tun; und wie ein Unschuldiger, der sich von hinten durch ein brennendes Haus gerettet, von dem Besitzer aus Uebereilung ergriffen, und sogleich auch aufgeknoepft worden waere. Donna Elvire, bei deren Verletzungen Josephe viel beschaeftigt war, hatte in einem Augenblick, da gerade die Erzaehlungen sich am lebhaftesten kreuzten, Gelegenheit genommen, sie zu fragen: wie es denn ihr an diesem fuerchterlichen Tag ergangen sei? Und da Josephe ihr, mit beklemmtem Herzen, einige Hauptzuege davon angab, so ward ihr die Wollust, Traenen in die Augen dieser Dame treten zu sehen; Donna Elvire ergriff ihre Hand, und drueckte sie, und winkte ihr, zu schweigen. Josephe duenkte sich unter den Seligen. Ein Gefuehl, das sie nicht unterdruecken konnte, nannte den verflossnen Tag, so viel Elend er auch ueber die Welt gebracht hatte, eine Wohltat, wie der Himmel noch keine ueber sie verhaengt hatte. Und in der Tat schien, mitten in diesen graesslichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Gueter der Menschen zu Grunde gingen, und die ganze Natur verschuettet zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie eine schoene Blume, aufzugehn. Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Staenden durcheinander liegen, Fuersten und Bettler, Matronen und Baeuerinnen, Staatsbeamte und Tageloehner, Klosterherren und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Huelfe reichen, von dem, was sie zur Erhaltung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglueck alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht haette. Statt der nichtssagenden Unterhaltungen, zu welchen sonst die Welt an den Teetischen den Stoff hergegeben hatte, erzaehlte man jetzt Beispiele von ungeheuern Taten: Menschen, die man sonst in der Gesellschaft wenig geachtet hatte, hatten Roemergroesse gezeigt; Beispiele zu Haufen von Unerschrockenheit, von freudiger Verachtung der Gefahr, von Selbstverleugnung und der goettlichen Aufopferung, von ungesaeumter Wegwerfung des Lebens, als ob es, dem nichtswuerdigsten Gute gleich, auf dem naechsten Schritte schon wiedergefunden wuerde. Ja, da nicht einer war, fuer den nicht an diesem Tage etwas Ruehrendes geschehen waere, oder der nicht selbst etwas Grossmuetiges getan haette, so war der Schmerz in jeder Menschenbrust mit so viel suesser Lust vermischt, dass sich, wie sie meinte, gar nicht angeben liess, ob die Summe des allgemeinen Wohlseins nicht von der einen Seite um ebenso viel gewachsen war, als sie von der anderen abgenommen hatte. Jeronimo nahm Josephen, nachdem sich beide in diesen Betrachtungen stillschweigend erschoepft hatten, beim Arm, und fuehrte sie mit unaussprechlicher Heiterkeit unter den schattigen Lauben des Granatwaldes auf und nieder. Er sagte ihr, dass er, bei dieser Stimmung der Gemueter und dem Umsturz aller Verhaeltnisse, seinen Entschluss, sich nach Europa einzuschiffen, aufgebe; dass er vor dem Vizekoenig, der sich seiner Sache immer guenstig gezeigt, falls er noch am Leben sei, einen Fussfall wagen wuerde; und dass er Hoffnung habe (wobei er ihr einen Kuss aufdrueckte), mit ihr in Chili zurueckzubleiben. Josephe antwortete, dass aehnliche Gedanken in ihr aufgestiegen waeren; dass auch sie nicht mehr, falls ihr Vater nur noch am Leben sei, ihn zu versoehnen zweifle; dass sie aber statt des Fussfalles lieber nach La Conception zu gehen, und von dort aus schriftlich das Versoehnungsgeschaeft mit dem Vizekoenig zu betreiben rate, wo man auf jeden Fall in der Naehe des Hafens waere, und fuer den besten, wenn das Geschaeft die erwuenschte Wendung naehme, ja leicht wieder nach St. Jago zurueckkehren koennte. Nach einer kurzen Ueberlegung gab Jeronimo der Klugheit dieser Massregel seinen Beifall, fuehrte sie noch ein wenig, die heitern Momente der Zukunft ueberfliegend, in den Gaengen umher, und kehrte mit ihr zur Gesellschaft zurueck. Inzwischen war der Nachmittag herangekommen, und die Gemueter der herumschwaermenden Fluechtlinge hatten sich, da die Erdstoesse nachliessen, nur kaum wieder ein wenig beruhigt, als sich schon die Nachricht verbreitete, dass in der Dominikanerkirche, der einzigen, welche das Erdbeben verschont hatte, eine feierliche Messe von dem Praelaten des Klosters selbst gelesen werden wuerde, den Himmel um Verhuetung ferneren Ungluecks anzuflehen. Das Volk brach schon aus allen Gegenden auf, und eilte in Stroemen zur Stadt. In Don Fernandos Gesellschaft ward die Frage aufgeworfen, ob man nicht auch an dieser Feierlichkeit Teil nehmen, und sich dem allgemeinen Zuge anschliessen solle? Donna Elisabeth erinnerte, mit einiger Beklemmung, was fuer ein Unheil gestern in der Kirche vorgefallen sei; dass solche Dankfeste ja wiederholt werden wuerden, und dass man sich der Empfindung alsdann, weil die Gefahr schon mehr vorueber waere, mit desto groesserer Heiterkeit und Ruhe ueberlassen koennte. Josephe aeusserte, indem sie mit einiger Begeisterung sogleich aufstand, dass sie den Drang, ihr Antlitz vor dem Schoepfer in den Staub zu legen, niemals lebhafter empfunden habe, als eben jetzt, wo er seine unbegreifliche und erhabene Macht so entwickle. Donna Elvire erklaerte sich mit Lebhaftigkeit fuer Josephens Meinung. Sie bestand darauf, dass man die Messe hoeren sollte, und rief Don Fernando auf, die Gesellschaft zu fuehren, worauf sich alles, Donna Elisabeth auch, von den Sitzen erhob. Da man jedoch letztere, mit heftig arbeitender Brust, die kleinen Anstalten zum Aufbruche zaudernd betreiben sah, und sie, auf die Frage: was ihr fehle? antwortete: sie wisse nicht, welch eine unglueckliche Ahndung in ihr sei? so beruhigte sie Donna Elvire, und forderte sie auf, bei ihr und ihrem kranken Vater zurueckzubleiben. Josephe sagte: so werden Sie mir wohl, Donna Elisabeth, diesen kleinen Liebling abnehmen, der sich schon wieder, wie Sie sehen, bei mir eingefunden hat. Sehr gern, antwortete Donna Elisabeth, und machte Anstalten ihn zu ergreifen; doch da dieser ueber das Unrecht, das ihm geschah, klaeglich schrie, und auf keine Art darein willigte, so sagte Josephe laechelnd, dass sie ihn nur behalten wolle, und kuesste ihn wieder still. Hierauf bot Don Fernando, dem die ganze Wuerdigkeit und Anmut ihres Betragens sehr gefiel, ihr den Arm; Jeronimo, welcher den kleinen Philipp trug, fuehrte Donna Constanzen; die uebrigen Mitglieder, die sich bei der Gesellschaft eingefunden hatten, folgten; und in dieser Ordnung ging der Zug nach der Stadt. Sie waren kaum funfzig Schritte gegangen, als man Donna Elisabeth welche inzwischen heftig und heimlich mit Donna Elvire gesprochen hatte. Don Fernando! rufen hoerte, und dem Zuge mit unruhigen Tritten nacheilen sah. Don Fernando hielt, und kehrte sich um; harrte ihrer, ohne Josephen loszulassen, und fragte, da sie, gleich als ob sie auf sein Entgegenkommen wartete, in einiger Ferne stehen blieb: was sie wolle? Donna Elisabeth naeherte sich ihm hierauf, obschon, wie es schien, mit Widerwillen, und raunte ihm, doch so, dass Josephe es nicht hoeren konnte, einige Worte ins Ohr. Nun? fragte Don Fernando: und das Unglueck, das daraus entstehen kann? Donna Elisabeth fuhr fort, ihm mit verstoertem Gesicht ins Ohr zu zischeln. Don Fernando stieg eine Roete des Unwillens ins Gesicht; er antwortete: es waere gut! Donna Elvire moechte sich beruhigen; und fuehrte seine Dame weiter. -Als sie in der Kirche der Dominikaner ankamen, liess sich die Orgel schon mit musikalischer Pracht hoeren, und eine unermessliche Menschenmenge wogte darin. Das Gedraenge erstreckte sich bis weit vor den Portalen auf den Vorplatz der Kirche hinaus, und an den Waenden hoch, in den Rahmen der Gemaelde, hingen Knaben, und hielten mit erwartungsvollen Blicken ihre Muetzen in der Hand. Von allen Kronleuchtern strahlte es herab, die Pfeiler warfen, bei der einbrechenden Daemmerung, geheimnisvolle Schatten, die grosse von gefaerbtem Glas gearbeitete Rose in der Kirche aeusserstem Hintergrunde gluehte, wie die Abendsonne selbst, die sie erleuchtete, und Stille herrschte, da die Orgel jetzt schwieg, in der ganzen Versammlung, als haette keiner einen Laut in der Brust. Niemals schlug aus einem christlichen Dom eine solche Flamme der Inbrunst gen Himmel, wie heute aus dem Dominikanerdom zu St. Jago; und keine menschliche Brust gab waermere Glut dazu her, als Jeronimos und Josephens! Die Feierlichkeit fing mit einer Predigt an, die der aeltesten Chorherren einer, mit dem Festschmuck angetan, von der Kanzel hielt. Er begann gleich mit Lob, Preis und Dank, seine zitternden, vom Chorhemde weit umflossenen Haende hoch gen Himmel erhebend, dass noch Menschen seien, auf diesem, in Truemmer zerfallenden Teile der Welt, faehig, zu Gott empor zu stammeln. Er schilderte, was auf den Wink des Allmaechtigen geschehen war; das Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein; und als er das gestrige Erdbeben gleichwohl, auf einen Riss, den der Dom erhalten hatte, hinzeigend, einen blossen Vorboten davon nannte, lief ein Schauder ueber die ganze Versammlung. Hierauf kam er, im Flusse priesterlicher Beredsamkeit, auf das Sittenverderbnis der Stadt; Greuel, wie Sodom und Gomorrha sie nicht sahen, straft' er an ihr; und nur der unendlichen Langmut Gottes schrieb er es zu, dass sie noch nicht gaenzlich vom Erdboden vertilgt worden sei. Aber wie dem Dolche gleich fuhr es durch die von dieser Predigt schon ganz zerrissenen Herzen unserer beiden Ungluecklichen, als der Chorherr bei dieser Gelegenheit umstaendlich des Frevels erwaehnte, der in dem Klostergarten der Karmeliterinnen veruebt worden war; die Schonung, die er bei der Welt gefunden hatte, gottlos nannte, und in einer von Verwuenschungen erfuellten Seitenwendung, die Seelen der Taeter, woertlich genannt, allen Fuersten der Hoelle uebergab! Donna Constanze rief, indem sie an Jeronimos Armen zuckte: Don Fernando! Doch dieser antwortete so nachdruecklich und doch so heimlich, wie sich beides verbinden liess: "Sie schweigen, Donna, Sie ruehren auch den Augapfel nicht, und tun, als ob Sie in eine Ohnmacht versunken; worauf wir die Kirche verlassen." Doch, ehe Donna Constanze diese sinnreiche zur Rettung erfundene Massregel noch ausgefuehrt hatte, rief schon eine Stimme, des Chorherrn Predigt laut unterbrechend, aus: Weichet fern hinweg, ihr Buerger von St. Jago, hier stehen diese gottlosen Menschen! Und als eine andere Stimme schreckenvoll, indessen sich ein weiter Kreis des Entsetzens um sie bildete, fragte: wo? hier! versetzte ein Dritter, und zog, heiliger Ruchlosigkeit voll, Josephen bei den Haaren nieder, dass sie mit Don Fernandos Sohne zu Boden getaumelt waere, wenn dieser sie nicht gehalten haette. "Seid ihr wahnsinnig?" rief der Juengling, und schlug den Arm um Josephen: "ich bin Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr alle kennt." Don Fernando Ormez? rief, dicht vor ihn hingestellt, ein Schuhflicker, der fuer Josephen gearbeitet hatte, und diese wenigstens so genau kannte, als ihre kleinen Fuesse. Wer ist der Vater zu diesem Kinde? wandte er sich mit frechem Trotz zur Tochter Asterons. Don Fernando erblasste bei dieser Frage. Er sah bald den Jeronimo schuechtern an, bald ueberflog er die Versammlung, ob nicht einer sei, der ihn kenne? Josephe rief, von entsetzlichen Verhaeltnissen gedraengt: dies ist nicht mein Kind, Meister Pedrillo, wie Er glaubt; indem sie, in unendlicher Angst der Seele, auf Don Fernando blickte: dieser junge Herr ist Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten der Stadt, den ihr alle kennt! Der Schuster fragte: wer von euch, ihr Buerger, kennt diesen jungen Mann? Und mehrere der Umstehenden wiederholten: wer kennt den Jeronimo Rugera? Der trete vor! Nun traf es sich, dass in demselben Augenblicke der kleine Juan, durch den Tumult erschreckt, von Josephens Brust weg Don Fernando in die Arme strebte. Hierauf: Er ist der Vater! schrie eine Stimme; und: er ist Jeronimo Rugera! eine andere; und: sie sind die gotteslaesterlichen Menschen! eine dritte; und: steinigt sie! steinigt sie! die ganze im Tempel Jesu versammelte Christenheit! Drauf jetzt Jeronimo: Halt! Ihr Unmenschlichen! Wenn ihr den Jeronimo Rugera sucht: hier ist er! Befreit jenen Mann, welcher unschuldig ist!-Der wuetende Haufen, durch die Aeusserung Jeronimos verwirrt, stutzte; mehrere Haende liessen Don Fernando los; und da in demselben Augenblick ein Marine-Offizier von bedeutendem Rang herbeieilte, und, indem er sich durch den Tumult draengte, fragte: Don Fernando Ormez! Was ist Euch widerfahren? so antwortete dieser, nun voellig befreit, mit wahrer heldenmuetiger Besonnenheit: "Ja, sehen Sie, Don Alonzo, die Mordknechte! Ich waere verloren gewesen, wenn dieser wuerdige Mann sich nicht, die rasende Menge zu beruhigen, fuer Jeronimo Rugera ausgegeben haette. Verhaften Sie ihn, wenn Sie die Guete haben wollen, nebst dieser jungen Dame, zu ihrer beiderseitigen Sicherheit; und diesen Nichtswuerdigen", indem er Meister Pedrillo ergriff, "der den ganzen Aufruhr angezettelt hat!" Der Schuster rief: Don Alonzo Onoreja, ich frage Euch auf Euer Gewissen, ist dieses Maedchen nicht Josephe Asteron? Da nun Don Alonzo, welcher Josephen sehr genau kannte, mit der Antwort zauderte, und mehrere Stimmen, dadurch von neuem zur Wut entflammt, riefen: sie ists, sie ists! und: bringt sie zu Tode! so setzte Josephe den kleinen Philipp, den Jeronimo bisher getragen hatte, samt dem kleinen Juan, auf Don Fernandos Arm, und sprach: gehn Sie, Don Fernando, retten Sie Ihre beiden Kinder, und ueberlassen Sie uns unserm Schicksale! Don Fernando nahm die beiden Kinder und sagte: er wolle eher umkommen, als zugeben, dass seiner Gesellschaft etwas zu Leide geschehe. Er bot Josephen, nachdem er sich den Degen des Marine-Offiziers ausgebeten hatte, den Arm, und forderte das hintere Paar auf, ihm zu folgen. Sie kamen auch wirklich, indem man ihnen, bei solchen Anstalten, mit hinlaenglicher Ehrerbietigkeit Platz machte, aus der Kirche heraus, und glaubten sich gerettet. Doch kaum waren sie auf den von Menschen gleichfalls erfuellten Vorplatz derselben getreten, als eine Stimme aus dem rasenden Haufen, der sie verfolgt hatte, rief: dies ist Jeronimo Rugera, ihr Buerger, denn ich bin sein eigner Vater! und ihn an Donna Constanzens Seite mit einem ungeheuren Keulenschlage zu Boden streckte. Jesus Maria! rief Donna Constanze, und floh zu ihrem Schwager; doch: Klostermetze! erscholl es schon, mit einem zweiten Keulenschlage, von einer andern Seite, der sie leblos neben Jeronimo niederwarf. Ungeheuer! rief ein Unbekannter: dies war Donna Constanze Xares! Warum belogen sie uns! antwortete der Schuster; sucht die rechte auf, und bringt sie um! Don Fernando, als er Constanzens Leichnam erblickte, gluehte vor Zorn; er zog und schwang das Schwert, und hieb, dass er ihn gespalten haette, den fanatischen Mordknecht, der diese Greuel veranlasste, wenn derselbe nicht, durch eine Wendung, dem wuetenden Schlag entwichen waere. Doch da er die Menge, die auf ihn eindrang, nicht ueberwaeltigen konnte: leben Sie wohl, Don Fernando mit den Kindern! rief Josephe--und: hier mordet mich, ihr blutduerstenden Tiger! und stuerzte sich freiwillig unter sie, um dem Kampf ein Ende zu machen. Meister Pedrillo schlug sie mit der Keule nieder. Darauf ganz mit ihrem Blute bespruetzt: schickt ihr den Bastard zur Hoelle nach! rief er, und drang, mit noch ungesaettigter Mordlust, von neuem vor. Don Fernando, dieser goettliche Held, stand jetzt, den Ruecken an die Kirche gelehnt; in der Linken hielt er die Kinder, in der Rechten das Schwert. Mit jedem Hiebe wetterstrahlte er einen zu Boden; ein Loewe wehrt sich nicht besser. Sieben Bluthunde lagen tot vor ihm, der Fuerst der satanischen Rotte selbst war verwundet. Doch Meister Pedrillo ruhte nicht eher, als bis er der Kinder eines bei den Beinen von seiner Brust gerissen, und, hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchpfeilers Ecke zerschmettert hatte. Hierauf ward es still, und alles entfernte sich. Don Fernando, als er seinen kleinen Juan vor sich liegen sah, mit aus dem Hirne vorquellenden Mark, hob, voll namenlosen Schmerzes, seine Augen gen Himmel. Der Marine-Offizier fand sich wieder bei ihm ein, suchte ihn zu troesten, und versicherte ihn, dass seine Untaetigkeit bei diesem Unglueck, obschon durch mehrere Umstaende gerechtfertigt, ihn reue; doch Don Fernando sagte, dass ihm nichts vorzuwerfen sei, und bat ihn nur, die Leichname jetzt fortschaffen zu helfen. Man trug sie alle, bei der Finsternis der einbrechenden Nacht, in Don Alonzos Wohnung, wohin Don Fernando ihnen, viel ueber das Antlitz des kleinen Philipp weinend, folgte. Er uebernachtete auch bei Don Alonzo, und saeumte lange, unter falschen Vorspiegelungen, seine Gemahlin von dem ganzen Umfang des Ungluecks zu unterrichten; einmal, weil sie krank war, und dann, weil er auch nicht wusste, wie sie sein Verhalten bei dieser Begebenheit beurteilen wuerde; doch kurze Zeit nachher, durch einen Besuch zufaellig von allem, was geschehen war, benachrichtigt, weinte diese treffliche Dame im Stillen ihren muetterlichen Schmerz aus, und fiel ihm mit dem Rest einer erglaenzenden Traene eines Morgens um den Hals und kuesste ihn. Don Fernando und Donna Elvire nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als muesst er sich freuen. Der Findling Antonio Piachi, ein wohlhabender Gueterhaendler in Rom, war genoetigt, in seinen Handelsgeschaeften zuweilen grosse Reisen zu machen. Er pflegte dann gewoehnlich Elvire, seine junge Frau, unter dem Schutz ihrer Verwandten, daselbst zurueckzulassen. Eine dieser Reisen fuehrte ihn mit seinem Sohn Paolo, einem eilfjaehrigen Knaben, den ihm seine erste Frau geboren hatte, nach Ragusa. Es traf sich, dass hier eben eine pestartige Krankheit ausgebrochen war, welche die Stadt und Gegend umher in grosses Schrecken setzte. Piachi, dem die Nachricht davon erst auf der Reise zu Ohren gekommen war, hielt in der Vorstadt an, um sich nach der Natur derselben zu erkundigen. Doch da er hoerte, dass das Uebel von Tage zu Tage bedenklicher werde, und dass man damit umgehe, die Tore zu sperren; so ueberwand die Sorge fuer seinen Sohn alle kaufmaennischen Interessen: er nahm Pferde und reisete wieder ab. Er bemerkte, da er im Freien war, einen Knaben neben seinem Wagen, der, nach Art der Flehenden, die Haende zu ihm ausstreckte und in grosser Gemuetsbewegung zu sein schien. Piachi liess halten; und auf die Frage: was er wolle? antwortete der Knabe in seiner Unschuld: er sei angesteckt; die Haescher verfolgten ihn, um ihn ins Krankenhaus zu bringen, wo sein Vater und seine Mutter schon gestorben waeren; er bitte um aller Heiligen willen, ihn mitzunehmen, und nicht in der Stadt umkommen zu lassen. Dabei fasste er des Alten Hand, drueckte und kuesste sie und weinte darauf nieder. Piachi wollte in der ersten Regung des Entsetzens, den Jungen weit von sich schleudern; doch da dieser, in eben diesem Augenblick, seine Farbe veraenderte und ohnmaechtig auf den Boden niedersank, so regte sich des guten Alten Mitleid: er stieg mit seinem Sohn aus, legte den Jungen in den Wagen, und fuhr mit ihm fort, obschon er auf der Welt nicht wusste, was er mit demselben anfangen sollte. Er unterhandelte noch, in der ersten Station, mit den Wirtsleuten, ueber die Art und Weise, wie er seiner wieder los werden koenne: als er schon auf Befehl der Polizei, welche davon Wind bekommen hatte, arretiert und unter einer Bedeckung, er, sein Sohn und Nicolo, so hiess der kranke Knabe, wieder nach Ragusa zurueck transportiert ward. Alle Vorstellungen von Seiten Piachis, ueber die Grausamkeit dieser Massregel, halfen zu nichts; in Ragusa angekommen, wurden nunmehr alle drei, unter Aufsicht eines Haeschers, nach dem Krankenhause abgefuehrt, wo er zwar, Piachi, gesund blieb, und Nicolo, der Knabe, sich von dem Uebel wieder erholte: sein Sohn aber, der eilfjaehrige Paolo, von demselben angesteckt ward, und in drei Tagen starb. Die Tore wurden nun wieder geoeffnet und Piachi, nachdem er seinen Sohn begraben hatte, erhielt von der Polizei Erlaubnis, zu reisen. Er bestieg eben, sehr von Schmerz bewegt, den Wagen und nahm, bei dem Anblick des Platzes, der neben ihm leer blieb, sein Schnupftuch heraus, um seine Traenen fliessen zu lassen: als Nicolo, mit der Muetze in der Hand, an seinen Wagen trat und ihm eine glueckliche Reise wuenschte. Piachi beugte sich aus dem Schlage heraus und fragte ihn, mit einer von heftigem Schluchzen unterbrochenen Stimme: ob er mit ihm reisen wollte? Der Junge, sobald er den Alten nur verstanden hatte, nickte und sprach: o ja! sehr gern; und da die Vorsteher des Krankenhauses, auf die Frage des Gueterhaendlers: ob es dem Jungen wohl erlaubt waere, einzusteigen? laechelten und versicherten: dass er Gottes Sohn waere und niemand ihn vermissen wuerde; so hob ihn Piachi, in einer grossen Bewegung, in den Wagen, und nahm ihn, an seines Sohnes Statt, mit sich nach Rom. Auf der Strasse, vor den Toren der Stadt, sah sich der Landmaekler den Jungen erst recht an. Er war von einer besonderen, etwas starren Schoenheit, seine schwarzen Haare hingen ihm, in schlichten Spitzen, von der Stirn herab, ein Gesicht beschattend, das, ernst und klug, seine Mienen niemals veraenderte. Der Alte tat mehrere Fragen an ihn, worauf jener aber nur kurz antwortete: ungespraechig und in sich gekehrt sass er, die Haende in die Hosen gesteckt, im Winkel da, und sah sich, mit gedankenvoll scheuen Blicken, die Gegenstaende an, die an dem Wagen vorueberflogen. Von Zeit zu Zeit holte er sich, mit stillen und geraeuschlosen Bewegungen, eine Handvoll Nuesse aus der Tasche, die er bei sich trug, und waehrend Piachi sich die Traenen vom Auge wischte, nahm er sie zwischen die Zaehne und knackte sie auf. In Rom stellte ihn Piachi, unter einer kurzen Erzaehlung des Vorfalls, Elviren, seiner jungen trefflichen Gemahlin vor, welche sich zwar nicht enthalten konnte, bei dem Gedanken an Paolo, ihren kleinen Stiefsohn, den sie sehr geliebt hatte, herzlich zu weinen; gleichwohl aber den Nicolo, so fremd und steif er auch vor ihr stand, an ihre Brust drueckte, ihm das Bette, worin jener geschlafen hatte, zum Lager anwies, und saemtliche Kleider desselben zum Geschenk machte. Piachi schickte ihn in die Schule, wo er Schreiben, Lesen und Rechnen lernte, und da er, auf eine leicht begreifliche Weise, den Jungen in dem Masse lieb gewonnen, als er ihm teuer zu stehen gekommen war, so adoptierte er ihn, mit Einwilligung der guten Elvire, welche von dem Alten keine Kinder mehr zu erhalten hoffen konnte, schon nach wenigen Wochen, als seinen Sohn. Er dankte spaeterhin einen Kommis ab, mit dem er, aus mancherlei Gruenden, unzufrieden war, und hatte, da er den Nicolo, statt seiner, in dem Kontor anstellte, die Freude zu sehn, dass derselbe die weitlaeuftigen Geschaefte, in welchen er verwickelt war, auf das taetigste und vorteilhafteste verwaltete. Nichts hatte der Vater, der ein geschworner Feind aller Bigotterie war, an ihm auszusetzen, als den Umgang mit den Moenchen des Karmeliterklosters, die dem jungen Mann, wegen des betraechtlichen Vermoegens das ihm einst, aus der Hinterlassenschaft des Alten, zufallen sollte, mit grosser Gunst zugetan waren; und nichts ihrerseits die Mutter, als einen frueh, wie es ihr schien, in der Brust desselben sich regenden Hang fuer das weibliche Geschlecht. Denn schon in seinem funfzehnten Jahre, war er, bei Gelegenheit dieser Moenchsbesuche, die Beute der Verfuehrung einer gewissen Xaviera Tartini, Beischlaeferin ihres Bischofs, geworden, und ob er gleich, durch die strenge Forderung des Alten genoetigt, diese Verbindung zerriss, so hatte Elvire doch mancherlei Gruende zu glauben, dass seine Enthaltsamkeit auf diesem gefaehrlichen Felde nicht eben gross war. Doch da Nicolo sich, in seinem zwanzigsten Jahre, mit Constanza Parquet, einer jungen liebenswuerdigen Genueserin, Elvirens Nichte, die unter ihrer Aufsicht in Rom erzogen wurde, vermaehlte, so schien wenigstens das letzte Uebel damit an der Quelle verstopft; beide Eltern vereinigten sich in der Zufriedenheit mit ihm, und um ihm davon einen Beweis zu geben, ward ihm eine glaenzende Ausstattung zuteil, wobei sie ihm einen betraechtlichen Teil ihres schoenen und weitlaeuftigen Wohnhauses einraeumten. Kurz, als Piachi sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, tat er das Letzte und Aeusserste, was er fuer ihn tun konnte: er ueberliess ihm, auf gerichtliche Weise, mit Ausnahme eines kleinen Kapitals, das er sich vorbehielt, das ganze Vermoegen, das seinem Gueterhandel zum Grunde lag, und zog sich, mit seiner treuen, trefflichen Elvire, die wenige Wuensche in der Welt hatte, in den Ruhestand zurueck. Elvire hatte einen stillen Zug von Traurigkeit im Gemuet, der ihr aus einem ruehrenden Vorfall, aus der Geschichte ihrer Kindheit, zurueckgeblieben war. Philippo Parquet, ihr Vater, ein bemittelter Tuchfaerber in Genua, bewohnte ein Haus, das, wie es sein Handwerk erforderte, mit der hinteren Seite hart an den, mit Quadersteinen eingefassten, Rand des Meeres stiess; grosse, am Giebel eingefugte Balken, an welchen die gefaerbten Tuecher aufgehaengt wurden, liefen, mehrere Ellen weit, ueber die See hinaus. Einst, in einer ungluecklichen Nacht, da Feuer das Haus ergriff, und gleich, als ob es von Pech und Schwefel erbaut waere, zu gleicher Zeit in allen Gemaechern, aus welchen es zusammengesetzt war, emporknitterte, fluechtete sich, ueberall von Flammen geschreckt, die dreizehnjaehrige Elvire von Treppe zu Treppe, und befand sich, sie wusste selbst nicht wie, auf einem dieser Balken. Das arme Kind wusste, zwischen Himmel und Erde schwebend, gar nicht, wie es sich retten sollte; hinter ihr der brennende Giebel, dessen Glut, vom Winde gepeitscht, schon den Balken angefressen hatte, und unter ihr die weite, oede, entsetzliche See. Schon wollte sie sich allen Heiligen empfehlen und unter zwei Uebeln das kleinere waehlend, in die Fluten hinabspringen; als ploetzlich ein junger Genueser, vom Geschlecht der Patrizier, am Eingang erschien, seinen Mantel ueber den Balken warf, sie umfasste, und sich, mit eben so viel Mut als Gewandtheit, an einem der feuchten Tuecher, die von dem Balken niederhingen, in die See mit ihr herabliess. Hier griffen Gondeln, die auf dem Hafen schwammen, sie auf, und brachten sie, unter vielem Jauchzen des Volks, ans Ufer; doch es fand sich, dass der junge Held, schon beim Durchgang durch das Haus, durch einen vom Gesims desselben herabfallenden Stein, eine schwere Wunde am Kopf empfangen hatte, die ihn auch bald, seiner Sinne nicht maechtig, am Boden niederstreckte. Der Marquis, sein Vater, in dessen Hotel er gebracht ward, rief, da seine Wiederherstellung sich in die Laenge zog, Aerzte aus allen Gegenden Italiens herbei, die ihn zu verschiedenen Malen trepanierten und ihm mehrere Knochen aus dem Gehirn nahmen; doch alle Kunst war, durch eine unbegreifliche Schickung des Himmels, vergeblich: er erstand nur selten an der Hand Elvirens, die seine Mutter zu seiner Pflege herbeigerufen hatte, und nach einem dreijaehrigen hoechst schmerzenvollen Krankenlager, waehrend dessen das Maedchen nicht von seiner Seite wich, reichte er ihr noch einmal freundlich die Hand und verschied. Piachi, der mit dem Hause dieses Herrn in Handelsverbindungen stand, und Elviren eben dort, da sie ihn pflegte, kennen gelernt und zwei Jahre darauf geheiratet hatte, huetete sich sehr, seinen Namen vor ihr zu nennen, oder sie sonst an ihn zu erinnern, weil er wusste, dass es ihr schoenes und empfindliches Gemuet auf das heftigste bewegte. Die mindeste Veranlassung, die sie auch nur von fern an die Zeit erinnerte, da der Juengling fuer sie litt und starb, ruehrte sie immer bis zu Traenen, und alsdann gab es keinen Trost und keine Beruhigung fuer sie; sie brach, wo sie auch sein mochte, auf, und keiner folgte ihr, weil man schon erprobt hatte, dass jedes andere Mittel vergeblich war, als sie still fuer sich, in der Einsamkeit, ihren Schmerz ausweinen zu lassen. Niemand, ausser Piachi, kannte die Ursache dieser sonderbaren und haeufigen Erschuetterungen, denn niemals, so lange sie lebte, war ein Wort, jene Begebenheit betreffend, ueber ihre Lippen gekommen. Man war gewohnt, sie auf Rechnung eines ueberreizten Nervensystems zu setzen, das ihr aus einem hitzigen Fieber, in welches sie gleich nach ihrer Verheiratung verfiel, zurueckgeblieben war, und somit allen Nachforschungen ueber die Veranlassung derselben ein Ende zu machen. Einstmals war Nicolo, mit jener Xaviera Tartini, mit welcher er, trotz des Verbots des Vaters, die Verbindung nie ganz aufgegeben hatte, heimlich, und ohne Vorwissen seiner Gemahlin, unter der Vorspiegelung, dass er bei einem Freund eingeladen sei, auf dem Karneval gewesen und kam, in der Maske eines genuesischen Ritters, die er zufaellig gewaehlt hatte, spaet in der Nacht, da schon alles schlief, in sein Haus zurueck. Es traf sich, dass dem Alten ploetzlich eine Unpaesslichkeit zugestossen war, und Elvire, um ihm zu helfen, in Ermangelung der Maegde, aufgestanden, und in den Speisesaal gegangen war, um ihm eine Flasche mit Essig zu holen. Eben hatte sie einen Schrank, der in dem Winkel stand, geoeffnet, und suchte, auf der Kante eines Stuhles stehend, unter den Glaesern und Caravinen umher: als Nicolo die Tuer sacht oeffnete, und mit einem Licht, das er sich auf dem Flur angesteckt hatte, mit Federhut, Mantel und Degen, durch den Saal ging. Harmlos, ohne Elviren zu sehen, trat er an die Tuer, die in sein Schlafgemach fuehrte, und bemerkte eben mit Bestuerzung, dass sie verschlossen war: als Elvire hinter ihm, mit Flaschen und Glaesern, die sie in der Hand hielt, wie durch einen unsichtbaren Blitz getroffen, bei seinem Anblick von dem Schemel, auf welchem sie stand, auf das Getaefel des Bodens niederfiel. Nicolo, von Schrecken bleich, wandte sich um und wollte der Ungluecklichen beispringen; doch da das Geraeusch, das sie gemacht hatte, notwendig den Alten herbeiziehen musste, so unterdrueckte die Besorgnis, einen Verweis von ihm zu erhalten, alle andere Ruecksichten: er riss ihr, mit verstoerter Beeiferung, ein Bund Schluessel von der Huefte, das sie bei sich trug, und einen gefunden, der passte, warf er den Bund in den Saal zurueck und verschwand. Bald darauf, da Piachi, krank wie er war, aus dem Bette gesprungen war, und sie aufgehoben hatte, und auch Bediente und Maegde, von ihm zusammengeklingelt, mit Licht erschienen waren, kam auch Nicolo in seinem Schlafrock, und fragte, was vorgefallen sei; doch da Elvire, starr vor Entsetzen, wie ihre Zunge war, nicht sprechen konnte, und ausser ihr nur er selbst noch Auskunft auf diese Frage geben konnte, so blieb der Zusammenhang der Sache in ein ewiges Geheimnis gehuellt; man trug Elviren, die an allen Gliedern zitterte, zu Bett, wo sie mehrere Tage lang an einem heftigen Fieber darniederlag, gleichwohl aber durch die natuerliche Kraft ihrer Gesundheit den Zufall ueberwand, und bis auf eine sonderbare Schwermut, die ihr zurueckblieb, sich ziemlich wieder erholte. So verfloss ein Jahr, als Constanze, Nicolos Gemahlin, niederkam, und samt dem Kinde, das sie geboren hatte, in den Wochen starb. Dieser Vorfall, bedauernswuerdig an sich, weil ein tugendhaftes und wohlerzogenes Wesen verloren ging, war es doppelt, weil er den beiden Leidenschaften Nicolos, seiner Bigotterie und seinem Hange zu den Weibern, wieder Tor und Tuer oeffnete. Ganze Tage lang trieb er sich wieder, unter dem Vorwand, sich zu troesten, in den Zellen der Karmelitermoenche umher, und gleichwohl wusste man, dass er waehrend der Lebzeiten seiner Frau, nur mit geringer Liebe und Treue an ihr gehangen hatte. Ja, Constanze war noch nicht unter der Erde, als Elvire schon zur Abendzeit, in Geschaeften des bevorstehenden Begraebnisses in sein Zimmer tretend, ein Maedchen bei ihm fand, das, geschuerzt und geschminkt, ihr als die Zofe der Xaviera Tartini nur zu wohl bekannt war. Elvire schlug bei diesem Anblick die Augen nieder, kehrte sich, ohne ein Wort zu sagen, um, und verliess das Zimmer; weder Piachi, noch sonst jemand, erfuhr ein Wort von diesem Vorfall, sie begnuegte sich, mit betruebtem Herzen bei der Leiche Constanzens, die den Nicolo sehr geliebt hatte, niederzuknieen und zu weinen. Zufaellig aber traf es sich, dass Piachi, der in der Stadt gewesen war, beim Eintritt in sein Haus dem Maedchen begegnete, und da er wohl merkte, was sie hier zu schaffen gehabt hatte, sie heftig anging und ihr halb mit List, halb mit Gewalt, den Brief, den sie bei sich trug, abgewann. Er ging auf sein Zimmer, um ihn zu lesen, und fand, was er vorausgesehen hatte, eine dringende Bitte Nicolos an Xaviera, ihm, behufs einer Zusammenkunft, nach der er sich sehne, gefaelligst Ort und Stunde zu bestimmen. Piachi setzte sich nieder und antwortete, mit verstellter Schrift, im Namen Xavieras: "gleich, noch vor Nacht, in der Magdalenenkirche."--siegelte diesen Zettel mit einem fremden Wappen zu, und liess ihn, gleich als ob er von der Dame kaeme, in Nicolos Zimmer abgeben. Die List glueckte vollkommen; Nicolo nahm augenblicklich seinen Mantel, und begab sich in Vergessenheit Constanzens, die im Sarg ausgestellt war, aus dem Hause. Hierauf bestellte Piachi, tief entwuerdigt, das feierliche, fuer den kommenden Tag festgesetzte Leichenbegraebnis ab, liess die Leiche, so wie sie ausgesetzt war, von einigen Traegern aufheben, und bloss von Elviren, ihm und einigen Verwandten begleitet, ganz in der Stille in dem Gewoelbe der Magdalenenkirche, das fuer sie bereitet war, beisetzen. Nicolo, der in dem Mantel gehuellt, unter den Hallen der Kirche stand, und zu seinem Erstaunen einen ihm wohlbekannten Leichenzug herannahen sah, fragte den Alten, der dem Sarge folgte: was dies bedeute? und wen man herantruege? Doch dieser, das Gebetbuch in der Hand, ohne das Haupt zu erheben, antwortete bloss: Xaviera Tartini:--worauf die Leiche, als ob Nicolo gar nicht gegenwaertig waere, noch einmal entdeckelt, durch die Anwesenden gesegnet, und alsdann versenkt und in dem Gewoelbe verschlossen ward. Dieser Vorfall, der ihn tief beschaemte, erweckte in der Brust des Ungluecklichen einen brennenden Hass gegen Elviren; denn ihr glaubte er den Schimpf, den ihm der Alte vor allem Volk angetan hatte, zu verdanken zu haben. Mehrere Tage lang sprach Piachi kein Wort mit ihm; und da er gleichwohl, wegen der Hinterlassenschaft Constanzens, seiner Geneigtheit und Gefaelligkeit bedurfte: so sah er sich genoetigt, an einem Abend des Alten Hand zu ergreifen und ihm mit der Miene der Reue, unverzueglich und auf immerdar, die Verabschiedung der Xaviera anzugeloben. Aber dies Versprechen war er wenig gesonnen zu halten; vielmehr schaerfte der Widerstand, den man ihm entgegen setzte, nur seinen Trotz, und uebte ihn in der Kunst, die Aufmerksamkeit des redlichen Alten zu umgehen. Zugleich war ihm Elvire niemals schoener vorgekommen, als in dem Augenblick, da sie, zu seiner Vernichtung, das Zimmer, in welchem sich das Maedchen befand, oeffnete und wieder schloss. Der Unwille, der sich mit sanfter Glut auf ihren Wangen entzuendete, goss einen unendlichen Reiz ueber ihr mildes, von Affekten nur selten bewegtes Antlitz; es schien ihm unglaublich, dass sie, bei soviel Lockungen dazu, nicht selbst zuweilen auf dem Wege wandeln sollte, dessen Blumen zu brechen er eben so schmaehlich von ihr gestraft worden war. Er gluehte vor Begierde, ihr, falls dies der Fall sein sollte, bei dem Alten denselben Dienst zu erweisen, als sie ihm, und bedurfte und suchte nichts, als die Gelegenheit, diesen Vorsatz ins Werk zu richten. Einst ging er, zu einer Zeit, da gerade Piachi ausser dem Hause war, an Elvirens Zimmer vorbei, und hoerte, zu seinem Befremden, dass man darin sprach. Von raschen, heimtueckischen Hoffnungen durchzuckt, beugte er sich mit Augen und Ohren gegen das Schloss nieder, und--Himmel! was erblickte er? Da lag sie, in der Stellung der Verzueckung, zu jemandes Fuessen, und ob er gleich die Person nicht erkennen konnte, so vernahm er doch ganz deutlich, recht mit dem Akzent der Liebe ausgesprochen, das gefluesterte Wort: Colino. Er legte sich mit klopfendem Herzen in das Fenster des Korridors, von wo aus er, ohne seine Absicht zu verraten, den Eingang des Zimmers beobachten konnte; und schon glaubte er, bei einem Geraeusch, das sich ganz leise am Riegel erhob, den unschaetzbaren Augenblick, da er die Scheinheilige entlarven koenne, gekommen: als, statt des Unbekannten den er erwartete, Elvire selbst, ohne irgend eine Begleitung, mit einem ganz gleichgueltigen und ruhigen Blick, den sie aus der Ferne auf ihn warf, aus dem Zimmer hervortrat. Sie hatte ein Stueck selbstgewebter Leinwand unter dem Arm; und nachdem sie das Gemach, mit einem Schluessel, den sie sich von der Huefte nahm, verschlossen hatte, stieg sie ganz ruhig, die Hand ans Gelaender gelehnt, die Treppe hinab. Diese Verstellung, diese scheinbare Gleichgueltigkeit, schien ihm der Gipfel der Frechheit und Arglist, und kaum war sie ihm aus dem Gesicht, als er schon lief, einen Hauptschluessel herbeizuholen, und nachdem er die Umringung, mit scheuen Blicken, ein wenig geprueft hatte, heimlich die Tuer des Gemachs oeffnete. Aber wie erstaunte er, als er alles leer fand, und in allen vier Winkeln, die er durchspaehte, nichts, das einem Menschen auch nur aehnlich war, entdeckte: ausser dem Bild eines jungen Ritters in Lebensgroesse, das in einer Nische der Wand, hinter einem rotseidenen Vorhang, von einem besondern Lichte bestrahlt, aufgestellt war. Nicolo erschrak, er wusste selbst nicht warum: und eine Menge Gedanken fuhren ihm, den grossen Augen des Bildes, das ihn starr ansah, gegenueber, durch die Brust: doch ehe er sie noch gesammelt und geordnet hatte, ergriff ihn schon Furcht, von Elviren entdeckt und gestraft zu werden; er schloss, in nicht geringer Verwirrung, die Tuer wieder zu, und entfernte sich. Je mehr er ueber diesen sonderbaren Vorfall nachdachte, je wichtiger ward ihm das Bild, das er entdeckt hatte, und je peinlicher und brennender war die Neugierde in ihm, zu wissen, wer damit gemeint sei. Denn er hatte sie, im ganzen Umriss ihrer Stellung auf Knieen liegen gesehen, und es war nur zu gewiss, dass derjenige, vor dem dies geschehen war, die Gestalt des jungen Ritters auf der Leinwand war. In der Unruhe des Gemuets, die sich seiner bemeisterte, ging er zu Xaviera Tartini, und erzaehlte ihr die wunderbare Begebenheit, die er erlebt hatte. Diese, die in dem Interesse, Elviren zu stuerzen, mit ihm zusammentraf, indem alle Schwierigkeiten, die sie in ihrem Umgang fanden, von ihr herruehrten, aeusserte den Wunsch, das Bild, das in dem Zimmer derselben aufgestellt war, einmal zu sehen. Denn einer ausgebreiteten Bekanntschaft unter den Edelleuten Italiens konnte sie sich ruehmen, und falls derjenige, der hier in Rede stand, nur irgend einmal in Rom gewesen und von einiger Bedeutung war, so durfte sie hoffen, ihn zu kennen. Es fuegte sich auch bald, dass die beiden Eheleute Piachi, da sie einen Verwandten besuchen wollten, an einem Sonntag auf das Land reiseten, und kaum wusste Nicolo auf diese Weise das Feld rein, als er schon zu Xavieren eilte, und diese mit einer kleinen Tochter, die sie von dem Kardinal hatte, unter dem Vorwande, Gemaelde und Stickereien zu besehen, als eine fremde Dame in Elvirens Zimmer fuehrte. Doch wie betroffen war Nicolo, als die kleine Klara (so hiess die Tochter), sobald er nur den Vorhang erhoben hatte, ausrief: "Gott, mein Vater! Signor Nicolo, wer ist das anders, als Sie?"--Xaviera verstummte. Das Bild, in der Tat, je laenger sie es ansah, hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit ihm: besonders wenn sie sich ihn, wie ihrem Gedaechtnis gar wohl moeglich war, in dem ritterlichen Aufzug dachte, in welchem er, vor wenigen Monaten, heimlich mit ihr auf dem Karneval gewesen war. Nocolo versuchte ein ploetzliches Erroeten, das sich ueber seine Wangen ergoss, wegzuspotten; er sagte, indem er die Kleine kuesste: wahrhaftig, liebste Klara, das Bild gleicht mir, wie du demjenigen, der sich deinen Vater glaubt! --Doch Xaviera, in deren Brust das bittere Gefuehl der Eifersucht rege geworden war, warf einen Blick auf ihn; sie sagte, indem sie vor den Spiegel trat, zuletzt sei es gleichgueltig, wer die Person sei; empfahl sich ihm ziemlich kalt und verliess das Zimmer. Nicolo verfiel, sobald Xaviera sich entfernt hatte, in die lebhafteste Bewegung ueber diesen Auftritt. Er erinnerte sich, mit vieler Freude, der sonderbaren und lebhaften Erschuetterung, in welche er, durch die phantastische Erscheinung jener Nacht, Elviren versetzt hatte. Der Gedanke, die Leidenschaft dieser, als ein Muster der Tugend umwandelnden Frau erweckt zu haben, schmeichelte ihn fast eben so sehr, als die Begierde, sich an ihr zu raechen; und da sich ihm die Aussicht eroeffnete, mit einem und demselben Schlage beide, das eine Geluest, wie das andere, zu befriedigen, so erwartete er mit vieler Ungeduld Elvirens Wiederkunft, und die Stunde, da ein Blick in ihr Auge seine schwankende Ueberzeugung kroenen wuerde. Nichts stoerte ihn in dem Taumel, der ihn ergriffen hatte, als die bestimmte Erinnerung, dass Elvire das Bild, vor dem sie auf Knieen lag, damals, als er sie durch das Schluesselloch belauschte: Colino, genannt hatte; doch auch in dem Klang dieses, im Lande nicht eben gebraeuchlichen Namens, lag mancherlei, das sein Herz, er wusste nicht warum, in suesse Traeume wiegte, und in der Alternative, einem von beiden Sinnen, seinem Auge oder seinem Ohr zu misstrauen, neigte er sich, wie natuerlich, zu demjenigen hinueber, der seiner Begierde am lebhaftesten schmeichelte. Inzwischen kam Elvire erst nach Verlauf mehrer Tage von dem Lande zurueck, und da sie aus dem Hause des Vetters, den sie besucht hatte, eine junge Verwandte mitbrachte, die sich in Rom umzusehen wuenschte, so warf sie, mit Artigkeiten gegen diese beschaeftigt, auf Nicolo, der sie sehr freundlich aus dem Wagen hob, nur einen fluechtigen nichtsbedeutenden Blick. Mehrere Wochen, der Gastfreundin, die man bewirtete, aufgeopfert, vergingen in einer dem Hause ungewoehnlichen Unruhe; man besuchte, in- und ausserhalb der Stadt, was einem Maedchen, jung und lebensfroh, wie sie war, merkwuerdig sein mochte; und Nicolo, seiner Geschaefte im Kontor halber, zu allen diesen kleinen Fahrten nicht eingeladen, fiel wieder, in Bezug auf Elviren, in die uebelste Laune zurueck. Er begann wieder, mit den bittersten und quaelendsten Gefuehlen, an den Unbekannten zurueck zu denken, den sie in heimlicher Ergebung vergoetterte; und dies Gefuehl zerriss besonders am Abend der laengst mit Sehnsucht erharrten Abreise jener jungen Verwandten sein verwildertes Herz, da Elvire, statt nun mit ihm zu sprechen, schweigend, waehrend einer ganzen Stunde, mit einer kleinen, weiblichen Arbeit beschaeftigt, am Speisetisch sass. Es traf sich, dass Piachi, wenige Tage zuvor, nach einer Schachtel mit kleinen, elfenbeinernen Buchstaben gefragt hatte, vermittelst welcher Nicolo in seiner Kindheit unterrichtet worden, und die dem Alten nun, weil sie niemand mehr brauchte, in den Sinn gekommen war, an ein kleines Kind in der Nachbarschaft zu verschenken. Die Magd, der man aufgegeben hatte, sie, unter vielen anderen, alten Sachen, aufzusuchen, hatte inzwischen nicht mehr gefunden, als die sechs, die den Namen: Nicolo ausmachen; wahrscheinlich weil die andern, ihrer geringeren Beziehung auf den Knaben wegen, minder in Acht genommen und, bei welcher Gelegenheit es sei, verschleudert worden waren. Da nun Nicolo die Lettern, welche seit mehreren Tagen auf dem Tisch lagen, in die Hand nahm, und waehrend er, mit dem Arm auf die Platte gestuetzt, in trueben Gedanken bruetete, damit spielte, fand er--zufaellig, in der Tat, selbst, denn er erstaunte darueber, wie er noch in seinem Leben nicht getan--die Verbindung heraus, welche den Namen: Colino bildet. Nicolo, dem diese logogriphische Eigenschaft seines Namens fremd war, warf, von rasenden Hoffnungen von neuem getroffen, einen ungewissen und scheuen Blick auf die ihm zur Seite sitzende Elvire. Die Uebereinstimmung, die sich zwischen beiden Woertern angeordnet fand, schien ihm mehr als ein blosser Zufall, er erwog, in unterdrueckter Freude, den Umfang dieser sonderbaren Entdeckung, und harrte, die Haende vom Tisch genommen, mit klopfendem Herzen des Augenblicks, da Elvire aufsehen und den Namen, der offen da lag, erblicken wuerde. Die Erwartung, in der er stand, taeuschte ihn auch keineswegs; denn kaum hatte Elvire, in einem muessigen Moment, die Aufstellung der Buchstaben bemerkt, und harmlos und gedankenlos, weil sie ein wenig kurzsichtig war, sich naeher darueber hingebeugt, um sie zu lesen: als sie schon Nicolos Antlitz, der in scheinbarer Gleichgueltigkeit darauf niedersah, mit einem sonderbar beklommenen Blick ueberflog, ihre Arbeit, mit einer Wehmut, die man nicht beschreiben kann, wieder aufnahm, und, unbemerkt wie sie sich glaubte, eine Traene nach der anderen, unter sanftem Erroeten, auf ihren Schoss fallen liess. Nicolo, der alle diese innerlichen Bewegungen, ohne sie anzusehen, beobachtete, zweifelte gar nicht mehr, dass sie unter dieser Versetzung der Buchstaben nur seinen eignen Namen verberge. Er sah sie die Buchstaben mit einemmal sanft uebereinander schieben, und seine wilden Hoffnungen erreichten den Gipfel der Zuversicht, als sie aufstand, ihre Handarbeit weglegte und in ihr Schlafzimmer verschwand. Schon wollte er aufstehen und ihr dahin folgen: als Piachi eintrat, und von einer Hausmagd, auf die Frage, wo Elvire sei? zur Antwort erhielt: "dass sie sich nicht wohl befinde und sich auf das Bett gelegt habe." Piachi, ohne eben grosse Bestuerzung zu zeigen, wandte sich um, und ging, um zu sehen, was sie mache; und da er nach einer Viertelstunde, mit der Nachricht, dass sie nicht zu Tische kommen wuerde, wiederkehrte und weiter kein Wort darueber verlor: so glaubte Nicolo den Schluessel zu allen raetselhaften Auftritten dieser Art, die er erlebt hatte, gefunden zu haben. Am andern Morgen, da er, in seiner schaendlichen Freude, beschaeftigt war, den Nutzen, den er aus dieser Entdeckung zu ziehen hoffte, zu ueberlegen, erhielt er ein Billet von Xavieren, worin sie ihn bat, zu ihr zu kommen, indem sie ihm, Elviren betreffend, etwas, das ihm interessant sein wuerde, zu eroeffnen haette. Xaviera stand, durch den Bischof, der sie unterhielt, in der engsten Verbindung mit den Moenchen des Karmeliterklosters; und da seine Mutter in diesem Kloster zur Beichte ging, so zweifelte er nicht, dass es jener moeglich gewesen waere, ueber die geheime Geschichte ihrer Empfindungen Nachrichten, die seine unnatuerlichen Hoffnungen bestaetigen konnten, einzuziehen. Aber wie unangenehm, nach einer sonderbaren schalkhaften Begruessung Xavierens, ward er aus der Wiege genommen, als sie ihn laechelnd auf den Diwan, auf welchem sie sass, niederzog, und ihm sagte: sie muesse ihm nur eroeffnen, dass der Gegenstand von Elvirens Liebe ein, schon seit zwoelf Jahren, im Grabe schlummernder Toter sei.--Aloysius, Marquis von Montferrat, dem ein Oheim zu Paris, bei dem er erzogen worden war, den Zunamen Collin, spaeterhin in Italien scherzhafter Weise in Colino umgewandelt, gegeben hatte, war das Original des Bildes, das er in der Nische, hinter dem rotseidenen Vorhang, in Elvirens Zimmer entdeckt hatte; der junge, genuesische Ritter, der sie, in ihrer Kindheit, auf so edelmuetige Weise aus dem Feuer gerettet und an den Wunden, die er dabei empfangen hatte, gestorben war.--Sie setzte hinzu, dass sie ihn nur bitte, von diesem Geheimnis weiter keinen Gebrauch zu machen, indem es ihr, unter dem Siegel der aeussersten Verschwiegenheit, von einer Person, die selbst kein eigentliches Recht darueber habe, im Karmeliterkloster anvertraut worden sei. Nicolo versicherte, indem Blaesse und Roete auf seinem Gesicht wechselten, dass sie nichts zu befuerchten habe; und gaenzlich ausser Stand, wie er war, Xavierens schelmischen Blicken gegenueber, die Verlegenheit, in welche ihn diese Eroeffnung gestuerzt hatte, zu verbergen, schuetzte er ein Geschaeft vor, das ihn abrufe, nahm, unter einem haesslichen Zucken seiner Oberlippe, seinen Hut, empfahl sich und ging ab. Beschaemung, Wollust und Rache vereinigten sich jetzt, um die abscheulichste Tat, die je veruebt worden ist, auszubrueten. Er fuehlte wohl, dass Elvirens reiner Seele nur durch einen Betrug beizukommen sei; und kaum hatte ihm Piachi, der auf einige Tage aufs Land ging, das Feld geraeumt, als er auch schon Anstalten traf, den satanischen Plan, den er sich ausgedacht hatte, ins Werk zu richten. Er besorgte sich genau denselben Anzug wieder, in welchem er, vor wenig Monaten, da er zur Nachtzeit heimlich vom Karneval zurueckkehrte, Elviren erschienen war; und Mantel, Kollett und Federhut, genuesischen Zuschnittts, genau so, wie sie das Bild trug, umgeworfen, schlich er sich, kurz vor dem Schlafengehen, in Elvirens Zimmer, hing ein schwarzes Tuch ueber das in der Nische stehende Bild, und wartete, einen Stab in der Hand, ganz in der Stellung des gemalten jungen Patriziers, Elvirens Vergoetterung ab. Er hatte auch, im Scharfsinn seiner schaendlichen Leidenschaft, ganz richtig gerechnet; denn kaum hatte Elvire, die bald darauf eintrat, nach einer stillen und ruhigen Entkleidung, wie sie gewoehnlich zu tun pflegte, den seidnen Vorhang, der die Nische bedeckte, eroeffnet und ihn erblickt: als sie schon: Colino! Mein Geliebter! rief und ohnmaechtig auf das Getaefel des Bodens niedersank. Nicolo trat aus der Nische hervor; er stand einen Augenblick, im Anschauen ihrer Reize versunken, und betrachtete ihre zarte, unter dem Kuss des Todes ploetzlich erblassende Gestalt: hob sie aber bald, da keine Zeit zu verlieren war, in seinen Armen auf, und trug sie, indem er das schwarze Tuch von dem Bild herabriss, auf das im Winkel des Zimmers stehende Bett. Dies abgetan, ging er, die Tuer zu verriegeln, fand aber, dass sie schon verschlossen war; und sicher, dass sie auch nach Wiederkehr ihrer verstoerten Sinne, seiner phantastischen, dem Ansehen nach ueberirdischen Erscheinung keinen Widerstand leisten wuerde, kehrte er jetzt zu dem Lager zurueck, bemueht, sie mit heissen Kuessen auf Brust und Lippen aufzuwecken. Aber die Nemesis, die dem Frevel auf dem Fuss folgt, wollte, dass Piachi, den der Elende noch auf mehrere Tage entfernt glaubte, unvermutet, in eben dieser Stunde, in seine Wohnung zurueckkehren musste; leise, da er Elviren schon schlafen glaubte, schlich er durch den Korridor heran, und da er immer den Schluessel bei sich trug, so gelang es ihm, ploetzlich, ohne dass irgend ein Geraeusch ihn angekuendigt haette, in das Zimmer einzutreten. Nicolo stand wie vom Donner geruehrt; er warf sich, da seine Bueberei auf keine Weise zu bemaenteln war, dem Alten zu Fuessen, und bat ihn, unter der Beteurung, den Blick nie wieder zu seiner Frau zu erheben, um Vergebung. Und in der Tat war der Alte auch geneigt, die Sache still abzumachen; sprachlos, wie ihn einige Worte Elvirens gemacht hatten, die sich von seinen Armen umfasst, mit einem entsetzlichen Blick, den sie auf den Elenden warf, erholt hatte, nahm er bloss, indem er die Vorhaenge des Bettes, auf welchem sie ruhte, zuzog, die Peitsche von der Wand, oeffnete ihm die Tuer und zeigte ihm den Weg, den er unmittelbar wandern sollte. Doch dieser, eines Tartueffe voellig wuerdig, sah nicht sobald, dass auf diesem Wege nichts auszurichten war, als er ploetzlich vom Fussboden erstand und erklaerte: an ihm, dem Alten, sei es, das Haus zu raeumen, denn er durch vollgueltige Dokumente eingesetzt, sei der Besitzer und werde sein Recht, gegen wen immer auf der Welt es sei, zu behaupten wissen! --Piachi traute seinen Sinnen nicht; durch diese unerhoerte Frechheit wie entwaffnet, legte er die Peitsche weg, nahm Hut und Stock, lief augenblicklich zu seinem alten Rechtsfreund, dem Doktor Valerio, klingelte eine Magd heraus, die ihm oeffnete, und fiel, da er sein Zimmer erreicht hatte, bewusstlos, noch ehe er ein Wort vorgebracht hatte, an seinem Bette nieder. Der Doktor, der ihn und spaeterhin auch Elviren in seinem Hause aufnahm, eilte gleich am andern Morgen, die Festsetzung des hoellischen Boesewichts, der mancherlei Vorteile fuer sich hatte, auszuwirken; doch waehrend Piachi seine machtlosen Hebel ansetzte, ihn aus den Besitzungen, die ihm einmal zugeschrieben waren, wieder zu verdraengen, flog jener schon mit einer Verschreibung ueber den ganzen Inbegriff derselben, zu den Karmelitermoenchen, seinen Freunden, und forderte sie auf, ihn gegen den alten Narren, er ihn daraus vertreiben wolle, zu beschuetzen. Kurz, da er Xavieren, welche der Bischof los zu sein wuenschte, zu heiraten willigte, siegte die Bosheit, und die Regierung erliess, auf Vermittelung dieses geistlichen Herrn, ein Dekret, in welchem Nicolo in den Besitz bestaetigt und dem Piachi aufgegeben ward, ihn nicht darin zu belaestigen. Piachi hatte gerade Tags zuvor die unglueckliche Elvire begraben, die an den Folgen eines hitzigen Fiebers, das ihr jener Vorfall zugezogen hatte, gestorben war. Durch diesen doppelten Schmerz gereizt, ging er, das Dekret in der Tasche, in das Haus, und stark, wie die Wut ihn machte, warf er den von Natur schwaecheren Nicolo nieder und drueckte ihm das Gehirn an der Wand ein. Die Leute die im Hause waren, bemerkten ihn nicht eher, als bis die Tat geschehen war; sie fanden ihn noch, da er den Nicolo zwischen den Knien hielt, und ihm das Dekret in den Mund stopfte. Dies abgemacht, stand er, indem er alle seine Waffen abgab, auf; ward ins Gefaengnis gesetzt, verhoert und verurteilt, mit dem Strange vom Leben zum Tode gebracht zu werden. In dem Kirchenstaat herrscht ein Gesetz, nach welchem kein Verbrecher zum Tode gefuehrt werden kann, bevor er die Absolution empfangen. Piachi, als ihm der Stab gebrochen war, verweigerte sich hartnaeckig der Absolution. Nachdem man vergebens alles, was die Religion an die Hand gab, versucht hatte, ihm die Strafwuerdigkeit seiner Handlung fuehlbar zu machen, hoffte man, ihn durch den Anblick des Todes, der seiner wartete, in das Gefuehl der Reue hineinzuschrecken, und fuehrte ihn nach dem Galgen hinaus. Hier stand ein Priester und schilderte ihm, mit der Lunge der letzten Posaune, alle Schrecknisse der Hoelle, in die seine Seele hinabzufahren im Begriff war; dort ein anderer, den Leib des Herrn, das heilige Entsuehnungsmittel in der Hand, und pries ihm die Wohnungen des ewigen Friedens.--"Willst du der Wohltat der Erloesung teilhaftig werden?" fragten ihn beide. "Willst du das Abendmahl empfangen?"--Nein, antwortete Piachi.--"Warum nicht?"--Ich will nicht selig sein. Ich will in den untersten Grund der Hoelle hinabfahren. Ich will den Nicolo, der nicht im Himmel sein wird, wiederfinden, und meine Rache, die ich hier nur unvollstaendig befriedigen konnte, wieder aufnehmen!--Und damit bestieg er die Leiter und forderte den Nachrichter auf, sein Amt zu tun. Kurz, man sah sich genoetigt, mit der Hinrichtung einzuhalten, und den Ungluecklichen, den das Gesetz in Schutz nahm, wieder in das Gefaengnis zurueckzufuehren. Drei hinter einander folgende Tage machte man dieselben Versuche und immer mit demselben Erfolg. Als er am dritten Tage wieder, ohne an den Galgen geknuepft zu werden, die Leiter herabsteigen musste: hob er, mit einer grimmigen Gebaerde, die Haende empor, das unmenschliche Gesetz verfluchend, das ihn nicht zur Hoelle fahren lassen wolle. Er rief die ganze Schar der Teufel herbei, ihn zu holen, verschwor sich, sein einziger Wunsch sei, gerichtet und verdammt zu werden, und versicherte, er wuerde noch dem ersten, besten Priester an den Hals kommen, um des Nicolo in der Hoelle wieder habhaft zu werden!--Als man dem Papst dies meldete, befahl er, ihn ohne Absolution hinzurichten; kein Priester begleitete ihn, man knuepfte ihn, ganz in der Stille, auf dem Platz del popolo auf. Der Zweikampf Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Graefin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause Alt-Hueningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu daemmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurueck, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natuerlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hueningen, ausgewirkt hatte. Freudiger, als waehrend des ganzen Laufs seiner Regierung in die Zukunft blickend, hatte er schon den Park, der hinter seinem Schlosse lag, erreicht: als ploetzlich ein Pfeilschuss aus dem Dunkel der Gebuesche hervorbrach, und ihm, dicht unter dem Brustknochen, den Leib durchbohrte. Herr Friedrich von Trota, sein Kaemmerer, brachte ihn, ueber diesen Vorfall aeusserst betroffen, mit Huelfe einiger andern Ritter, in das Schloss, wo er nur noch, in Armen seiner bestuerzten Gemahlin, die Kraft hatte, einer Versammlung von Reichsvasallen, die schleunigst, auf Veranstaltung der letztern, zusammenberufen worden war, die kaiserliche Legitimationsakte vorzulegen; und nachdem, nicht ohne lebhaften Widerstand, indem, in Folge des Gesetzes, die Krone an seinen Halbbruder, den Grafen Jakob den Rotbart, fiel, die Vasallen seinen letzten bestimmten Willen erfuellt, und unter dem Vorbehalt, die Genehmigung des Kaisers einzuholen, den Grafen Philipp als Thronerben, die Mutter aber, wegen Minderjaehrigkeit desselben, als Vormuenderin und Regentin anerkannt hatten: legte er sich nieder und starb. Die Herzogin bestieg nun, ohne weiteres, unter einer blossen Anzeige, die sie, durch einige Abgeordnete, an ihren Schwager, den Grafen Jakob den Rotbart, tun liess, den Thron; und was mehrere Ritter des Hofes, welche die abgeschlossene Gemuetsart des letzteren zu durchschauen meinten, vorausgesagt hatten, das traf, wenigstens dem aeusseren Anschein nach, ein: Jakob der Rotbart verschmerzte, in kluger Erwaegung der obwaltenden Umstaende, das Unrecht, das ihm sein Bruder zugefuegt hatte; zum mindesten enthielt er sich aller und jeder Schritte, den letzten Willen des Herzogs umzustossen, und wuenschte seinem jungen Neffen zu dem Thron, den er erlangt hatte, von Herzen Glueck. Er beschrieb den Abgeordneten, die er sehr heiter und freundlich an seine Tafel zog, wie er seit dem Tode seiner Gemahlin, die ihm ein koenigliches Vermoegen hinterlassen, frei und unabhaengig auf seiner Burg lebe; wie er die Weiber der angrenzenden Edelleute, seinen eignen Wein, und, in Gesellschaft munterer Freunde, die Jagd liebe, und wie ein Kreuzzug nach Palaestina, auf welchem er die Suenden einer raschen Jugend, auch leider, wie er zugab, im Alter noch wachsend, abzubuessen dachte, die ganze Unternehmung sei, auf die er noch, am Schluss seines Lebens, hinausgehe. Vergebens machten ihm seine beiden Soehne, welche in der bestimmten Hoffnung der Thronfolge erzogen worden waren, wegen der Unempfindlichkeit und Gleichgueltigkeit mit welcher er, auf ganz unerwartete Weise, in diese unheilbare Kraenkung ihrer Ansprueche willigte, die bittersten Vorwuerfe: er wies sie, die noch unbaertig waren, mit kurzen und spoettischen Machtspruechen zur Ruhe, noetigte sie, ihm am Tage des feierlichen Leichenbegaengnisses, in die Stadt zu folgen, und daselbst, an seiner Seite, den alten Herzog, ihren Oheim, wie es sich gebuehre, zur Gruft zu bestatten; und nachdem er im Thronsaal des herzoglichen Palastes, dem jungen Prinzen, seinem Neffen, in Gegenwart der Regentin Mutter, gleich allen andern Grossen des Hofes, die Huldigung geleistet hatte, kehrte er unter Ablehnung aller Aemter und Wuerden, welche die letztere ihm antrug, begleitet von den Segnungen des, ihn um seine Grossmut und Maessigung doppelt verehrenden Volks, wieder auf seine Burg zurueck. Die Herzogin schritt nun, nach dieser unverhofft gluecklichen Beseitigung der ersten Interessen, zur Erfuellung ihrer zweiten Regentenpflicht, naemlich, wegen der Moerder ihres Gemahls, deren man im Park eine ganze Schar wahrgenommen haben wollte, Untersuchungen anzustellen, und pruefte zu diesem Zweck selbst, mit Herrn Godwin von Herrthal, ihrem Kanzler, den Pfeil, der seinem Leben ein Ende gemacht hatte. Inzwischen fand man an demselben nichts, das den Eigentuemer haette verraten koennen, ausser etwa, dass er, auf befremdende Weise, zierlich und praechtig gearbeitet war. Starke, krause und glaenzende Federn steckten in einem Stiel, der, schlank und kraeftig, von dunkelm Nussbaumholz, gedrechselt war; die Bekleidung des vorderen Endes war von glaenzendem Messing, und nur die aeusserste Spitze selbst, scharf wie die Graete eines Fisches, war von Stahl. Der Pfeil schien fuer die Ruestkammer eines vornehmen und reichen Mannes verfertigt zu sein, der entweder in Fehden verwickelt, oder ein grosser Liebhaber von der Jagd war; und da man aus einer, dem Knopf eingegrabenen, Jahrszahl ersah, dass dies erst vor kurzem geschehen sein konnte: so schickte die Herzogin, auf Anraten des Kanzlers, den Pfeil, mit dem Kronsiegel versehen, in alle Werkstaetten von Deutschland umher, um den Meister, der ihn gedrechselt hatte, aufzufinden, und, falls dies gelang, von demselben den Namen dessen zu erfahren, auf dessen Bestellung er gedrechselt worden war. Fuenf Monden darauf lief an Herrn Godwin, den Kanzler, dem die Herzogin die ganze Untersuchung der Sache uebergeben hatte, die Erklaerung von einem Pfeilmacher aus Strassburg ein, dass er ein Schock solcher Pfeile, samt dem dazu gehoerigen Koecher, vor drei Jahren fuer den Grafen Jakob den Rotbart verfertigt habe. Der Kanzler, ueber diese Erklaerung aeusserst betroffen, hielt dieselbe mehrere Wochen lang in seinem Geheimschrank zurueck; zum Teil kannte er, wie er meinte, trotz der freien und ausschweifenden Lebensweise des Grafen, den Edelmut desselben zu gut, als dass er ihn einer so abscheulichen Tat, als die Ermordung eines Bruders war, haette fuer faehig halten sollen; zum Teil auch, trotz vieler andern guten Eigenschaften, die Gerechtigkeit der Regentin zu wenig, als dass er, in einer Sache, die das Leben ihres schlimmsten Feindes galt, nicht mit der groessten Vorsicht haette verfahren sollen. Inzwischen stellte er, unter der Hand, in der Richtung dieser sonderbaren Anzeige, Untersuchungen an, und da er durch die Beamten der Stadtvogtei zufaellig ausmittelte, dass der Graf, der seine Burg sonst nie oder nur hoechst selten zu verlassen pflegte, in der Nacht der Ermordung des Herzogs daraus abwesend gewesen war: so hielt er es fuer seine Pflicht, das Geheimnis fallen zu lassen, und die Herzogin, in einer der naechsten Sitzungen des Staatsrats, von dem befremdenden und seltsamen Verdacht, der durch diese beiden Klagpunkte auf ihren Schwager, den Grafen Jakob den Rotbart fiel, umstaendlich zu unterrichten. Die Herzogin, die sich gluecklich pries, mit dem Grafen, ihrem Schwager, auf einem so freundschaftlichen Fuss zu stehen, und nichts mehr fuerchtete, als seine Empfindlichkeit durch unueberlegte Schritte zu reizen, gab inzwischen, zum Befremden des Kanzlers, bei dieser zweideutigen Eroeffnung nicht das mindeste Zeichen der Freude von sich; vielmehr, als sie die Papiere zweimal mit Aufmerksamkeit ueberlesen hatte, aeusserte sie lebhaft ihr Missfallen, dass man eine Sache, die so ungewiss und bedenklich sei, oeffentlich im Staatsrat zur Sprache bringe. Sie war der Meinung, dass ein Irrtum oder eine Verleumdung dabei statt finden muesse, und befahl, von der Anzeige schlechthin bei den Gerichten keinen Gebrauch zu machen. Ja, bei der ausserordentlichen, fast schwaermerischen Volksverehrung, deren der Graf, nach einer natuerlichen Wendung der Dinge, seit seiner Ausschliessung vom Throne genoss, schien ihr auch schon dieser blosse Vortrag im Staatsrat aeusserst gefaehrlich; und da sie voraus sah, dass ein Stadtgeschwaetz darueber zu seinen Ohren kommen wuerde, so schickte sie, von einem wahrhaft edelmuetigen Schreiben begleitet, die beiden Klagpunkte, die sie das Spiel eines sonderbaren Missverstaendnisses nannte, samt dem, worauf sie sich stuetzen sollten, zu ihm hinaus, mit der bestimmten Bitte, sie, die im voraus von seiner Unschuld ueberzeugt sei, mit aller Widerlegung derselben zu verschonen. Der Graf der eben mit einer Gesellschaft von Freunden bei der Tafel sass, stand, als der Ritter mit der Botschaft der Herzogin, zu ihm eintrat, verbindlich von seinem Sessel auf; aber kaum, waehrend die Freunde den feierlichen Mann, der sich nicht niederlassen wollte, betrachteten, hatte er in der Woelbung des Fensters den Brief ueberlesen: als er die Farbe wechselte, und die Papiere mit den Worten den Freunden uebergab: Brueder, seht! welch eine schaendliche Anklage, auf den Mord meines Bruders, wider mich zusammengeschmiedet worden ist! Er nahm dem Ritter, mit einem funkelnden Blick, den Pfeil aus der Hand, und setzte, die Vernichtung seiner Seele verbergend, inzwischen die Freunde sich unruhig um ihn versammelten, hinzu: dass in der Tat das Geschoss sein gehoere und auch der Umstand, dass er in der Nacht des heiligen Remigius aus seinem Schloss abwesend gewesen, gegruendet sei! Die Freunde fluchten ueber diese haemische und niedertraechtige Arglistigkeit; sie schoben den Verdacht des Mordes auf die versuchten Anklaeger selbst zurueck, und schon waren sie im Begriff, gegen den Abgeordneten, der die Herzogin, seine Frau, in Schutz nahm, beleidigend zu werden: als der Graf, der die Papiere noch einmal ueberlesen hatte, indem er ploetzlich unter sie trat, ausrief: ruhig, meine Freunde!--und damit nahm er sein Schwert, das im Winkel stand, und uebergab es dem Ritter mit den Worten: dass er sein Gefangener sei! Auf die betroffene Frage des Ritters: ob er recht gehoert, und ob er in der Tat die beiden Klagpunkte, die der Kanzler aufgesetzt, anerkenne? antwortete der Graf: ja! ja! ja! --Inzwischen hoffe er der Notwendigkeit ueberhoben zu sein, den Beweis wegen seiner Unschuld anders, als vor den Schranken eines foermlich von der Herzogin niedergesetzten Gerichts zu fuehren. Vergebens bewiesen die Ritter, mit dieser Aeusserung hoechst unzufrieden, dass er in diesem Fall wenigstens keinem andern, als dem Kaiser, von dem Zusammenhang der Sache Rechenschaft zu geben brauche; der Graf, der sich in einer sonderbar ploetzlichen Wendung der Gesinnung, auf die Gerechtigkeit der Regentin berief, bestand darauf, sich vor dem Landestribunal zu stellen, und schon, indem er sich aus ihren Armen losriss, rief er, aus dem Fenster hinaus, nach seinen Pferden, willens, wie er sagte, dem Abgeordneten unmittelbar in die Ritterhaft zu folgen: als die Waffengefaehrten ihm gewaltsam, mit einem Vorschlag, den er endlich annehmen musste, in den Weg traten. Sie setzten in ihrer Gesamtzahl ein Schreiben an die Herzogin auf, forderten als ein Recht, das jedem Ritter in solchem Fall zustehe, freies Geleit fuer ihn, und boten ihr zur Sicherheit, dass er sich dem von ihr errichteten Tribunal stellen, auch allem, was dasselbe ueber ihn verhaengen moechte, unterwerfen wuerde, eine Buergschaft von 20 000 Mark Silbers an. Die Herzogin, auf diese unerwartete und ihr unbegreifliche Erklaerung, hielt es, bei den abscheulichen Geruechten, die bereits ueber die Veranlassung der Klage, im Volk herrschten, fuer das Ratsamste, mit gaenzlichem Zuruecktreten ihrer eignen Person, dem Kaiser die ganze Streitsache vorzulegen. Sie schickte ihm, auf den Rat des Kanzlers, saemtliche ueber den Vorfall lautende Aktenstuecke zu, und bat, in seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt ihr die Untersuchung in einer Sache abzunehmen, in der sie selber als Partei befangen sei. Der Kaiser, der sich wegen Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft grade damals in Basel aufhielt, willigte in diesen Wunsch; er setzte daselbst ein Gericht von drei Grafen, zwoelf Rittern und zwei Gerichtsassessoren nieder; und nachdem er dem Grafen Jakob dem Rotbart, dem Antrag seiner Freunde gemaess, gegen die dargebotene Buergschaft von 20 000 Mark Silbers freies Geleit zugestanden hatte, forderte er ihn auf, sich dem erwaehnten Gericht zu stellen, und demselben ueber die beiden Punkte: wie der Pfeil, der, nach seinem eignen Gestaendnis, sein gehoere, in die Haende des Moerders gekommen? auch: an welchem dritten Ort er sich in der Nacht des heiligen Remigius aufgehalten habe, Red und Antwort zu geben. Es war am Montag nach Trinitatis, als er Graf Jakob der Rotbart, mit einem glaenzenden Gefolge von Rittern, der an ihn ergangenen Aufforderung gemaess, in Basel vor den Schranken des Gerichts erschien, und sich daselbst, mit Uebergehung der ersten, ihm, wie er vorgab, gaenzlich unaufloeslichen Frage, in Bezug auf die zweite, welche fuer den Streitpunkt entscheidend war, folgendermassen fasste: "Edle Herren!" und damit stuetzte er seine Haende auf das Gelaender, und schaute aus seinen kleinen blitzenden Augen, von roetlichen Augenwimpern ueberschattet, die Versammlung an. "Ihr beschuldigt mich, der von seiner Gleichgueltigkeit gegen Krone und Szepter Proben genug gegeben hat, der abscheulichsten Handlung, die begangen werden kann, der Ermordung meines, mir in der Tat wenig geneigten, aber darum nicht minder teuren Bruders; und als einen der Gruende, worauf ihr eure Anklage stuetzt, fuehrt ihr an, dass ich in der Nacht des heiligen Remigius, da jener Frevel veruebt ward, gegen eine durch viele Jahre beobachtete Gewohnheit, aus meinem Schlosse abwesend war. Nun ist mir gar wohl bekannt, was ein Ritter, der Ehre solcher Damen, deren Gunst ihm heimlich zuteil wird, schuldig ist; und wahrlich! haette der Himmel nicht, aus heiterer Luft, dies sonderbare Verhaengnis ueber mein Haupt zusammengefuehrt: so wuerde das Geheimnis, das in meiner Brust schlaeft, mit mir gestorben, zu Staub verwest, und erst auf den Posaunenruf des Engels, der die Graeber sprengt, vor Gott mit mir erstanden sein. Die Frage aber, die kaiserliche Majestaet durch euren Mund an mein Gewissen richtet, macht, wie ihr wohl selbst einseht, alle Ruecksichten und alle Bedenklichkeiten zu Schanden; und weil ihr denn wissen wollt, warum es weder wahrscheinlich, noch auch selbst moeglich sei, dass ich an dem Mord meines Bruders, es sei nun persoenlich oder mittelbar, Teil genommen, so vernehmt, dass ich in der Nacht des heiligen Remigius, also zur Zeit, da er veruebt worden, heimlich bei der schoenen, in Liebe mir ergebenen Tochter des Landdrosts Winfried von Breda, Frau Wittib Littegarde von Auerstein war." Nun muss man wissen, dass Frau Wittib Littegarde von Auerstein, so wie die schoenste, so auch, bis auf den Augenblick dieser schmaehlichen Anklage, die unbescholtenste und makelloseste Frau des Landes war. Sie lebte, seit dem Tode des Schlosshauptmanns von Auerstein, ihres Gemahls, den sie wenige Monden nach ihrer Vermaehlung an einem ansteckenden Fieber verloren hatte, still und eingezogen auf der Burg ihres Vaters; und nur auf den Wunsch dieses alten Herrn, der sie gern wieder vermaehlt zu sehen wuenschte, ergab sie sich darin, dann und wann bei den Jagdfesten und Banketten zu erscheinen, welche von der Ritterschaft der umliegenden Gegend, und hauptsaechlich von Herrn Jakob dem Rotbart, angestellt wurden. Viele Grafen und Herren, aus den edelsten und beguetertsten Geschlechtern des Landes, fanden sich mit ihren Werbungen, bei solchen Gelegenheiten um sie ein, und unter diesen war ihr Herr Friedrich von Trota, der Kaemmerer, der ihr einst auf der Jagd gegen den Anlauf eines verwundeten Ebers tuechtiger Weise das Leben gerettet hatte, der Teuerste und Liebste; inzwischen hatte sie sich aus Besorgnis, ihren beiden, auf die Hinterlassenschaft ihres Vermoegens rechnenden Bruedern dadurch zu missfallen, aller Ermahnungen ihres Vaters ungeachtet, noch nicht entschliessen koennen, ihm ihre Hand zu geben. Ja, als Rudolf, der Aeltere von beiden sich mit einem reichen Fraeulein aus der Nachbarschaft vermaehlte, und ihm, nach einer dreijaehrigen kinderlosen Ehe, zur grossen Freude der Familie, ein Stammhalter geboren ward: so nahm sie, durch manche deutliche und undeutliche Erklaerung bewogen, von Herrn Friedrich, Ihrem Freunde, in einem unter vielen Traenen abgefassten Schreiben, foermlich Abschied, und willigte, um die Einigkeit des Hauses zu erhalten, in den Vorschlag ihres Bruders, den Platz als Aebtissin in einem Frauenstift einzunehmen, das unfern ihrer vaeterlichen Burg an den Ufern des Rheins lag. Grade um die Zeit, da bei dem Erzbischof von Strassburg dieser Plan betrieben ward, und die Sache im Begriff war zur Ausfuehrung zu kommen, war es, als der Landdrost, Herr Winfried von Breda, durch das von dem Kaiser eingesetzte Gericht, die Anzeige von der Schande seiner Tochter Littegarde, und die Aufforderung erhielt, dieselbe zur Verantwortung gegen die von dem Grafen Jakob wider sie angebrachte Beschuldigung nach Basel zu befoerdern. Man bezeichnete ihm, im Verlauf des Schreibens, genau die Stunde und den Ort, in welchem der Graf, seinem Vorgeben gemaess, bei Frau Littegarde seinen Besuch heimlich abgestattet haben wollte, und schickte ihm sogar einen, von ihrem verstorbenen Gemahl herruehrenden Ring mit, den er beim Abschied, zum Andenken an die verflossene Nacht, aus ihrer Hand empfangen zu haben versicherte. Nun litt Herr Winfried eben, am Tage der Ankunft dieses Schreibens, an einer schweren und schmerzvollen Unpaesslichkeit des Alters; er wankte, in einem aeusserst gereizten Zustande, an der Hand seiner Tochter im Zimmer umher, das Ziel schon ins Auge fassend, das allem was Leben atmet gesteckt ist; dergestalt, dass ihn, bei Ueberlesung dieser fuerchterlichen Anzeige, der Schlag augenblicklich ruehrte, und er, indem er das Blatt fallen liess, mit gelaehmten Gliedern auf den Fussboden niederschlug. Die Brueder, die gegenwaertig waren, hoben ihn bestuerzt vom Boden auf, und riefen einen Arzt herbei, der zu seiner Pflege, in den Nebengebaeuden wohnte; aber alle Muehe, ihn wieder ins Leben zurueck zu bringen, war umsonst: er gab, waehrend Frau Littegarde besinnungslos in dem Schoss ihrer Frauen lag, seinen Geist auf, und diese, da sie erwachte, hatte auch nicht den letzten bittersuessen Trost, ihm ein Wort zur Verteidigung ihrer Ehre in die Ewigkeit mitgegeben zu haben. Das Schrecken der beiden Brueder ueber diesen heillosen Vorfall, und ihre Wut ueber die der Schwester angeschuldigte und leider nur zu wahrscheinliche Schandtat, die ihn veranlasst hatte, war unbeschreiblich. Denn sie wussten nur zu wohl, dass Graf Jakob der Rotbart ihr in der Tat, waehrend des ganzen vergangenen Sommers, angelegentlich den Hof gemacht hatte; mehrere Turniere und Bankette waren bloss ihr zu Ehren von ihm angestellt, und sie, auf eine schon damals sehr anstoessige Weise, vor allen andern Frauen, die er zur Gesellschaft zog, von ihm ausgezeichnet worden. Ja, sie erinnerten sich, dass Littegarde, grade um die Zeit des besagten Remigiustages, eben diesen von ihrem Gemahl herstammenden Ring, der sich jetzt, auf sonderbare Weise in den Haenden des Grafen Jakob wieder fand, auf einem Spaziergang verloren zu haben vorgegeben hatte; dergestalt, dass sie nicht einen Augenblick an der Wahrhaftigkeit der Aussage, die der Graf vor Gericht gegen sie abgeleistet hatte, zweifelten. Vergebens--inzwischen unter den Klagen des Hofgesindes die vaeterliche Leiche weggetragen ward--umklammerte sie, nur um einen Augenblick Gehoer bittend, die Kniee ihrer Brueder; Rudolf, vor Entruestung flammend, fragte sie, indem er sich zu ihr wandte: ob sie einen Zeugen fuer die Nichtigkeit der Beschuldigung fuer sich aufstellen koenne? und da sie unter Zittern und Beben erwiderte: dass sie sich leider auf nichts, als die Unstraeflichkeit ihres Lebenswandels berufen koenne, indem ihre Zofe grade wegen eines Besuchs, den sie in der bewussten Nacht bei ihren Eltern abgestattet, aus ihrem Schlafzimmer abwesend gewesen sei: so stiess Rudolf sie mit Fuessen von sich, riss ein Schwert das an der Wand hing, aus der Scheide, und befahl ihr, in missgeschaffner Leidenschaft tobend, indem er Hunde und Knechte herbeirief, augenblicklich das Haus und die Burg zu verlassen. Littegarde stand bleich wie Kreide, vom Boden auf; sie bat, indem sie seinen Misshandlungen schweigend auswich, ihr wenigstens zur Anordnung der erforderten Abreise die noetige Zeit zu lassen; doch Rudolf antwortete weiter nichts, als, vor Wut schaeumend: hinaus, aus dem Schloss! dergestalt, dass da er auf seine eigne Frau, die ihm mit der Bitte um Schonung und Menschlichkeit, in den Weg trat, nicht hoerte, und Sie, durch einen Stoss mit dem Griff des Schwerts, der ihr das Blut fliessen machte, rasend auf die Seite warf, die unglueckliche Littegarde, mehr tot als lebendig, das Zimmer verliess: sie wankte, von den Blicken der gemeinen Menge umstellt, ueber den Hofraum der Schlosspforte zu, wo Rudolf ihr ein Buendel mit Waesche, wozu er einiges Geld legte, hinausreichen liess, und selbst hinter ihr, unter Fluechen und Verwuenschungen, die Torfluegel verschloss. Dieser ploetzliche Sturz, von der Hoehe eines heiteren und fast ungetruebten Gluecks, in die Tiefe eines unabsehbaren und gaenzlich hilflosen Elends, war mehr als das arme Weib ertragen konnte. Unwissend, wohin sie sich wenden solle, wankte sie, gestuetzt am Gelaender, den Felsenpfad hinab, um sich wenigstens fuer die einbrechende Nacht ein Unterkommen zu verschaffen; doch ehe sie noch den Eingang des Doerfchens, das verstreut im Tale lag, erreicht hatte, sank sie schon ihrer Kraefte beraubt, auf den Fussboden nieder. Sie mochte, allen Erdenleiden entrueckt, wohl eine Stunde so gelegen haben, und voellige Finsternis deckte schon die Gegend, als sie, umringt von mehreren mitleidigen Einwohnern des Orts, erwachte. Denn ein Knabe, der am Felsenabhang spielte, hatte sie daselbst bemerkt, und in dem Hause seiner Eltern von einer so sonderbaren und auffallenden Erscheinung Bericht abgestattet; worauf diese, die von Littegarden mancherlei Wohltaten empfangen hatten, aeusserst bestuerzt sie in einer so trostlosen Lage zu wissen, sogleich aufbrachen, um ihr mit Huelfe, so gut es in ihren Kraeften stand, beizuspringen. Sie erholte sich durch die Bemuehungen dieser Leute gar bald, und gewann auch, bei dem Anblick der Burg, die hinter ihr verschlossen war, ihre Besinnung wieder; sie weigerte sich aber das Anerbieten zweier Weiber, sie wieder auf das Schloss hinauf zu fuehren, anzunehmen, und bat nur um die Gefaelligkeit, ihr sogleich einen Fuehrer herbei zu schaffen, um ihre Wanderung fortzusetzen. Vergebens stellten ihr die Leute vor, dass sie in ihrem Zustande keine Reise antreten koenne; Littegarde bestand unter dem Vorwand, dass ihr Leben in Gefahr sei, darauf, augenblicklich die Grenzen des Burggebiets zu verlassen; ja, sie machte, da sich der Haufen um sie, ohne ihr zu helfen, immer vergroesserte, Anstalten, sich mit Gewalt los zu reissen, und sich allein, trotz der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht, auf den Weg zu begeben; dergestalt dass die Leute notgedrungen, aus Furcht, von der Herrschaft, falls ihr ein Unglueck zustiesse, dafuer in Anspruch genommen zu werden, in ihren Wunsch willigten, und ihr ein Fuhrwerk herbeischafften, das mit ihr, auf die wiederholt an sie gerichtete Frage, wohin sie sich denn eigentlich wenden wolle, nach Basel fuhr. Aber schon vor dem Dorfe aenderte sie, nach einer aufmerksamem Erwaegung der Umstaende, ihren Entschluss, und befahl ihrem Fuehrer umzukehren, und sie nach der, nur wenige Meilen entfernten Trotenburg zu fahren. Denn sie fuehlte wohl, dass sie ohne Beistand, gegen einen solchen Gegner, als der Graf Jakob der Rotbart war, vor dem Gericht zu Basel nichts ausrichten wuerde; und niemand schien ihr des Vertrauens, zur Verteidigung ihrer Ehre aufgerufen zu werden, wuerdiger, als ihr wackerer, ihr in Liebe, wie sie wohl wusste, immer noch ergebener Freund, der treffliche Kaemmerer Herr Friedrich von Trota. Es mochte ohngefaehr Mitternacht sein, und die Lichter im Schlosse schimmerten noch, als sie aeusserst ermuedet von der Reise, mit ihrem Fuhrwerk daselbst ankam. Sie schickte einen Diener des Hauses, der ihr entgegen kam, hinauf, um der Familie ihre Ankunft anmelden zu lassen; doch ehe dieser noch seinen Auftrag vollfuehrt hatte, traten auch schon Fraeulein Bertha und Kunigunde, Herrn Friedrichs Schwestern, vor die Tuer hinaus, die zufaellig, in Geschaeften des Haushalts, im untern Vorsaal waren. Die Freundinnen hoben Littegarden, die ihnen gar wohl bekannt war, unter freudigen Begruessungen vom Wagen, und fuehrten sie, obschon nicht ohne einige Beklemmung, zu ihrem Bruder hinauf, der in Akten, womit ihn ein Prozess ueberschuettete, versenkt, an einem Tische sass. Aber wer beschreibt das Erstaunen Herrn Friedrichs, als er auf das Geraeusch, das sich hinter ihm erhob, sein Antlitz wandte, und Frau Littegarden, bleich und entstellt, ein wahres Bild der Verzweiflung, vor ihm auf Knieen nieder sinken sah. "Meine teuerste Littegarde!" rief er, indem er aufstand, und sie vom Fussboden erhob: "was ist Euch widerfahren?" Littegarde, nachdem sie sich auf einen Sessel niedergelassen hatte, erzaehlte ihm, was vorgefallen; welch eine verruchte Anzeige der Graf Jakob der Rotbart, um sich von dem Verdacht, wegen Ermordung des Herzogs, zu reinigen, vor dem Gericht zu Basel in Bezug auf sie, vorgebracht habe; wie die Nachricht davon ihrem alten, eben an einer Unpaesslichkeit leidenden Vater augenblicklich den Nervenschlag zugezogen, an welchem er auch, wenige Minuten darauf, in den Armen seiner Soehne verschieden sei; und wie diese in Entruestung darueber rasend, ohne auf das, was sie zu ihrer Verteidigung vorbringen koenne, zu hoeren, sie mit den entsetzlichsten Misshandlungen ueberhaeuft, und zuletzt, gleich einer Verbrecherin, aus dem Hause gejagt hatten. Sie bat Herrn Friedrich, sie unter einer schicklichen Begleitung nach Basel zu befoerdern, und ihr daselbst einen Rechtsgehuelfen anzuweisen, der ihr, bei ihrer Erscheinung vor dem von dem Kaiser eingesetzten Gericht, mit klugem und besonnenen Rat, gegen jene schaendliche Beschuldigung, zur Seite stehen koenne. Sie versicherte, dass ihr aus dem Munde eines Parthers oder Persers, den sie nie mit Augen gesehen, eine solche Behauptung nicht haette unerwarteter kommen koennen, als aus dem Munde des Grafen Jakobs des Rotbarts, indem ihr derselbe seines schlechten Rufs sowohl, als seiner aeusseren Bildung wegen, immer in der tiefsten Seele verhasst gewesen sei, und sie die Artigkeiten, die er sich, bei den Festgelagen des vergangenen Sommers, zuweilen die Freiheit genommen ihr zu sagen, stets mit der groessten Kaelte und Verachtung abgewiesen habe. "Genug, meine teuerste Littegarde!" rief Herr Friedrich, indem er mit edlem Eifer ihre Hand nahm, und an seine Lippen drueckte: "verliert kein Wort zur Verteidigung und Rechtfertigung Eurer Unschuld! In meiner Brust spricht eine Stimme fuer Euch, weit lebhafter und ueberzeugender, als alle Versicherungen, ja selbst als alle Rechtsgruende und Beweise, die Ihr vielleicht aus der Verbindung der Umstaende und Begebenheiten, vor dem Gericht zu Basel fuer Euch aufzubringen vermoegt. Nehmt mich, weil Eure ungerechten und ungrossmuetigen Brueder Euch verlassen, als Euren Freund und Bruder an, und goennt mir den Ruhm, Euer Anwalt in dieser Sache zu sein; ich will den Glanz Eurer Ehre vor dem Gericht zu Basel und vor dem Urteil der ganzen Welt wiederherstellen!" Damit fuehrte er Littegarden, deren Traenen vor Dankbarkeit und Ruehrung, bei so edelmuetigen Aeusserungen heftig flossen, zu Frau Helenen, seiner Mutter hinauf, die sich bereits in ihr Schlafzimmer zurueckgezogen hatte; er stellte sie dieser wuerdigen alten Dame, die ihr mit besonderer Liebe zugetan war, als eine Gastfreundin vor, die sich, wegen eines Zwistes, der in ihrer Familie ausgebrochen, entschlossen habe, ihren Aufenthalt waehrend einiger Zeit auf seiner Burg zu nehmen; man raeumte ihr noch in derselben Nacht einen ganzen Fluegel des weitlaeufigen Schlosses ein, erfuellte, aus dem Vorrat der Schwestern, die Schraenke, die sich darin befanden, reichlich mit Kleidern und Waesche fuer sie, wies ihr auch, ganz ihrem Range gemaess, eine anstaendige ja praechtige Dienerschaft an: und schon am dritten Tage befand sich Herr Friedrich von Trota, ohne sich ueber die Art und Weise, wie er seinen Beweis vor Gericht zu fuehren gedachte, auszulassen, mit einem zahlreichen Gefolge von Reisigen und Knappen auf der Strasse nach Basel. Inzwischen war, von den Herren von Breda, Littegardens Bruedern, ein Schreiben, den auf der Burg statt gehabten Vorfall anbetreffend, bei dem Gericht zu Basel eingelaufen, worin sie das arme Weib, sei es nun, dass sie dieselbe wirklich fuer schuldig hielten, oder dass sie sonst Gruende haben mochten, sie zu verderben, ganz und gar, als eine ueberwiesene Verbrecherin, der Verfolgung der Gesetze preis gaben. Wenigstens nannten sie die Verstossung derselben aus der Burg, unedelmuetiger und unwahrhaftiger Weise, eine freiwillige Entweichung; sie beschrieben, wie sie sogleich, ohne irgend etwas zur Verteidigung ihrer Unschuld aufbringen zu koennen, auf einige entruestete Aeusserungen, die ihnen entfahren waeren, das Schloss verlassen habe; und waren, bei der Vergeblichkeit aller Nachforschungen, die sie beteuerten, ihrethalb angestellt zu haben, der Meinung, dass sie jetzt wahrscheinlich, an der Seite eines dritten Abenteurers, in der Welt umirre, um das Mass ihrer Schande zu erfuellen. Dabei trugen sie, zur Ehrenrettung der durch sie beleidigten Familie, darauf an, ihren Namen aus der Geschlechtstafel des Bredaschen Hauses auszustreichen, und begehrten, unter weitlaeufigen Rechtsdeduktionen, sie, zur Strafe wegen so unerhoerter Vergehungen, aller Ansprueche auf die Verlassenschaft des edlen Vaters, den ihre Schande ins Grab gestuerzt, fuer verlustig zu erklaeren. Nun waren die Richter zu Basel zwar weit entfernt, diesem Antrag, der ohnehin gar nicht vor ihr Forum gehoerte, zu willfahren; da inzwischen der Graf Jakob, beim Empfang dieser Nachricht, von seiner Teilnahme an dem Schicksal Littegardens die unzweideutigsten und entscheidendsten Beweise gab, und heimlich, wie man erfuhr, Reuter ausschickte, um sie aufzusuchen und ihr einen Aufenthalt auf seiner Burg anzubieten: so setzte das Gericht in die Wahrhaftigkeit seiner Aussage keinen Zweifel mehr, und beschloss die Klage die wegen Ermordung des Herzogs ueber ihn schwebte, sofort aufzuheben. Ja, diese Teilnahme, die er der Ungluecklichen in diesem Augenblick der Not schenkte, wirkte selbst hoechst vorteilhaft auf die Meinung des in seinem Wohlwollen fuer ihn sehr wankenden Volks; man entschuldigte jetzt, was man frueherhin schwer gemissbilligt hatte, die Preisgebung einer ihm in Liebe ergebenen Frau, vor der Verachtung aller Welt, und fand, dass ihm unter so ausserordentlichen und ungeheuren Umstaenden, da es ihm nichts Geringeres, als Leben und Ehre galt, nichts uebrig geblieben sei, als ruecksichtslose Aufdeckung des Abenteuers, das sich in der Nacht des heiligen Remigius zugetragen hatte. Demnach ward, auf ausdruecklichen Befehl des Kaisers, der Graf Jakob der Rotbart von neuem vor Gericht geladen, um feierlich, bei offnen Tueren, von dem Verdacht, zur Ermordung des Herzogs mitgewirkt zu haben, freigesprochen zu werden. Eben hatte der Herold, unter den Hallen des weitlaeufigen Gerichtssaals, das Schreiben der Herren von Breda abgelesen, und das Gericht machte sich bereit, dem Schluss des Kaisers gemaess, in Bezug auf den ihm zur Seite stehenden Angeklagten, zu einer foermlichen Ehrenerklaerung zu schreiten: als Herr Friedrich von Trota vor die Schranken trat, und sich, auf das allgemeine Recht jedes unparteiischen Zuschauers gestuetzt, den Brief auf einen Augenblick zur Durchsicht ausbat. Man willigte, waehrend die Augen alles Volks auf ihn gerichtet waren, in seinen Wunsch; aber kaum hatte Herr Friedrich aus den Haenden des Herolds das Schreiben erhalten, als er es, nach einem fluechtig hinein geworfenen Blick, von oben bis unten zerriss, und die Stuecken, samt seinem Handschuh, die er zusammen wickelte, mit der Erklaerung dem Grafen Jakob dem Rotbart ins Gesicht warf: dass er ein schaendlicher und niedertraechtiger Verleumder, und er entschlossen sei, die Schuldlosigkeit Frau Littegardens an dem Frevel, den er ihr vorgeworfen, auf Tod und Leben, vor aller Welt, im Gottesurteil zu beweisen!--Graf Jakob der Rotbart, nachdem er, blass im Gesicht, den Handschuh aufgenommen, sagte: "so gewiss als Gott gerecht, im Urteil der Waffen, entscheidet, so gewiss werde ich dir die Wahrhaftigkeit dessen, was ich, Frau Littegarden betreffend, notgedrungen verlautbart, im ehrlichen ritterlichen Zweikampf beweisen! Erstattet, edle Herren", sprach er, indem er sich zu den Richtern wandte, "kaiserlicher Majestaet Bericht von dem Einspruch, welchen Herr Friedrich getan, und ersucht sie, uns Stunde und Ort zu bestimmen, wo wir uns, mit dem Schwert in der Hand, zur Entscheidung dieser Streitsache begegnen koennen!" Dem gemaess schickten die Richter, unter Aufhebung der Session, eine Deputation, mit dem Bericht ueber diesen Vorfall an den Kaiser ab; und da dieser durch das Auftreten Herrn Friedrichs, als Verteidiger Littegardens, nicht wenig in seinem Glauben an die Unschuld des Grafen irre geworden war: so rief er, wie es die Ehrengesetze erforderten, Frau Littegarden, zur Beiwohnung des Zweikampfs, nach Basel, und setzte zur Aufklaerung des sonderbaren Geheimnisses, das ueber dieser Sache schwebte, den Tag der heiligen Margarethe als die Zeit, und den Schlossplatz zu Basel als den Ort an, wo beide, Herr Friedrich von Trota und der Graf Jakob der Rotbart, in Gegenwart Frau Littegardens einander treffen sollten. Eben ging, diesem Schluss gemaess, die Mittagssonne des Margarethentages ueber die Tuerme der Stadt Basel, und eine unermessliche Menschenmenge, fuer welche man Baenke und Gerueste zusammen gezimmert hatte, war auf dem Schlossplatz versammelt, als auf den dreifachen Ruf des vor dem Altan der Kampfrichter stehenden Herolds, beide, von Kopf zu Fuss in schimmerndes Erz geruestet, Herr Friedrich und der Graf Jakob, zur Ausfechtung ihrer Sache, in die Schranken traten. Fast die ganze Ritterschaft von Schwaben und der Schweiz war auf der Rampe des im Hintergrund befindlichen Schlosses gegenwaertig; und auf dem Balkon desselben sass, von seinem Hofgesinde umgeben, der Kaiser selbst, nebst seiner Gemahlin, und den Prinzen und Prinzessinnen, seinen Soehnen und Toechtern. Kurz vor Beginn des Kampfes, waehrend die Richter Licht und Schatten zwischen den Kaempfern teilten, traten Frau Helena und ihre beiden Toechter Bertha und Kunigunde, welche Littegarden nach Basel begleitet hatten, noch einmal an die Pforten des Platzes, und baten die Waechter, die daselbst standen, um die Erlaubnis, eintreten, und mit Frau Littegarden, welche, einem uralten Gebrauch gemaess, auf einem Geruest innerhalb der Schranken sass, ein Wort sprechen zu duerfen. Denn obschon der Lebenswandel dieser Dame die vollkommenste Achtung und ein ganz uneingeschraenktes Vertrauen in die Wahrhaftigkeit ihrer Versicherungen zu erfordern schien, so stuerzte doch der Ring, den der Graf Jakob aufzuweisen hatte, und noch mehr der Umstand, dass Littegarde ihre Kammerzofe, die einzige, die ihr haette zum Zeugnis dienen koennen, in der Nacht des heiligen Remigius beurlaubt hatte, ihre Gemueter in die lebhafteste Besorgnis; sie beschlossen die Sicherheit des Bewusstseins, das der Angeklagten inwohnte, im Drang dieses entscheidenden Augenblicks, noch einmal zu pruefen, und ihr die Vergeblichkeit, ja Gotteslaesterlichkeit des Unternehmens, falls wirklich eine Schuld ihre Seele drueckte, auseinander zu setzen, sich durch den heiligen Ausspruch der Waffen, der die Wahrheit unfehlbar ans Licht bringen wuerde, davon reinigen zu wollen. Und in der Tat hatte Littegarde alle Ursache, den Schritt, den Herr Friedrich jetzt fuer sie tat, wohl zu ueberlegen; der Scheiterhaufen wartete ihrer sowohl, als ihres Freundes, des Ritters von Trota, falls Gott sich im eisernen Urteil nicht fuer ihn, sondern fuer den Grafen Jakob den Rotbart, und fuer die Wahrheit der Aussage entschied, die derselbe vor Gericht gegen sie abgeleistet hatte. Frau Littegarde, als sie Herrn Friedrichs Mutter und Schwestern zur Seite eintreten sah, stand, mit dem ihr eigenen Ausdruck von Wuerde, der durch den Schmerz, welcher ueber ihr Wesen verbreitet war, noch ruehrender ward, von ihrem Sessel auf, und fragte sie, indem sie ihnen entgegen ging: was sie in einem so verhaengnisvollen Augenblick zu ihr fuehre? "Mein liebes Toechterchen", sprach Frau Helena, indem sie dieselbe auf die Seite fuehrte: "wollt Ihr einer Mutter, die keinen Trost im oeden Alter, als den Besitz ihres Sohnes hat, den Kummer ersparen, ihn an seinem Grabe beweinen zu muessen; Euch, ehe noch der Zweikampf beginnt, reichlich beschenkt und ausgestattet, auf einen Wagen setzen, und eins von unsern Guetern, das jenseits des Rheins liegt, und Euch anstaendig und freundlich empfangen wird, von uns zum Geschenk annehmen?" Littegarde, nachdem sie ihr, mit einer Blaesse, die ihr ueber das Antlitz flog, einen Augenblick starr ins Gesicht gesehen hatte, bog, sobald sie die Bedeutung dieser Worte in ihrem ganzen Umfang verstanden hatte, ein Knie vor ihr. Verehrungswuerdigste und vortreffliche Frau! sprach sie; kommt die Besorgnis, dass Gott sich, in dieser entscheidenden Stunde, gegen die Unschuld meiner Brust erklaeren werde, aus dem Herzen Eures edlen Sohnes?--"Weshalb?" fragte Frau Helena.--Weil ich ihn in diesem Falle beschwoere das Schwert, das keine vertrauensvolle Hand fuehrt, lieber nicht zu zuecken, und die Schranken, unter welchem schicklichen Vorwand es sei, seinem Gegner zu raeumen: mich aber, ohne dem Gefuehl des Mitleids, von dem ich nichts annehmen kann, ein unzeitiges Gehoer zu geben, meinem Schicksal, das ich in Gottes Hand stelle, zu ueberlassen!--"Nein!" sagte Frau Helena verwirrt; "mein Sohn weiss von nichts! Es wuerde ihm, der vor Gericht sein Wort gegeben hat, Eure Sache zu verfechten, wenig anstehen, Euch jetzt, da die Stunde der Entscheidung schlaegt, einen solchen Antrag zu machen. Im festen Glauben an Eure Unschuld steht er, wie Ihr seht, bereits zum Kampf geruestet, dem Grafen Eurem Gegner gegenueber; es war ein Vorschlag, den wir uns, meine Toechter und ich, in der Bedraengnis des Augenblicks, zur Beruecksichtigung aller Vorteile und Vermeidung alles Ungluecks ausgedacht haben."--Nun, sagte Frau Littegarde, indem sie die Hand der alten Dame, unter einem heissen Kuss, mit ihren Traenen befeuchtete: so lasst ihn sein Wort loesen! Keine Schuld befleckt mein Gewissen; und ginge er ohne Helm und Harnisch in den Kampf, Gott und alle seine Engel beschirmen ihn! Und damit stand sie vom Boden auf, und fuehrte Frau Helena und ihre Toechter auf einige, innerhalb des Geruestes befindliche Sitze, die hinter dem, mit roten Tuch beschlagenen Sessel, auf dem sie sich selbst niederliess, aufgestellt waren. Hierauf blies der Herold, auf den Wink des Kaisers, zum Kampf, und beide Ritter, Schild und Schwert in der Hand, gingen auf einander los. Herr Friedrich verwundete gleich auf den ersten Hieb den Grafen; er verletzte ihn mit der Spitze seines, nicht eben langen Schwertes da, wo zwischen Arm und Hand die Gelenke der Ruestung in einander griffen; aber der Graf, der, durch die Empfindung geschreckt, zuruecksprang, und die Wunde untersuchte, fand, dass, obschon das Blut heftig floss, doch nur die Haut obenhin geritzt war: dergestalt, dass er auf das Murren der auf den Rampe befindlichen Ritter, ueber die Unschicklichkeit dieser Auffuehrung, wieder vordrang, und den Kampf, mit erneuerten Kraeften, einem voellig Gesunden gleich, wieder fortsetzte. Jetzt wogte zwischen beiden Kaempfern der Streit, wie zwei Sturmwinde einander begegnen, wie zwei Gewitterwolken, ihre Blitze einander zusendend, sich treffen, und, ohne sich zu vermischen, unter dem Gekrach haeufiger Donner, getuermt um einander herumschweben. Herr Friedrich stand, Schild und Schwert vorstreckend, auf dem Boden, als ob er darin Wurzel fassen wollte, da; bis an die Sporen grub er sich, bis an die Knoechel und Waden, in dem, von seinem Pflaster befreiten, absichtlich aufgelockerten, Erdreich ein, die tueckischen Stoesse des Grafen, der, klein und behend, gleichsam von allen Seiten zugleich angriff, von seiner Brust und seinem Haupt abwehrend. Schon hatte der Kampf, die Augenblicke der Ruhe, zu welcher Entatmung beide Parteien zwang, mitgerechnet, fast eine Stunde gedauert. als sich von neuem ein Murren unter den auf dem Geruest befindlichen Zuschauern erhob. Es schien, es galt diesmal nicht den Grafen Jakob, der es an Eifer, den Kampf zu Ende zu bringen nicht fehlen liess, sondern Herrn Friedrichs Einpfaehlung auf einem und demselben Fleck, und seine seltsame, im Anschein nach fast eingeschuechterte, wenigstens starrsinnige Enthaltung alles eignen Angriffs. Herr Friedrich, obschon sein Verfahren auf guten Gruenden beruhen mochte, fuehlte dennoch zu leise, als dass er es nicht sogleich gegen die Forderung derer, die in diesem Augenblick ueber seine Ehre entschieden, haette aufopfern sollen; er trat mit einem mutigen Schritt aus dem, sich von Anfang herein gewaehlten Standpunkt, und der Art natuerlicher Verschanzung, die sich um seinen Fusstritt gebildet hatte, hervor, ueber das Haupt seines Gegners, dessen Kraefte schon zu sinken anfingen, mehrere derbe und ungeschwaechte Streiche, die derselbe jedoch unter geschickten Seitenbewegungen mit seinem Schild aufzufangen wusste, danieder schmetternd. Aber schon in den ersten Momenten dieses dergestalt veraenderten Kampfs, hatte Herr Friedrich ein Unglueck, das die Anwesenheit hoeherer, ueber den Kampf waltender Maechte nicht eben anzudeuten schien; er stuerzte, den Fusstritt in seinen Sporen verwickelnd, stolpernd abwaerts, und waehrend er, unter der Last des Helms und des Harnisches, die seine oberen Teile beschwerten, mit in dem Staub vorgestuetzter Hand, in die Kniee sank, stiess ihm Graf Jakob der Rotbart, nicht eben auf die edelmuetigste und ritterlichste Weise, das Schwert in die dadurch blossgegebene Seite. Herr Friedrich sprang, mit einem Laut des augenblicklichen Schmerzes, von der Erde empor. Er drueckte sich zwar den Helm in die Augen, und machte, das Antlitz rasch seinem Gegner wieder zuwendend, Anstalten, den Kampf fortzusetzen: aber waehrend er sich, mit vor Schmerz krummgebeugtem Leibe auf seinen Degen stuetzte, und Dunkelheit seine Augen umfloss: stiess ihm der Graf seinen Flammberg noch zweimal, dicht unter dem Herzen, in die Brust; worauf er, von seiner Ruestung umrasselt, zu Boden schmetterte, und Schwert und Schild neben sich niederfallen liess. Der Graf setzte ihm, nachdem er die Waffen ueber die Seite geschleudert, unter einem dreifachen Tusch der Trompeten, den Fuss auf die Brust; und inzwischen alle Zuschauer, der Kaiser selbst an der Spitze, unter dumpfen Ausrufungen des Schreckens und Mitleidens, von ihren Sitzen aufstanden: stuerzte sich Frau Helena, im Gefolge ihrer beiden Toechter, ueber ihren teuern, sich in Staub und Blut waelzenden Sohn. "O mein Friedrich!" rief sie, an seinem Haupt jammernd niederknieend; waehrend Frau Littegarde ohnmaechtig und besinnungslos, durch zwei Haescher, von dem Boden des Geruestes, auf welchen sie herab gesunken war, aufgehoben und in ein Gefaengnis getragen ward. "Und o die Verruchte", setzte sie hinzu, "die Verworfene, die, das Bewusstsein der Schuld im Busen, hierher zu treten, und den Arm des treusten und edelmuetigsten Freundes zu bewaffnen wagt, um ihr ein Gottesurteil, in einem ungerechten Zweikampf zu erstreiten!" Und damit hob sie den geliebten Sohn, inzwischen die Toechter ihn von seinem Harnisch befreiten, wehklagend vom Boden auf, und suchte ihm das Blut, das aus seiner edlen Brust vordrang, zu stillen. Aber Haescher traten auf Befehl des Kaisers herbei, die auch ihn, als einen dem Gesetz Verfallenen, in Verwahrsam nahmen; man legte ihn, unter Beihuelfe einiger Aerzte, auf eine Bahre, und trug ihn, unter der Begleitung einer grossen Volksmenge gleichfalls in ein Gefaengnis, wohin Frau Helena jedoch und ihre Toechter, die Erlaubnis bekamen, ihm, bis an seinen Tod, an dem niemand zweifelte, folgen zu duerfen. Es zeigte sich aber gar bald, dass Herrn Friedrichs Wunden, so lebensgefaehrliche und zarte Teile sie auch beruehrten, durch eine besondere Fuegung des Himmels nicht toedlich waren; vielmehr konnten die Aerzte, die man ihm zugeordnet hatte, schon wenige Tage darauf die bestimmte Versicherung an die Familie geben, dass er am Leben erhalten werden wuerde, ja, dass er, bei der Staerke seiner Natur, binnen wenigen Wochen, ohne irgend eine Verstuemmlung an seinem Koerper zu erleiden, wieder hergestellt sein wuerde. Sobald ihm seine Besinnung, deren ihn der Schmerz waehrend langer Zeit beraubte, wiederkehrte, war seine an die Mutter gerichtete Frage unaufhoerlich: was Frau Littegarde mache? Er konnte sich der Traenen nicht enthalten, wenn er sich dieselbe in der Oede des Gefaengnisses, der entsetzlichsten Verzweiflung zum Raube hingegeben dachte, und forderte die Schwestern, indem er ihnen liebkosend das Kinn streichelte, auf, sie zu besuchen und sie zu troesten. Frau Helena, ueber diese Aeusserung betroffen, bat ihn, diese Schaendliche und Niedertraechtige zu vergessen; sie meinte, dass das Verbrechen, dessen der Graf Jakob vor Gericht Erwaehnung getan, und das nun durch den Ausgang des Zweikampfs ans Tageslicht gekommen, verziehen werden koenne, nicht aber die Schamlosigkeit und Frechheit, mit dem Bewusstsein dieser Schuld, ohne