The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Nebel, by Gustav Falke This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Der Mann im Nebel Author: Gustav Falke Release Date: February 13, 2004 [eBook #11075] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL*** E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders Der Mann im Nebel Roman von Gustav Falke Hamburg 1916 Seinen lieben Freunden Karl Ernst Knodt und Frau Käthe herzlichst zugeeignet Erstes Buch 1. Liebster Doktor! Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor führt mich mein Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorüber, und ich werfe betrübte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schön war's da oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenüber auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem bücherbeladenen Tisch eine Tasse Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, über Literatur, Kunst und tausend Sachen. Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer etwas waschfrauenmässigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden Sprechweise. Und das einzige Likörglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund: "Is nich'n hübsches Glas? Is aus Travemünde. Hab ich selbst mitgebracht. Hübsches Glas. Ist es nich? Aus Travemünde. Hab'n Schwester da, wissen Sie. Ja, 'n Schwester." Sie lässt bestens grüssen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen Zöllner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau Kontrolleur gibt viel auf das Solide. Na, in Punkto Solidität. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zöllner wird uns über sein. Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie über meinen letzten Roman schrieben, hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist doch nichts mit diesem nüchternen Realismus. Ich möchte nun endlich mal schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen. Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles mögliche. Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Porträt von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkämpfe mit sich aufführt. Ihre gefährlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer daraus wird. Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfüber in die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Müdigkeit, Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der Wintererde. Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne, liegen auf dem Rücken und hören die Mittagsmusik des bocksbeinigen Gottes, während ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei anhöre. Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb für Sie wieder ausgrub, weil es gerade hierherpasst. Etwas Böcklin-Nietzsche mit einem Stich ins Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehörig. Herzlichst Ihr Gerd Gerdsen. * * * * * Tanz. Pan bläst. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden Blondhaares freuen werden. Komm auf die Wiese! Blumen werden sich unter unsere Füsse drängen und aufgescheuchte Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge, leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt. Wir wollen tanzen zu diesen Tönen. Und die Wiese tanzt, und der Wald tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die bräutlichen Birken mit den jungfräulichen Gewändern aus Silberseide. Und die weissen Lämmer auf der blauen Himmelswiese werden hüpfen, umeinander hüpfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Flöte des Hirten. Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender, glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in unserer nackten Schönheit und in unserer nackten Freude. Komm, komm! Pan bläst. Die Bocksfüsse übereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten, Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen. Wir aber tanzen vor ihm, nackt, über Blumen, zwei weisse Schmetterlinge, trunken in Lust, trunken in nackter Lust. 2. Lieber Gerdsen! Herzlichen Dank für Ihren liebenswürdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr Plan ist vorzüglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfügung, Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans. Sie wissen, wie sehr ich ihn schätze, hochwerte, diesen Realismus: künstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und ohne den es nicht gehen würde. Aber selbst dieser Humor macht diese misera plebs, diese Kellerleute, Käsekrämer und Ladenmädchen nicht auf die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Höhenmenschen. Was wollen Sie Dünger karren, statt uns Edelgewächse zu ziehen. Könnt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen, ohnmächtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnügen, dem einzigen, was Ersatz für mangelnde Produktivität gibt, die Natur, die uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin, die Zerstörerin, die am grössten ist, wenn sie tötet. Das ist es, was ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre Gleichgültigkeit! ihre völlige Verachtung des Menschen! Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen müssen wir mal zusammen. Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften, diese sanften Hügel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser täglich Brot gib uns heute. Amen. Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und über allem der Gendarm. Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschlüsse aufkommen lässt, Hans der Träumer! Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht dieser ekelhafte Stadtpöbel, keine öde Sozialdemokraterei, diese Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht. Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel; was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus für zehn, zwanzig Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Hält sie länger vor als das Öl, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben, dass wir's wegwerfen können. Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer, zwischen den Schären Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares Südseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saëns. Danse macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Möven schreien, oder die Affen. Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige. Ihr Randers. 3. Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt hätte, er würde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen Schulhause leben, würde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker. Er liebte weite Horizonte, Grösse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte das Meer. Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des niedrigen Schulhauses mit dem kleinen bäuerischen Vorgarten voll greller Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng, kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach, die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine Schule. Und dann die Familie des Lehrers! Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave, einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tür gefahren. Auf ein paar Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber er versprach zu räumen, wenn sie das Quartier besser vermieten könnten. Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war. Ja, was war er? Eigentlich nichts. Aber das hätten sie nicht verstanden, er fühlte instinktiv, dass diese Leute von seiner Jugend irgend eine nützliche Tätigkeit verlangen würden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen, besann sich aber und sagte Schriftsteller. "Sie schreiben wohl für Blätter?" "Ja, für Blätter." Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und der Lehrer sagte nochmal: "So, f--ff--für die Blätter." Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedächtig zögernd wieder entliess. Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen, hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern, weil es zu heiss war und er sich müde und unlustig fühlte. Und nun war er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewöhnt und liess es gehen, wie es ging. Tagsüber lag er auf dem Rücken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geräusch, das ihm einigermassen den eintönigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er drängte sich mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter den hohen Buchen, die er freilich nirgends so prächtig gefunden hatte wie hier, ausgenommen natürlich in Dänemark, seinem geliebten Dänemark. Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen in der grünen Wildnis, die ihn in Kopfhöhe überdachte, in unmittelbarer Berührung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser grünen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl. Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee geführt, die ein paar Stunden von hier ihre schläfrigen Wellen auf den Sand des flachen, langweiligen Strandes warf. Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf dem Rücken im warmen Sand gelegen, die kühle Seeluft geatmet, Verse gemacht und an ein kleines Mädchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken, die nicht tief herkamen, die aber hartnäckig waren. Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschäftigt hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen zitternden Luft tanzte. Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte auch gar zu wüst gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur darüber hinweg kommen. So ein Abschied für immer ist keine Kleinigkeit. Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die Nerven. Erst dies Verhältnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen müssen. Der untersuchte ihn gründlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen. Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: höchstens zwei Glas! Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben, das seiner Natur gemäss wäre. Und das war ja sein einziges Streben, sich mal ausleben zu können, ein paar Jahre nur, ganz souverän, keinem willig und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der Gesundheit. Es käme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre früher oder später abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wünschen einzurichten. Zehn Jahre würde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann sich mit dem zu beschäftigen, was nach zehn Jahren sein könnte. 4. Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten Buchen, die dem Schulhause gegenüber ihre hohen teilweise abgestorbenen Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geräumigen Rundplatz einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer Viertelstunde Wegs vor dem hügeligen Hochwald lagerte. Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Füssen niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen und einen Teil der häuslichen Tätigkeit hierherverlegten. Randers ärgerte sich über diese Verunzierung des hübschen Waldplatzes, diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders erboste, hatte er wütend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen eines jungen weissstämmigen Birkenbäumchens. Randers hätte das Fähnlein gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu mühsam, darum aufzustehen. Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel". Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den Blättern des Buches einen Zittertanz aufführten und die Buchstaben mit hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her störten ihn. Auch das Schwärmen der Bienen belästigte ihn. Es war ein ununterbrochenes Summen um ihn. Aus den Stöcken des Lehrers kamen sie, über die Blumen des Gartens und die Honigträger am Grabenrand der Landstrasse her, nach dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerblüte und hundert andere süsse Schüsseln lockten. Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurück, den er heute morgen beantwortet hatte. Ja das könnte etwas werden! Das würde ihm Spass machen. Spass? Nein, durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Grübeln über sich und sein Schicksal, und ging hier einen Weg zurück und da einen anderen, um auf die Anfänge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen. Und die Wege führten ihn zurück in die Kindheit, in das kleine Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das väterliche Pfarrhaus vor sich, mit den wilden Rosen um Tür und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn und dem grossen Küchengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern, den ganzen farbigen Herbstgarten. Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Äpfel reif waren? Oder waren es nicht die Äpfel, sondern nur die Aussicht auf die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese Erinnerung so wert machte? Die Kronen der alten krummästigen Bäume ragten über den niedrigen Deich hinüber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten Pappel, lustiger und höher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war und so hoch über der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefühl romantischer Einsamkeit mit süssen Schauern aufgegangen. Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Träumen überlassen, Träumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Länder, auf einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren. Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in Pappelhöhe über der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles übersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des alten Jönksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz umdrehte, die Hütte des alten Jönksen, nur durch zwei andere Hütten vom Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten über die kleinen Nachbargärten hinweg in Jönksens Garten sehen, wo immer Wäsche hing, Wäsche, für die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie war von Inge Jönksen da hingehängt. Inge, die fünfzehnjährige Inge Jönksen! Das war seine erste Liebe gewesen. Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter dem Zaun des väterlichen Gartens stand und hinüberlugte, wo Inges blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und grobe blaue Wollhemden, dicke graue Strümpfe, und verwaschene Schürzen, alles vielfach gepflickt und gestopft, über die Wäscheleine klammerten. Aber am schönsten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den Kurs änderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen, als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen werden, schnell die Köpfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!" O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schönen Zeit erzählen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern. Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner glücklichen Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten für Gerd Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen für den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner späteren Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die Pappel; ja die vor allem! Merkwürdig, er sah immer diese Pappel vor sich, als wäre sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast, um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte. Und dann die Schnapsflasche des alten Jönksen. Brrr! Er erinnerte sich noch des ersten Schluckes und seiner höllischen Wirkung. Auch diese Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie gehörte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Bäche und Bächlein, die zusammenflossen zu dem einen rätselhaften Gewässer voller Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie Henning Randers nannte. Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann würde es etwas werden, wovor jeder die Augen aufreissen würde, und er selbst wollte mit einer wehmütigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen Freude über diese Selbstprostituierung. Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg hinauf. Einen Augenblick zögerte er beim ersten Jägersteig, der in das Buschwerk abbog und dessen dunkle Öffnung ihn so einladend ansah, aber er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe Furchen eingegraben hatten. Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese vorgerückte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und gelben Löwenzahn, und roten und weissen Klee, und Männertreu und wilde Stiefmütterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und überall am Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und überall Bienen und Schmetterlinge. Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas zurückgeblieben war und fast noch ganz in Blüte stand, gaukelte ein Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden, lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn, wie sich Schmetterlinge und Bienen die süssen Tropfen streitig machten. Es war ein ähnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei Jungen balgten. Wer ist der stärkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so, zeig's ihm! So stand er und sah lächelnd in diese Flügelschlacht. Es war ein beständiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefächel aller dieser weissen Flügel über den weissen Blüten in der hellen weissen Sonne blendete ihn zuletzt. Es war ganz still. Man hörte nichts als das anheimelnde Summen der Bienen. Hin und wieder das Geräusch knackender Zweige, wenn ein Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den entfernten Weiden her das gedämpfte Brüllen der Rinder. 5. Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfäller. Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben, deren weitüberhängende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel schwammen. Im Schilfgürtel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien, leuchtend in dem saftigen Grün um sie her. Randers kämpfte mit der Lust eine besonders prächtige Lilie zu pflücken, als Claus Mumm heranschlürfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte. Der Alte ging gebückt unter einer Last dürren Zweigholzes und gestützt auf einem derben Knüppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er rückte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmütze und sah mit scheuem Blick aus den kleinen, trüben, rotumränderten Augen zu Randers auf. Ein stummer unterwürfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte unter mehr als unter der Last des seinem mürben Rücken aufgeladenen Holzes. "Dag Mumm, wo geit?" Der Alte blieb stehen. "Na, woans is dat? hebben Se noch nix hürt?" "Ne Herr! He sitt ja nu erst." Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbrüstig, pfeifend. Eine traurige, gedrückte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken Augen passte. "Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers Ein kurzer Aufblick der müden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten sich die alten Beine in schlürfende Bewegung. Es lag etwas Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen. "Adjüs Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht sinken." Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzählt, dessen einziger Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe Erzählung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestört. Nachher waren sie nicht wieder darauf zurückgekommen. Jetzt war Randersens Neugier durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er nicht ausfragen mögen. Es war ein Mädchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die unverständliche Tat eines überall beliebten, unbescholtenen Burschen. Ein Rätsel. Um eine ältere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind von ihm trug, erfüllen zu können, hatte er den Mord begangen. Warum tötete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin? Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der Fall interessierte ihn. Es war etwas für seinen psychologischen Spürsinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne Bauernnovelle für die Feinschmecker. Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas. Was wollte er nicht alles. Er würde auch diesmal nicht über den Plan hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskönner. Aber einerlei, vielleicht glückte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzählte so nett umständlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur Verzweiflung bringen musste, aber für den Psychologen gerade das rechte war, weil es ihm Fäden in die Hand gab. Auf hügeligen Wegen hatte Randers allmählich auch den Hochwald durchquert. Der schmale Waldstieg mündete durch einen Wallausschnitt in einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus, ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugrünen Hafers, dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdächer, ein ganzes Dorf. Ganz hinten Wald, lang ausgestreckt. Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu können. "Ob man weiter geht?" sagte er laut. Eine heisse Luft lag über den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel spannte sich wolkenlos darüber. Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen. "Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim Brutgeschäft. Diese grosse Muttertätigkeit." Es lag ein leiser Widerwille im Ton. "Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebären. Sinnlos, zwecklos. Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur." Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurück in den Wald. Da draussen war ein Schweissduft über der üppigen Kornlandschaft. Mühseliges Sichabrackern ums tägliche Brot. Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht. Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Füssen aufraschelte und die dürren Zweigabfälle knackten. Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand. Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen gesprochen hatte. In der Nähe des Lohteiches sollte er sein. Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an Busch, voller roter, reifer Früchte. Er naschte. Er gab nicht viel um dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht hängen sehen, ohne zu pflücken, wahllos, wie sie ihm am nächsten hingen. Dann bekam er es satt und legte sich auf den Rücken. Der Boden war stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen nur wenige grosse Bäume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein grosses Stück Himmel. Es hing nur ein einziges Wölkchen da oben, wie vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum. 6. Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschränkt, und starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Röckchen von Schullehrers Christine. Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pflücken würde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus dem die Fünfzehnjährige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren, schwarzen Zöpfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch, kernig, gesund. Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das hübsche Ding leiden. Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie mit etwas onkelhafter Güte behandelte. Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in später Abendstunde neben ihm vor der Haustür stand, ein Gewitter hatte sie länger wach gehalten, da hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschämte wortkarge Gegenrede gewusst. Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt hätte er sie zeichnen können, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Röckchen mit dem verschämten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Füsse in den Holzpantoffeln, die grauen, groben Strümpfe um die vollen festen Waden. Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht mal darüber. Nur ein flüchtiges Lächeln, ein leises vergnügtes Schmunzeln ging über sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um besser sehen zu können, nickte er wie zur Bestätigung eines unausgesprochenen Gedankens. Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren gepflückt haben, sie standen überall reichlich, freilich nirgend so wie hier. Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pflücken. Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten. Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten über die Schulter zurück. Immer, wenn sie sich tiefer bückte, fiel wieder eine nach vorne. Zuletzt liess sie sie hängen, wie sie wollten. Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr würde und einen Schrecken bekäme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Kleine suchte gründlich Busch für Busch ab und entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr aus und klatschte laut in die Hände. Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht ängstlich. Sie war augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine Furcht. Wenn nun ein andrer hier läge? Sie war doch schon in dem Alter. Und dann gingen ihm flüchtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm. Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins Gesicht. "Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte aber vergnügt über den Spass und kam gleich zu ihm hin. "Sehen Sie mal, so viele." Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefüllten Topf hin. Er fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das Gefäss zurückzog. "Die gehn ja alle kaputt," schalt sie. Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den Topf bequem, leicht schüttelnd, dass ihm die losen Beeren in die geöffneten Hände rollten. "Noch'n paar," drängte sie, aber er wollte nicht mehr. "Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er. Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschämt an. Aber sie lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust hätte. Er rückte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genügte. Sie setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute wäre, und ob er schon lange hier läge, und ob er über den Fuchsberg gekommen wäre oder am Lohteich längs. Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwähnung des Lohteichs brachte ihn wieder davon ab und auf den alten Mumm. "Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm für eine Mordgeschichte?" "Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie. "Der hat seine Braut ermordet, was?" "Ja, die eine." "Die eine?" fragte er. Er musste lachen. "Hat er denn mehr gehabt?" Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der Sache wegen. "Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er. "Etwas weiter längs." Sie zeigte mit der Hand nach links: "Im Schreiberholz; wissen Sie?" Er wusste. "Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie. "Wenn er es getan hat." "Möchten Sie das wohl sehen?" "Möchtest du das?" Sie besann sich einen Augenblick, während ihre Augen sich vergrösserten. "Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Lügen. Er merkte es wohl. Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste. Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine Unterhaltung für sie? Er wälzte sich mit einer Schwenkung näher und lag jetzt auf dem Bauche, die Ellenbogen aufgestützt und, die Hände gefaltet. Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schürze, und er machte sie darauf aufmerksam. Sie verzog den Mund etwas. "Das macht nichts." "Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's." Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe. Sie bog sich zurück und schlug nach seiner Hand. "Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie es nicht dulden wollte, fing er ihre Hände ein, hielt sie mit einer Hand umklammert, richtete sich halb auf und berührte etwas unsanft mit dem Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange. Sie kreischte auf und rang mit ihm. "Du Racker." Er hatte wirklich Mühe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf einmal riss er sie fest an sich und küsste sie. Sie schrie auf und schnellte zurück, als er sie los liess. Sie war mehr erschrocken als gekränkt, und sah mit einem etwas dümmlichen Lachen auf ihre Schürze. Ihre Schulmädchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst lächerlich. Wie kam er dazu, dieses Kind zu küssen. Er fühlte das Bedürfnis, sich vor sich selbst zu entschuldigen. "Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend. "Wofür?" fragte sie patzig. "Für das Naschen." "Ach Sie!" Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem Schürzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den Fruchtflecken auf ihrer Backe. "Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflück auch fleissig." "Wollen Sie schon gehen?" Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen hätte, wenn er noch bei ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging. Verdutzt sah sie ihm nach. Enttäuschung malte sich auf dem hübschen Kindergesicht, Unmut und Übellaunigkeit. Und die Spitze des rechten Daumens zwischen die festen weissen Zähne geklemmt, stand sie noch eine ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung, wo er verschwand. 7. Mutter Petersen stand vor der Haustür und trieb Randers mit Händeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspätet, sie warteten schon auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch. Während des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren Form geworden. "Liebster Jesu! sei unser Gast Und segne, was du bescheret hast Amen!" Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart. Später war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm würdelos, unanständig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte. Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige Tage lang, als sie hier alle die Köpfe senkten und andachtsvoll auf die gefalteten Hände in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Löffel in die Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfältig. Er tauchte in diese einfältige Frömmigkeit mit unter, es kam ein Gefühl des Geborgenseins und des Vertrauens über ihn, wie im Elternhaus, und er empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe marionettenhafte stumme Beten. Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach, still, fast demütig. Es lag eine gewisse Würde in seinem Tun. Aber Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmässig, im Paradeschritt vor ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum Löffel, während ihr Eheherr auch darin eine gemessene Würde bewahrte, langsam, zögernd nach dem Löffel langte, als schäme er sich, Profanes und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln. Christine machte es nach Kinderart, gründlich, als sagte sie alle Gebete her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem zum andern, und nie hörte sie vor den Eltern zu beten auf. Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller. Randers wusste warum. "Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses Gänschen da küssen." Er schämte sich. Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hörend und das Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Hände, das Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkündete und die Säumigen von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den dumpfen Zustand zwischen Wachen und Träumen zurück, bis er sich gewaltsam aufraffte und die Müdigkeit abschüttelte. Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen: Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen, Steht mir vor Augen einer Laube Blühen, Und vor dem Tische unter goldnen Haaren Seh flutentief ein Auge ich erglühen. Was trieb es mich, mit Glück und Stern zu sparen Und mich zu weihen törichtem Bemühen? Nun schüre ich in Aschen, die vor Jahren Geglüht, und seh sie in die Winde sprühen. Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfälle über Kunst und Literatur, Schuldenberechnungen, Wäschenotizen, und allerlei gleichgültige Aufzeichnungen für den Tag. Manchmal war ein kräftiges Urteil quer darüber geschrieben, wie: Unsinn! Blödsinn! Gewäsch! Randers hatte eigentlich Notizen für Gerd Gerdsen machen wollen an diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte es nun lieber bis morgen lassen. Es träumte sich so nett hier. Vom SchülhauseSchulhauselangen abgerissene Töne eines Kirchenliedes, helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers. 8. Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel und das Fürstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es her, eine schwarze Wand, die sich gleichmässig vorschob. Eben hatte noch die Sonne hinter dem Fürstenberg ein rotes Feuer angezündet, und jetzt war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt rührte sich. Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zögernd, schwer auffallend, gleichsam versuchsweise. Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer seine beiden Kühe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren Holzpflöcke schleiften über den Kies des Gartens. Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die Holunderbüsche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die Fensterflügel rüttelten in den Angeln und eine Tür schlug zu. Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen, und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom Gesimse. Drüben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her. "Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stürzten aufs Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hörte ihr Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsgürtel. Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitän auf der Brücke. Der ist blass bis unter die Mütze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem Geländer der Kommandobrücke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit heftigen, überredenden Gebärden. Er schüttelt den Kopf, er will nicht weichen. Nicht vom Platz! "Der Held! Der Held der!" Randers rief es ganz laut. Er glühte vor Aufregung. Könnte er da oben stehen. Sein Leben dafür! Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind, und hinein in den brüllenden, schäumenden, herrlichen Mannestod. Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in die Blitze und auf die sturmgepeitschten Bäume, als Mutter Petersen ins Zimmer stürzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schönfelde gegangen, um etwas vom Krämer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem Unwetter unterwegs. "So'n Gör is ja zu dumm!" Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen wollte das nicht dulden. "Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!" Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen Schirm mitnehmen wolle. Aber er hörte nicht, er lief nur immer darauf los. Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich hinausgelaufen? Er atmete in tiefen Zügen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen. Welch ein, Ächzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter Lustgefühl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gälte es ein Unglück zu verhüten. Er stürmte nur immer gerade aus und dachte nichts anderes als: wie köstlich, wie ganz köstlich! Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebüsch geflüchtet. Sie hatte den roten Rock von hinten über den Kopf genommen, und vorne aufgehoben und ihre Krämerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen zu schützen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen Wollunterröckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der künstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt. Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte. "Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja ganz nass!" "Ich will dich holen, sie ängstigen sich schon um dich." "Was 'n Unsinn!" Er stand neben ihr, triefend. Was nun? Er hätte doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah nicht aus, als ob sie sich fürchtete. Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein. "Wir können hier doch nicht stehen bleiben," meinte er. "Aber es regnet ja noch so." Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen könnte; sie reichte ihm gerade bis zur Achselhöhle. Das kam ihm so lustig vor. Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu hatte. Das sah er ihr an. "Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen Arm." Sie wehrte auch nicht länger ab, sondern lachte herzlich über diesen Spass. "Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemüht, mit ihm Takt zu halten. Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schön die Blitze seien, und wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat gewiss eingeschlagen. Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der stürmischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fühlte jede Bewegung des jungen, lebenswarmen Körpers. Eine keusche Zärtlichkeit überkam ihn. Er war jetzt ihr Beschützer. "Geht's so? Gehst du auch trocken?" "Wunderschön!" Er führte sie vorsichtig um jede Pfütze herum, so dass sie über seine ängstliche Vorsorge lachte. "Ich hab doch schon nasse Füsse." "Das geht aber nicht." "Das macht mir nichts." Ihr hübsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus. "Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?" Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte? So brachte er sie leidlich trocken nach Haus. Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen und die kühle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer Hessen. Ihm war sonderbar schwül zu Mute. Als er endlich einschlief, ängsteten ihn wirre Träume. Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verrücktwerden! Er schlägt danach, er stürzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie lächelt, er würgt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose Angst. Und dann ist es nicht Christine, die er gewürgt hat, sondern die graue Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die Puppe seiner Schwester. Und dazu blitzt es unaufhörlich. Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er müsse jetzt nach oben kommen, es wäre höchste Zeit, das Schiff würde gleich sinken. Und er stürzt nach oben, stösst die Knie an den harten messingbeschlagenen Stufen der schmalen Kajütentreppe. Und oben steht der Kapitän auf der Kommandobrücke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt immer mit hastigen Stössen nach seinen Händen. Randers sieht seine Hände an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun stecken sie dich ein. Und das alte blöde Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an. Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will fliehen und kann nicht. Jemand hält seine Beine umklammert. In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf derselben Stelle über dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange geschlafen haben, keine Viertelstunde. Diese wüsten Träume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte! Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er dabei empfunden, als er diesen weissen Hals würgte, dass diese dummen, glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Höhlen traten. Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Können Träume etwas in uns hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus? War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum auslöste? Auslöste? Also mussten Mordgelüste in ihm verborgen sein! Er meinte nicht auslösen, er meinte es anders. Es war natürlich nichts als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und so intensiv wie kaum je beim Wachen. Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelüste in uns. Und er glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Möglichkeit, wenn auch noch nicht das Motiv. Und er lag und grübelte weiter nach, verbohrte sich hartnäckig darin. Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu rätselhaft vor. Oder konnte Liebe in plötzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein ganz bestimmtes Gefühl bejahte das in ihm. Aber die Fäden bloss legen, wie sich das zusammenspinnt. Die allmählichen Übergänge. Es geschieht da nichts sprungweise. Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen! Er schlief zuletzt wieder ein über diese Grübeleien. 9. Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse standen grosse Pfützen, und im Garten, gerade vor der Haustür, hatte sich ein kleiner See gebildet. Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn übers Wasser lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass sie das Kommen der Mutter nicht hörte. Auf einmal hatte sie eine kräftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als hätte er sie selbst bekommen. "Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!" Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurück. Dann hörte er Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel. Wie konnte man ein so grosses Mädchen noch schlagen. Er war erbost darüber. Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Ärger. Christine nahm nicht teil am Frühstück, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Küche. Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschürzt, mit blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen. Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen glühten. Sie grüsste ihn sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit. Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den Schlag empfangen hätte. Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er. Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschämt dastand. Und er empfand gar nichts für sie. Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf lag über dem Lehrersacker, über der Waldwiese, die mit einem Zipfel den Landweg berührte, und über der feuchten, schwarzen Gartenerde, den Reseda-, Astern- und Stiefmütterchenbeeten. 10. (Tagebuchblätter.) Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine schnurrige Idee. * * * * * Mit Petersen beim Lehrer in Süssen gewesen. Unterwegs der jungen Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider nur ihren Rücken. Wer auch so fahren könnte! In Süssen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich hübsche Frau, sauber, appetitlich. War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein gutmütiger Riese. Streit über das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren dafür. Der Süssener war für die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jägerlied. Der Koloss polterte dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist ein Stück ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht mehr gelten? "Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich vörschriewen, wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich rögen. Dat is min Religion. Wat wär dat för'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr mal ännert warden künnt! Häw ik recht?" Ich hatte den Mann lieb in seinem beschränkten Eifer. Ja, daran soll man nicht rühren, oder es fällt alles zusammen. So was muss alt sein, ehrwürdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch müssen auch äusserlich alt sein, abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesättigt mit dem Parfüm von Familien- und Krankenstuben. * * * * * Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionär? Adel und Kirche. Obgleich ich im tiefsten Grunde (lüge nicht, Randers!) an diese frommen Dinge nicht glaube. Aber man ist heute so hübsch isoliert damit, so hübsch in der Minorität. Und Minorität ist vornehm, ist aristokratisch. Majorität ist der Pöbel. Ich könnte aus Opposition gegen den Pöbel in das letzte Kloster gehen. In andern Zeiten würde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus Opposition, aus angeborenem Bedürfnis, mich von der Masse abzusondern, aus aristokratischen Instinkten. Ich könnte Demokrat werden aus Aristokratismus. Unsinn! Na! * * * * * Heute Nacht von Berta geträumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anständig und so rührend in ihrem tapfern Kampf. Eine junge, hübsche Direktrice mit kärglichem Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss, was das sagen will. Und sie war in einem jüdischen Geschäft angestellt. Nicht, dass sie jemals geklagt hätte. Im Gegenteil. Aber ich habe nun mal diese Animosität gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus. Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefühle für das Weib "an den Mann zu bringen" suchte. Sie hatte sogar Mässigkeitseinfluss auf mich. Es war meine Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten. Es wäre ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles Hinsiechen der Liebe. Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter, eine vornehme Seele. Eine Aristokratin! Dieses Denkmal hast du verdient, Berta! * * * * * Wie wohl fühl ich mich allmählich in diesen einfachen Verhältnissen hier, und täglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um den Hals lag und schnürte und schnürte. Es ist die ganze widerliche Lüge jenes Lebens und Treibens. Hier ist alles auf Wahrheit gegründet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und der Zweck ehrwürdig, weil notwendig und natürlich. Hier hat jeder noch ein Verhältnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der Kaufmann, der Krämer, für ein Verhältnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm lieber als die gute. Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stück seines Ichs hingibt, des erhaltenen Lohnes würdig! Da hängt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre. Und hier der Bauer! Welche Tüchtigkeit, welche Natürlichkeit, welche innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit! Und dann sind hier keine Juden. Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort. Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivität. Wäre Gott ein Jude, wäre die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein göttlicher Witz! Widerspruch in sich. * * * * * Ihr verdreht dem Volk nur die Köpfe. Bildung in die Menge bringen! Eure Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist dünkelhaft. Und sind wir nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Überall, in Literatur Kunst, Gesellschaft? Jeder schwätzt über jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen, Bewunderung, Freude? Alles, das Höchste und Grösste wird auf das Allerweltsniveau von Müller und Schultze herabgeschwätzt, und der Ladenjüngling spricht von Darwin und Ibsen mit derselben Zungengeläufigkeit wie von der neuesten Mode und dem grossen Preis von Hamburg. Wie kocht es in mir, hör ich so ein Dämchen über die neueste Richtung räsonieren, oder so einen Krämerkommis über die moderne Malerei. Rede einmal so dumm weg über ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstrümpfe, gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst, ihr Geschäftchen schädigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf, sein Brot. Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!" Es gibt überhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser, Halbwisser und--Alleswisser natürlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete. * * * * * Gestern rote Grütze, heute rote Grütze, morgen rote Grütze, rote Grütze in alle Ewigkeit. Amen! Das Leben geht hier seinen höllisch gleichmässigen Gang. * * * * * "Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man för't Füer wohren und sik man in acht nähmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr to weten. All könt wie doch nich klook waren." Hest recht, oll Jürs. Wat schall all dat Lihren. * * * * * Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen. "Das v--v--verdirbt die Kinder nur." Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnügen daran, wie sie sich balgten, übereinanderkollerten, Buben und Mädel im Staub der Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen. Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die Dorfjugend. Köstlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr! Müssen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Süssigkeiten aus dem Schmutz klauben? Und die grösste Süssigkeit (?), die Liebe, ist sie nicht eine Sumpfpflanze?-- Gott muss keinen Ekel kennen. * * * * * Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fürstenberg. Aber zum Teufel, ich will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstürme und jede Art Kletterei, um möglichst viel auf einmal zu sehen. Wenn es noch ein Leuchtturm wäre. Oder meine alte Pappel zu Hause. Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige. Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Vögel gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und wieder Wald und Feld, Kühe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von einem Knick zum andern. Und das ganze läuft nur darauf hinaus, dass man so weit sehen kann, so weit, bis nach Lübeck hin. Und dann die Herzen und Pfeile, und die Müllers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein Fremdenbuch mit albernen Versen. * * * * * Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darüber geht doch nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefühl, Einsgefühl mit der Natur! * * * * * Diese dumme Küsserei! Es kam so über mich. Und so tolpatschig, wie nur ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der Zärtlichkeit. Mancher küsst im Vorbeigehen jedes Mädel, das ihm gerade gefällt, und sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so naiv, harmlos, wie Blumenpflücken. Bei mir wird immer eine Haupt- und Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfällig, nicht leichtherzig, nicht leichtsinnig genug. Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der Missdeutung. Hätte ich übrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm. * * * * * Ich kann übrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine etwas umständliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur wählt sonst kürzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen. * * * * * Heute Nacht wieder diese wüsten Träume. Es rührt doch daher. Naturam expellas furca ... Ich habe zu lange gefastet! Übrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie keinem andern mehr gönnen. Es war genug, dass er mit der andern unglücklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines anderen zu wissen, eines Glücklicheren, das ging über sein Vermögen. Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir zahmen, moralischen Schwächlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur einen Tropfen Blutes vergiessen. O, nur einmal einer solchen Leidenschaft fähig sein: Aber das wird uns nur einmal im Traum beschert. Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich für immer abgewürgt. Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust. Armer Mumm! Man muss den Gespenstern nur über den Hals kommen, allen Arten Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Sägespänen ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie. * * * * * Übrigens zur Notiz für Gerdsen: Ich sah bei einem Übergang über einen schmalen Wassergraben eine Dame auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne mich zu bemerken. Es war ein trüber, nebliger Novembernachmittag. Das Bild prägte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem Zustand, oder in Traumstimmung, zur Dämmerzeit sah ich sie manchmal vor mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art Gräberliebe, Gruselliebe. Sie hatte mich übrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder da. Ob sie nun tot ist? 11. Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm. Der Waldhüter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues hatte, bewahrte die Schlüssel. Der Mann stand vor der Tür und klopfte einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefährtin und schnupperte, als wünsche er an den Liebkosungen teilzunehmen. "Der Graf ist oben," sagte Petersen. "Darf man denn hinauf?" fragte Randers. "Ei gewiss!" Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der Damensattel auf der Stute kündigte auch die Anwesenheit der Komtesse an. Randers nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an, knöpfte seinen Rock zu und rückte nervös an seinem Kneifer. "Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er. "Liebenswürdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--mütig," sagte Petersen. Oben trafen sie einen Herrn von ungefähr fünfzig Jahren, in leichtem hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die Landschaft und wandte sich nur lässig, kaum das Glas von den Augen absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform betraten. "Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten Blicken. Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel! Die letzte kuppelartige Krönung des Turmes, zugleich die Bedachung der Treppe, überragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse verdecken. Oder war sie überhaupt nicht mit hinaufgestiegen? Der Lehrer trat mit einem tiefen Bückling an den Grafen heran. "Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute." Er kam ohne Anstoss über die Anrede hinweg. "Ah, Sie sind es, mein Lieber." Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte Verbeugung. "Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft." "Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen zuzustimmen. "Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich gegen den Grafen. "Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als hätte er ein wichtiges Versäumnis gut zu machen. "Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehört zu haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?" "Sehr schön, sehr schön," fuhr er mit einer gewissen, gleichgültigen Lebhaftigkeit fort. "Wie gefällt es Ihnen bei uns? Schönes fruchtbares Land." Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den Horizont ab. Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers; so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe, immer reserviert. Aber wo blieb denn die Dame? Er blickte sich beständig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst. Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung. Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird sie schon zum Vorschein kommen. Aber Petersen zupfte ihn am Arm. "Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?" "Ja," sagte Randers, sah aber nichts. "Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad über meinen Stock." "Ja, ja, ich sehe," log Randers. Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch einen Damensattel. "Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Mädchenstimme. Eine schlanke Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt. "Die Komtesse," belehrte Petersen. Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen. Was hatte dieses Mädchen für eine Stimme! Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen, aber durch Randers gestört, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein flüchtiger, musternder Blick. Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an. Wirst du mich vorstellen? Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt zurück: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei. Er musste wirklich vorübergehen, musste wieder um den Turm herumgehen und sich von Petersen die Lübecker Türme zeigen lassen. Nicht ein Wort war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung hätte anknüpfen können. Da er dem Grafen vorgestellt war, hätte er es ungezwungen wagen dürfen. Aber was sollte er diesen Augen gegenüber sagen? Augen, die zu dieser Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein norwegisches Berglied. "Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu Petersen. Der Lehrer sah ihn verständnislos an und lächelte: "Norwegische Augen?" "Ja, Fjordaugen," erklärte Randers. In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und der norwegischen Stimme an ihnen vorüber. Der Graf folgte und nickte, seinen Hut lüftend, freundlich Abschied. Und Randers hörte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen hinabrauschen, hörte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle, riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo Steine liegen. Randers stand, weit über die Brüstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur, da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grünen Zelt leuchten zwei schöne, tiefe klare Augen. Fjordaugen! Aber vier schnelle Füsse führen sie in die Ferne. Dort hinten, weit hinten, hinter den Hügeln lag Rixdorf. Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grüngoldigen Leuchten darüber. Fjordaugen! Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Füssen liegt das Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Möwenschwinge zuckt hell darüber hin. Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht! Ein märchenhaftes Grauen überfällt ihn. Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Höhe, unergründlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gäbe es keine Stürme. Und jetzt plötzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied. Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klänge, tief und feierlich wie das ruhige Meer. "Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen. Randers schreckte auf. "Ja, ja," sagte er hastig. Unten musste Randers durchaus etwas trinken. Er hatte Durst. Der Waldhüter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur Schnaps und Bier. Randers bestellte beides, für drei Personen. Sie stiessen an. Randers trank hastig. "Sünd woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhüter. "Ne, dat is't erste Mal in düssen Sommer. Süss kömen se öfter mal." "Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers. "Anderthalb Stunden," sagte Petersen. "Zu Pferde?" "Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhüter. Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm Bescheid tun. Nach dem dritten Glas sagte er: "Verdammt hübsches Frauenzimmer! Noch jung, was?" "Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhüter den Lehrer. "So negentein, twintig." "Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all." "Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt. "Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schäumende Glas prüfend gegen das Licht haltend. "Vornehm, souverän, aristokratisch." Er nahm eine hochmütige Miene an und näselte wie ein Gardeleutnant. "Äh, ich lach auf die Welt!" Der Waldhüter sah ihn belustigt an: Wat büst du för een? "Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers. "Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her." "Ja, es hat was f--f--f--für sich," stotterte Petersen. Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhüter sah ihn an, wie einen, dem nicht zu trauen ist. "Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend, "hab ich nicht recht?" "Ach wat," brummte der Waldhüter ärgerlich. "So'n Lüe möten sin, un anner Lüe möten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek." "Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber eine Sache für sich." "Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der Lehrer ins Mittel. "Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bün man 'n schlichten eenfachen Kirl, dat heet, min Geschäft häw ik ook liert, da kann mi nüms nich watt in seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Lüe--na ja, du versteihst mi, Petersen." Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte an ihm herum. "Zweimalhundertausend Mark jährlich zu verzehren," stiess er nach einer Pause heraus. "So viel muss man haben, um anständig leben zu können." Nun lachte der Waldhüter aus vollem Hals. "Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de Botter dorbi to hebben." Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort zu kommen. "Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit. Als aber das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an: "Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!" * * * * * Zweites Buch 1. Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehörte zu Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fünf Minuten von einander entfernt. Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tagelöhnerkaten. In Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte sich gesträubt. Aber Randers hatte ihn überredet, mit Worten und mit Geld. Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was wollte er hier bei ihnen? Seeluft geniessen und baden, sagte Randers. Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfälschte Seeluft. Baden müsse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren gäbe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche. Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Bäder da, längs der ganzen Küste. Von Rosenhagen führte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene Ufer, schlängelte sich eine Strecke daran hin und führte dann allmählich zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er machte gewöhnlich den Umweg über Rixdorf, ging durch den Park, wozu er sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das grosse, zum Schlossgut gehörende Roggenfeld bis zum kleinen Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhöhe erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab. Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich eine schöne, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, höchstens in der Ferne ein weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er, die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbäder. Und dies reine absolute Naturgefühl, sich so den spielenden Wellen überlassen zu können, Welle mit den Wellen sein, oder der stählende Kampf mit ihnen. Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses frühe Morgenbad, wenn die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte. Tagsüber ging er viel spazieren, gewöhnlich in der Richtung durch den Rixdorfer Park. Der Weg war so viel hübscher als nach der Rosenhagener Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen! "Uns Fräulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das berührte ihn so patriarchalisch. Abends sass Randers mit den Tagelöhnern im Krug. Er hatte gleich in den ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und hatte sein Vergnügen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig, dass es mit ihm nicht ganz richtig sein könne. "He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand hätt he ja. Aber wat will he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht hochmütig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein Zehnpfennigstück für die Kinder übrig. Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen? Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen konnte. Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides im Park gesehen, sie über breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll begrüsst und hatte einen verwunderten Gruss zurückerhalten. Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den Kätnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus; ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus. Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie eine Windmühle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte er vorwärts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem alten dänischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermüdlich und mit einer tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren, ingrimmigen Brüllen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er Kopfschmerzen. Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er musste doch vorsichtig sein. Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte während der Zeit Fides zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er hielt es jetzt an der Zeit und für seine Pflicht, seinen Besuch im Schloss zu machen. Was müssen sie denken, dass du dich hier längere Zeit aufhältst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park betreten zu dürfen, und es nicht einmal für der Mühe wert hältst, deine Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal vorgestellt. Man wird dich für einen Flegel halten. Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm ihn deshalb in die Hand. Sein wichtiges Vorhaben prägte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die Frauen in den Katentüren sahen ihm länger nach als sonst, die Kinder hörten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit für sie. Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen Gespräch, mit einer häufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase. Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmädchen auf der Koppel. Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen. Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefühl, als ob er sie geniere. 2. Randers an Gerdsen. Dank für Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Nächstens davon. Feudales Weib! Hocharistokratisch, Dänenblut! Die ganze Familie _hocharistokratisch_, immens reich. Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Dänemark verzweigt. Es ist nichts mit den Direktricen. Überhaupt alle anderen Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von Geschlechtern her. Augen wie ein Märchen. Nordseeaugen! Das macht das Dänische. Herrgott, was für ein betrunkener Brief! Nächstens mehr von Ihrem R. 3. Gerd Gerdsen an Randers. Liebster Doktor! Hat Ihr Dämon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin geführt? Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne. Sie führen doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel für ihn, ein Kuriositätenkabinett für den Leser und eine Kurzweil für seinen Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine Psychologie allein reicht Ihnen gegenüber nicht aus, Sie müssen mir helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions? Übrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch unseres Gesprächs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel über Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen für den unglücklichen Autokraten, und nicht nur für den Gemahl der dänischen Dagmar. Wie einträchtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie einträchtig stand dieses Bild neben dem Porträt der--Dolgorucki! Sie _müssen_ einen Tropfen Dänenblut in Ihren Adern beherbergen und auch einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern delektiert haben. Dänischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenüber sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen auf die Knute. Das heisst, Sie würden vor der Anwendung zurückschrecken, aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es nötig wäre, und sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen. Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Fäden, die ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe daraus. Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu einem Kirgisen oder Tataren. Mit der Liebe, die der Gelehrte für den Schmetterling hat, den er für seine Sammlung aufspiesst, bin ich Ihr getreuer Gerd Gerdsen. 4. Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatür. Draussen band der Gärtner einen Zweig prächtiger Maréchal Niel, der sich unter der Last der Blüten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die in den Garten hinabführte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die Brust und gurrten. Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein, machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt. Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen Ringel- und Kräusellöckchen über der Stirne sahen ganz goldig aus. Und die bunte Seide in ihrem Körbchen, die fast vollendete Stickerei im Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen. Der süsse Duft der Rosen drang durch die offene Tür und erfüllte den ganzen Raum, bis zu Randers, der am Flügel sass und phantasierte. Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken bändigen, sass er da; die Hände waren in rastloser Bewegung, eine eigenartige, steigende Bewegung, storchartig. Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, glühenden Flüssigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in wirren Selbstgesprächen verzehrte. Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen übergegangen, dann hatte sie leise gelächelt. Ihr verwöhntes, geschultes Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber ermüdete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden, schlüpfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmässige Forte heftiger, böser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen, tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stören, ihn nicht kränken. Es war das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Flügel gesetzt hatte und seine Versicherung, er könne nicht spielen, Lügen strafte. Er hatte sich bisher immer nur begnügt, ihr zuzuhören, im Schaukelstuhl liegend, die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich gegen die Aussenwelt absperrend. Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat in die Veranda hinaus. Sofort hörte er auf. Er hatte ihren Schatten durchs Zimmer gleiten sehen. Er fühlte es, dass sie ging, fühlte es körperlich. Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter sich hörte. Sie wandte sich um, mit lächelndem, fragenden Blick. "Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequält mit meinem Unsinn." "Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmütig, etwas verlegen. "Nicht der Rede wert, gnädigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht." "In alle Tiefen," scherzte sie. Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog einen vollen Zweig zu sich herab und sog den süssen Duft ein. Die Zweige schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit üppigen gelben Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden Scheitels, das in der Sonne einen rötlichen Glanz annahm und ihn an das Familienporträt im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond, derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte. Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges war in den Zügen der dänischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter schenkte und starb. In dieser schlanken Mädchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzückend sah sie in dem leichten, hellblauen Kleid aus. Der Ärmel war leicht zurückgefallen, als sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei aller Fülle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz. Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang machen wollten. Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zögerte drinnen einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den Blicken. In der Veranda fand er seine Mütze, eine schon etwas mitgenommene, einst weisse Strandmütze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm Kinn, obgleich das schönste Wetter war und nur ein ganz schwaches Lüftchen wehte. "Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich finde es hässlich." "O," sagte er leicht errötend. "Mögen Sie es nicht? Ich finde, es sieht so--männlich aus." Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck. Sie lachte. "Was ist denn da männliches dabei?" "Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklärte er. "Bei den Kapitänen und nachher bei den Militärs. Ich denke dabei immer an einen Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als sässe nun mit der Mütze auch der Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!" Sie lachte wieder. "Fürchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm." "Aber es weht ja gar nicht." "Das macht ja nichts." "Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht." "So dürfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich getroffen fühlte. Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm das Band unters Kinn gezogen hatte. "Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so kleinen Äusserlichkeiten Luft. Der unterdrückte Seemann in mir." Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemännisches, wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das Pincenez! Aber er erzählte ihr, dass es sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur See zu gehen, Kapitän zu werden, aber dass ihn die Umstände, vor allem seine Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedrängt hätten. "Ein bebrillter Seemann, wie lächerlich!" rief er aus. Aber dann entwarf er ein glänzendes Bild von dem Leben eines Seemannes, von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte sich an seinen grossen Worten. "Sie, als Aristokratin, müssen mir das nachempfinden können, Komtesse," eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des Kapitäns." Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hörte aus dem Klang seiner Stimme den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht. Er hatte das Sturmband nicht gelöst. Sie freute sich darüber. Er war wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden Kritik wegblasen. Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen, geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Mützenschirm beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass er doch männlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobrücke denken, den Südwester auf, oder die goldbordierte Mütze des Kommandeurs, natürlich mit dem Sturmband unterm Kinn. Aber was daran so aristokratisch wäre, fragte sie. "Vor allem die Exklusivität seiner Stellung, seine absolute Souveränität. Er ist Herr über Leben und Tod. Alle Verantwortung trägt er allein. Welch ein Gefühl für einen Mann! Welch ein Kraft- und Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht das Meer, er fürchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf, wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Männlichkeit, in seiner Grösse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!" Sie lächelte über seinen Eifer, aber sie hörte ihm aufmerksam zu und streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick. Aber er hatte ihr Lächeln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und gutmütig. Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er wollte es von ihr bestätigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen das so wunderhübsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind." Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel leuchtete. Ein Paar Möwen kreisten bis übers Feld. Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Ähre nach der andern und zerpflückte sie. Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee. "Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Dünen, oder oben in den norwegischen Schären?" "Was Sie für Einfälle haben. Warum gerade ein Blockhaus?" "Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in grauer Wildnis. Aber innen muss es natürlich behaglich sein." "Kienruss und Tran, und gedörrte Fische an den Wänden," spottete sie. Er lachte. "Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable. Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen Chopin." "Ich?" "Ja, wäre das nicht schön? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die Natur. Musik, Bücher--" "Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn. "Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergänge in den Dünen, am Abendstrand." "Und wenn wir heimkommen, schälen wir gemeinschaftlich Kartoffel, rösten einen Seehund am Spiess und kochen Tee." "Sie spotten wieder." Er war wirklich etwas gereizt. Sie lachte hell heraus. "Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Nötigste denke. Sie wären imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen." "Die soll ja auch da sein." "Dann hört sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments. Ja, ich will es mir doch überlegen. Es wäre mal etwas anderes. Am Ende fänden sich noch welche, die sich anschlössen." "Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur zu zweien." "Nur wir beide?" Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm! 5. Randers überlegte, ob es nicht besser wäre, er reiste ab. Wollte er warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er sie doch nicht. Er würde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher wäre, keinen Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz besonderen Ansichten über Mesalliancen. Er hatte Grundsätze, die eine Ehe mit ihr ausschlossen. Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte. Vorläufig war das ja auch noch keine Liebe, nur ästhetisches Gefallen, Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen. Gestern, zwischen den Ähren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die graziöse Biegung des Halses--er hatte eine Ähre nach der andern gerupft und die Körner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdrücken. Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck. Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eröffnet werden, der Graf hatte ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut. "Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so plötzlich abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gründe. Da gab es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach Flucht aus, oder nach Gleichgültigkeit. Also noch ein paar Tage, ein paar Jagdtage. Dann aber weg von hier! Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in Grashof verloren. Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war es nicht Wahnsinn, sich ohne vernünftigen Grund in diesen Krug einzupferchen? 6. Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hörte es unterwegs von den Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot. Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so für das Segeln. Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat. Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte, unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz hübschen, braunen Augen und einem etwas groben und lebhaften Teint. "Sieht die gesund aus," dachte er. "Fräulein Krüger," stellte Fides vor. Also nichts Adeliges. Eine leise Enttäuschung. Das Fräulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus ihren Blicken: "Also das ist er?" "Ich habe Fräulein Krüger von Ihnen erzählt," sagte Fides gleich. Randers verbeugte sich. "Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das Fräulein. "Das nicht gerade." "Ich meinte das." Sie sah Fides fragend an. "Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er nicht anders sagen. "Ich reise überhaupt zu meiner Erholung oder Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist." "Der Herr Doktor schwärmt für die See," sagte Fides. "Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fräulein. Wie gewöhnlich sie sich ausdrückt, dachte Randers. Und ihre Stimme klingt wie eine verrostete Schiffsglocke. "Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnädiges Fräulein?" "Ja, haben Sie es gesehen?" "Ich hörte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?" "Mein Bruder." Beide Damen unterdrückten mühsam ein Lächeln. Er nannte sie Fräulein und fragte nach ihrem Herrn Gemahl. "Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde über und über rot. "Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein Kapitän an ihm verloren gegangen." War das Spott? Er lächelte etwas gezwungen. "Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke. "Wenn Sie erlauben, es würde mich sehr interessieren." "Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krüger?" fragte Fides. "Er würde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hört sie gerne loben." "Ja, das ist seine schwache Seite," bekräftigte das Fräulein. "Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus noch nicht entschlossen, aber es kam plötzlich über ihn, er musste es sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnähme. "So plötzlich?" rief Fides. Sie schien ernstlich überrascht. "Aber warum so schnell? Gefällt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte, Sie wollten die Jagd mitmachen?" "Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er. "Sehen Sie," rief sie triumphierend. Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl, selbst in der Gegenwart der Fremden. "Papa hat übrigens Ihr Wort," sagte Fides. "Dann freilich." Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den jungen Gutsbesitzer, einen grossen schönen Mann, schlank, muskulös, mit gutmütigem, wettergebräunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann. Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig Unschöne in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei prächtige Reihen weisser, fester Zähne. Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung: "Er kann ein Segeltau durchbeissen." "Was meinen Sie?" fragte Fides. Randers erschrak und wurde rot. Hatte er es denn laut gesagt? "Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann." Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte: "Was Sie für sonderbare Einfälle haben." Die Jacht war wirklich sehr hübsch. Sie war ganz weiss angestrichen, hatte eine kleine Kajüte an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe. "Ein hübscher Name," sagte Randers. "Es ist das schnellste Boot hier herum," erklärte Herr Krüger. "Es läuft seine zwölf bis dreizehn Meilen in der Stunde." Er sprach hauptsächlich zu Randers und schien ihn für einen grossen Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich nicht blossstellen wollte. Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er hätte es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand. Sie hatten beide gleiche Mützen auf, weisse Schirmmützen, und sie hatten beide das Sturmband unterm Kinn. Ob Fides darauf achtete? Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben hätte, er hätte sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See hinausgeträumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen. "Bis nach Grossenbrode." "Da hätten Sie ja gleich zu uns herüber kommen können," meinte Fräulein Krüger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?" "Nein." "Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit dem Boot zurück. Ich hole Sie auch ab." "Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen." Herr Krüger lachte gutmütig, halb geschmeichelt, halb bescheiden abweisend. "Lassen Sie gut sein, lieber Krüger. Alles was recht ist. Durchaus musterhaft," sagte der Graf. Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein hübscher Kerl. Was hat er für Zähne! Und obendrein hat er eine Jacht! Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zähne zu schieben. Was er wohl für ein Gesicht machen würde? Randers musste lachen. Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden. Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein Schiffstau zwischen die Zähne schieben würde. Er durfte ihn zuletzt gar nicht mehr ansehen. Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine Mustermenschen leiden. Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also überflüssig. Mochten sie unter sich bleiben! 7. Als die Jacht zwei Stunden später gegen den Wind weit in die See hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach. Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drückte. Wie ein Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht über die Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts. Wenn sie umschlüge? Ob sie schwimmen könnten? Bei diesem Wellengang würde es ihnen nichts nützen und in dieser Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es würde ihm nichts nützen, er würde hinunter müssen. "Dann kann er Fides nicht heiraten." Randers sagte das ganz laut. Er verfolgte jede Bewegung der Jacht. Jetzt legten sie um. "Brillant!" rief er und richtete sich halb auf. Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer zu. Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen Zähne. Lachte vielleicht über ihn, über eine Bemerkung der rostigen Schiffsglocke über ihn. Vielleicht sprachen sie auch über Fides. Sie waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz herüber. Übrigens kein übler Geschmack von dem jungen Mann. Aber zum Teufel! Was waren das für Gedanken? War er denn eifersüchtig? Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten? Und dann, wie lächerlich! Die schönen Zähne und die Musterwirtschaft machten den jungen Mann noch nicht ebenbürtig. Komtesse Fides Bruckner und Herr Krüger, Gutsbesitzer auf Fehmarn. Die Jacht lief jetzt wieder seewärts. Randers kletterte die steile Uferhöhe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht länger nachgaffen. "Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut. Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinüber, kletterte über ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig längs einer Weide, wo ein paar Kätnerkühe lagen und wiederkäuten. Wie dumm die Tiere glotzten. Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach. Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren. "Glückliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte Zufriedenheit." Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfüssiger Bengel, den das laute Sprechen anlockte. "Sind dat din Köh?" fragte Randers. "Nee." "Hört de to 'n Haf?" "Nee." "Wen hört se denn?" "Peemöller sin." "Wat deihst du hier denn?" Der Junge wandte sich verlegen ab. "Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?" Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg. Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstück und ging weiter. Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zögerte er. Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen den hohen Parkbäumen herüber. Er fühlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersüchtiges Verlangen, mit ihr über die Sassnitzer zu sprechen. Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage entschuldigt hätte. Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine Laube hinter dem Hause. Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Hühner kamen und bettelten. Sch, sch, jagte er sie. Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die Hälse und blinzelten ihn an. Aber er hatte nichts für sie übrig. Er kritzelte in sein Tagebuch. 8. Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune. Es war, als hätte ihm nur dieser Regen gefehlt. Der Himmel war gleichmässig bewölkt, alles Laub feucht und glänzend. Beständig tröpfelte es von den Bäumen, von den Hecken, hing in tausend blitzenden Perlen an den Gräsern, an den Ähren, die noch ungeschnitten auf den Feldern standen, und an den Ähren, die schon in Garben zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der Veranda tröpfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plätscherte aus der Traufe in die grosse Tonne. Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerückt, sass vornüber gebeugt, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche Regenmusik mit entzücktem Ohr. Er war ganz glücklich in einer sanften, zufriedenen, dankbaren Stimmung. Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte endlich die Einladung wenigstens für einen Tag angenommen und war dann doch für die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht. Er hatte sie halb am offenen Fenster verträumt, voll von den Gesprächen des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem Lichte ihrer Augen. Sie hatten über die Krügers gesprochen, über den Segelsport, und er war wieder in seine nautische Schwärmerei verfallen und war wieder auf seine Kapitänsaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen für die Geschlechter gegen die plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als sie selbst sein wolle? Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnäckig immer wieder auf den Geburtsadel zurück. "Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind die feinsten, höchsten Kräfte der Familie, des Stammes, der Rasse bis zur Blüte getrieben." "Bis zur Überkultur!" warf der Graf ironisch ein. Aber Randers liess sich nicht irre machen. "Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine höchsten Güter nicht preisgeben, seine Exklusivität bewahren. Da darf sich nichts eindrängen, was nicht hineingehört, nichts Fremdes, Zerstörendes, Nivellierendes." "Sie plaidieren für standesgemässe Verbindung," warf Fides etwas spöttisch ein. Ihr Spott kränkte und reizte ihn. "Ja," sagte er. "Auch bis zur letzten Konsequenz?" "Ja, wie so?" "Sie würden selbst unter keinen Umständen eine Aristokratin heiraten?" "Nein." Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus nicht mit lächerlichen Absichten und überhebenden Hoffnungen trug. Jetzt konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme einer norwegischen Hirtin. Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt. "Ich habe alle diese Zeit darüber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen, Komtesse." Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurück, um von den Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden. "Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?" "Sie waren nie in Norwegen?" "Nein." "Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen den Schären. Klar und blank, und blau, als läge der Himmel zu ihren Füssen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe, die wundersame, beängstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und über dieser Tiefe das goldige, grüngoldige Flimmern der Sonne, und in diesem Spiegel die Felsen, die Wälder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so sagen, wie es ist." "Und das alles finden Sie in meines Augen?" Sie lächelte und sie errötete. "Und in Ihrer Stimme," sagte er. "Das wird immer wunderlicher. Was Sie für Einfalle haben." Randers lachte. Sein gutmütiges, überlegenes Lachen. Dann nach einer Pause: "Ich habe einmal ähnliche Augen gesehen." Also doch, dachte Fides. "Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim." "Also Kirchenaugen," lachte sie. "Ja, Kirchenaugen." Der Ausdruck gefiel ihm. "Haben Sie die Dolgorucki gehört?" fragte er. "Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin? Nein, ich hatte nicht die Ehre." "Warum sprechen Sie so verächtlich von ihr?" "Nun, ich bitte!" Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen. "Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses stolze Sichhinwegsetzen über Familie und Gesellschaft, über alle Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?" "Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie. "Sie vergessen die Künstlerin." "Wenn es nur das wäre." "Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--" "Also." Eine lange Pause entstand. Er fühlte, dass sich das alles nicht so ganz mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte. "Sie vergessen die Künstlerin," wiederholte er. Sie lächelte über seine Hartnäckigkeit. "Und diese Künstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie. "Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu denken. Das heisst, nur wenn die Fürstin spielte. Dann war ein wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in diese Kirche, die ganz aus bläulichem Stein erbaut ist. Die blauen Pfeiler, die blaue Wölbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen." "Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht, Verse zu machen," sagte Fides. 9. Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kühl und windig, und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Flüchtlinge eines zersprengten Heeres. "Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche Befriedigung gewährt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so verzweifelt farblos, öde, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus unsern innern Farbtöpfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten Schleier darüber decken?" Fides sass am Flügel, die Hände in dem Schoss, mit dem Rücken gegen das Instrument. "Die Philosophie eines Träumers, die nur Traumfrüchte pflücken wird. Wie wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschlössern kann man doch nicht wohnen." "Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschlössern? Unser eigenstes, höchstes und feinstes Leben--" "Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitäten. Wünsche und Träume haben wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung." "Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?" "Dann resigniert man eben." "Oder begnügt sich mit dem Traum der Erfüllung." "Das versteh ich nicht." "Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen können Sie doch im Traum besitzen, in der Einbildung." "Um nachher doppelt enttäuscht zu werden?" Er zuckte die Achseln. "Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu können," sagte er. "Oder Eroberer." Er sah sie gross an. "Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?" "Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der Philosophie genügen lassen." "Also." Eine Pause, die sie mit ein paar Läufen ausfüllte. "Im Besitz liegt das Glück doch nicht," stiess er hervor. "Aber man will doch schliesslich besitzen." "Glück ist Sehnsucht, Erfüllung ist Tod." "Ist das von Ihnen?" "Wie so?" "Das klingt wie aus einem Gedicht." "Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf ihre Bemerkung nicht eingehend. "Sie meinen, die hört mit dem Besitz auf?" fragte sie. "Ja." "Sprechen Sie aus Erfahrung?" Sie lachte ein wenig spöttisch und überlegen, als wüsste sie das besser. Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten? "Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er. "Also doch." "Die Liebe kennt überhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen." "Also Streit um des Kaisers Bart." "Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den Totentanz." "Ihr ewiger Totentanz." Sie präludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung zum Tanz". Er schüttelte missbilligend den Kopf. Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene Verandatür und sah in den windbewegten Park hinaus. Ob sie es gemerkt hatte? Sie hielt mitten im Stück auf. "Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen." 10. Der nächste Tag war ein Sonntag. Ob er mit in die Kirche wolle? Ja. Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte, obgleich sie kein Wort darüber verlor. Sie musste ihn natürlich für einen Freigeist halten, für einen Religionsverächter. Darüber musste er sie doch gelegentlich aufklären. Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er wäre aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklärten" Leute, die an dem Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie hätten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und hinausexperimentiert? Den Weg zum Christentum freilich fände er wohl nicht wieder zurück. Aber das Göttliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genügte deshalb noch lange nicht für Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand bekommen, ein Seil, woran er sich längs tasten konnte. Und dieses Seil war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun gar ein Weib ohne Religion! Natürlich liebte er nicht die Betschwestern. Aber er hasste diese "aufgeklärten," wissenschaftlichen, bebrillten Blaustrümpfe. Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine festgegründete Überzeugung, nicht etwa eine augenblickliche, sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die Kirche besuchte. Er war durchaus unabhängig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im Kirchenstuhl sass, mit gleichmässiger, stiller Aufmerksamkeit der Predigt folgte und unbekümmert um seine Anwesenheit laut und innig die Choräle mitsang. Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schüchtern seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war ihm, als trüge sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als hätte sie ihn an der Hand gefasst, als fühlte er eine treue, sichere Hand, die ihn einen ruhigen, sonntäglich schönen Weg führte, dorthin, wo Friede war und Glück und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefühl der Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten, innigen Verse des alten Paul Fleming mit. Lass dich nur ja nichts dauern Mit Trauern! Sei stille! Wie Gott es fügt, So sei vergnügt, Mein Wille. Was willst du heute sorgen Auf morgen? Der Eine Steht allem für; Der gibt auch dir Das deine. Sei nur in allem Handeln Ohn Wandeln, Steh feste! Was Gott beschleusst, Das ist und heisst Das Beste. Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als hätte er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefühl der Zugehörigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester. Dies war der schönste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch während der ganzen Rückfahrt, und er hielt es zärtlich wie einen geliebten Gegenstand. Das war der schönste Tag! 11. Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all diesem trennen können? Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmöglichkeit! Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen Auseinandersetzungen über die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen würde. Er glaube dieses Weib in Fides gefunden zu haben, aber er dächte zu aristokratisch, um ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr zeige, würde er abreisen. Und Gerdsen schrieb: "Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich würde noch mehr Worte darüber verlieren, wenn mir irgendwie über den Ausgang Ihrer jetzigen kleinen 'Episode' bange wäre. Übrigens wissen Sie, dass ich Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen bürgerliche Auffrischung kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft zweifeln. "Ich wünsche Ihnen ein gesundes Verhältnis mit einem Bauernmädel. Ich würde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine ländliche, urbäuerliche Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten norwegischen Schären, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel nähme und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kräftigem Besen auskehrte. "Nichts für ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts nützt. Sie müssen nun so verbraucht werden." "Sie haben recht," schrieb Randers zurück, "Es ist alles Unsinn! Ich werde überhaupt nicht heiraten." 12. "Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen beschriebenen Blättern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu finden. "Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er. "Hier ist es." "Das da?" "Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es Ihnen gefallen wird." "Da bin ich doch auch neugierig." "Ich finde es übrigens gar nicht hübsch von Ihnen," setzte sie scherzend hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefällt Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen könnten." "Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schön bei Ihnen. Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas daraus werden." "Ich gönnte es Ihnen schon, damit Sie gründlich von Ihrer Romantik geheilt würden." Er lachte. Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren Stuhl zurück und hörte ihm zu. "Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes, in dem wilden Lister Dünengebirge." Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde Gesellen in die hellerleuchtete Hütte ein, und wir richten uns bei überfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein. Und ich bin der Herr im Hause! Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern Besuch. Eine Künstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer eigensten, inneren Natur. Der äusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur. Der Bechsteinsche Flügel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen Teppichen hörbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen. Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitäten sind verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger, Grieg vor allem, und dann Löwes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf" und "Edward". Wie das wohl über die Heide klingen wird: Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, Edward! Edward! Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer mehr verdichtet, bis sie wie zu einem höllischen Furientanze zusammenwächst. Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle gemäss sind. Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen, und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen Akkord. Der Sturmwind heult und rüttelt an den verschlossenen Läden. Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu beredt fast, so dass wir zu reden beginnen. Wie denken Sie über Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben mit Rosmer doch zur Liebe geführt! Ihre Lippen zucken verächtlich. Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie das Gefühl der Schuld, das Rosmer gegenüber auf ihr lastet! Von dem Gefühl der früheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, täuscht sie sich über sich selbst. Ein Glück, dass sie in den Mühlgraben gehen kann. Sonst würde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren! Und dann ginge sie auch in den Mühlgraben. Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige lange! Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen! Was sagen Sie zu Edele Lyhne? Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung nicht. Sie wissen, dass ich mir Anzüglichkeiten verbitte. Dass der Dichter schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe, die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafür kann nicht Edele, dafür kann nur der Dichter, nur die Männer, jämmerliche, sentimentale Schwächlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe! Und ihre Lippen begannen herbe und spöttisch zu lächeln. Und Sie wollen der Schönheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmütige Sentimentalitäten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Ärmster Sie! Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein. Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Düne herauf. Wir klimmen mit Mühe gegen den Sturmwind, um uns stieben schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der ungefügen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen empor; geisterhaft verschäumt die tobende Brandung. Ein verlorner Möwenschrei! Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fühle ihre Schulter an meiner Brust. Ihre Züge sind schöner als je, aber unbeweglich, und geisterhaft weiss wie Marmorstein! Und ihre Zähne pressen leise die Unterlippe. Weltverschollen, in engster Nähe, und doch klüfteweit getrennt! Und dann schreiten wir stumm hernieder. Und das Licht brennt noch lange bei mir, während das Dunkel schon stundenlang in ihrem Zimmer wob! Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und schneeweiss. Zwei Körbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fülle. Den andern Korb schicke ich ihr hinauf. Eine halbe Stunde später ist sie unten. Sie Böser, wie gut Sie sind. Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Hände. Wie gut Sie sind! Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmütterlichem Eifer. Sie spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefühl der Schuld bedrücke. Und schliesslich stützt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an! und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich auf der meinen. Und nun, Lieber, wollen wir hinaus! Ich habe übrigens noch eine Neuigkeit für Sie. Mein Freund kommt zu Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe. Sie schweigt! Nun, was sagen Sie? Warum ein dritter in unserm Beisammensein? Und ihre Augen leuchten weich. Nun, wie Sie wollen! Und ihre Stimme klingt plötzlich hart. Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen. Ich weiss nicht, was sie will! Aber nächstes Jahr überlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben lehren! Ich gehe nach Fanö! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen." "Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spöttischen Bedauerns, als Randers schloss. Er lachte und zuckte die Achseln. "Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus für das nächste Jahr nicht an," sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben." "Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental binden." "Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der sich unmögliche Verhältnisse erträumt." "Sagen Sie das nicht." "Aber ich bitte Sie! Übrigens wissen Sie das wunderschön auszumalen." "Ist es nicht schön?" "Sie sind ein Dichter." "Nicht doch!" "Sie können einem ordentlich den Mund wässern machen." "Sehen Sie!" 13. Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden. Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu, dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie, du meinst es nicht ernst? Du würdest nicht nach Fanö gehen und Jolanthe einem andern überlassen? Ganz gewiss, meine Gnädigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre Anerkennung für meine Standhaftigkeit bezeigen? Eine Tugendrose? Er pflückte einen grossen Feldstrauss, allerlei Gräser und letzte Sommerblumen, reifende Haselnüsse und einen Zweig fast schon schwarzer Brombeeren und brachte ihn Fides. "Für die Rosen," sagte er. "Wie schön! Ich danke Ihnen." 14. (Tagebuchblätter.) Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar überzähligen Cognacs und Pschorrs und Kaffees. Ich fühle mich jetzt ganz wohl. In Grashof kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als trüge man einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wüsten Träume. Etwas macht auch ihre Nähe. Etwas? Vielleicht alles? Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhältnis. So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quälende Begehren. In der Abwesenheit ein Gefühl stiller Freude, dass sie in der Nähe ist, in erreichbarer Nähe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges, Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe. Eine Art herzlichen Freundschaftsgefühls. Freude. Sie ist Musik für mich. * * * * * Eine Ehe auf solcher Basis. Das wäre etwas für mich. Aber es würde schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches Verhältnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir schon. Ich bin zu ästhetisch für diese Art Liebe. Also auch für die Ehe. * * * * * Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein Urteil über ihre Musik. Ich höre alles hinein. Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann