The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen. Erster Band. by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Der Todesgruss der Legionen. Erster Band. Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN. *** Produced by PG Distributed Proofreaders. Der Todesgruss der Legionen. Zeit-Roman von Gregor Samarow. Erster Band. Berlin, 1874. Druck und Verlag von Otto Janke. Erstes Capitel. Am Ufer der Marne, in der Naehe der kreidereichen weissen Ebene der Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa fuenftausend Einwohnern, deren Industrie zum grossen Theil darin besteht die auf der Marne herabgefloessten Holzstaemme in Bretter zu zerschneiden--ausserdem befinden sich dort beruehmte Manufacturen von Eisenwaaren und durch diese Gewerbthaetigkeit hat der ganze Ort trotz seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine bedeutende Wohlhabenheit erreicht. Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich unregelmaessigen Strassen in einer verhaeltnissmaessig bedeutenden Laengenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem hoechsten Punkt liegt eine alte Kirche von hohen Baeumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen Erinnerungen ist, die innig mit grossen Momenten der Geschichte Frankreichs zusammenhaengen. Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr streitbare und kriegerische Maenner, man nannte sie im Mittelalter les bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kaempfer Franz I.; sie hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande dadurch wichtige Dienste, fuer welche der ritterliche Koenig sie mit verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete. Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz blickt sie auf ihre Geschichte zurueck und jeder Buerger von Saint-Dizier macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner Devise. Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger Entfernung erheben sich kleine Anhoehen mit niedrigen Laubwaldungen und Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt, welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbaeder von den Bewohnern der Umgegend haeufig besucht wird und waehrend des Sommers die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfuellt. Es war an einem Februarabend des Jahres 1870. Rauh und kalt wehte der Wind ueber die ebene Umgebung der Stadt; die Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort aufgehaeuften Holzbloecke; durch die in zerrissenen Flocken ueber den Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die oede und kalt daliegende Gegend. Auf einem ebenen Wege am Flussufer, der an schoenen Tagen fuer die Bewohner von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei Maenner auf und nieder. Beide waren hoch und kraeftig gewachsen und wenn das Mondlicht voruebergehend ihre Gesichtszuege beleuchtete, so konnte man in denselben jenen eigenthuemlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine von ihnen mochte etwa fuenfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse natuerliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollstaendig mit der Kleidung uebereinstimmte, die er trug und die ungefaehr diejenige des franzoesischen Arbeiterstandes war. Sein Gesicht war scharf geschnitten und drueckte Intelligenz, Muth und Willenskraft aus; ueber der leicht aufgeworfenen Oberlippe kraeuselte sich ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem kleinen runden Hut hervor und in den grossen blauen Augen lag eine gewisse schwaermerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm schritt ein bedeutend aelterer Mann von etwa vierzig bis fuenfundvierzig Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von jener beinahe eigensinnigen Zaehigkeit, welche dem norddeutschen, insbesondere dem niedersaechsischen Bauernstamme eigen ist. Beide Maenner gehoerten der hannoeverschen Emigration an, welche im Jahre 1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der Juengere der beiden Maenner war der fruehere hannoeversche Dragoner Cappei; der Aeltere war der fruehere Unterofficier Ruehlberg, welcher das Commando ueber die kleine Abtheilung Emigranten fuehrte, welche in Saint-Dizier stationirt waren. "Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "ueberlegt wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, dass der Koenig die Emigration auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort gegeben--er weiss mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben mir geschrieben, dass dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich taeusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir uns vier Jahre lang fuer den Koenig in der Welt herumgeschlagen haben und dann muss Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann." "Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er stehen blieb und lebhaft mit dem Fusse auf den Boden trat; "es ist unmoeglich, dass Seine Majestaet seine treuen Soldaten, die in der Noth und Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne sich um ihr Schicksal zu kuemmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann steht mein Entschluss ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath zurueck, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preussen koennen uns doch nicht Alle todtschiessen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch wenigstens in der Heimath und haben festen Grund fuer unsere Existenz. Ich habe ein kleines Gehoeft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt, so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine Familie gruenden koennen." "Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Franzoesin zu heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, dass Ihr noch militairpflichtig seid und dass man Euch jedenfalls, wenn Ihr zurueckkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter hannoeverscher Garde du Corps, der sich so lange der preussischen Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preussische Uniform anziehen und nach preussischem Commando exerciren?" "Wenn der Koenig seine Getreuen wirklich verlaesst," rief Cappei, "was habe ich, der einzelne Mensch fuer eine Veranlassung oder fuer ein Recht mich der preussischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, dass ich verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen groesseren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere Euch--Gott ist mein Zeuge--dass der Koenig und seine Sache mir hoeher steht als meine Liebe und wenn der Koenig mich heute riefe um fuer ihn in's Feld zu ziehen, so wuerde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine Luise wuerde nicht von mir verlangen, dass ich meiner alten Fahne untreu werden sollte--wenn aber der Koenig uns gehen laesst, so bin ich ein einzelner freier Mensch und habe nur fuer mich zu sorgen und dann werde ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die Heimath aufzugeben. "Hart wird es freilich fuer mich sein die fremde Uniform zu tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an? Schickt der Koenig uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluss nur durch meine Liebe bestimmen lassen." "Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, dass es nicht dazu kommen moege. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurueck; ich bin zu alt geworden, um in den neuen Verhaeltnissen leben zu koennen. Man hat uns ja eine schoene Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gruende mir dort im fernen Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch ueberlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglueck, dass bei Euch jungen Leuten immer die Liebe mitspricht--" Ungeduldig erwiderte Cappei: "Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "dass es nicht die Liebe ist, welche mich bestimmt--wenn der Koenig uns nach Algier schickte und uns sagen liesse: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich wuerde hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit mir gehen wollte, so wuerde mich das zwar traurig machen, aber keinen Augenblick in meinem Entschluss irre werden lassen. Wenn aber der Koenig uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfuellt und kann als ehrlicher Mann thun was ich will." Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die Strasse der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur spaerlich erleuchtet war.------ Um dieselbe Zeit sass in dem Wohnzimmer eines grossen, durch einen weiten Vorhof von der Strasse getrennten Hauses in der Naehe der alten Kirche, welches dem Holzhofbesitzer Challier gehoerte, ein junges Maedchen von etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff, das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles, glaenzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei Flechten zusammengebunden, deren reiche Fuelle jeden kuenstlichen Chignon unnoethig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den eigentuemlichen, scharf geistvollen, beinah etwas hoehnischen, dabei aber doch wieder zugleich sentimental gefuehlsreichen Ausdruck, der den franzoesischen Frauen eigenthuemlich ist. Ihre mandelfoermig geschnittenen dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen ueberwoelbten Augen blickten sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, waehrend ihr kleiner frischer Mund sich ein wenig spoettisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines Mannes von etwa dreissig Jahren zuhoerte, der vor ihr stand. Dieser Mann war mittelgross und von hagerer Gestalt; sein etwas gelbliches nicht schoenes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter Aufregung, die Blicke seiner grossen tief liegenden dunkeln Augen spruehten in nervoeser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwaerts gedreht. "Es ist unrecht von Ihnen, Fraeulein Luise," rief er, seine Worte mit lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, dass Sie fuer die Versicherungen meiner Liebe nur ein hoehnisches Laecheln haben. Sie wissen, dass seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehoert;--meine Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwaehrend meine Bitte zurueck, mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich keine einschraenkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr Schicksal mit dem meinigen zu verbinden." "Ich habe Ihnen schon oefter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge Maedchen, "dass ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig meine Freiheit zu geniessen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fuerchten Sie, dass ich Ihnen zu alt werde," fuegte sie laechelnd hinzu, indem sie ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug. "Da antworten Sie mir wieder in diesem hoehnischen Ton, den ich nicht ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch die Haare fuhr; "es waere wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal offen und ehrlich sagten, dass Sie Nichts von mir wissen wollen, als dass Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten." "Warum erfuellen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen verlangt, als dass Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht ueber Ihre Heirathsplaene sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum draengen Sie mich fortwaehrend?" "Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "taeglich deutlicher sehe, dass es nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende Antwort verschieben laesst, sondern dass sich Ihr Herz mir mehr und mehr entfremdet. Oh!" sagte er naeher zu ihr herantretend, indem er sie mit unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "frueher war das anders; frueher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie laechelten freundlich und widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine kuenftige Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so gluecklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zaehne zusammenbeissend und mit Muehe einen heftigen Ausdruck zurueckhaltend--"jetzt ist das Alles anders--seit--" "Seit?" fragte das junge Maedchen den Kopf emporwerfend und mit einem kalten, fast hochmuethigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Fuessen musternd, "seit--?" "Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit brennenden Blicken, indem seine Gesichtszuege sich durch einen haesslichen Ausdruck von Zorn und Hass entstellten, "jener heimathlose Fluechtling, von dem man nicht weiss woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden, welcher jener deutschen Nation angehoert, die stets die Feindin Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes mehr als einmal verwuesteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit grimmigem, dumpf gepresstem Tone fort, "ich habe sie gehasst so lange ich die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je, seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glueck meines Lebens geraubt hat." Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine fliegende helle Roethe Luisens Gesicht ueberzogen, dann oeffneten sich ihre Augen gross und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren festgeschlossenen Mund. "Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie muehsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier, Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen ueber meine Beziehungen zu andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und Beleidigungen zu knuepfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um ueber Ihre Wuensche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnaechst zu antworten. "Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so eben gehoert, so wird die Folge davon sein, dass ich, ohne weiter einer Frist zu beduerfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und unwiderruflichen 'Nein' beantworte." Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklaerung des jungen Maedchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem freundlichen Laecheln. "Verzeihung, Fraeulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem jungen Maedchen naeher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur leicht mit den Spitzen ihrer Finger beruehrte--"Verzeihung, ich habe mich hinreissen lassen von meinem Gefuehl, aber gerade diese Bewegung sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist." Luise antwortete nicht, schlug die Arme uebereinander und blickte unbeweglich in die Kaminglut. Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen Maedchens, der Holzhaendler Challier in den Salon.-- Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen, aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schlaefen wie ueber der Stirn zurueckgestrichen, so dass das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast schwarzen Augenbrauen an jene alten Koepfe aus der Zeit des Puders erinnerte. Der alte Herr begruesste Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden. "Wir haben heute die Arbeit spaet geschlossen," sagte er, "es sind so bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, dass wir alle Haende voll zu thun haben um denselben zu genuegen; nach diesen Vorbereitungen sollte man fast glauben, dass grosse Ereignisse bevorstehen, waehrend doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten Friedensversicherungen enthalten." "Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher sehr zufrieden damit zu sein schien, dass die Unterhaltung ein Gebiet beruehrte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das Gespraech zwischen ihm und Fraeulein Luise gebildet hatte--"wir haben es schon oefter erlebt, dass unmittelbar vor den grossen Conflicten in allen Tonarten der Weltfriede verkuendet wurde und mich machen so feierliche und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein wenig misstrauisch. "Ich weiss, dass auch auf dem Gebiet meines Geschaefts neuerdings wieder grosse Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt hat das Gefuehl, dass in der schwuelen Luft dieser Zeit ein grosses erschuetterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wuensche, so muss ich doch sagen, dass ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthaetigkeit empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer erschuettert und immer tiefer untergraben wird." Der alte Challier schuettelte langsam den Kopf. "Mir fehlt es wahrlich nicht an franzoesischem Nationalgefuehl," sagte er, "und gerade die Buerger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit Jahrhunderten gehoert, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, dass und wie die Achtung gebietende Stellung unseres Landes bedroht waere und ich glaube dass der Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht nachzugeben, welche sich seit laengerer Zeit so oft bemerkbar machen. "Er hat Frankreich auf eine Hoehe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe kaum jemals frueher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit den sicheren und leichten Absatz verschafft und es waere ohne die allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich aufbluehendes Land in die Gefahren eines grossen Krieges zu stuerzen. Die Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und Blut gekostet hat, sind kaum ueberwunden und ein neuer Krieg wuerde kaum zu verantworten sein." "Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "dass der Kaiser sich auf die Dauer wird halten koennen, wenn er nicht durch einen gluecklichen und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament giebt? Man sagt ja, dass seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe, welche Frankreich dauernd zu Glueck und fester Groesse fuehren kann und ich wuerde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkuerlichen Regierung ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--" "Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die Jugend liebt die Veraenderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die Neigung zur Veraenderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfuellt; ich bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die alten legitimen Koenige von Frankreich zurueck, mit denen unsere Vorfahren in der grossen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich erkenne an, dass das legitime Koenigthum fuer Frankreich abgeschlossen ist und dass in dem Kaiserreich die einzige Garantie fuer eine ordnungsmaessige gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Maenner in seinen Rath berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen." "Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er frueher so laut und emphatisch aussprach, Stueck fuer Stueck geopfert hat--besitzt dieser, taeglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des Volkes?--Dieser Mann, der aeusserlich den anspruchslosen und einfachen Buerger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Hoefling ist als die Satelliten der roemischen Kaiser." "Nun," sagte Herr Challier das Gespraech abbrechend, "ich hoffe, dass die kriegerischen Befuerchtungen auch diesmal unbegruendet sein werden und dass man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen militairischen Ruhm vorziehen wird." Er blickte auf seine Uhr. "Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwaehrend still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespraech ihres Vaters mit Herrn Vergier zu achten. Luise erhob sich. "Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muss jeden Augenblick kommen; er hat versprochen heute bei uns zu essen," fuegte sie hinzu, indem ihr Blick sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen zusammenbiss und sich abwendete. Die Thuer oeffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein. Herr Challier begruesste ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge Maedchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn Vergier streifte: "Wir fuerchteten schon, dass Sie nicht kommen wuerden und wuerden Ihre Abwesenheit sehr bedauert haben." Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er machte eine unwillkuerliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine Lippen fuehren--dann trat er zurueck und begruesste mit einer hoeflichen Verneigung Herrn Vergier. Eine huebsche Dienerin in der zierlichen Tracht der franzoesischen Landmaedchen oeffnete die Thuer des anstossenden Speisezimmers. Fraeulein Luise, welche als die einzige Tochter ihres frueh verwittweten Vaters dem Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick ueber den einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurueck, um ihrem Vater zu sagen, dass Alles bereit sei. Man setzte sich zu Tisch. Fraeulein Luise machte mit der den Franzoesinnen aller Staende so eigenthuemlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrueckte Stimmung auf der Gesellschaft. Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr Vergier beobachtete mit scharfen spaehenden Blicken den jungen Deutschen und Fraeulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor, schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit dem Ausdruck von Trotz und hoehnischer Herausforderung zu Herrn Vergier hinuebersah. Das Diner verlief schweigsam. Der junge Deutsche bewies seinen Dank fuer die Aufmerksamkeiten seiner schoenen Nachbarin mehr durch glueckstrahlende Blicke als durch Worte. Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und hoerte mit gezwungenem Laecheln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte, von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte. Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache Lampe erleuchteten Salon zurueck. Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschaefte, die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurueck, um seiner Gewohnheit gemaess einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte, das heisst in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu machen. Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge Maedchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und ergriff zaertlich ihre Hand, die sie ihm reichte. "Meine suesse Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die franzoesische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich fuerchte, dass der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine vielleicht lange Zeit trennen muessen und ich bedarf der festen Zuversicht und des unerschuetterlichen Vertrauens, dass Deine Liebe mir fuer alle Wechselfaelle des Schicksals gesichert bleibt." "Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der Hand ueber sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah, "ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fuegte sie laechelnd hinzu, "von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres Koenigs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken fuer meine Liebe einzustehen wissen. Der Kampf dafuer," fuhr sie, ihn immer mit entzueckten Blicken betrachtend fort, "wird uebrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist Dir persoenlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie fuer die Sache Deines so ritterlichen ungluecklichen Koenigs.--Er liebt mich und ich sehe nicht ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--" "Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern, ruhigen Geschaeftslebens und er wird und muss fuer die Zukunft seiner Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Fluechtling--" "Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft, "genuegt Dir diese Heimath nicht?"-- Er kuesste zaertlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton: "Das ist fuer mein Herz die schoenste, die ich finden kann, die einzige, die ich suche, aber wir beduerfen auch des festen Bodens im wirklichen Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als je--" "Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, dass wir uns trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "dass der Augenblick naht, in welchem Du fuer Deinen Koenig zu Felde ziehen musst?--Glaube mir, die Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und Gott und die heilige Jungfrau, die ich stuendlich anrufen werde, werden Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm Glueck Nichts mehr im Wege stehen." Er blickte duester vor sich hin. "Waere es so wie Du sagst," sprach er, "so wuerde ich mit froher Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fuerchte ich, dass die Zukunft sich anders gestaltet. Ich hoere, dass die Legion aufgeloest werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner Heimath zurueckzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande bin Dir eine Zukunft zu schaffen." "Das waere traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall in Deine Heimath zurueckkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in unserm schoenen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater," fuegte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu gruenden--" "Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser Fluechtling sein, so lange ich einer grossen Sache diene--der Sache des Koenigs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache faellt, so kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine Existenz schaffen lassen. Ich muss dann den festen Fuss in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn ich sie verlasse, wenn ich hierher zurueckkehre, um dem Zuge meines Herzens zu folgen, so muss es offen und frei geschehen und ich muss auch ohne die Huelfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine sichere Grundlage zu geben, moege dieselbe so bescheiden sein, wie sie wolle. Ich werde keine Muehe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das Einzige was ich von Dir erbitte ist, dass Du mir vertraust und auch waehrend meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst." Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und blickte ihm tief in die Augen. "Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschliessest, was Du thun wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird jemals Dein Bild aus meinem Herzen reissen koennen. Man sagt, die deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir beweisen, dass die feurigern Gefuehle, welche das Herz der Franzoesinnen bewegen, darum nicht minder treu und bestaendig sind." Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drueckte seine Lippen zaertlich auf ihr duftiges, glaenzendes Haar!-- Rasche Tritte ertoenten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte sich in ihren Sessel zurueck. Cappei rueckte das Tabouret einen Schritt seitwaerts. Der Unterofficier Ruehlberg trat ein. Er begruesste mit einer etwas steifen Verbeugung das junge Maedchen und sprach mit einer von innerer Erregung bewegten Stimme. "Was wir befuerchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, dass in der naechsten Zeit eine Commission zur Aufloesung der Legion hier eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will. "Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiss, wohin ich gehen werde, um auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon ueber Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschliessen--aber das kommt--" Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Maedchen, biss sich auf den Schnurrbart und schwieg. "Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine Geliebte anblickend. "Und die Liebe und Treue wird sich bewaehren," erwiderte diese leise. "Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fraeulein," schaltete er mit einer gewissen muerrischen Hoeflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen." Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater zu entschuldigen und verliess mit dem Unterofficier den Salon. Das junge Maedchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmaelig erloeschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder; doch war es kein trauriger und trueber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter schweren Verhaeltnissen die Treue bewahren zu koennen. Der Kampf mit den Verhaeltnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte keinen Zweifel, dass Alles endlich sich zu gluecklichem Ausgang fuegen wuerde. Zweites Capitel. Eine truebe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen Fenstervorhaenge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in den Tuilerien. Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden Chaiselongue, eingehuellt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide, sein Kopf war zurueckgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren geschlossen und die bleichen Zuege seines Gesichts trugen den Ausdruck tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den Schlaefen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Haende des Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in convulsivischen Zuckungen. Zu den Fuessen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher Leibarzt und langjaehriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck theilnehmender Besorgniss und die tief liegenden, scharfblickenden Augen schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da liegenden Souverain. An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nelaton beschaeftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein geistvolles, etwas kraenkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinueber blickte, so schien er doch mehr mit der sorgfaeltigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit dem Zustande seines Patienten beschaeftigt. Dr. Conneau beugte sich ueber den Kaiser herab und ergriff dessen Hand, aufmerksam dem Pulsschlag folgend. "Der Puls geht ruhig und gleichmaessig," sagte er sich zu Nelaton wendend; "es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich wuerde Sr. Majestaet gern einige Tropfen Aethergeist einfloessen." "Ich halte das nicht fuer noethig" erwiderte Dr. Nelaton. "Die Sondirung hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestaet ist ungeheuer empfindlich fuer den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird das Gleichgewicht der Kraefte sofort wieder herstellen. Ich ueberlasse den Kaiser Ihrer Sorgfalt," fuegte er hinzu indem er sein Etui schloss, "und hoffe, dass er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont bleiben koennen, nur muss Seine Majestaet in der naechsten Zeit es sorgfaeltig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen." Er verliess mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an seinem Platz stehen, fortwaehrend das Gesicht des Kaisers beobachtend, auf welchem allmaelig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien. Napoleon erhob die Haende langsam, faltete sie ueber der Brust zusammen, seine Lippen oeffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher. "Ist Nelaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen muessen?" "Nelaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr. Conneau, "und er hofft, dass Ew. Majestaet fuer lange Zeit Ruhe haben werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu koennen." "Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige gewaltsame Erschuetterung leicht ueberwinden, aber diese fortwaehrenden kleinen Schmerzen zerruetten mein Nervensystem, untergraben meine Willenskraft und machen mich zuweilen vollstaendig unfaehig zu denken und zu handeln." "Ich bitte Ew. Majestaet instaendigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in diesen so erklaerlichen und natuerlichen Gefuehlen nicht gehen zu lassen. Ew. Majestaet so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber Ew. Majestaet," sprach er ernst mit volltoenender Stimme, "sind mehr als andere Menschen. Ew. Majestaet grosser Geist muss die kleinen beiden ueberwinden um die grossen Aufgaben Ihrer Stellung erfuellen zu koennen und je mehr Ew. Majestaet die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich auf Ihre endliche, vollstaendige Wiederherstellung." Der Kaiser schuettelte langsam und traurig den Kopf. "Die grossen Aufgaben meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was mich so niederdrueckt und laehmt--dass die Maschine den Dienst versagt, um das ausfuehren zu koennen was nothwendig geschehen muss; ja, dass sogar oft die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Waere ich einer jener legitimen Koenige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger ueberlassen koennen--oh, dann wuerde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen ertragen. Ich fuerchte wahrlich den Tod nicht--fast moechte ich ihn zuweilen wuenschen, denn die Genuesse und Freuden des Lebens sind fuer mich--beendet; aber, mein Gott," rief er haenderingend, "ich darf ja nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muss sorgen fuer die Zeit die nach mir kommt; ich muss meinem Sohn das Erbe sichern, fuer dessen Erwerbung mein grosser Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und fuer welches ich in muehsamer Arbeit die Taetigkeit meines ganzen Lebens angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner irdischen Laufbahn erfuellen will und erfuellen muss, geht mir die Kraft aus und wenn dieser elende Koerper zusammenbricht, so wird das stolze Gebaeude in Truemmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses Frankreich, das ich so sehr liebe, fuer das ich gestrebt und gearbeitet habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zuruecksinken in unruhige Zerruettung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein." "Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begruendet im Innern und hoch geachtet nach Aussen da. Es giebt vielleicht unter den alten legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und unerschuetterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestaet und wenn der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhueten moege, dereinst berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen Richtungen hin vollendetes, grossartiges Werk vorfinden, dessen natuerliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. Majestaet Werk ist wahrlich groesser als das Ihres Oheims, denn die Schoepfungen jenes Riesengeistes stuetzten sich doch immer nur auf die Spitze seines Degens, waehrend Ew. Majestaet Bau breit und ruhig auf der Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht." Der Kaiser schuettelte abermals den Kopf. "Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "taeuscht der Schein--oder Sie wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, das ich immer mehr verliere. "Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte Nachwehen nervoeser Schmerzen ueber sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann besser wie jeder Andere die Schwaechen dieses Kaiserreichs erkennen, das ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe. "Fest begruendet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch wogt und gaehrt es in dieser so leicht beweglichen Pariser Bevoelkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen Stuerme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des oeffentlichen Lebens." Dr. Conneau laechelte. "Ew. Majestaet ueberschaetzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets unruhige Bevoelkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie diejenige Ew. Majestaet ist hat das nichts zu bedeuten. Die grosse Masse der Bevoelkerung Frankreichs, namentlich die laendlichen Grundbesitzer haengen an Ew. Majestaet und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des oeffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestaet geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Moeglichkeit der reichsten Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Hoehe des Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Koepfe in Paris werden niemals die Macht haben, die tiefe Anhaenglichkeit des ganzen Volkes an Ew. Majestaet und Ihre Dynastie zu erschuettern." "Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich weiss wie Sie, dass das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und dass aus dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare Gewalt--eine unvernuenftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglueck, bei irgend einer Schwaeche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fuegte er seufzend hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu stuerzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein moechte.-- "Und nach Aussen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fuehle es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa bewegen konnte. "Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich einst auf der Hoehe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny, Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein. "Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie koennen mir nicht helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie koennten mir nur helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben einzufloessen vermoechten. "Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge spruehte, "ich wollte allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, ueber sie alle Herr werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln die Kraft der Jugend wiedergeben koennte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schueler von Niel, er hat ihm nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausfuehrung seiner Ideen gewesen--aber er ist kein Niel und der Schueler kann den Meister nicht fortsetzen.-- "Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehoert das Schicksal; ich fuerchte, ich fuerchte, mein treuer Conneau, der Augenblick kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend ueber meinem Haupt erblickte, er hat sich in truebe, truebe Wolken verhuellt. "Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich einen Fehler begangen dadurch, dass ich eine Dynastie gruenden wollte. Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm Jahrhundert nicht mehr moeglich; vielleicht staende ich groesser und sicherer da, wenn ich mich haette entschliessen koennen nur der Caesar zu sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem Tode aufhoert. "Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen. "Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhoerte Caesar zu sein und weil er der Begruender einer neuen dynastischen Legitimitaet werden wollte? "Aber, mein Gott," rief er die Haende ueber der Brust faltend, indem ein unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zuegen erschien--"mein Gott, ich habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine ganze Arbeit gehoeren der Zukunft, gehoeren meinem Sohn." In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff dessen Hand und fuehrte sie an seine Lippen. "Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder Stimme--"ich wollte, es waere mir vergoennt mein Leben fuer Sie und fuer den kaiserlichen Prinzen hinzugeben."-- "Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft laechelnd, "durch Ihre Kunst die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und meinem Sohn den hoechsten Dienst leisten." Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Flaeschchen von geschliffenem Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige Tropfen der hellen Fluessigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem Glase Wasser. "Ich bitte Ew. Majestaet dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu erfuellen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getraenk wird Ew. Majestaet die Nervenkrise ueberwinden helfen, welche Nelatons Sondirung hervorgerufen hatte." Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine gruene opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervoese Spannung seiner Gesichtszuege verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine roethere Faerbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthuemlich war und der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausuebte. Er stand langsam auf. "Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte Gott, Sie koennten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird der Schmerz und die Schwaeche bald wieder meine Nerven zur alten Unfaehigkeit herabstimmen." "Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem Elixir zu Huelfe kommt; der menschliche Willen ist ein maechtiger Factor und selbst der kranke Koerper gehorcht seinem Befehl." "Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich laechelnd--"um zu wollen, dazu gehoert Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehoert Willen; wo ist der Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "fuer den Augenblick habe ich den Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhaeltnisse, denn das ist die erste Quelle aller guten Entschluesse." Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt fuehrte dieselbe an seine Lippen und verliess das Schlafgemach seines Herrn. Der Kaiser klingelte. "Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle Wechselfaelle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir eine so liebe Gewohnheit geworden war." Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zuegen und seiner Haltung die Spuren der Schmerzen und der Erschoepfung fast ganz verschwanden; nur sein schwankender, unsicherer und in den Hueften wiegender Gang zeugte von seiner gebrochenen Kraft. "Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den Spiegel. "Zu Befehl, Sire." "Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein Cabinet trat, das sorgfaeltig gelueftet, von einem hellen Kaminfeuer erwaermt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer den Kaiser hier sah, haette sich unmoeglich von dem leidenden, ganz gebrochenen Manne ein Bild machen koennen, der noch kurz vorher unter den Haenden der Aerzte seufzte und der gequaelt von den Leiden des Koerpers den Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte. Napoleon trat heiter laechelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern verborgen, dem Journalisten Clement Duvernois entgegen, dem soeben der Huissier die Thuer des Cabinets geoeffnet hatte. Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen, frueher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhaenger des Kaisers zu sein, war damals etwa fuenf und dreissig bis vierzig Jahr alt. Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht gerundeten Corpulenz, welche die Koenigin von Daenemark fuer Hamlet in seinem Kampf mit Laertes fuerchten laesst. Sein etwas grosser Kopf war mit langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl liess,--die Zuege seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich waehrend der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie von einer dunkeln Gluth durchschimmert. Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch voellig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand, welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief. "Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gaehrt und bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem Rath ueberschuettet,--dass es mir wirklich Beduerfniss ist, auch die Meinung Derjenigen zu hoeren, welche meine wahren Freunde sind." "Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu sein," erwiderte Clement Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast moechte ich sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestaet, obgleich ich es laut ausspreche." "Und gehoeren Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, dass diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, dass man nur ruhig abwarten duerfe, bis sie sich voellig wieder verlaeuft?--Sie haben es gelernt," fuhr er fort, "die oeffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben den klaren Blick, den die Hoehe nicht blendet,--und der vor den Tiefen des Abgrundes nicht zurueckschaudert,--was sehen Sie auf der Hoehe,--was sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, dass ich zu hoeren und zu lernen verstehe," fuegte er mit freundlichem Laecheln und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu. "Ich habe Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "meine Ergebenheit stets dadurch bewiesen, dass ich vor Ihrem Angesicht den Kaiser vergass und nur den grossen und geistvollen Mann sah, dem Niemand einen groesseren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner wahren und unverhuellten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich Eurer Majestaet auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestaet werden das wirklich Richtige zu erkennen." "Sie halten also die Situation fuer ernst?" fragte der Kaiser, indem er sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken liess und Herrn Duvernois einen Sessel neben sich bezeichnete. Clement Duvernois stuetzte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels, blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten: "Eure Majestaet haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniss gegeben, dass mein Blick gewoehnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den Hoehen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestaet frei sagen, was ich gesehen." Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herueber, stuetzte den Arm auf sein Knie und hoerte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes spielend, aufmerksam zu. "In den Tiefen, Sire," sagte Clement Duvernois, "sehe ich die finstern Daemonen, welche die maechtige Hand Eurer Majestaet lange Zeit gefesselt hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fuehlen, dass der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie frueher." Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren. "Die friedlichen Buerger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter, "wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen Buerger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fuersorge und Kraft der Regierung, waehrend der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhoehlt wird. Auf der Oberflaeche scheint Alles ruhig,--die Repraesentanten der Nation berathen ueber die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen gut zu verwalten, die Geschaefte erholen sich und die ehrliche Arbeit freut sich der Ruhe und Ordnung. "Was aber, Sire," fuhr er mit erhoehter Stimme fort,--"was birgt die Tiefe unter dieser Oberflaeche des Friedens und Gedeihens? Taeglich versammeln sich vier bis fuenftausend Individuen--Feinde des Besitzes, Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die Thaetigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der aeussersten Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid geschworen; sie missbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal gegeben worden und ueberlassen sich den masslosesten Ausschreitungen. Diese Leute fuehren die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch Gewalt umzustuerzen, den Staat ueberhaupt und die Gesellschaft zu zerstoeren. "Eure Majestaet moegen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu citiren, welche man dort haelt und welche Ihre Polizei sich vielleicht scheuen moechte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der Tribuene dieser wuesten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen, keine Moerder mehr, moegen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stueck Speck am Hute tragen.'" Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhuellte sich voellig unter den Augenlidern. "Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgaengen in Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mande, Sire, hat man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen wuerde." Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois gross und klar an und sprach mit ruhigem Laecheln: "Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe waere. Hat das Schicksal sie mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben keine Gefahr bringen." "Ich weiss," erwiderte Duvernois, "dass Eure Majestaet keine Gefahr scheut und es ist nicht um Eure Majestaet vor einem Attentat zu warnen, dass ich erzaehle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden, sind keine Ravaillacs. Fuer heute und morgen, Sire, haben noch alle diese Bewegungen keine gefaehrliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fuehlt, dass man ungestraft die Zerstoerung der Gesellschaft predigen darf, so wird man weiter und weiter gehen und die grosse Masse der ruhigen Buerger wird, wie das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand der Regierung schuetzend in diese gefaehrliche Bewegung eingreift." "Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenueber," fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Hoehen gesehen?" Clement Duvernois schwieg einen Augenblick. Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das grossgeoeffnete, dunkelgluehende Auge zum Kaiser auf. "Auf der Hoehe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich, Sire, einen grossen Fuersten, der durch maechtige und edle Arbeit seiner Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in grossherzigem Vertrauen nicht daran zu glauben vermag, dass diese Nation fuer so viele Wohltaten undankbar sein koennte, dessen Gedanken erfuellt sind von dem Streben auch ueber seinen Tod hinaus, den er mit kaltbluetigem Heldenmuth in's Auge fasst, seinem Volk das Glueck zu sichern, welches seine Regierung geschaffen hat; einen Fuersten, der sich anschickt, dem von ihm aufgerichteten Gebaeude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der aber--" "Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch hoeher erhebend und mit gespannter Erwartung aufblickend. "Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Kroenung des Baues beschaeftigt, vergisst die Fundamente desselben gegen die finstern Gewalten zu schuetzen, welche dieselben langsam und systematisch untergraben." "Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines persoenlichen Willens und meiner persoenlichen Kraft ruhten die breite und sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten und edelsten Kraefte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt werden sollen. Diese Institutionen sollen staerker sein als die persoenliche Macht des Souverains, so dass, wenn auch ein kaum der Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich ruhig und unerschuettert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Koenige rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser." "Die edle Absicht Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "erkenne ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre Entschluesse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen, wuerden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestaet bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausfuehrung in anderen Haenden laegen." Ein Zug von duesterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er liess den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton: "Und in wessen Haende sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen, welche mit mir die Zeit des Ungluecks und Leidens getheilt hatten--sie sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es, eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Hoeflinge des Kaisers aber nicht als Gefaehrten des Verbannten kennen gelernt habe." Er versank einen Augenblick in duesteres Schweigen. "Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen, Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den Maennern zu misstrauen, welche ich gegenwaertig in meinen Rath berufen habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes besitzen?" "Misstrauen?" sagte Clement Duvernois ein wenig zoegernd, "ist ein hartes und schweres Wort; es enthaelt eine Anklage, die ich gegen Eurer Majestaet Minister auszusprechen nicht unternehmen moechte. Erlauben mir Eure Majestaet zunaechst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu sprechen. "Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestaet nur von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthuemliche Thatsache, dass die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Haenden des dem Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Haenden des Orleanismus--" "Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "dass Graf Daru, dass Buffet mich verrathen koennten--dass sie mit den Orleans conspiriren?" "Nein, Sire," antwortete Clement Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafuer; aber, Sire, diese Maenner, die gewiss, nachdem sie Eurer Majestaet Portefeuille angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben und denken in den Doctrinen des Orleanismus, dass heisst der constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer Repraesentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen Glied fuer Glied bis in das Cabinet Eurer Majestaet fortsetzt, befindet sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration. Ohne es zu wollen, ohne klar darueber zu denken, werden Eurer Majestaet Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestaet um sich, die Maenner der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des franzoesischen Staatslebens und unter den Anhaengern der Doctrinen befinden sich jedenfalls auch Anhaenger der Personen. Die Partei des Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zustaenden zieht. "Eure Majestaet kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen Propaganda;--nicht dass diese Leute jemals das Koenigthum Louis Philippe's wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips als ihre Vorkaempfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der Regierung in den Haenden der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her ein maechtiger Stoss gegen die Staatsautoritaet gewagt wird, so kann es kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, dass die Maschine den Dienst versagt und dass Eure Majestaet auf Ihrer Hoehe einsam und allein dastehen werden. "Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der Orleans ist gross, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich befindet. Zum grossen Theil sind diese Agenten Besitzer von Buchdruckereien oder Buchhaendler und sie versaeumen keine Gelegenheit, das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschuettern." Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht. "Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwaehrend dahin gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stuerzen, und die es nie verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren schwaechlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu koennen, das einer eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?" "Gewiss wuerden sie nicht faehig sein," erwiderte Duvernois, "die Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Haende gelangen sollte, aber gewiss auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestaet meine Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel des Kaiserreichs in den orleanistischen Haenden und schon erhebt sich an den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe reuessiren, so werden mit veraenderten Personen und unter veraenderten Umstaenden die Zeiten der Beschwoerung von Cellamare sich wiederholen." Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster vor sich nieder. Dann schlug er die Augen gross auf und sah Clement Duvernois mit einem so brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner Seele lesen. "Und was kann ich thun?" fragte er. "Was muesste nach Ihrer Ueberzeugung geschehen, um einer solchen Beschwoerung vorzubeugen und um den Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Haende--in die Haende meiner Freunde zu legen?" "Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach. Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollstaendig nach dem Willen Eurer Majestaet bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu kraeftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird. "Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "dass in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in Eurer Majestaet Regierung massgebend ist; die Minister halten mit den Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen und deren Amendements und vergessen darueber, dass es ausserhalb der Cabinette und ausserhalb der Sitzungssaele der Kammern ein Volk giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten besteht und welches schliesslich eine sehr laute Stimme und sehr kraeftige Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu ueberschreien und eine Regierung, welche die Fuehlung mit ihm verloren hat, zu zertruemmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze Geschichte Frankreichs sich zusammenfasste in das constitutionelle Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese kuenstliche Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome zerfiel, so laeuft Eurer Majestaet Regierung jetzt Gefahr, sich von dem Boden des realen Volkslebens loszuloesen. "Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort, waehrend Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhoerte--"das Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestaet nicht hinueberlocken auf den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehoert der orleanistischen Agitation. "Wenn Eure Majestaet," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen Grundsaetzen, die jetzt die Autoritaet zersetzen, zugleich auch die Personen verschwinden, welche von diesen Grundsaetzen emporgetragen wurden; gerade auf diesem Gebiet koennen Eure Majestaet die Probe machen, ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste und unerschuetterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen Dynastie sind." "Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren Gedanken Vieles was mit meinen Ideen uebereinstimmt; doch moechte ich Sie bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen ueber die Art und Weise, wie Sie glauben dass Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgefuehrt werden koennen. "Sie haben so tief und eingehend ueber den Kern der Fragen nachgedacht, welche die augenblickliche Situation bestimmen, dass ich ueberzeugt bin, Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene Fragen loesen zu koennen glauben." "Gewiss," erwiderte Clement Duvernois, "habe ich auch darueber meine Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, dass auf eine einfache Weise Eure Majestaet alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation beseitigen koennen. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, waehrend der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit zuhoerte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, dass der Schwerpunkt des ganzen politischen Lebens allmaelig ausschliesslich in die parlamentarischen Koerperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt worden ist; nach meiner Ueberzeugung muessen Eure Majestaet diesen Schwerpunkt wieder dahin zurueckverlegen, wo die wahre Macht sich befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie ihre einzig wahre und dauernde Stuetze finden kann, in das Volk selbst. "Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heissen zu lassen; ein solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, dass das ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer Majestaet, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen maechtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin ihre Ausfuehrung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet, verschwinden." Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen oeffneten sich gross und weit und ein stolzes und freudiges Laecheln spielte um seine Lippen. "Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als gross und wahr; ich habe neue Stuetzen, sichere Garantien fuer die Zukunft meiner Dynastie und fuer den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage meines Reiches, diese Grundlage, welche mein grosser Oheim verlassen hat und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen. Ich danke Ihnen," fuegte er mit unendlich liebenswuerdigem Ausdruck hinzu, "Sie haben mir in dieser Stunde einen grossen Dienst geleistet, Sie haben Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten und sobald die Klarheit der Erkenntniss da ist, laesst auch die Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten. "Ich werde meine Entschluesse ueber die formelle Ausfuehrung des Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen." "Wenn Eure Majestaet diesen Schritt thun," sprach Clement Duvernois, "so wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen; diejenigen Ihrer Raethe, welche wirklich das volksthuemliche Kaiserreich unterstuetzen, staerken und erhalten wollen, werden, wie ich ueberzeugt bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestaet beschreiten wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen, werden verschwinden. "Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit fuehren und wenn," fuegte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestaet Ihre alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich ueberzeugen, dass auf der richtigen und wahrhaft grossen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen erstehen werden." Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin und sprach: "Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick ueberzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, dass ich noch ueber Hingebung und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rueckhalt die Wahrheit gesagt. "Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich moechte noch ueber einen Punkt Ihre Meinung hoeren. "Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "dass das nationale Gefuehl in Frankreich durch die preussischen Siege, durch die Herstellung des maechtigen preussischen Uebergewichts in Deutschland tief verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht Frankreichs in Europa ist gewissermassen eine Lebensbedingung einer Regierung, welche den Namen Napoleon fuehrt und auf die Traditionen des grossen Kaisers gestuetzt ist. Man raeth mir von vielen Seiten und zwar von Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden kann--die schwuele Luft, welche ueber Europa liegt, durch einen kraeftigen Wetterstrahl zu klaeren und die militairische Stellung des napoleonischen Frankreichs wieder herzustellen." "Man raeth Eurer Majestaet," fiel Clement Duvernois ein, "ganz einfach den Krieg gegen Preussen zu fuehren, diesen uebermaechtig gewordenen Staat in seine Grenzen zurueckzuweisen und der Welt zu zeigen, dass ohne Frankreichs Genehmigung keine Veraenderungen in dem Gleichgewicht Europa's sich vollziehen koennen; man raeth," fuhr er mit erhoehter Stimme fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestaet Das jetzt zu thun, was Sie--verzeihen Sie meine Kuehnheit, Sire--unmittelbar nach der Schlacht bei Sadowa haetten thun sollen." Der Kaiser liess die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme: "Und was meinen Sie zu diesem Rath?" "Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer Anhaenger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestaet koennen also darueber nicht im Zweifel sein, dass meinem Gefuehl der Rath, den man Eurer Majestaet ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz wuerde aufwallen, mein Blut sich erwaermen, mein patriotischer Stolz sich freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen wuerde und ich verkenne nicht, dass ein maechtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende preussische Macht den Thron Eurer Majestaet immer fester und dauernder in den Sympathieen des ganzen Volkes begruenden wuerde--aber--" "Aber?" fragte der Kaiser gespannt. "Aber zuvor, Sire, moechte ich mir die Frage erlauben, sind Eure Majestaet des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit der franzoesischen Armee wirklich auf der Hoehe, um einem so furchtbaren Gegner wie Preussen mit der Gewissheit des Sieges entgegentreten zu koennen? Sind Eure Majestaet ferner sicher, Preussen isoliren zu koennen und die Gegner, welche ihm 1866 gegenueber standen, zu einem neuen Kampf bestimmen zu koennen? "Wenn Eure Majestaet ueber diese Punkte voellig klar und sicher sind, dann ist der Krieg ein gutes Mittel, dann wuerde ein grosser Sieg vielleicht besser als alle inneren Massregeln die Schwierigkeiten der Lage beseitigen. Sind aber Eure Majestaet eines solchen Erfolges nicht vollkommen sicher, muessen Sie befuerchten, dass es dem so kuehnen und so geschickten preussischen Staatsmann gelingen koennte, das gesammte Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein ungluecklicher Feldzug, eine Niederlage wuerde die Stellung Frankreichs in Europa fuer lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung ueberhaupt entfesseln." "Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Waere ich mein Oheim, vermoechte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen Frankreichs zu lenken--ich wuerde mich wahrlich keinen Augenblick besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu loesen--aber kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die Haende meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenueber gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst sprechend, "ihm haette ich mit vollem Vertrauen die Fuehrung meiner Armee uebergeben koennen.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den Schoepfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, dass Alles bereit ist--man sagt mir, dass die franzoesische Armee unueberwindlich sei, aber ein banges Misstrauen erfuellt mich; und wenn es misslaenge--es waere das Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren kann. "Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte ueber die preussische Armee-Organisation--es ist nicht genug, dass die franzoesische Armee wohl geruestet sei, sie muss auch in der Tactik und Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbuertig sein, welche Koenig Wilhelm und die grossen und genialen Interpreten seines Willens geschaffen haben, denn wir duerfen niemals vergessen, dass wir es in diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun haben wuerden, und diesem Grafen Bismarck gegenueber wuerde kein Villa Franca moeglich sein." "Mir genuegt," sagte Clement Duvernois, "was Eure Majestaet mir so eben gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste Zweifel lebt, dann Sire, beschwoere ich Eure Majestaet, das Wuerfelspiel des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg koennte niemals so grossen Nutzen bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten wuerde, und fuer die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa wuerde der gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestaet diesen Weg und bereiten Sie langsam und vorsichtig eine militairische Aktion fuer die Zukunft vor, denn nicht immer wird ja diese preussische Militairmacht von dem Geiste geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird frueher oder spaeter die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann." Der Kaiser stand auf. "Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich ueberzeugen, dass ich diesen Ideen gemaess handeln werde und ich hoffe, dass Sie mich mit Ihrer so gewandten und scharfen Feder unterstuetzen werden. "Ich wuensche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Laecheln fort, indem er Duvernois auf die Schulter klopfte, "dass Sie mir dereinst noch naeher treten und mir auf hoeherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden." Clement Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck stolzer Befriedigung: "Wohin immer Eure Majestaet mich zu stellen fuer gut befinden werden, meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehoeren." Er zog sich langsam zurueck, verneigte sich an der Thuer noch einmal tief vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulaechelte und verliess das Cabinet. "Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zuruecksinkend--"er hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkaempfen, sondern zu erhalten; ich darf das grosse Spiel nicht spielen, zu dem man mich draengen moechte und zu dem ich," sagte er mit duesterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in mir fuehle." Der Huissier oeffnete die beiden Thuerfluegel und rief: "Ihre Majestaet die Kaiserin!" Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen. Drittes Capitel. Ihre Majestaet die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes in das Cabinet. Das roethlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten ueber ihrer edlen hochgewoelbten Stirn wie ein natuerliches Diadem zusammengewunden. Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre grossen dunkelblauen Augen flammten in gluehendem Feuer. Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an seine Lippen fuehrte. "Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und schoene Gemahlin ansehe, moechte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum koennen Sie," fuegte er mit einem leicht wehmuethigen Laecheln hinzu, "Ihr Geheimniss, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat unvergaengliche Jugend noethiger als ein Regent auf dem Thron dieses unruhigen Frankreichs." "Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie sich in einen Lehnstuhl warf, "dass Sie jene Jugend und Energie wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter fort, "dass man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem Kaiser spricht, sondern dass Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausfuehrlichere Nachrichten ueber die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der Stadt stattgefunden? "Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populaerer gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwuehlen und den Hass gegen die Regierung zu schueren." "Ich habe gehoert," erwiderte der Kaiser ruhig, "dass einige Unruhen stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung gewesen zu sein; ausfuehrliche Berichte habe ich noch nicht erhalten." "Schlimm genug," rief die Kaiserin, "dass man Ihnen das noch nicht erzaehlt hat; es scheint, dass in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen. "Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzufuehren, statt ihn einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Maertyrer-Rolle zu spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzaehlt, eine sehr bedenkliche Aufregung." Der Kaiser laechelte. "Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "dass man mir die Lage und die Ereignisse des Tages zu guenstig darstellt, so scheint bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenueber scheint man kleine unbedeutende Dinge zu grossen Erschuetterungen anschwellen zu lassen. "Doch hoeren wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, "den genauen Bericht." Er trat zu der Portiere, welche die Thuer zu dem Zimmer seines Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn zurueckgestrichenem Haar in das Cabinet. Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem Kopfnicken seinen Gruss erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede des Kaisers erwartend. "Ist ein genauer Bericht ueber die Ereignisse des gestrigen Abends und der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon. "Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestoerungen sind nicht ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles beendet." "Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte. "Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um nach dem Gefaengniss von St. Pelagie gefuehrt zu werden. Die im Innern des Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgeloest, wobei es zu heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das Aufloesungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der Praefectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort vereitelt. Gegen Mitternacht zogen grosse Haufen von Arbeitern nach der Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, pluenderten dieselbe und nahmen ungefaehr dreihundert Revolver und fuenfzig Gewehre mit sich fort. Die Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles beendet." "Sie sehen," sagte die Kaiserin, "dass die Sache ernst ist; wenn man erst den Anfang hat machen koennen, ungestraft die Gewehrfabriken zu pluendern, wenn auf diese Weise die Aufruehrer in den Besitz von vortrefflichen Waffen kommen, so laesst sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine solche Bewegung annehmen kann." Der Kaiser schuettelte mit missmuthigem Ausdruck den Kopf. "Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, dass man bei der Verhaftung Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine grosse Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemaess die unruhige Bewegung ueber ganz Paris verbreiten musste. Schreiben Sie sogleich an Ollivier und verlangen Sie Auskunft darueber, warum man diesen nach meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?" Pietri verneigte sich. "Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend, "dass ich mich ueberhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch diesen an sich so unbedeutenden Menschen gross und einflussreich gemacht. Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich geist- und witzlose Machwerk waere von selbst untergegangen, wenn man sich nicht darum gekuemmert haette." "So haetten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit flammenden Augen, "dass elende Pamphletisten nicht nur die Autoritaet der Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen dass sie es wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll man in dem uebrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die Macht der kaiserlichen Regierung glauben? "Und in der That," fuegte sie bitter hinzu, "man faengt bereits an, diesen Glauben zu verlieren." Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri: "Haben Sie die Guete," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen zu lassen." Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung. "Sie muessen einen ernsten Entschluss fassen, Louis," sagte die Kaiserin. "Die Zustaende koennen unmoeglich so weiter bestehen. Es ist eine Zuegellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen muessen und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan wird." "Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "dass mit aller Energie vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist doch die Autoritaet der Regierung mit leichter Muehe Sieger geblieben." "Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem man nicht mehr Herr ueber die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns dieser Bewegung gegenueber in der Defensive und das ist eine schlimme Position; es muss mit einem grossen, gewaltigen und kuehnen Schlage mit dem Allen ein Ende gemacht werden. Sie muessen die Verhaeltnisse mit fester und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schluessel zu all dieser Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--" --"Und dieser Schluessel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand ueber seinen Knebelbart streichend. "Er liegt in dem tiefen Gefuehl," rief die Kaiserin, "welches ganz Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde erfuellt, dass die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, dass Ihr persoenliches Prestige in Europa schwer erschuettert ist, ja taeglich von Neuem verhoehnt wird durch diese taeglich anmassender auftretende preussische Macht." Ein Zug schmerzlicher Ermuedung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte: "Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fuegte er mit einer ganz feinen Nueance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich verstehen, Ihnen ihre Ideen einzufloessen,--glauben sie denn, dass ich de but en blanc an die Grenzen marschiren und Preussen den Krieg erklaeren koennte? Dazu gehoeren doch vor Allem sehr ernste militairische Vorkehrungen dazu gehoert denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muss."-- "Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt haben; es ist allerdings ein grosses Unglueck, dass der vortreffliche Niel gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklaerte er unsere Armee fuer vollkommen schlagfertig--" "Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Haenden befunden."-- "Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter, ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe ja voellig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie Frankreichs geschlossen worden und Preussen verletzt taeglich die Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Daenen ihr Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen und in Sueddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; taeglich werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte Selbststaendigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur eine kraeftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schoepfungen von 1866 wieder zu zertruemmern." "Sind Sie so genau ueber die Stimmung in Sueddeutschland unterrichtet?" fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den Beistand, den wir dort finden koennen." "Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter, "ist von tiefem Hass gegen Preussen erfuellt und wenn Frankreich fuer die genaue Erfuellung des Prager Friedens eintreten wuerde, so wuerden alle jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit Napoleons I. maechtig sind, Frankreich als seinen Retter begruessen." Der Kaiser schuettelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke in Gedanken versunken, waehrend die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig ansah. "Ich verkenne nicht," sagte er dann, "dass eine geschickte Behandlung der Verhaeltnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden laesst das deutsche Nationalgefuehl auf die Seite unserer Gegner zu bringen. Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwaegung, da wir vor Allem vermeiden muessen, vor den Augen des uebrigen Europa als die Stoerer des Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt nicht der geeignete Augenblick." "So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren Unruhen immer uebermaechtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"-- "Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren Gedankengange folgend--"muss ich mit Maennern umgeben sein, welche den Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen gross aufschlagend und seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, dass Daru der geeignete Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie Ollivier fuer geeignet, den Krieg im Lande selbst populaer zu machen--diese Maenner der parlamentarischen Doctrin, deren Lebensbedingung der Friede quand meme ist?"-- "Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswaertiger Minister? Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben sich, der, obgleich er den Namen des grossen Kaisers traegt, doch keinen von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen Frankreichs erfuellen muessen. "Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Laecheln von unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche Reden voll Eloquenz und Begeisterung fuer den Krieg halten, wenn Sie ihn nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir ueberlassen wollen, und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch ganz Frankreich ueberzeugen, dass der Krieg eine Nothwendigkeit ist." "Und wenn Graf Daru abtraete?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kuehnheit hat, eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen, um Frankreich mit sich fortzureissen?" "Ich glaube," sagte die Kaiserin, "dass ein solcher Mann nicht zu schwer zu finden sein wuerde; ich wuerde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein und Sie haben ja selbst schon frueher an Denjenigen gedacht, welcher mir im Sinne liegt--" Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinueber. "Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung, dass nur ein grosser nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut machen und Frankreich wiederum auf seine alte Hoehe heben kann. Grammont kennt auf das Genaueste die Verhaeltnisse in Oesterreich, der einzigen Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen koennen; Grammont ist aufrichtig und ohne Rueckhalt dem Kaiserreich und unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande, da er mit allen grossen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknuepft ist. Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird sich von selbst machen." "Sie koennten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick vollstaendig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen Sie mich darueber nachdenken--" "Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend, indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zaertlichen Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, dass es sich nicht nur um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern dass auch die Zukunft unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee, diese edle franzoesische Armee ist unsere einzige Stuetze wie sie einst die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden ueber die lange Unthaetigkeit, ueber die untergeordnete Stellung, zu welcher das militairische Frankreich in Europa herabgedrueckt wird. Unser Kind ist der Armee noch fremd, aber er ist gross genug, um in einem nationalen Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen. "Denken Sie, dass die franzoesische Armee in grossen, siegreichen Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, dass sein Name sich verknuepft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern, kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu machen, das Sie fuer ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen haben." Der Kaiser drueckte seine Lippen auf die marmorweisse Stirn seiner Gemahlin und strich langsam mit der Hand ueber ihr weiches, goldschimmerndes Haar.-- "Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "dass Sie in meine alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend giessen. Lassen Sie mich alle Fragen der Situation ruhig pruefen und ueberlegen und glauben Sie, dass der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzuendet, nicht erloeschen wird." Sie lehnte den schoenen Kopf an seine Schulter und blieb einige Augenblicke schweigend neben ihm stehen. "Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, dass ich im Alter gelernt habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fuerchten--ich will festen Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, dass ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe." "Ich weiss es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drueckend, "dass die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, dass es mir vergoennt sein moege, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern lorbeergekroent zurueckkehren zu sehen." Der Kaiser geleitete sie bis zur Thuere und kuesste sie nochmals innig auf die Stirn. "Meine Gemahlin moechte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte, langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er wuerde auch den Krieg predigen, wie er schliesslich Alles vertheidigen wuerde, was ihm Gelegenheit giebt eine schoene Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberflaeche der Dinge. Es ist ihm unmoeglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier wuerden den Krieg machen, das ist wahr.--Sie wuerden auch in einem augenblicklichen Elan den Nationalgeist mit sich fortreissen. Aber wohin wuerde dieser Krieg fuehren? Wuerden jene Maenner im Stande sein, im Falle des Ungluecks den Widerstand zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?-- "Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht ein.--Sie wird freilich taeglich naeher an mich herantreten," sprach er seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht koennen. Dann aber soll wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen Haenden liegen.-- "Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken, "aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es versteht das durchzufuehren, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich weiss es. Aber auf persoenliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend." Er bewegte die Glocke. "Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden Kammerdiener.--"Grosse Attelage, offene Kalesche! Ist der General Fave da?" "Der General wartet im Vorzimmer." "Fuehren Sie ihn herein!" Der Kammerdiener oeffnete die Thuer. Der General Fave im schwarzen Morgenanzuge trat ein. Der Kaiser liess sich seinen Hut und einen warm gefuetterten Morgenanzug reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des Generals stuetzend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges. Langsam und etwas schwerfaellig mit leichtem schmerzlichem Zucken in seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig nieder. General Fave nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der Tuilerien. Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche gekommen war, befahl er langsam zu fahren. Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen Gespanns im Schritt ueber die Mitte der grossen Boulevards hin, waehrend die Piqueurs etwa dreissig Schritt vorausrittten. Die Voruebergehenden blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Naehe des Kaisers. Die sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten die Herandraengenden zurueckweisen. "Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Laecheln begruesste. Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruss. Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut schallendem Ton: "Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den Meuterern!" Diese Rufe wiederholten sich weit hin ueber die Boulevards. Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der Hand und freundlichem Kopfnicken gruessend. "Sehen Sie," sagte er laechelnd, sich zum General Fave wendend, "alle diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute gruessen mich und rufen mir ihre Anhaenglichkeit und Treue entgegen. Man muss diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er sofort seine grossen und gefaehrlichen Dimensionen." Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen. "Nach Belleville!" rief Napoleon. Er gruesste noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltoenendes "Vive l'Empereur!" aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden Bevoelkerung der Residenz bewohnten Gegenden. "Fuerchten Eure Majestaet nicht," sagte der General Fave, "dass in jenem unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen waere? Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fuegte er mit etwas aengstlicher Miene hinzu. "Wer die Gefahr fuerchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser, stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muss erkennen, dass ich mich noch als seinen Herrn fuehle." Man war in Belleville angekommen. Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis zerstoerte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht. Wenige Menschen gingen auf der Strasse, an den Thueren der Haeuser standen meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit verworrenem Haar und struppigen Baerten, welche ihre duestern Blicke mit dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles verhielt sich schweigend, kein gruessender Ruf ertoente, aber auch kein Laut feindlicher Kundgebung liess sich hoeren. Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht von sergeants de ville beschaeftigt, die Truemmer derselben hinweg zu raeumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen Fiakern und Asphaltstuecken des Trottoirs bestanden. Der Kaiser liess halten. An den Fenstern des naechsten Hauses erschienen in grosser Anzahl jene duesteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten glaenzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgaehrenden Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte den Fuehrer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der naechtlichen Vorgaenge, dann liess er den Blick ueber die Fenster hinschweifen. Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Strasse stehen geblieben. Napoleon gruesste artig mit der Hand hinueber, aber kein Ruf antwortete ihm. Alle diese Maenner und Frauen blickten finster und unbeweglich vor sich hin. "Vorwaerts!" befahl Napoleon. Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen ueber die noch nicht ganz fortgeraeumten Truemmer der Barrikaden. Da ertoente aus einem der umliegenden Haeuser wie aus der Luft herklingend eine tiefe, rauhe und heiser toenende Stimme. "Fahre hin, blutiger Caesar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich vor dem Richterstuhl der Geschichte!" Der Kaiser zuckte zusammen. "Halt!" rief er. Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Strasse standen starr und still. Niemand schien die Worte gehoert zu haben, welche eben so schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser liess den brennenden Blick seiner grossen duester aufleuchtenden Augen rings umher schweifen. Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen. "Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und ruhig. Dann legte er sich in den Wagen zurueck, blickte einige Minuten auf die Truemmer der Barrikaden, gruesste nochmals mit wuerdiger Handbewegung die an der Seite der Strasse stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu fahren. Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser ueber die aeussern Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue Francois premier. An der Ecke dieser Strasse hielt der Kutscher, welcher von dem General Fave seine Instructionen erhalten hatte, vor einem grossen Hause die Pferde an. Das Thor des Hauses oeffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens. "Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser. "Zu Befehl, Sire." Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestuetzt, durch das grosse Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fuenf Stufen in das Innere des Hotels fuehrte. In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der fruehere langjaehrige Minister der auswaertigen Angelegenheiten, jetziger Senator und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfaelliger geworden; sein kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiss, aber der Ausdruck und die Farbe seines kraeftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren, grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken Augenbrauen hervor. Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit wuerdevoller Ruhe vor dem Kaiser und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme: "Ich bitte um Verzeihung, Sire, dass ich Eure Majestaet nicht schon am Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so vollstaendig ueberrascht, dass ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu eilen." "Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte der Kaiser, seinem fruehern Minister die Hand reichend, die dieser ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muss ich wohl zu Ihnen kommen." Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten. Sie traten in den grossen Empfangssalon. "Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestaet zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschaeftigt." "Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren. Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich moechte ein wenig mit Ihnen plaudern. Der General wird die Guete haben mich hier zu erwarten." Drouyn de L'huys verneigte sich und fuehrte den Kaiser durch ein kleines Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhaenge von dunkelgruener Seide zur Haelfte verhuellt waren und dessen ganze Ausstattung in einem grossen Tisch von Eichenholz, einigen grossen Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken, Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schoen gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer. Napoleon legte seinen Ueberrock ab und liess sich, indem er froestelnd zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder. Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in sinnendem Nachdenken auf die zuengelnde Flamme blickte. "Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon endlich, indem er, wie einen raschen Entschluss fassend, sofort auf den Gegenstand einging, der seine Gedanken beschaeftigte,--"die Lage ist ernst, und ich muss darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fuegte er halb scherzend, halb wehmuethig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer aelter und bevor ich aus diesem irdischen Leben scheide, muss ich meine Angelegenheiten ordnen und mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange der Hueter dieses Hauses gewesen, dass ich in dem ernsten Augenblick, in dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als bei Ihnen." Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zuegen lag nur die ehrerbietige Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen wuerde, aber keine Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen. "Sie haben," sagte der Kaiser zoegernd und eine leichte Verlegenheit ueberwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, dass ich den Thatsachen gegenueber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung der neuen preussischen Macht zu verhindern oder fuer Frankreich diejenigen Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt haetten, auch jener Macht gegenueber unsere Stellung zu behaupten." Drouyn de L'huys neigte betaetigend das Haupt. "Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "dass jene Ansicht, welche auch heute noch die meinige ist, damals unausfuehrbar war, weil Eurer Majestaet Marschaelle erklaerten, dass eine militairische Action in jenem Augenblick unmoeglich oder hoechst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "dass damals eine wirklich militairische Action garnicht moeglich geworden waere, dass die franzoesischen Fahnen am Rhein allein genuegt haetten, um unmittelbare Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man spaeter, nachdem der Frieden von Prag geschlossen war, so schnoede zurueckgewiesen hat." "Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von den Geschaeften zurueckgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten konnte. Sie zuernen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich damals Unrecht gehabt."-- "Ich wage nicht, Eurer Majestaet Handlungen zu beurtheilen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestaet zu zuernen, weil Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestaet wissen auch, dass ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik, die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Dass ich mich damals zurueckgezogen habe, dass ich mich seither von dem politischen Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestaet natuerlich finden und mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen." "Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschuettert ist," sagte Napoleon, "sehen Sie daraus, dass ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren Rath zu hoeren,--den Rath eines Freundes, eines bewaehrten Freundes, eines der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief seufzend--"denn ich habe viel verloren." "Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestaet auf denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen, und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er fuer die Wahrheit haelt, sagen, als es Ihr Minister gethan hat." "Irgend ein grosser Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Laecheln zu Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an mich zu ueberzeugen, dass es weit besser gewesen waere, damals Ihrem Rath zu folgen. Doch moechte ich nicht die zweite groessere Schuld auf mich laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie dies geschehen koenne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen," fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persoenlichen Einfluss. Von allen Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, dass man Recht hat, dass die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem geschwaechten Einfluss Frankreichs nach Aussen hin liege. Alles draengt mich den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen und dasjenige wieder zu zerstoeren, was man vielleicht besser damals garnicht haette entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen, bedarf ich ausser der Tuechtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie man mich versichert, auch Maenner von festem, klaren und entschlossenem Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und waehrend der Ereignisse die Zuegel der Politik in starker Hand halten. Sollte es zum Kampf kommen, so muss ich und werde ich persoenlich bei der Armee sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon fuehrt, muss da sein, wo die Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden. Ich wuerde die Kaiserin als Regentin in Paris zuruecklassen muessen, dann aber waere es vor Allem nothwendig, dass neben ihr ein Mann staende von erprobter Treue, von erprobter Geschaeftskenntniss, ein Mann, welchem die europaeischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen, und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das franzoesische Volk aufblickt. Ich wuesste keinen bessern Mann dafuer als Sie, mein lieber Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es fuer nothwendig und fuer klug finden, jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?" Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder, dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und langsam, jedes Wort scharf betonend: "Eure Majestaet haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort, "dass ich den Fehler, den die franzoesische Politik im Jahre 1866 gemacht hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel, der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwaertig befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muss ich ernstlich zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet spaeter in der allgemeinen Missachtung die Folgen seiner Unschluessigkeit. Aber gewiss kann er sie dadurch nicht gut machen, dass er irgend eine Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Fuer uns ist in diesem Augenblick eine richtige, einer grossen Nation wuerdige Veranlassung zum Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veraenderungen, welche der Krieg von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen Abschluss mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da ueber den Wortlaut desselben hinausgehen, fuer Frankreich kann darin gewiss kein Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den man heute mit dem Einsatz aller Kraefte und der ganzen Machtstellung des Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine einfache militairische Demonstration haette vermieden werden koennen.-- "Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und verwundert anblickte, "ich sage nicht, dass der Conflict zwischen dem sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht frueher oder spaeter kommen muesse. Heute aber ist er noch in keiner Weise reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht franzoesische. Frankreich ist weder der vertragschliessende Theil, noch garantirende Macht bei dem Prager Frieden. Geht Preussen ueber die Schranken hinweg, welche es sich selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muss es zunaechst die Sache Oesterreichs und der Sueddeutschen Staaten, das heisst, der in jenem Krieg Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage so gestellt wird, wenn die Sueddeutschen Staaten ihre Unabhaengigkeit gegen Preussen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner Verbuendeten die strenge Aufrechthaltung der Vertraege fordert, dann kann Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstuetzen und als Verbuendeter der deutschen Staaten, als Verbuendeter Oesterreichs gegen Preussen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, dass das deutsche Nationalgefuehl sich nicht als ein maechtiger Verbuendeter des Berliner Cabinets uns gegenueberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er laechelnd, "obgleich ich mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein Zeichen bemerkt, dass die Sueddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur geneigt waeren, einen energischen Widerstand gegen Preussen zu machen." "Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen Kreisen vielfache Sympathien fuer Frankreich laut. Man erwartet von uns Huelfe und Beistand." "Um Huelfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muss man zunaechst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestaet nicht genug wiederholen, dass die hoechste Gefahr in einem Krieg gegen Preussen darin liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich um eine franzoesische Frage. Moegen die Herren in Muenchen und in Stuttgart statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, moegen sie fest und frei auftreten, moegen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden Conflict zu endlicher Loesung zu bringen, das heisst auch dann nur in dem Fall, dass Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland wieder aufzunehmen." "Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, dass Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluss fassen und ausfuehren wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der Grundgedanke der oesterreichischen Regierung immer der, die deutsche Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne dass darueber etwas Bestimmtes stipulirt ist, fuer gesichert." "Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und kalt, "das Vertrauen Eurer Majestaet zu theilen. Selbst da, wo bestimmte Vertraege vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen. Gegenwaertig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, nicht einmal irgend eine fassbare Verhandlung zu existiren. Oder verzeihen Eure Majestaet meine indiscrete Frage, die durch Ihre vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?" "Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, "indessen die Bestimmung, die ich selbst persoenlich bei dem Kaiser Franz Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche Grammont ueber die dortigen Verhaeltnisse macht, lassen mich an einer activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort, "scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben aussprachen--dringend zu wuenschen, dass der Kriegsfall nicht aus einer deutschen Frage genommen werde, da es fuer Oesterreich schwer sein wuerde, in einer solchen eine diplomatische Handhabe fuer seine Aktion zu finden, nachdem es in seine voellige Ausschliessung aus Deutschland eingewilligt hat." Ein leichtes hoehnisches, fast mitleidiges Laecheln glitt ueber Drouyn de L'huys' ernste Zuege. "Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in der oesterreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der vollstaendige cercle vitieux, das heisst mit andern Worten klar und ohne Rueckhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen das siegreiche Preussen niederwerfen, und dann will Oesterreich die grosse Gnade haben, mit uns die Fruechte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire," rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich in diesem Augenblick keinen Krieg fuehren! Wir muessen feste und starke Alliirte haben! Wir muessen des energischen Vorgehens der Sueddeutschen Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiss sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich kommen mir vor wie das Verhaeltniss eines Herrn zu einer Dame, der ihr die Cour macht, ihr Bouquets ueberreicht, ihr die Taschentuecher aufhebt, aber niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste entscheidende Action beginnen, so muss vor allen Dingen mit Oesterreich eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance allein kann verhindern, dass die ganze, so ungeheuer angewachsene preussische Militaermacht sich in maechtig concentrirten Vorstoessen ueber den Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiss jede Verwickelung Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluss auf der pyrenaeischen Halbinsel zu zerstoeren und Eurer Majestaet Regierung die maechtige Stuetze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus bietet." "Und wuerden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst zugehoert hatte und auf den die Worte seines frueheren Ministers einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die franzoesische Politik nach den Grundsaetzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten und die grosse Action nachdruecklich vorzubereiten, welche uns wieder auf die alte Hoehe zurueckfuehren soll?" "Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer Majestaet und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen Krieg zu denken. Ich wuerde Eurer Majestaet rathen, zuerst die Verhaeltnisse im Innern zur vollstaendigen Abklaerung zu bringen. Denn ich muss Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, dass so wie die Dinge jetzt liegen, auch ein nur voruebergehender Misserfolg unserer Armee die bedenklichste und gefaehrlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das Aeusserste zu wagen." "Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner militairischen Hoehe. Man sagt mir allgemein, dass die Nation den Krieg will, und dass ein grosser nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen." "Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "dass Diejenigen, die dies Eurer Majestaet sagen, sich taeuschen. Ich habe seit meinem Ruecktritt von den Geschaeften meine Musse mit dem Studium der oeconomischen Verhaeltnisse ausgefuellt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Praesidenten der grossen Gesellschaft der Landwirthe zu erwaehlen, welche sich ueber ganz Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Praesident der Gesellschaft, welche die grossen Grundbesitzer, wie die kleinen laendlichen Eigentuemer und die Bauern umfasst. Ich hatte Gelegenheit wie aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestaet meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, dass das ganze Land, d.h. das Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise Massregeln Eurer Majestaet eroeffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem Fluss zu bringen. Wuerde eine grosse Verwickelung in Deutschland entstehen, wuerde die unterdrueckte Bevoelkerung der Sueddeutschen Staaten, wuerde Oesterreich die Huelfe Frankreichs gegen Verletzungen der oeffentlichen Vertraege anrufen, so wuerde es allerdings die Nation als eine Ehrensache betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf einzutreten. Wuerde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfaelle eines Krieges stuerzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste Ueberzeugung aus, dann wuerde man vielleicht einiges chauvinistisches Geschrei auf den Boulevards hoeren, aber die ganze grosse Bevoelkerung des Landes wuerde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiss und Arbeit erworbenen Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes preisgegeben sehen." Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem Schnurrbart. "Sie meinen also, dass die Consolidirung der innern Verhaeltnisse einer Action nach Aussen vorhergehen muesse?" fragte er. "Ebenso gewiss," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem Vorgehen an den Rueckzug denken muss. Eure Majestaet muessen sicher sein," sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kuehne Aufrichtigkeit--dass Sie nach einer immerhin moeglichen Niederlage noch Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten koennen." Der Kaiser oeffnete weit die Augen. Ein eigenthuemlich durchdringender Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinueber, reichte ihm die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme. "Ich danke Ihnen fuer dieses Wort, ich habe mich nicht getaeuscht, als ich im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, dass die in's Schwanken gekommenen inneren Verhaeltnisse wieder befestigt werden muessten, so haben Sie auch gewiss Ihre bestimmte Ansicht darueber, in welch