Rund 6.000 Blatt sind von Leonardos Handschriften erhalten, verteilt auf gut zwanzig Manuskripte in Bibliotheken und Museen. Wie viele es einmal waren, weiß niemand; die Schätzungen des Verlusts reichen von einem Viertel bis zu drei Vierteln. Kein anderer Künstler der Renaissance hat auch nur annähernd so viel Geschriebenes hinterlassen, und keiner hat es so wenig geordnet. Die Leonardo da Vinci Notizbücher sind kein Werk, sondern ein Nachlass: Zettel, Hefte, zusammengebundene Lagen, auf denen Einkaufslisten neben Studien zum Wasserwirbel stehen und eine Kanonenskizze neben einer Fabel.
Diese Seite stellt beide Seiten der Überlieferung gegenüber: die originalen Codices in Mailand, Paris, London und Windsor auf der einen Seite, die 1883 erschienene Ausgabe des Kunsthistorikers Jean Paul Richter auf der anderen, deren Manuskriptauswahl bis heute die Grundlage der meisten Anthologien bildet und, die als „The Notebooks of Leonardo Da Vinci“ im Project Gutenberg frei zugänglich ist.
Vom Nachlass zum Codex: Wie die Handschriften zerstreut wurden
Leonardo da Vinci starb 1519 in Amboise und vermachte seine gesamten Aufzeichnungen dem Schüler Francesco Melzi. Melzi hütete die Sammlung fünf Jahrzehnte in seiner Villa bei Vaprio d’Adda und stellte aus den Notizen zur Malerei das zusammen, was später als „Trattato della Pittura“ bekannt wurde. Nach seinem Tod 1570 begann der Zerfall. Sein Sohn Orazio verkaufte und verschenkte einzelne Blätter, Sammler schnitten Zeichnungen heraus, und die ursprünglichen Hefte verloren ihren Zusammenhang.
Um 1590 erwarb der Bildhauer Pompeo Leoni einen großen Teil des Bestands und ordnete ihn nach eigenem Gutdünken neu: Er zerschnitt Hefte, klebte Seiten auf Großformate und schuf so den Codex Atlanticus und die Sammlung in Windsor. Über den Grafen Galeazzo Arconati gelangten viele Manuskripte im Jahr 1637 in die Biblioteca Ambrosiana in Mailand. Unter Napoleon wanderten sie nach Paris; nur der große Kodex kehrte nach 1815 zurück, die zwölf kleineren Hefte blieben am Institut de France. Zwei Hefte, heute Codex Madrid I und II, galten als verschollen und wurden erst 1965 in der spanischen Nationalbibliothek wiederentdeckt.
Die Codices im Vergleich
| Codex | Entstehung | Umfang | Aufbewahrungsort | Schwerpunkt |
|---|---|---|---|---|
| Codex Atlanticus | 1478–1518 | 1.119 Blatt | Biblioteca Ambrosiana, Mailand | Mechanik, Mathematik, Architektur, Persönliches |
| Windsor-Sammlung | 1478–1518 | 606 Blatt | Royal Collection, Windsor Castle | Anatomie, Landschaft, Studien zu Gemälden |
| Pariser Manuskripte A–M | 1492–1516 | 964 Blatt | Institut de France, Paris | Malerei, Licht, Wasser, Flug, Militärtechnik |
| Codex Arundel | 1478–1518 | 283 Blatt | British Library, London | Mathematik, Optik, Architektur, Mechanik |
| Codex Leicester | um 1506 | 18 Blatt (72 Seiten) | Privatbesitz (Bill Gates) | Wasser, Geologie, Licht des Mondes |
| Codex Trivulzianus | 1478–1490 | 55 Blatt | Castello Sforzesco, Mailand | Sprachstudien, Architektur |
| Codex über den Vogelflug | 1505 | 18 Blatt | Biblioteca Reale, Turin | Flugstudien |
Der Codex Leicester ist der einzige Kodex in privater Hand. Bill Gates ersteigerte ihn 1994 für 30,8 Millionen Dollar, bis heute der höchste Preis, der je für ein Manuskript gezahlt wurde. Benannt ist er nach Thomas Coke, Earl of Leicester, der das Manuskript 1717 in Italien erwarb und in Holkham Hall aufbewahrte, wo es der Herausgeber der englischen Ausgabe im 19. Jahrhundert noch einsah.

Warum Leonardo in Spiegelschrift schrieb
Fast alle Notizen laufen von rechts nach links, die Buchstaben sind gespiegelt. Ein Geheimcode war das nicht: Wer das Blatt vor einen Spiegel hält, liest die Handschrift ohne Mühe. Die einfachste Erklärung ist die überzeugendste. Leonardo war Linkshänder, und wer mit der linken Hand von rechts nach links schreibt, verwischt die frische Tinte nicht. Für Abschreiber, Herausgeber und Übersetzer war die Schrift dennoch eine Hürde, die dazu beitrug, dass die Texte über drei Jahrhunderte weitgehend ungedruckt blieben.

Das ist eine bemerkenswerte Pointe: Leonardo lebte in den ersten Jahrzehnten des Buchdrucks, besaß selbst gedruckte Bücher und plante mehrfach, seine Abhandlungen zu ordnen. Gedruckt wurde zu seinen Lebzeiten keine Zeile. Wie die Erfindung Gutenbergs die Verbreitung von Wissen veränderte, lässt sich an diesem Ausbleiben fast besser zeigen als an den Erfolgen.
Was in den Notizbüchern steht
Die thematische Breite ist der Grund, warum die Aufzeichnungen bis heute ausgewertet werden. Fünf Schwerpunkte kehren in allen Codices wieder:
- Malerei: Perspektive, Licht und Schatten, Farbenlehre, Ratschläge für Schüler. Melzis Auszug wurde 1651 in Paris als „Trattato della Pittura“ erstmals gedruckt.
- Anatomie: Über Jahrzehnte sezierte Leonardo Leichen und zeichnete Muskeln, Herz, Schädel und Embryo; die Windsor-Blätter gelten als Höhepunkt der anatomischen Zeichnung vor Vesal.
- Wasser: Strömungen, Wirbel, Kanäle, Sintflutszenarien. Der Codex Leicester ist fast ganz dem Wasser gewidmet.
- Flug und Maschinen: Vogelflug, Fluggeräte, Kriegsmaschinen, Zahnräder, Hebewerke; vor allem im Mailänder Großformat, in den Pariser Heften und im Turiner Kodex.
- Proportionen: Maßstudien des menschlichen Körpers nach Vitruv, Bewegungsstudien, Physiognomik.
Hinzu kommen Fabeln, Rätsel, Prophezeiungen, Entwürfe für Briefe und die berühmte, um 1482 datierte Bewerbung an Ludovico Sforza, in der Leonardo sich vor allem als Ingenieur für Brücken, Geschütze und Belagerungsmaschinen anbietet und die Malerei erst am Ende erwähnt.

Die Ausgabe von Jean Paul Richter und der Text im Project Gutenberg
Der deutsche Kunsthistoriker Jean Paul Richter (1847–1937) legte 1883 in London die erste umfassende Edition vor: „The Literary Works of Leonardo da Vinci“, zwei Bände, Original und englische Übersetzung nebeneinander. Der Herausgeber reiste zu allen großen Sammlungen, entzifferte die Spiegelschrift und ordnete 1.566 nummerierte Passagen nach Sachgebieten, nicht nach ihrer Lage in den Handschriften. Carlo Pedretti ergänzte 1977 einen Kommentar, der diese Nummern bis heute zur Standardreferenz macht.
Die Gutenberg-Ausgabe (Nummer 5000, seit 2004 online) enthält die englische Übersetzung mit den Erläuterungen des Herausgebers in 22 Abschnitten:
- Einleitung zum Buch über die Malerei
- Lineare Perspektive
- Sechs Bücher über Licht und Schatten
- Perspektive des Verschwindens
- Farbenlehre
- Farb- und Luftperspektive
- Proportionen und Bewegungen des menschlichen Körpers
- Botanik für Maler und Landschaftsmalerei
- Praxis der Malerei
- Studien und Skizzen zu Bildern
- Bildhauerei
- Architekturentwürfe
- Theoretische Schriften zur Architektur
- Anatomie, Zoologie und Physiologie
- Astronomie
- Physische Geographie
- Topographische Notizen
- Seekrieg, mechanische Geräte, Musik
- Philosophische Maximen, Moral, Polemik
- Humoristische Schriften
- Briefe, persönliche Aufzeichnungen, datierte Notizen
- Vermischte Notizen
Zwei Einschränkungen sollten Sie kennen. Ausgewählt wurden, wie der Titel sagt, die „literarischen“ Werke; die rein technischen und mathematischen Studien, etwa zu Flugmaschinen, sind nur in Auszügen vertreten. Und die Textfassung im Project Gutenberg enthält im Format der reinen Textdatei keine der Zeichnungen, auf die die Anmerkungen verweisen.
Lesehinweise
Wer die Notizbücher zum ersten Mal aufschlägt, sollte nicht vorn beginnen. Empfehlenswert sind drei Einstiege: die philosophischen Maximen in Abschnitt 19, aus denen Sätze wie „Die Weisheit ist die Tochter der Erfahrung“ (Nr. 1150) oder „Die größte Täuschung, die Menschen erleiden, kommt von ihren eigenen Meinungen“ (Nr. 1180) stammen; die Briefe in Abschnitt 21 mit der Bewerbung an Sforza (Nr. 1340); und die Ratschläge an junge Maler in Abschnitt 9. Eine Auswahl solcher Sentenzen finden Sie auch in unserer Sammlung von Literaturzitaten.
Für deutschsprachige Leser gibt es Auswahlbände, darunter „Tagebücher und Aufzeichnungen“ in der Übersetzung von Theodor Lücke (Paul List Verlag) und „Das da Vinci Universum“, hrsg. von Emma Dickens (Ullstein Verlag). Wer die Literatur zur Person sucht, findet bei Martin Kemp und Charles Nicholl die verlässlichsten Darstellungen von Kunst und Wissenschaft Leonardos. Die vollständige englische Fassung von 1883 steht kostenlos als Volltext im Project Gutenberg bereit. Diese Seite stellt die frühere Adresse des Werks auf gutenberg.net wieder her; weitere Titel der Reihe finden Sie in der Übersicht der Digitalen Bibliothek.
