The Project Gutenberg EBook of Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Chr. M. Wieland's Biographie Author: H. Doering Release Date: January 4, 2006 [EBook #17454] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE *** Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net [Transcriber's Note/ Anmerkung: Errors in the printed text have been corrected. The original form is listed at the end of the file.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Originalform ist am Ende notiert.] ---- ---- ---- BIOGRAPHIEN DEUTSCHER CLASSIKER. SUPPLEMENT zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe "DEUTSCHER CLASSIKER." Drittes Bändchen. CHR. M. WIELAND. Jena, Verlag von Carl Doebereiner. 1853. CHR. M. WIELAND'S Biographie von =Dr.= H. DOERING. Complet in Einem Bändchen. Jena, Verlag von Carl Doebereiner. 1853. WIELAND'S LEBEN. _Christoph Martin Wieland_ erblickte in dem unfern der ehemaligen freien Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe Ober-Holzheim am 5. September 1733 das Licht der Welt. Sein Vater, _Matthias_, der dort eine Pfarrstelle bekleidete, doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche zu Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der er sich anfangs gewidmet, später in Halle mit dem Studium der Theologie vertauscht. Er war ein eifriger Anhänger Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus geworden. Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer eine gewisse Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er von der priesterlichen Würde für unzertrennlich hielt. Seine Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in seinen beschränkten Verhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe seiner Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt. Mit gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, eine geborne _Kieke_, die mannigfachen Entbehrungen, die ihres Mannes Lage zu fordern schien. Sie war eine stille, anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe zu vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem Sohne, und diese Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch ein Bruder geboren ward, der schon früh an Engbrüstigkeit litt, und bereits im Jünglingsalter starb. Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in spätern Jahren erzählte, seine große Liebe zur Reinlichkeit. Als ihm einst der Dreier, wofür er sich beim Gange in die Schule sein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand fiel, konnte er sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünze wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu betreten. Ein gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen Spielen nie ganz verließ, blieb ihm in seinen Knabenjahren eigen. Von Natur war er schwächlich. Aber bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen in reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe und einem trefflichen Gedächtniß. Er war noch sehr jung, als er, außer einer gründlichen Kenntniß des Lateinischen und Griechischen, auch in der Mathematik, Logik und Geschichte bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen Phantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls. Durch seine Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel seines Vaters neigte er sich früh zur religiösen Schwärmerei. Verändert ward diese Geistesrichtung durch das mit großem Eifer von ihm betriebene Studium der römischen und griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden im Cornelius Nepos begeisterten ihn. Lebhaft regte sich seit seinem zwölften Jahre Wielands Gefühl für Poesie, noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen hatte, die späterhin seine treuen Begleiter auf einsamen Spaziergängen wurden. Seine ersten poetischen Versuche waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild bei einem Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung von beinahe 600 Versen gab. Nicht viel kürzer war ein anderes Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die bekannte Fabel von den Pygmäen den Stoff bot. Dies Gedicht war eigentlich eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors an der Schule zu Biberach. In deutschen Versen wählte sich Wieland den durch sein "Irdisches Vergnügen in Gott" gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von Gottsched, dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte ihn sein sehr feines Gefühl für das wahre Schöne. Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb Brockes Wielands Vorbild in mehreren Cantaten und andern religiösen Dichtungen, die er zwischen seinem zwölften und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und Ballette fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung für die Poesie hatte jedoch mit manchen Hindernissen zu kämpfen. Das vaterliche Verbot, mit irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen Gegenständen sich zu beschäftigen, nöthigte ihn, früh aufzustehen, und die Morgenstunden zu seinen poetischen Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen Versuche, ein Epos, "die Zerstörung Jerusalems" betitelt, nicht ausgenommen, genügte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte Wieland die meisten seiner poetischen Versuche, und auch die wenigen, die seine Mutter gerettet hatte, traf späterhin ein gleiches Schicksal. Wielands Gefühl für die Schönheiten der Natur ward früh geweckt durch die anmuthigen Umgebungen der Stadt Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb ein vorherrschender Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos einen großen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht in dem an der väterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. In froher Erinnerung an seine Jugendzeit dichtete er später (1780) in seinem "Oberon" die Verse: "Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste Lust empfand" u.s.w. In einem spätern Briefe an einen Freund gestand Wieland, daß sein Jugendleben in einer anmuthigen Gegend großen Einfluß auf seine Bildung gehabt habe. Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn sein Vater nach der bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt Klosterbergen sandte. Unter dem Abt Steinmetz, dem damaligen Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen Hinneigung zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiöser Schwärmer zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in Klosterbergen neue Nahrung. Heilsam war ihm daher das mit besonderem Eifer betriebene Studium der neuern Sprachen. Im Französischen machte Wieland, ungeachtet eines sehr mittelmäßigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war er im Stande, ohne Hülfe eines Wörterbuchs, mehrere französische Schriftsteller zu lesen. Fontenelle, d'Argens und Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der Letztere durch seinen Spott über religiöse Gegenstände Wielands Gefühl empörte. Er war durch diese Lectüre allmälig ein Skeptiker geworden. In einem philosophischen Aufsatze suchte er zu beweisen, daß das Universum, ohne einen Gott, aus ewigen Elementen sich habe bilden können. Die harten Vorwürfe, die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen, konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben einigermaßen mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an wegen seiner Zweifel an der Existenz Gottes. In schlaflosen Nächten rang er sich die Hände fast wund, und vergoß bittere Thränen der Reue. Er war an seinem Glauben irre geworden, und fürchtete die Ewigkeit der Höllenstrafen. Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich wieder den classischen Studien zuwandte. Während seines zweijährigen Aufenthalts hatte er den Livius, Terenz, Horaz, Virgil und andere römische Autoren für sich gelesen. Auch einige griechische Schriftsteller wählte er zu seiner Lectüre. Den größten Einfluß auf seine Denk- und Sinnesart gewann Xenophon. In spätern Jahren erzählte Wieland, wie er sich damals an der Cyropädie nicht habe satt lesen können. Besonders gefiel ihm die Episode von "Araspes und Panthea," die er späterhin zum Stoff einer Dichtung wählte. Die "Denkwürdigkeiten des Sokrates" galten ihm, nach seinem eignen Ausdruck, für "das Evangelium der Welterlösung." Eine ähnliche Richtung, wie sie Xenophon verfolgte, fand Wieland in dem =Spectator=, =Tatler=, =Guardian= und andern englischen Journalen, die ihm damals zufällig in die Hände geriethen. Philosophische Studien, die er schon früh lieb gewonnen hatte, behielten noch immer einen lebhaften Reiz für ihn. Unter den Alten war Cicero sein Liebling. Das ernste Studium von Wolfs Schriften und von Bayle's historisch-kritischem Wörterbuche vollendete Wielands philosophische Bildung. In spätern Jahren gestand er, daß er "durch eine poetische Manier, in den metaphysischen =terris incognitis= herum zu vagiren," damals von einem System zum andern übergesprungen sei. Von diesem Schwanken befreite ihn einer seiner Lehrer, Räther mit Namen, der sich seiner wahrhaft väterlich annahm. Auch der Conventual Gräter machte sich vielfach um seine Geistesbildung verdient. Wielands Fleiß während seines zweijährigen Aufenthalts in Klosterbergen war musterhaft. Neben seinen philologischen und philosophischen Studien betrieb er mit Eifer sein künftiges Berufsfach, die Theologie. Er fand noch Muße, sich im deutschen Styl zu üben, für den in den damaligen Lehranstalten wenig gesorgt war. Belehrend waren für ihn die zahlreichen Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in Breitinger's kritischer Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher kritischer Blätter suchte er sich zu bilden. Er fand darin reichen Stoff zum Vergleichen und Prüfen, nachdem er seine eignen poetischen Kräfte mehrfach versucht hatte. Obgleich weniger productiv, als früher, hatte Wielands Neigung zur Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend waren für ihn, außer Gellert und Hagedorn, besonders Hallers Gedichte durch ihren philosophischen Inhalt und durch die Würde der Sprache. Verdrängt aber wurden jene Dichter, als Klopstock mit seinem "Messias" hervortrat. Unbeschreiblich war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten Gesänge jener Dichtung in den "Neuen Beiträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes" gelesen hatte. Er fand in jenen Gesängen volle Befriedigung für Geist und Herz, für seine Religiösität und für sein poetisches Gefühl. Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf den Wunsch seines Vaters hatte er sich 1749 in die genannte Stadt begeben. Er war damals sechszehn Jahre alt. Den größten Theil der poetischen Versuche, die in jener Zeit entstanden, verwarf Wieland wieder, oder ließ sie wenigstens unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern bot ihm die griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen Beschäftigungen führte er auch in Erfurt ein einsames Leben. Der Mangel eines Jugendfreundes nöthigte ihn, sich an ältere Personen anzuschließen, zu denen ihn der Ernst seines Wesens ohnedieß hinzog. Einen väterlichen Freund fand er in Erfurt an dem mit seiner Familie verwandten =Dr.= Baumer, der später eine Professur der Medicin und Chemie in Gießen erhielt, und dort als Hessen-Darmstädtischer Bergrath starb. Seine Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, war die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. Baumer's logische Vorlesungen und ein Privatissimum über die Wolfische Philosophie gaben seinem Geiste reiche Nahrung. Mit Vergnügen erinnerte sich Wieland in spätern Jahren, an den Genuß, den ihm Baumer verschafft, als er ihm zur Lectüre des Don Quixote verholfen. Aus jenem Roman habe er "die große allgemeine Naturgeschichte der menschlichen Thorheit und Narrheit" kennen gelernt. Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland 1750 nach Biberach zurück. Der Sommer, den er im elterlichen Hause zubrachte, war eine der merkwürdigsten Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter eines Arztes, der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Nicht durch blühende Schönheit, durch jugendliche Reize fühlte sich Wieland zu Sophien hingezogen. An seinem rein platonischen Liebesverhältniß hatte die Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was ihn an Sophien fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, die sie schon früh durch das Lesen der besten deutschen Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses Streben nach Erweiterung ihrer Kenntnisse, und ihr glühender Enthusiasmus für alles Gute, Wahre und Schöne. Obgleich nur zwei Jahre älter, als Wieland, übte Sophie doch durch die Festigkeit ihres Charakters und innere Haltung eine seltene Herrschaft über den jungen Schwärmer aus. An Kenntnissen ihr überlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung Sophiens rege Wißbegierde zu befriedigen. Diesem Verhältniß dankte Wielands erstes gedrucktes Gedicht seinen Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange nach dem St. Martinskirchhofe traf Sophie einst ihren Freund, und ihre Gefühle begegneten sich dort zum ersten Mal in der Begeisterung für die Schönheiten der Natur. Ein solches Stillleben, meinte Wieland, sei allen geräuschvollen Freuden der Welt vorzuziehen. Durch den Umgang mit Sophien, äußerte er in einem spätern Briefe, mit Hindeutung auf seinen frühern Skeptizismus, sei er ein ganz anderer Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. Unvergeßlich blieb ihm noch in spätern Jahren ein schöner Sommertag, an welchem er mit der Geliebten in den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt, und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen und von der Würde der menschlichen Seele unterhalten hatte. Durch eine Predigt seines Vaters über den Text: Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema geführt worden. Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprächs, das seine Begleiterin bis zu Thränen rührte, war Wielands Lehrgedicht: "Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt." Es ward im Februar 1751 begonnen, im April des genannten Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal gedruckt. Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, die im Herbst 1750 nach Augsburg zurückkehrte, wo ihr Vater, früher in Kaufbeuern ansässig, sich niedergelassen hatte. Noch oft trat in Tübingen, wo Wieland um diese Zeit seine akademische Laufbahn eröffnete, Sophiens Bild vor seine Seele. Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, war so tief, daß die in einem Briefe seines Vaters ausgesprochenen Zweifel an der Beständigkeit seiner Liebe ihn sehr schmerzten. In seiner schwärmerischen Stimmung kannte er kein höheres Glück, als Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Erfüllung seines Lieblingswunsches entgegen treten konnten, setzte er sich leicht hinweg. Im Geist sah er schon seine bürgerliche Existenz begründet, während er noch nicht mit sich einig war über das Berufsfach, dem er sich widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch ihre Trockenheit. Um Theolog zu werden, hätte er eine stärkere Brust haben müssen. Das Studium der Medicin ward ihm verleidet durch seine unüberwindliche Scheu vor todten Körpern, Krankenstuben und Spitälern. Er besuchte in Tübingen fast gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit fesselte ihn an sein Zimmer. Ohne Freunde, ja fast ohne allen Umgang, brütete sein Geist über der Idee, die schönsten poetischen Blüthen, die ihm sein Dichtertalent bieten möchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen Kranz zu flechten. So entstand sein früher erwähntes Gedicht: "Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt." Begeistert von diesem Product, das er später einer sehr strengen Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht dem Professor Meier in Halle, der damals als philosophischer Kopf und als Kritiker viel galt. Weder seinen Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwähnte er in seinem Briefe. Meier hielt einen Adlichen für den Verfasser des ihm gesandten Gedichts, das er sofort drucken ließ, und es mit einer Vorrede begleitete. Noch ehe er das Schicksal seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen poetischen Plan entworfen. Die fünf ersten Gesänge eines epischen Gedichts, "Hermann" betitelt, sandte er an Bodmer in Zürich, der damals in dem lebhaftesten literarischen Kampfe mit Gottsched und seinen Anhängern verwickelt war. Bodmer nahm die ihm gesandte Probe günstig auf, vielleicht schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung seine Parthei ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor in einen fortgesetzten Briefwechsel. In einer anmuthigen Sommerwohnung, späterhin das Wielandshäuschen genannt, auf einem Weinberge unweit Tübingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte Wieland damals dem Genuß der Natur, einsamen Studien und mancherlei poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in fast gänzlicher Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und Empfindungsweise schilderte er in einem damaligen Briefe mit den Worten: "Ich habe von der Dichtkunst keinen kleinern Begriff, als daß sie die Sängerin Gottes, seiner Werke und der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir doch auch die Aeußerungen jugendlicher Freude, wenn sie unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben mich oft ergötzt." In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch auch den unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, daß er die genannten Dichter eines sträflichen Leichtsinns beschuldigte. Der Ernst seiner Natur zog ihn zu den englischen Poeten, zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. "Den Franzosen," schrieb Wieland, "bin ich, ihres flüchtigen und affenmäßigen Charakters wegen, recht gram, und noch mehr den Deutschen, die ihren Geist lieber nach diesen lächerlichen Geschöpfen bilden wollen, als nach den denkenden, männlich schönen und zuweilen himmlischen Britten." Aus einer schwärmerischen Ueberspannung seines Geistes ging Wielands Streben hervor, die Irreligiosität und den Leichtsinn zu bekämpfen. Er wollte der Welt zeigen, daß das Schöne im ächt platonischen Sinne mit dem Guten einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von der enthusiastischen Verehrung jenes Sängers zeugten mehrere damalige Briefe Wielands. Ein Nachahmer Klopstocks ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag, leicht etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die seinem Geschmack besonders zusagten. Wielands "Lobgesang auf die Liebe", und ein Gedicht, "der Frühling" überschrieben, zeigten unverkennbar den Einfluß, den Kleist auf sein poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen Versuch, den Sänger der Messiade auf dem kühnen Fluge seiner Phantasie zu begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn beseelte ein gewisser moralischer Stolz, der noch genährt ward durch die Vergleichung des gewöhnlichen Lebens und Treibens der Menschen mit den erhabenen Mustern von Tugend und Seelengröße, die ihm ältere und neuere Schriftsteller vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe, wie früher erwähnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch höher begeisterte ihn als Jüngling die Schilderung jeder edlen That, während er sich von schlechten Handlungen mit Abscheu hinweg wandte. Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges Gefühl für das Reinsittliche. Den philosophischen und moralischen Gedichten gab er vor allen andern den Vorzug. Er schrieb darüber unter andern: "Ich schätze die heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich überlasse es größern Geistern, darin groß zu seyn oder sich darin zu versuchen. Ich begnüge mich, die wenigen Nebenstunden, die mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu benutzen, in philosophischen und moralischen Gedichten, und also in Absicht der Dichtkunst in einer kleinen Sphäre, die liebenswürdige Tugend zu preisen." Unter den Gedichten Wielands, die während seines Aufenthalts in Tübingen entstanden, war der "Anti-Ovid", im Sommer 1752 verfaßt, nicht blos gegen den Leichtsinn der Römer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu wählen, dem er, wie er in spätern Jahren gestand, damals kaum gewachsen war, da es ihm in seiner Einsamkeit, umgeben von seinen Büchern, an der nöthigen Menschenkenntniß fehlte, die er nur aus der Beobachtung der Lebensverhältnisse schöpfen konnte. Einige Monate früher, als der "Anti-Ovid", im Mai 1752, entstanden Wielands "moralische Erzählungen." Bereits am Schluß des Jahres 1751 hatte er seine "moralischen Briefe" herausgegeben. Von seinen bisherigen Gedichten unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren Gehalt, als durch die Form. Für die "moralischen Briefe" hatte Wieland Alexandriner, für die "moralischen Erzählungen" reimlose Jamben gewählt, und für den "Anti-Ovid" ein freies Versmaß in wiederkehrenden Reimen. Unter solchen Beschäftigungen lebte Wieland weniger in der wirklichen Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm seine Phantasie vorzauberte. Seine Zukunft schien ihn wenig zu kümmern. In einer Art von Selbstcharakteristik, die er noch während seines Aufenthalts in Tübingen in einem Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz seiner mannigfachen Fehler, sich "ein gutes Herz und einigen Geist" zu, dabei glaubte er mit Wahrheit versichern zu können, daß es "sein Geist gewesen, der sein Herz zu einem so guten gemacht habe." Im Juni 1752 war Wieland aus Tübingen wieder in das elterliche Haus nach Biberach zurückgekehrt. Lebhaft misbilligte sein Vater die Art und Weise, wie er bisher seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte er seinen künftigen Beruf fast gänzlich aus den Augen verloren. Einer sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Sehr abgeneigt war er daher dem väterlichen Plan, sich in Göttingen der Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland meinte, daß er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht passe. Er hoffte wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, der mit seinen Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte. Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er gewachsen zu seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er dadurch mit Gärtner, Ebert, Zachariä u.a. talentvollen Männern, die in dem genannten Institut Lehrstellen bekleideten, in nähere Berührung zu kommen hoffte. Zur Erfüllung seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine Aussicht. Von dem peinlichen Gefühl, seinen Eltern durch weitere Unterstützung beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit durch eine Einladung Bodmer's, zu ihm nach Zürich zu kommen. Er hatte den jungen Autor, nach den poetischen Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen. Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten werden sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. Er glaubte vielmehr, daß eine solche Entfernung seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn möchte, besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von der er sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland aber wollte Biberach nicht verlassen, ohne seine geliebte Sophie noch einmal gesehen zu haben. Manche Umstände traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern verzögerten. Er versank darüber, wie er sich in einem seiner Briefe äußerte, "in einen Zustand von Unthätigkeit und Verdrießlichkeit, der ihm oft zur Last ward." Eine Beurtheilung von Bodmer's "Noachide" half ihm die langweilige Zeit einigermaßen verkürzen. Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zürich. Da er seine dortigen Freunde nicht so bald wieder verlassen wollte, so wünschte er in der Schweiz durch eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner Subsistenz zu sichern. Noch eh' er nach Zürich abgereist war, wandte er sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn Schinz, und bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's anmuthig gelegener Wohnung, wo er am 13. October 1752 eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht, Liebe und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch Mittheilung seiner literarischen Schätze und durch seine belehrenden Gespräche sehr günstig auf Wieland einwirkte. Mit seiner Denk- und Empfindungsweise harmonirte Bodmer's einfaches Leben, seine Zurückgezogenheit von der Welt und die Neigung zu literarischen Beschäftigungen. Auch nachdem sie längere Zeit zusammen gelebt, trat in ihrem freundschaftlichen Verhältniß keine wesentliche Störung ein. Noch in spätern Jahren nannte Wieland jene Periode die glücklichste seines Lebens. In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu Biberach angefangene "Abhandlung von den Schönheiten des epischen Gedichts Noah", das sein väterlicher Freund Bodmer verfaßt hatte. Bodmer ließ jene Abhandlung 1753 zu Zürich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfaßtes "Schreiben über die Würde und Bestimmung eines schönen Geistes." Auch zur Poesie kehrte Wieland in Zürich wieder zurück. Auf Bodmers Vorschlag schrieb er ein kleines Epos, "die Prüfung Abrahams" betitelt. Zu seinen damals gedichteten "Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden Freunde" hatte er sich durch das von der englischen Dichterin Elisabeth Rowe herausgegebene Werk: ="Friendship in death"= veranlaßt gefunden. Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, seine geliebte Sophie einst ganz die Seinige nennen zu können. Daß die Schwierigkeiten, zu ihrem Besitz zu gelangen, sich noch gehäuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in seine poetischen Träume, fühlte er sich tief erschüttert durch einen Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhältniß zu ihm für aufgelöst erklärte. Dies Schreiben, das er zu Anfang des December 1753 erhielt, meldete ihm zugleich Sophiens Vermählung mit dem Churmainzischen Hofrath de la Roche. Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte sie aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, und die Stimme ihres Herzens, die noch immer für Wieland sprach, wenig beachtet. Die innige Theilnahme seiner Freunde mußte ihm dies harte Schicksal ertragen helfen. Mit größerer Selbstüberwindung, als sich von seiner reizbaren Gemüthsart erwarten ließ, billigte er in einem Briefe an die Geliebte ihren Entschluß, und wünschte ihr aufrichtig Glück zu ihrer Verbindung. Oft aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust seiner Sophie wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl mitgerechnet haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung einer Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, einer "Akademie zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute." Durch das peinliche Gefühl, als Bodmer's Haus- und Tischgenosse seinem Gönner noch länger zur Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem Herrn v. Grebel in Zürich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Weder die ausgezeichnete Achtung, die er in seinem neuen Verhältniß genoß, noch die große Rücksicht, die man auf seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz um den Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in seinen schönsten Hoffnungen getäuscht, und versank in einen Trübsinn, den nichts zu erheitern vermochte. In dieser Stimmung nahm er seine Zuflucht zu philosophischen Studien. Mit großer Anstrengung las er fast Tag und Nacht in Plato's Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die Lebensbeschreibungen von Heiligen gehörten zu Wielands damaliger Lectüre. Dadurch neigte er sich zu einer immer strengern Ascetik hin. In solcher Stimmung schrieb er einem Freunde: "So einsiedlerisch ich hier Vielen scheine, bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn möchte. Melden Sie mir doch, ob es keine Wüste in Ihrer Gegend giebt. Ich habe schon seit manchen Jahren große Lust, ein Eremit zu werden; denn ich versichre Sie im Ernst, daß ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen herzlich müde bin." Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiöser Schwärmer zu werden. Die Lectüre von Youngs Nachtgedanken und von Klopstocks Mesias war geeignet, jene Stimmung zu unterhalten, und ihn über die Grenzen eines ruhigen Forschens weit hinaus zu führen. Sein Eifer für Glauben und Frömmigkeit kannte kein Maaß und Ziel, und Toleranz war ihm ein völlig fremder Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, Tibull und mehrere französische und englische Dichter, besonders aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in seinen 1754 herausgegebenen "Sympathien" öffentlich ein Verdammungsurtheil aus. Auf ähnliche Weise eiferte Wieland in den 1755 geschriebenen "Empfindungen eines Christen" gegen die "schwärmerischen Anbeter des Bacchus und der Venus." Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, "das Aergerniß zu rügen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet." Ein milderer Ton, doch eine eigentümliche mystische Richtung war vorherrschend in mehrern "Hymnen" Wielands, von denen er später nur den "Hymnus auf Gott" in seine Werke aufnahm. Mit seinen "Erinnerungen an eine Freundin" dem Inhalt nach verwandt war Wielands "Timoklea", eine Frucht seiner philosophischen Studien, besonders der Lectüre des Plato und Shaftsbury. Wieland's "Platonische Betrachtungen über den Menschen" dankten ebenfalls jenen Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften sowohl, als in zwei Aufsätzen, die er selbst als "Visionen" bezeichnete, in dem "Gesicht des Mirza" und in dem "Gesicht von einer Welt unschuldiger Menschen" sprach Wieland mit ergreifender Wärme von der Tugend, Schönheit und Liebe im edelsten Sinne des Worts. In seiner "Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen" unternahm er einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, den damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks und gegen seine Anhänger. Aus der leidenschaftlichen Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen Grad erreichte. "Ich verschlummere", schrieb er 1756 einem Freunde, "wider meinen Willen einen großen Theil meiner Existenz. Ich fühle, daß mein Leib immer schwächer wird, und daß sowohl meine sehr blöden Augen, als mein Gehirn dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wünsche ich, daß ich ein halbes Dutzend munterer Seelen hätte, die der meinigen subordinirt wären, und die alles das nach meinem Sinne ausführten, was ich nicht kann. Dergleichen Wünsche sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen Lebhaftigkeit übrig geblieben ist." Seinem Trübsinn ward Wieland entrissen, als er seinen bisher auf Bodmer und dessen Freunde beschränkten Umgang allmälig erweiterte. Geneigter als bisher ward er wieder den Freuden des geselligen Lebens. Außer dem bekannten Fabeldichter Meyer von Knonau, gehörten Geßner, der Verfasser der Idyllen, späterhin auch Zimmermann, der Autor des berühmten Buches über die Einsamkeit, zu Wielands vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern verkehrte er wenig; er war sogar ihrem Umgange völlig abgeneigt. Seine geliebte Sophie hatte ihn verwöhnt, an das weibliche Geschlecht Ansprüche zu machen, die nicht jedes Mädchen erfüllen konnte. In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, sein Herz, trotz allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste an ihm. An Zimmermann schrieb er darüber: "Sie dürfen viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne sich zu betrügen. Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern und eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, Imagination, Activität, Kühnheit, Neigung zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u. dergl. Verdient das, daß ich mich hochachte, oder daß ich mir selbst etwas darauf einbilde? Gewiß nicht! Aber dafür danke ich Gott, daß ich von Jugend an die Wahrheit geliebt, und für das, was gut, recht und moralisch schön ist, sehr empfindsam gewesen. Dieses ist für mich sehr glücklich, aber da ich es mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts Vorzügliches. Daß ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach bin ich in der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr die Aussichten in ein anderes, als in dieses Leben. Hier bin ich nur =par devoir=, nicht =par inclination=." Diese trübe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. Erst gereiftere Jahre, größere Erfahrung und eine gründlichere Welt- und Menschenkenntniß bewirkten eine merkwürdige Veränderung in Wielands Wesen. Er schien heiterer gestimmt. Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt als früher. Auch sein hartes und unbilliges Urtheil über mehrere alte und neuere Dichter nahm er zurück. Auf seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte jene Sinnesänderung den wohlthätigsten Einfluß. Er beurtheilte seine Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman "Araspes und Panthea", zu welchem ihm eine Erzählung Xenophon's den Stoff dargeboten hatte, nannte er in einem seiner damaligen Briefe "eine unreife und unvollendete Geburt." Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen Bühne. Fleißig wohnte er den theatralischen Vorstellungen der Ackermannschen Schauspielertruppe bei, die damals (1757) durch die Drangsale des siebenjährigen Krieges aus Deutschland vertrieben, längere Zeit in der Schweiz und namentlich in Zürich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel "Johanna Gray" machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. Statt der Alexandriner, des bisher allgemein üblichen Versmaßes, wählte er die fünffüßigen Jamben für seine Tragödie. Sie ward am 20. Juli 1758 zum erstenmal in Winterthur, und später auch an andern Orten nicht ohne Beifall aufgeführt. Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich Wieland damals. Viel versprach er sich besonders von einem epischen Gedicht, zu welchem ihm einer seiner Lieblingsschriftsteller, Zachariä in Braunschweig, den Stoff dargeboten hatte, während ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht Friedrich II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa durch Größe des Geistes und die glänzendsten Eigenschaften selbst seinen Feinden Bewundrung abnöthigte. Sein "Cyrus", wie das von Wieland beabsichtigte Gedicht hieß, sollte auf achtzehn Gesänge ausgedehnt werden. Auch seinen vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan verschwiegen. Als er jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 die Ausführung seiner poetischen Idee begann, stieß er auf mancherlei Schwierigkeiten, und fürchtete sich an ein Unternehmen gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. In einem seiner damaligen Briefe meinte Wieland, "er stehe zu tief unter einem Helden, um ihn würdig darstellen zu können." Selbst der Styl und die Versification kosteten ihm, nach seinem eignen Geständniß, unsägliche Mühe. Er fühlte, daß er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der wirklichen Welt gelebt. Ein gründliches Studium der Geschichte und Politik hielt er für unerläßlich, um seinem Werke den höchsten Grad von Vollendung zu geben. Fleißig studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch die Lectüre von Plato's Republik beschäftigte ihn. Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische Schrift: "Gedanken über den patriotischen Traum, die Eidgenossenschaft zu verjüngen." Diese Schrift erschien, während Wieland sich noch fleißig mit seinem "Cyrus" beschäftigte. Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf Wieland den Plan zu einem satyrischen Roman. Unter dem Titel: "Lucian's des Jüngern wahrhafte Geschichten", wollte er in diesem, auf drei Bände berechneten Werke zwei Republiken, einen Staat verständiger Bienen, die seltsame Regierung, Sitten und Gebräuche eines Volks, Pagoden genannt, und ähnliche wunderbare Dinge schildern. Die Ausführung dieser Idee unterblieb. Von seinem "Cyrus" hatte er indessen die ersten fünf Gesänge beinahe vollendet, und bei größerer Gemüthsruhe würde dies Werk noch rascher fortgeschritten seyn. Was ihn sehr bekümmerte, war die Sorge um seine fernere Subsistenz in Zürich. Seine bisherigen Zöglinge hatten anderweitige Bestimmungen erhalten, und Wieland mußte daher an seine eigene Zukunft denken. Eine Zeit lang beschäftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift, von deren Ertrag er in Zürich leben zu können hoffte. In einem seiner damaligen Briefe äußerte Wieland: er wolle alle seine Kräfte zusammennehmen, um jener periodischen Schrift die höchste Vollkommenheit zu geben. Aber seine schönsten Stunden, meinte er, gehörten doch dem "Cyrus". Um sich in ungestörter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschäftigen zu können, kam er auf den Gedanken, sich wieder in seine Heimath zu begeben. Einen bestimmten Lebensplan schien er an die Rückkehr in das elterliche Haus nicht geknüpft zu haben. Der Wunsch, einige Jahre in völliger Muße und Unabhängigkeit zu leben, machte ihn gleichgültig gegen mehrere zum Theil vortheilhafte Anträge zu auswärtigen Lehrstellen. Längere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach Marseille begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie Semandi Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit ward vermehrt durch einen Antrag Zimmermanns, der ihn dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum Erzieher seines einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern, wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, übertraf in jeder Hinsicht seine Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das neue Verhältniß, in das er getreten war, nicht lange. Er liebte zu sehr die Einsamkeit, um für sie Ersatz zu finden in den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen Willen hineingezogen ward. Unmuthig äußerte er sich darüber in mehreren Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. Zum Unterricht, besonders in den ersten Elementen, schien ein Geist nicht geschaffen, der, wie Wieland selbst äußerte, "den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot und Rousseau wetteifern wollte." Bereits nach einem Vierteljahre, im September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle wieder auf. Eine Art von Erwerbsquelle eröffnete sich Wieland durch philosophische Vorlesungen, die er "gegen ein jährliches Honorar von 200 Kronen" einigen Jünglingen aus angesehenen Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an Zeit viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm täglich nur zwei Stunden raubten. Demungeachtet rückte sein mehrfach erwähntes Epos, der "Cyrus" nur langsam fort. Entmuthigt durch den geringen Beifall, den die von ihm mitgetheilten Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen Gedicht über den Landbau. Die Ausführung unterblieb jedoch. Das einzige Product, das er während seines Aufenthalts in Bern vollendete, war sein mit großem Beifall aufgeführtes Trauerspiel "Clementine von Porretta." Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland den Stoff zu dieser Tragödie geschöpft. Ein Held, wie Grandison, mußte ihn vor vielen andern interessiren zu einer Zeit, wo ihn das Gefühl einer Liebe ergriffen hatte, die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder schwärmerisch war. Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war längst schon die Königin seines Herzens, als Julie Bondeli, die Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den Sieg streitig machte. Julie war, glaubwürdigen Zeugnissen und ihrem noch erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, eine der häßlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr indeß an Reizen versagt, hatte sie ihr durch Geistesgaben reichlich vergütet. Die gelehrtesten Männer ihrer Zeit erkannten dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das Gerücht sagte von ihr, daß sie mehr gelesen und studirt, als irgend ein Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen in den verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fächern ein sehr richtiges Urtheil verbinde. Darin fühlte sich Wieland nicht getäuscht, als ihn die Neugier trieb, sie kennen zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. "Nie hab' ich," schrieb er unter andern, "ein Frauenzimmer gesehen, das bei einer außerordentlichen Gleichheit der Gemüthsart, bei dem heitersten Humor und der größten moralischen Simplicität, die nur in ihrem Alter möglich scheint, mehr Lebhaftigkeit und unerschöpfliche Resourcen im Umgange gehabt hätte, als sie. In diesen Stücken ist Sophie noch weiter hinter ihr, als Julie in Absicht der Schönheit hinter Sophie'n ist. Der aufgeklärteste Geist, den ich je an einem Frauenzimmer gesehen habe, und ein Herz, das der edelsten Freundschaft würdig ist." In einem spätern Briefe gestand Wieland, daß Julie weder eine Idee, noch Empfindung von der Liebe zu haben scheine, die in Romanen und Tragödien herrsche. Sie wolle Freunde haben, sie halte die Freundschaft für eine vernünftige und beständige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt seyn wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer überspannten, fanatischen Leidenschaft trage. "Ich selbst," schrieb Wieland, "bin, wie ich glaube, in Absicht der Liebe der Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu glauben, daß meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so nahe kommt, als es unter dem Monde möglich ist. Ich liebe alle wahrhaft tugendhaften Frauen eben so sehr, wie ich die Tugend lieben würde, wenn sie sichtbar wäre. Das sind keine Großsprechereien. Wenn die Weisheit, die Tugend, die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so muß freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschöpfen zieht, sich unter die reine geistige Liebe mischen, die unserem Geiste für das wahre Schöne, Gute und Erhabene natürlich ist. Aber darin besteht mein Privilegium, daß, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel sich natürlicher und ungezwungener Weise zu der thierischen verhält, wie eine Weltkugel zu einem Sonnenstaube." Diesem Briefe fügte Wieland noch die charakteristische Aeußerung bei: "Wir sind übereingekommen, daß jedes das Andere nach seiner eigenen, ihm natürlichen Weise, ohne den mindesten Zwang lieben solle -- ich mit Enthusiasmus, weil meine Natur es so mit sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, aus gleichem Grunde. Ich weissagte ihr, sie würde noch so gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und sagte, sie wünsche es, um mich glücklich machen zu können." Lebhaft beschäftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken an eine eheliche Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, was nicht mit den Grundsätzen der Rechtlichkeit streite, unbedenklich thun zu wollen, wenn er dadurch zu Juliens Besitz gelangen könnte. "Sie würde," schrieb er, "mich unaussprechlich glücklich machen. Aber ich sehe keine Möglichkeit. Ich müßte auf eine sehr anständige und vorteilhafte Art etablirt seyn, wenn ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prätension zu machen, und bisher ist kein Anschein zu einem solchen Etablissement." Worauf sich Wielands Wünsche beschränkten, schilderte er in einem seiner damaligen Briefe mit den Worten: "Ich bin nicht für das gemacht, was man Welt nennt. Alle ihre Ergötzlichkeiten sind innere Plagen für mich, obgleich ich aus Gewohnheit daran Antheil nehme und vergnügt dabei scheine. Freiheit, Muße, Einsamkeit, ein Freund und eine Freundin bei mir -- das ist die Situation, nach der mich dürstet, und zu der ich nie gelangen werde." Das Städtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, hielten Wielands Freunde für den passendsten Ort, um, wie er damals willens war, eine mit einer Buchdruckerei verbundene Buchhandlung zu errichten. Während er sich auf diese Weise einen anständigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte er zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen kräftig einwirken durch interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzüglich Uebersetzungen der Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, Theokrit u.a. seiner Liebligsschriftsteller rechnete. Auch durch einzelne Stücke aus der Philosophie und schönen Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu fesseln. Die bessern Köpfe Deutschlands für eine periodische Schrift zu gewinnen, war ein Gedanke, der, schon früher entstanden, wieder in ihm auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal unter andern ein Gemälde des Menschen entwerfen, nach den verschiedenen Nüancen, die er durch das Klima, die Religion, Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen, daß der Mensch gebildet werden müsse, und daß die meisten Gesetzgeber und Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht gar zu wohl verstanden hätten. Auch Biographieen und Charakteristiken ausgezeichneter Männer des Alterthums sollten in seinem Journal einen Platz finden. Mehrere Aufsätze, die er für seine Zeitschrift bestimmt, hatte Wieland theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu entworfen, als ein Brief seiner Mutter ihn mit der Nachricht einer bestimmten Anstellung zu Biberach überraschte. Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, in dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als möglich zu nützen, war der feste Entschluß, mit welchem Wieland am 20. März 1760 die Schweiz und seine dortigen Freunde verließ, in dankbarer Rückerinnerung an die frohen Jahre, die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm vor allen der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung ihres Besitzes konnte ihn trösten. Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor seiner Abreise aus der Schweiz, einigen seiner Freunde die Verhältnisse geschildert, die ihn in seiner Vaterstadt erwarteten. Zum ersten Male mußte er, so fremd dies auch seiner Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen Intriguen, welche die Wahl eines Bürgermeisters in Biberach herbeiführte. Wieland hatte dort die ziemlich einträgliche Stelle eines Kanzleidirectors erhalten. Abgesehen davon, daß dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht entsprach, fürchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle wieder zu verlieren durch einen langwierigen Prozeß zwischen den evangelischen und katholischen Rathsmitgliedern seiner Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner Freunde und Gönner machte Wieland die trübsten Erfahrungen. Mehrere seiner damaligen Briefe enthielten rührende Geständnisse seiner unsichern Lage und seiner durch heftige Gemütsbewegungen sehr erschütterten Gesundheit. Mit Schmerz ergriff ihn der oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer andern Stellung, in Verhältnissen, die den Musen günstiger wären, hätte leisten können. In einem Briefe vom 16. März 1763 äußerte Wieland: "Ich möchte zuweilen eine Satyre wider die beste Welt schreiben, wenn ich mir vorstelle, daß kein anderer Platz in der Welt für mich seyn soll, als eine Stadtschreiber-, Consulenten- und Rathsherrnstelle in diesem kleinen schwäbischen Reichsstädtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche von diesen drei Personen, die sich ungefähr gleich gut für mich schicken, ich noch werde vorstellen müssen." In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit und an seinen Aufenthalt in der Schweiz vor Wielands Seele. Rastlos sann er auf Mittel, sich aus Verhältnissen zu befreien, die seinen Neigungen so wenig entsprachen, und ihm unsäglichen Verdruß bereiteten. Mitunter kam ihm die Idee, um eine Professur an einem Gymnasium in Berlin, Breslau, Gotha oder andern bedeutenden Orten sich zu bewerben. Die Einkünfte einer solchen Stelle, meinte Wieland, wären zwar gering, aber dafür sei ihm desto mehr Muße gegönnt, und er könne arbeiten, was er wollte. Selbst die spärliche Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschäfte gönnten, konnte er nicht so nützlich, als er wohl gewünscht hatte, für sich verwenden. Ueberall stieß er auf Hindernisse, die sich seiner höhern Ausbildung entgegenstellten. Am schmerzlichsten fühlte er in seiner Vaterstadt den Mangel einer bedeutenden Bibliothek. "Hier gehen meine Talente für das Publikum verloren," klagte Wieland in einem Briefe an Zimmermann. "Unter solchen Zerstreuungen, bei einem solchen Amte, ohne Aufmunterung, was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit und Gemüthsruhe und Muth genug hätte, etwas zu unternehmen, so verbietet mir der einzige Umstand, daß wir keine Bibliotheken haben, alle Unternehmungen von Wichtigkeit. Ich bin genöthigt, immer aus mir selbst herauszuspinnen. Es sind schon viele Jahre her, daß ich mit einer philosophischen Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. Die Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausführen würde, dürfte es zu einem nützlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen Buche machen. Ohne eine Bibliothek von den vollständigsten und kostbarsten Büchern zur Hand zu haben, ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht Schade seyn, daß es nur darum unterbleiben soll, weil ich zu Biberach und nicht in Berlin oder an einem andern Orte bin, wo eine öffentliche Büchersammlung mir die Folianten und Quartanten darbietet, die man bei einer solchen Arbeit alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?" Unter solchen Umständen blieb ihm kein Trost, als zu seinen trocknen und verdrießlichen Amtsarbeiten wieder zurückzukehren. Er unterzog sich diesen Arbeiten mit einer seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine andere Folge für ihn hatte, als daß seine erprobte Thätigkeit noch mehr und fast übermäßig in Anspruch genommen ward. Oft fand ihn die Mitternacht noch an seinem Schreibtisch, wo er den Concipienten und den Copisten in Einer Person vorstellen mußte, als sich die Arbeiten häuften. Dies war vorzüglich 1764 der Fall, wo der früher erwähnte Proceß durch zwei kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach gekommen waren, gütlich ausgeglichen ward. Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie Bondeli hatte Wieland aufgegeben. Beide schienen sich in dem, was sie eigentlich für einander fühlten, getäuscht zu haben. In ihrem Verhältnisse war eine Spannung eingetreten, welche Juliens Eifersucht veranlaßt, und Wielands Reizbarkeit bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, daß ein völliger Bruch fast unvermeidlich schien. In einem Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich Wieland gegen allerlei Beschuldigungen, die, wie er äußerte, "nur durch Niedrigkeit und Bosheit ihm hätten angedichtet werden können." Ungeachtet mancher sehr leidenschaftlicher Aeußerungen, die ihm sein Unmuth über Juliens Benehmen eingab, blickte doch auch wieder das Gefühl noch nicht ganz erloschener Zärtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor. Entschlossen äußerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: "Ich werde allein bleiben, und so lange es Gott gefällt, ein Leben fortschleppen, das bei einer ununterbrochenen Folge von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung eines wahren Vergnügens, kurz genug seyn wird." Eine ruhige Ueberlegung mußte ihm sagen, daß es ein bedenklicher Schritt sei, in seiner damaligen Lage sich zu verheirathen. Ungeschwächt erhielt sich jedoch Zeitlebens ein herzliches Freundschaftsverhältniß zwischen Wieland und Julie Bondeli. "Den Beweis einer höhern für ihn sorgenden Vorsehung" glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeußerung, in dem Zusammentreffen mannigfacher Umstände zu finden, die für sein Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine Stunde von Biberach entfernten Marktflecken Warthausen lernte Wieland den Grafen von Stadion kennen, in dessen nächster Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la Roche, den Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von zehn Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige Braut, die ihm nun mit der innigsten herzlichsten Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher Empfang ward ihm auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig gebildeten Manne, der sich in seinen "Briefen über das Mönchswesen", auch als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt hatte. Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, daß er in mehreren Briefen unpartheiisch die Verdienste eines Mannes anerkannte, der ihm seine Geliebte entrissen hatte. Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten war, gehörten, außer den bereits genannten Personen, des Grafen Stadion älteste Tochter, eine Gräfin v. Schall und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr wohl fühlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er durchaus keine angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen eilte, um dort einige Tage zuzubringen. Für Geist und Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle Befriedigung. Fleißig benutzte er die an literarischen Schätzen reiche Bibliothek des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich mit dieser Büchersammlung beschäftigt, so unternahm er einen Spaziergang durch die reizende Umgegend, bis ihn die Tafel zu einem köstlichen Mahle einlud. Lesen und Gespräche der verschiedensten Art verkürzten ihm den übrigen Theil des Tages, welchen Abends gewöhnlich eine musikalische Unterhaltung beschloß. Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war die Erweiterung seiner Welt- und Menschenkenntniß, die durch sein zurückgezogenes Leben in Biberach, wo er den größten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt war, nicht sonderlich hatte gefördert werden können. Der feine Weltton trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Männern und liebenswürdigen Frauen überall entgegen, zu einer Zeit, wo er in das praktische Leben eingetreten und zu der Ueberzeugung gekommen war, daß er, von den Träumen seiner Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders gedacht, als er sie jetzt fand. Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine Jugendgeliebte, die sich noch immer den frühern Platz in seinem Herzen bewahrt zu haben schien. Reizbar und für Liebe empfänglich, mochte es ihm manchen Kampf kosten, das äußerst zarte Verhältniß zu Sophien in der Reinheit zu bewahren, wie es sich, glaubwürdigen Zeugnissen zufolge, fortwährend erhielt. Wieland war sogar fähig, mit seiner Liebe und über sie zu scherzen, was er unter andern in einem Briefe that, in welchem er mit der feinsten, gegen sich selbst gerichteten Ironie, Sophien eine Art von Liebeserklärung machte. In einem freundschaftlichen Verhältnisse stand er mit ihrem Gatten, der sich, ohne die merkwürdige Veränderung, die in Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so innig an ihn angeschlossen haben würde. In einem damaligen Briefe gestand Wieland, daß er nichts von dem mehr sei, was er gewesen, "weder Enthusiast, noch Hexametrist, noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit sei er von alle dem zurückgekommen, und befände sich ganz natürlich auf dem Punkte, von dem er vor zehn Jahren ausgegangen." An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darüber: "Was am meisten dazu beigetragen hat, diese Verwandlung, oder, wenn Sie wollen, diese Herstellung meiner ursprünglichen Gestalt, woraus die Magie des Enthusiasmus mich verdrängt hatte, zu bewirken, das war hauptsächlich die Unzahl von Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rückkehr in mein Vaterland verfolgte. Da fühlte ich das Nichts all' der großen Worte, all' der glänzenden Phantome, die in einer süßen Einsamkeit oder an der Seite einer Gyon oder Rowe so verführerische Reize haben für ein empfindsames Herz, wie das meinige, und für eine Einbildungskraft, die um so thätiger war, da sie mich für alles, was den Sinnen abging, entschädigen mußte." Zu einer heitern und ruhigen Gemüthsstimmung konnte gleichwohl Wieland noch immer nicht gelangen, seit er, wie er sich in einem seiner Briefe darüber ausdrückte, "aus den Wolken auf die Erde herabgestiegen" oder mit andern Worten seine idealen Träume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht hatte. Seine Lage, seine Geschäfte waren geeignet, seinen Unmuth zu nähren und zu steigern. Vergebens suchte er Trost in dem Studium der Philosophie, das ihn damals ernsthaft beschäftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen Schöpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung den höchsten Grad erreicht zu haben schien, den Plan zu seinem Roman "Agathon." Die Vollendung dieses Werks erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung gelangte, daß die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelähmt wäre, als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman hatte ihm der "Ion" des Euripides gegeben. Aber Wieland hatte in seinem Helden sich selbst geschildert, nicht blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher in einem seiner Briefe behaupten: "Agathon sei eine wirkliche Person, die er vor allen am genauesten kenne." Nur die Nebenumstände hatte er erfunden. Agathon's Seelengeschichte war im Wesentlichen Wielands eigene, und eine der treuesten Selbstschilderungen. Noch ehe die vier Theile des "Agathon" vollständig erschienen, hatte Wieland einen andern Roman, den "Don Sylvio von Rosalva" herausgegeben. Nach seinem eignen Geständnisse war die Beschäftigung mit diesem satyrischen Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu einer Zeit, wo Mißgeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen von allen Seiten auf ihn eingedrungen waren. Durch die Schilderung ergötzlicher Thorheiten suchte Wieland das Gefühl seiner Uebel zu mildern und abzustumpfen. Cervantes war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das wiederholte Lesen des "Don Quixote" kam ihm die Idee, nach jenem Muster die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, und besonders dem Aberglauben einen tödtlichen Stoß zu versetzen. Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die von ihm unternommene Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien in den Jahren 1762-1768 zu Zürich in acht Octavbänden. Schon während seines dortigen Aufenthalts hatte Wieland den großen brittischen Dichter näher kennen gelernt. Die Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm die Hülfsmittel dar, jenen Dichter auch in Deutschland, wo man ihn bisher noch wenig kannte, durch eine Uebersetzung einzuführen. Es war ein kühnes Unternehmen, dessen Wichtigkeit er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach seinen Aeußerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung "jene Arbeit mitten unter allen Arten von Geschäften und Zerstreuungen fortsetzen zu können glaubte." Für Wielands Geist war diese Beschäftigung von dem günstigsten Einfluß. Mit gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den großen Britten geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen Poesie. In Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund zu finden, weshalb dieser Schriftsteller, ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmack seit der Zeit, in der er lebte, sich wesentlich verändert, doch noch immer unter seinen Landsleuten den Reiz der Neuheit behalten habe und für sie noch immer weit anziehender sei, "als alle neuern Schriftsteller, die nach französischen Modellen gearbeitet hätten." Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe für das Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen andern englischen Autor. Es war Sterne oder Yorik, wie er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften nannte. Fast noch von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als von dem unter dem Titel: "Tristram Shandy's Leben und Meinungen" damals erschienenen Roman jenes Schriftstellers. Noch in spätern Jahren war Wieland unerschöpflich im Lobe jenes Werks. Seine äußern Lebensverhältnisse hatten sich allmälig günstiger gestaltet. 1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector ernannt worden. Mannigfachen Verdrießlichkeiten und lästigen Arbeiten überhoben, schien seine Existenz im Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als früher. Wie er sein Verhältniß als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, schilderte er in einem Briefe an den Buchhändler Geßner in Zürich, dem er zugleich meldete, daß er nicht abgeneigt sei, sich nächstens zu verheirathen. "Ich habe nun," schrieb Wieland, "auf all' mein Lebelang ein zwar ziemlich mühseliges, aber doch einträgliches und honorables Amt -- ein Umstand, der allezeit die Basis von meiner Ruhe ausmacht, und mich über die niederschlagenden Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den Bedürfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein Weib, und da ich durch den Tod meines Bruders die Ehre habe, der Einzige von meiner Familie zu seyn, so werde ich von meinen lieben alten Eltern über diesen Punkt so sehr in die Enge getrieben, daß ich bald genöthigt seyn werde, in die ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet sich keine für mich, denn ich sollte eine hübsche, gescheidte, muntere, und wo möglich eine reiche Frau haben, und die drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes halber, ein Recht an mich haben könnten, sind nicht für mich. Ich wollte, daß sich in den dreizehn hochlöblichen Kantonen ein artiges Mädchen fände, das so viel christliche Liebe hätte, einen ehrlichen Biberachschen Kanzleidirector, der ganz hübsche Verse macht, von seinem Amt ungefähr tausend Gulden Einkünfte und die zärtlichste Seele von der Welt hat, glücklich zu machen. Wenn Sie ein solches Mädchen wissen, lieber Freund, so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schön." Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermählung. "Ich habe," schrieb er, "ein Weib genommen, oder eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es ist ein kleines, wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswürdiges Geschöpf, das ich mir, ich weiß selbst nicht recht wie, von meinen Eltern und guten Freunden habe beilegen lassen." Wieland berichtete zugleich: seine Frau stamme aus einem Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen Jakob Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt nicht unbekannt sei." "Meine Frau," schrieb Wieland, "hat wenig oder nichts von schimmernden Eigenschaften, auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlässe gehabt habe, ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewählt für mein Herz, und meinen Wünschen gleich -- ein unschuldiges, von der Welt unangetastetes, sanftes, fröhliches, gefälliges Geschöpf, nicht so gar hübsch, aber doch hübsch genug für einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau für sich selbst hat -- eine Prätension, welche man bei den großen Schönheiten vergebens macht." Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glücklich sich Wieland nach seiner Verheirathung fühlte. Sehr richtig hatte er sich beurtheilt, als er meinte: "wenn er sich nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht gesetzt haben, so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts dabei verlieren." Durch manche lästige Amtsarbeiten ward ihm die Poesie verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter Liebe wieder zu ihr zurück. Mehrere seiner damaligen literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem Rathhause, in der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lästigsten und trockensten Amtsgeschäfte. Die Fruchtbarkeit seines Geistes war nie größer gewesen, als in dieser Periode seines Lebens. Außer der Vollendung des "Agathon" schrieb Wieland damals seine "Komischen Erzählungen" (das Urtheil des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und Cephalus). 1768 erschien sein Gedicht "Musarion", zwei Jahre später "Idris und Zenide"; hierauf die erste Hälfte des "Neuen Amadis" und ein Theil des Gedichts: "die Grazien." In einem Briefe an Geßner gestand Wieland: "der poetische Taumelgeist habe ihn so mächtig ergriffen, daß er seine Mußestunden nicht besser auszufüllen wisse, als mit Reimen." Zu manchen poetischen Entwürfen, mit denen sich Wieland beschäftigte, gehörte die bald wieder aufgegebene Idee, Alexander den Großen zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen. Länger verweilte er bei dem Entwurf eines Gedichts, welches unter dem Titel "Psyche" die reinste Blüthe der wahren Philosophie und zugleich eine "kritische Naturgeschichte unsrer Seele" enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten Vorwurf, in mehreren seiner Gedichte einen zu muthwilligen, sarkastischen Ton angestimmt zu haben, suchte sich Wieland zu rechtfertigen. "Ich gestehe", schrieb er, "die Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges Talent dafür zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefährliches Talent; zum Glück aber hat mich die Natur mit einem guten und redlichen Herzen begabt. Mein Menschenhaß ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die Menschheit und die Menschen, und wenn ich auch über die Gebrechen der Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, so geschieht's in der Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen pflegt." Große Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland den Platonismus in der Liebe, dem er früher gehuldigt hatte, mit allen Waffen des Witzes bekämpfte. Die Stimme der öffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz seiner Schriften, weil sie ein Gift enthielten, das, je süßer, um so gefährlicher sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mißbrauch seiner großen und seltenen Talente, und ging selbst so weit, ihn als einen Dichter zu bezeichnen, der die Liebe von der Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden scheine. Wieland's "Agathon" war in Zürich verboten worden. Für den "Don Sylvio von Rosalva" hatte er in Ulm einen Verleger suchen müssen. Am härtesten lauteten die ziemlich übereinstimmenden Urtheile über Wielands "Komische Erzählungen." Fast noch schmerzlicher, als die öffentliche Mißbilligung seiner Schriften, war für Wieland der Gedanke, in der guten Meinung seiner Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst so warm der Tugend und Religion das Wort geredet hatte, schien jetzt ein Epikuräer und Skeptiker. Von dem Dichter schloß man zurück auf den Menschen. Seine wärmsten Freunde, unter andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen Gerüchten, die sich über Wielands sittlichen Wandel verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen. In einem Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die ihn getroffenen Beschuldigungen. "Ich war", schrieb er, "ehemals Enthusiast in Ansehung der Religion, der Metaphysik und Moral, und ich war es ganz aufrichtig. So war damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von hunderttausend physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun aber auch in Einem Sinne aufgehört, Enthusiast zu seyn, so bin ich doch nicht weniger ein Freund der Wahrheit, und finde die Tugend nicht weniger liebenswürdig, wenn ich gleich nicht mehr an die Präexistenz der Seele glaube, und beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flügeln von Gold und Azur nicht mehr verzückt werde. Solche erkünstelte Speculationen sind nichts als Stelzen, auf denen die menschliche Eitelkeit gern einherschreitet, angenehme Hirngespinste, woran wollüstige Seelen sich ergötzen. Ich mußte entweder meinen Platonismus reformiren, oder eine Einsiedelei in Tyrol aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir einen Wahn nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's Gleichgewicht. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß ich stets, selbst bei meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet habe. Für ein Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. Man wird finden, daß mein Geist zwar zuweilen thöricht, mein Herz aber immer gut war. Man hält mich für einen Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit ist, daß ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhältnissen mit zwei oder drei Damen stehe, die nicht ihrer Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen, Achtung verdienen, und daß ich einige flüchtige Neigungen für junge Personen gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich weiß nicht warum. Alle meine Liebschaften -- und ich habe deren seit meinem siebzehnten Jahre wenigstens ein volles Dutzend gehabt, -- haben mir große Pein verursacht. Sie waren alle von der Art, die man =passions= nennt; alle meine Geliebten waren Göttinnen, die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die platonische Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich mich nicht mehr fähig fühle. Vergesse man doch endlich diese moralischen Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste und strenge Personen verwundern, mich als den Verfasser meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich zu beklagen; sie können mich schelten, aber sie sollen nicht so weit gehen, deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von meinem Charakter." Mit dem innern Bewußtsein der moralischen Reinheit seiner Gefühle mußte sich Wieland trösten, als ihn der grundlose Verdacht traf, der Unmäßigkeit und Wollust ergeben zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe verdächtig geworden, so konnte er doch für keinen Epikuräer im schlimmsten Sinne des Worts gelten. Daß er in seinen neuen poetischen Werken der Sinnlichkeit das Wort zu reden schien, war ein bloßes Spiel seiner Phantasie. Er dachte sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten Schilderungen, die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschäften Trost und Erheitrung gewährten. Keinen unwesentlichen Antheil an der Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl seiner Lectüre. Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders Sterne, waren seine Lieblingsschriftsteller. An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fühlte Wieland sich sehr glücklich, obgleich sie, seinem eignen Geständniß nach, keine "Musarion" war. In einem Raum von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in der Liebe gemacht, daß er sie wohl im Stillen einer Musterung für werth hielt. Schon in früherer Zeit hatte Wieland den Plan entworfen, eine "philosophische Geschichte der Liebe" zu schreiben. Dieser Plan blieb unausgeführt; aber er bot ihm den Stoff zu seinem Gedicht "Idris und Zenide," in welchem er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe gegen einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene Charaktere in eigentümlichen Situationen sich entwickeln zu lassen. Im Wesentlichen unverändert kehrte die Idee, die dem erwähnten Gedicht Wielands zu Grunde lag, in seinem "Neuen Amadis" wieder, mit dem er sich gleichzeitig beschäftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. Den Sieg der Natur über die Schwärmerei, der Wahrheit über die Heuchelei zu verherrlichen, war nach Wielands eignen Worten die Aufgabe, die er sich bei seinem "Neuen Amadis" stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen "Grazien." Nach seinen eignen Aeußerungen wollte er in diesem Gedicht "den Uebergang des Menschen aus dem Naturstande zur Stufe einer verfeinerten Bildung" schildern. Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum machten, erfuhr Niemand weniger, als Wieland selbst. Aus den öffentlichen Kritiken, die oft parteiisch und befangen waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen lernen. Es lag aber auch in seinen Verhältnissen, daß er überhaupt mit dem Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit brachte er in der Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem Actentisch zu, ohne am Abend eine andere Gesellschaft zu finden, als an einem Kartentisch oder in häuslichen Cirkeln, wo er seine Literaturkenntniß eben nicht sonderlich erweitern konnte. Durch Gewohnheit fühlte er sich nicht unbehaglich in diesem einförmigen Lebenskreise, und aus seiner scheinbaren Verstimmung blickte oft ein unverwüstlicher Humor hervor. "Wenn ich," schrieb er, "auch zuweilen schwermüthig werde, und mit dem Strumpfband in der Hand mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird -- ein überzeugender Beweis, daß ich noch etwas in meinem Zustande finde, das der Versuchung, mich aufzuhängen, wenigstens das Gleichgewicht hält." Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung geschrieben. Seine sehr glückliche Ehe zeigte ihm auch seine Amtsverhältnisse, so bitter er sich auch oft darüber beklagt hatte, in einem minder ungünstigen Lichte. In einem seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, "sich die Sache nicht so gar gräßlich vorzustellen." Ueber die Nachmittage, äußerte Wieland, könne er frei disponiren, und seine Geschäfte gingen ihm leicht von der Hand. "Dafür bin ich aber auch," fügte er hinzu, "einer der expeditivsten Leute im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den nächsten zwanzig Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch keine Möglichkeit, eins zu bekommen. In Ermangelung dessen habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch in einem etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo ich die angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, so nahe es meinem Hause in der Stadt ist, doch völlig auf dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer meine meisten müssigen Stunden zu, =solus cum sola=, oder ganz allein mit den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit zu Zeit einige im Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht lassen würden. Ich rieche den lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe schneiden und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus der Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, daß ich leben soll, so lange und gut ich kann; auf der andern Seite lockt mir ein durch Gebüsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab, daß ein halb Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig =tète levée= herumgehen sehe, daran hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne Höfe, ein langes angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen Bäumen hervorragenden Dorfe mit einem schönen schneeweißen Kirchthurm endet, und über demselben eine Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, über der ich alles, was mir unangenehm seyn kann, vergesse, und, mit diesem Prospect vor mir, sitze ich an einem kleinen Tisch, und -- reime." Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, konnte Wieland unbesorgt seyn. Durch Pünktlichkeit und unermüdete Berufstreue hatte er sich die Achtung und das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine ökonomischen Verhältnisse überhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu vertauschen. Er wußte es daher anfangs seinen Freunden wenig Dank, als sie ihm eine andere Stellung zu verschaffen suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte. Eine flüchtig hingeworfene Aeußerung Wielands, daß er nicht abgeneigt wäre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, hatte in dem Churmainzischen Minister v. Großschlag, der ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee geweckt, ihn nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, ob er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden mit seinen bisherigen Verhältnissen, fesselten ihn Familienverhältnisse, Eltern und Schwiegereltern an seine Vaterstadt Biberach. Er fürchtete außerdem von seiner neuen Lage manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste, was er zu umgehen wünschte. Magister zu werden, meinte Wieland, werde sich für ihn um so weniger schicken, da er "die Ehre habe, =Comes Palatii Caesarei= zu seyn, und vermöge seines Diploms selbst fähig sei, Meister der freien Künste zu creiren." Manche dieser Hindernisse räumte Wielands Freund, der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptsächlich bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war die Vorstellung, daß er dort die ersehnte Muße zu literarischen Arbeiten zu erlangen hoffte. Das Schreiben, in welchem ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter eines Churfürstl. Mainzischen Regierungsraths und einem Gehalt von 600 Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt zugleich die schmeichelhafte Aeußerung, daß sein Name das Hauptmotiv gewesen wäre, ihn nach Erfurt zu ziehen. Man sei, hieß es ausdrücklich in jenem Schreiben, "schon zufrieden, wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes thun, als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle." Diese Aussicht einer unbeschränkten literarischen Thätigkeit hatte so viel Lockendes für Wieland, daß er sich entschloß, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der Magisterpromotion sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin erwähnt, dagegen einzuwenden gehabt hatte. In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschäftigten ihn mancherlei schriftstellerische Pläne, die er in Erfurt zu realisiren hoffte. Er wollte unter andern "Briefe über die Literatur" schreiben, und sie "in kleinen Bändchen in die Welt fliegen lassen." Die Muße, welche ihm seine Kanzleigeschäfte irgend gönnten, benutzte er zu einer Revision seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt werden sollten. Längst zerfallen mit seinem früheren Freunde Bodmer, der sogar Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, folgte Wieland, der schönen Vergangenheit sich dankbar erinnernd, nur den Eingebungen seines Herzens, als er jene Sammlung "seinen alten und ehrwürdigen Freunden, dem Herrn Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer" mit einer für beide sehr schmeichelhaften Dedication widmete. Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch Hitze, Staub und andere Unannehmlichkeiten der Reise so gänzlich erschöpft, daß er, seinen eignen Aeußerungen nach, "einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen großen Theil ähnlicher sah, als einem der sieben Weisen." Das Schicksal hatte ihn wieder in die Stadt zurückgeführt, wo er seine philosophischen Studien begonnen, doch damals durchaus keine Neigung zu einem akademischen Lehramt in sich verspürt hatte. Außer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen Theorie der Dichtkunst, den eben so berühmten als berüchtigten =Dr.= Bahrdt u.A. Keiner von diesen talentvollen Köpfen hatte damals schon einen so festbegründeten literarischen Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner Collegen schon deßhalb beneidet werden mochte. Vorzüglich fühlten sie sich verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. Neue Nahrung erhielt ihre Mißgunst, als Wieland nach einem halben Jahre auch zum außerordentlichen Beisitzer des =Collegii academici= ernannt ward. Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschränkte Wieland seinen Umgang. Mit den übrigen Lehrern der Erfurter Hochschule kam er in wenige Berührung. Den Freuden des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz für ihn gehabt, sich in Erfurt fast gänzlich zu entziehen, ward ihm nicht schwer. Ersatz dafür bot ihm seine freundliche Gartenwohnung im Gasthofe zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. Dies Asyl befriedigte in jeder Hinsicht seine mäßigen Wünsche. Er fühlte sich glücklich, seiner Familie, sich selbst und den Musen ungestörter leben zu können, als es seine Verhältnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt eröffnete er mit Vorträgen über die Geschichte der Menschheit, nach einem bekannten Werke von Iselin über diesen Gegenstand. Späterhin hielt er Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, las über die allgemeine Theorie der schönen Künste, und erklärte einige Lustspiele des Aristophanes und die Briefe des Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische Uebersicht der besten griechischen, lateinischen, italienischen, französischen und englischen Schriftsteller. Am liebenswürdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand er, daß er "das Vergnügen, mit seinen kleinen Kindern zu spielen, allem Vergnügen der Welt vorziehe." Das meinte er den Grazien zu verdanken, die überhaupt für ihn "sehr wesentliche Gottheiten" wären. Bei Uebersendung des unter diesem Namen von ihm verfaßten Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb Wieland: "Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben meinen Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch öfter Zufriedenheit mit meinem Zustande; kurz, sie sind meine Schutzgöttinnen, und ich werde ihnen bis zum letzten Lebensaugenblicke dienen." Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der "Diogenes von Sinope" seyn, dessen "Dialogen" Wieland noch während des Sommers 1770 herausgegeben hatte. Auch ohne Lucians Vorliebe für diesen Sonderling, mußte schon für Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann wohl hätte seyn _können_, über den so seltsame und widersprechende Gerüchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland weniger Cynismus und mehr ächte Lebensweisheit, als man ihm bisher gewöhnlich zugestanden hatte. Das kleine Werk, in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch eine Basis von Sokratischer Philosophie. In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand Wieland, daß er über manche Dinge, die sich auf den moralischen Theil der menschlichen Natur bezögen, nicht mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n, die Carl Grandison's und ähnliche Werke nicht liebe, aus dem einzigen Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wären. "Vielleicht habe ich Unrecht," schrieb er; "sollte ich aber Recht haben, so spotte ich doch nicht über ihre Denkart. Ich halte vielmehr dafür, daß die Verschiedenheit der Ansichten der Dinge von der Natur herrührt, und ihr nicht weniger gemäß ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den Temperamenten, und in allem macht, was damit in Beziehung steht; und wofern die öffentliche Ruhe und das allgemeine Wohl nicht darunter leidet, behaupte ich, es müsse erlaubt seyn, daß der Eine für heilig halte, was dem Andern als sehr profan erscheint; daß der Eine mit _dem_ sein Spiel treibe, was der Andere für sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w. So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, wofür er gelten wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl gelten konnte, von den Fesseln zu befreien, die den Flug seines Geistes hemmten, und sich zugleich über den in seinen Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die öffentliche Meinung mit der Würde eines Professors der Philosophie für nicht verträglich zu halten schien. Er äußerte sich darüber mit den Worten: "Man glaubt hier, die Geistesschwere, gewöhnlich Gravität genannt, sei eine wesentliche Eigenschaft eines akademischen Lehrers, und man kann oder will nicht sehen, daß ein Autor, der für das Publikum und für Menschen von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben darf." Dieser Aeußerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch seinen Beruf als Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen zu müssen. Der Entwurf, eine "Geschichte des menschlichen Geistes" zu schreiben, die er dem Churfürsten von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgeführt. Aber Bruchstücke einer solchen Geschichte waren gewissermaßen alle Werke Wielands, die in den Jahren 1770-1772 entstanden. Das Studium der Natur des Menschen ward sein angelegentlichstes Geschäft. In den Aufsätzen: "Was ist Wahrheit?" und "Welchen Zweck hat die Philosophie?" hatte er sich zwei wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch einzubilden, daß er mit den kurzen Antworten, die er darauf gab, seinen Gegenstand erschöpft habe. Seinen "Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen," fügte Wieland, gewissermaßen als Ergänzung, einen Aufsatz bei: "Ueber die Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig sei." Den Contrast zwischen den von Rousseau geäußerten Ideen und der Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland durch Beispiele noch anschaulicher machen. Zu diesem Behuf schrieb er außer einem Roman, "Koxkox oder Kikequetzel" betitelt, die "Reisen und Bekenntnisse des Priesters Abulfauaris." Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals auf einen Monarchen, dar mit mächtiger Hand die Fesseln zerbrechen zu wollen schien, welche bisher die Geistesfreiheit gelähmt hatten. Durch den Kaiser Joseph II. waren zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klöster in den österreichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt des Mönchthums in mehrfacher Weise beschränkt worden. Damals (1773) schrieb Wieland seinen Roman: "der goldene Spiegel", den er dem als dramatischen Dichter nicht unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. In einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin Sophie la Roche äußerte Wieland, daß er in seinem Roman mit einer nicht gewöhnlichen Unerschrockenheit den Großen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der ihnen wahrlich nicht schmeichle. "Seyn Sie aber deshalb ohne Furcht", schrieb er. "Ich fürchte weder Bastille, noch Löwengrube, noch feurigen Ofen. Hab' ich auch nicht die Ueberzeugung, daß die Fürsten und Minister mich um meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewiß, daß sie sich wohl hüten möchten, mir eine böse Miene darüber zu machen." Ohne seine fast gänzliche Zurückgezogenheit und den anhaltendsten Fleiß hätte Wieland während seines dreijährigen Aufenthalts in Erfurt so viel als Schriftsteller nicht leisten können, wie er wirklich leistete. Ueberdies ward er oft unterbrochen in seinen literarischen Beschäftigungen theils durch Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung übertrug, theils durch Aufforderungen zu zweckmäßigen Vorschlägen, wie der Flor der Universität zu befördern seyn möchte. Unter diesen mannigfachen Geschäften war er nicht der Sorge überhoben, mit seiner Familie anständig leben zu können. Sein Gehalt war mäßig, und von seinen Vorlesungen, so zahlreich sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. Auch ohne innern Trieb hätte er zur Feder greifen müssen. Nur von seinem anhaltenden Fleiß, nicht von der Gnade seines Fürsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen Aeußerungen, eine Verbesserung seiner Lage. Einzelne Ausflüge nach Weimar mußten ihm Ersatz bieten für eine größere Reise, die weder seine beschränkte Zeit, noch seine pecuniären Verhältnisse erlaubten. Als ihm einst in Weimar Lessings "Emilie Galotti" in die Hände fiel, begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob überströmenden Briefe an Lessing. "Es war," äußerte Wieland, "das erste Schreiben, das ich an diesen großen Mann richtete." Literärische Bekanntschaften und Verbindungen anzuknüpfen, und zu Verfolgung schriftstellerischer Zwecke einen Briefwechsel zu unterhalten, fühlte Wieland kein Bedürfniß. Er hatte schon so viele literärische Pläne wieder aufgeben müssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszuführen. Der Kreis von auswärtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel stand, war daher sehr beschränkt. Er schrieb an wenige, meistens nur an solche, die sich zuerst an ihn gewendet hatten. In ein engeres Freundschaftsverhältniß war er mit Gleim und Jacobi getreten. "Beide," schrieb Wieland an Sophie la Roche, "gehören zu der kleinen Zahl der schönen Geister, die eine zu schöne Seele haben, um des Neides und der Eifersucht fähig zu seyn, und Sie wissen, daß solche zu den weißen Raben gehören." Zu dem Dichter Jacobi fühlte sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen. Er pflegte ihn seinen _eigenen_ Dichter zu nennen, und freute sich herzlich über seines Freundes Streben, in der Poesie das Ideal von Vollkommenheit zu erreichen, das vor seiner Seele schwebte. In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im März 1771 in Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen Besuch machte, hat sich eine Schilderung von Wielands Aeußeren und seiner Persönlichkeit in jener Periode seines Lebens erhalten. "Beim ersten Anblick," schrieb Jacobi, "schien mir seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen sind klein und etwas trüb, und die Menge von Blatternarben, womit seine Haut überdeckt ist, machen, daß seine Züge nicht genug hervorstechen, um sich gehörig auszeichnen zu können. Nichts desto weniger drückt sich in seiner ganzen Gebehrde das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner Empfindungsart auf eine außerordentliche und eigentümliche Weise aus. Wenn er stark gerührt ist, geräth sein ganzer Körper, doch auf eine fast unmerkliche Weise, in Bewegung; seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen werden heller und glänzender; sein Mund öffnet sich etwas; und so bleibt er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, oder seinem Freunde die Hand gedrückt hat. Dieser Ausdruck in Wielands Person ist so fein, daß er den Meisten unbemerkt bleiben muß; ich aber bin davon mehr als einmal bis auf das Mark erschüttert worden. Wieland geht schnell von einem Vorwurf zum andern über, weil er in einem Nu eine Reihe von Gedanken oder eine Situation durchschaut und empfunden hat. Bei ihm würde es Zeitverderbniß seyn, wenn er länger dabei verweilte." Zu den Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, "Wielands Charakter eben so liebens- und verehrungswürdig machten, als sein Genie," rechnete Jacobi "die natürliche, schöne und männliche Empfindsamkeit seiner Seele; die unzerstörtere Güte seines Herzens; seine warme, uneigennützige, zu Neid und Eifersucht ihn ganz unfähig machende Liebe des Wahren und Schönen; seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche Aufrichtigkeit." So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward keine von den Bekanntschaften, welche Wieland während eines damaligen Aufenthalts in Leipzig anknüpfte, wohin er auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an die er sich näher anschloß, gehörten Weiße und Garve, beide Gellerts Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber zu nicht geringem Verdruß hören mußte, wie Jung und Alt sich bemühte, den gefeierten Dichter durch matte Lobgesänge zu verherrlichen. "Es war," schrieb Wieland, "ein entsetzliches Gesinge, Geplärre, Geseufze und Geheul." Weiße's liebenswürdiger Charakter zog ihn an. Er gehörte zu denen, meinte Wieland, mit denen er sein Leben zubringen möchte. In Garve verehrte er den Philosophen und scharfsinnigen Denker. Nur in geringe Berührung kam er mit Clodius, der ihn durch sein Talent für den gefälligen Umgang mehr interessirte, als durch seine Geistesvorzüge. Eine gewisse Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der Winklerschen Gemäldegallerie kennen gelernt hatte. In einem seiner damaligen Briefe gestand Wieland: "Unter allen Männern, deren Bekanntschaft ich in Leipzig gemacht, ist Oeser der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden habe, eine schöne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit von außen, die sich an dem wahren Genie findet." Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar. Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Görz hatte er das Glück, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar vorgestellt zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung, verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den günstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin Amalia übertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt, nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung gründete sich auf das ziemlich allgemein verbreitete Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen von Sachsen-Weimar angenommen hatte. "Ich stehe nun," schrieb er, "in meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas für mich thun will, so ist's hohe Zeit; =en attendant=, und weil ich dieser Humoristin nicht sonderlich traue, bemühe ich mich, =ne ipse desim mihi=." Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, überhoben ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft, oder eigentlicher gesagt, für seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch die lebenslängliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn würde. Bis zu diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt, mit dem er sich schon während seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte. Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen Geständniß nach, nichts weniger als drückend waren. Etwas Erfreuliches hatte für ihn aber doch die Nähe einer durch Geist und Herz ausgezeichneten Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für alles Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des Worts, empfänglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis feingebildeter Männer und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in ihrer Nähe um so freier entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den Hauptzügen ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine Liebe und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling, den Erbprinzen Carl August, der durch treffliche Anlagen und liebenswürdige Eigenschaften zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das Interesse für das Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen Zögling zu wecken und zu nähren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht stellte. Ein Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, "die Wahl des Herkules" betitelt, feierte. Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genährt durch die Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der berühmte Eckhof gehörte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich noch keine stehende Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht geradezu allen Werth absprach. Eine größere Wirkung hoffte er von der bisher gänzlich vernachlässigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn dieser Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt, seit er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen "Elysium" gelesen hatte. Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel "Aurora" fand, als es, von Schweizer componirt, aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu einem größern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper "Alceste," die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt ward. Gleichzeitig schrieb er seinen "Versuch über das Singspiel." Wielands Freude über die günstige Aufnahme seiner "Alceste" ward vermehrt, als der berühmte Gluck ihn aufforderte, für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben. Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie durch ein literarisches Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte fast übermäßig in Anspruch zu nehmen drohte. Der sehr beliebte =Mercure de France= gab ihm die Idee zur Herausgabe einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: "Der deutsche Merkur" erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst davon für die Zukunft eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in Prosa von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schönen Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile über die vorzüglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des "deutschen Merkur," stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene Hindernisse. "Ohne die Beihülfe unserer besten Schriftsteller vermag ich nichts," gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er für sein Journal zu gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine ununterbrochene Theilnahme am "deutschen Merkur" zusichern zu können. Andere Schriftsteller, die ihm nützlich werden konnten, kannte er zu wenig; von mehreren wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie behaupteten. Unter seinen nähern Freunden und Bekannten mußte er sich die Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches ihm übrigens, da er nicht blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag übernommen hatte, bald durch eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß bereitete. Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: "er sei des Merkurs schon satt, noch ehe er begonnen." Von den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und That hülfreich zur Seite stand. Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der Abonnenten bald nach der Ankündigung des "deutschen Merkur." Eine Auflage von 2000 Exemplaren war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des ersten Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und Jacobi hatte kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter, Bürger, Möser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger der Mangel an berühmten Namen, als die im "deutschen Merkur" enthaltene Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so vielversprechend angekündigt worden war. Auf eine leidenschaftliche Gegenwirkung mußte Wieland gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er durch seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit denen zerfallen würde, die er für seine treusten Freunde hielt. In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe seiner Kritik mit den Halberstädter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl, als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren Bürger, Hölty, Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Männer, die dem Göttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehörten. Völlig verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den die Göttinger Dichter damals in einer Uebersetzung griechischer Chöre der alten Tragiker angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die deutsche Poesie bald allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit, Regelmäßigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger Dichter bemerkte er: "Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen müsse, durch ihr Beispiel zu rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube führt." Durch solche Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich den von den Göttingern hochverehrten Sänger der Messiade traf, hatte Wieland jene jungen Männer so gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2. Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands "Komische Erzählungen" den Flammen opferten. Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des "Götz von Berlichingen" zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrührend, doch einen Platz im "deutschen Merkur" gefunden hatte. Das gespannte Verhältniß, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die "Leiden Werthers", das Trauerspiel "Clavigo" u.a. Schriften bewährte, ward noch gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen "Briefe über das Singspiel Alceste." Den Verfasser dieser Briefe wählte Goethe zum Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm gedichteten Posse: "Götter, Helden und Wieland." Statt dadurch gereizt, sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche und sittenverderbliche Tendenz der "Leiden Werthers" hervorzuheben suchten, empfahl Wieland im "deutschen Merkur" die gegen ihn gerichtete Schrift "allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen Standpunkten sorgfältig _den_ auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig darüber mache, daß das Ding so schief sei." Dabei ließ Wieland es nicht bewenden. Auch eine früher versprochene Vertheidigung des "Götz von Berlichingen" hielt er nicht zurück und ließ sie bald nachher im "deutschen Merkur" drucken. In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausführliche Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland sich gleich. Hinsichtlich der "Leiden Werthers" vertheidigte er in seiner Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman "das Gemälde eines innern Seelenkampfes, wie ihn nur _der_ entwerfen könne, der den Schöpfer des Hamlet und des Othello studirt habe." So hatte sich Wieland wieder ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner gefährlichsten Gegner zu werden drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten. Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstädter Freunden, mit Gleim und Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, als Gleim zur Versöhnung die Hand bot. Er benutzte dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestörte Freundschaftsverhältniß völlig wieder hergestellt ward. Auch mit einem Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. Er versöhnte sich aber mit ihm, als er Heinses Roman "Laidion" gelesen, und ganz bezaubert worden war von "dem schönen, abenteuerlichen Ungeheuer", wie er jenes Werk nannte. Auf einen bisherigen Lieblingsgenuß, auf den Besuch des Theaters, hatte Wieland einstweilen verzichten müssen. Durch den Brand des Weimarischen Schlosses am 6. Mai 1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu ihren Vorstellungen eingebüßt, und war entlassen worden. Mit dem Schlusse des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschäft, welchem sich Wieland bisher gewidmet, gänzlich aufgehört. Der Erbprinz Carl August und sein Bruder Constantin hatten, in Begleitung des Grafen v. Görz und des Majors v. Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland angetreten, und sich auch nach Frankreich begeben. Seit Wieland nicht mehr Instructor war, hatten sich seine Sorgen vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Fleiß mußte er an eine Erweiterung seiner Einkünfte denken. Sein Familienkreis, zu welchem vier Töchter gehörten, war noch durch seine Mutter vergrößert worden, die bereits 1772, bald nach ihres Gatten Tode, zu Wieland nach Weimar gezogen war. Der mäßige Absatz des "deutschen Merkur" nöthigte ihm in einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, daß er kaum im Stande sei, die Unkosten jenes Journals zu decken. Zu den Sorgen für seine Subsistenz gesellte sich manche Kränkung seines Selbstgefühls. An Veranlagung zu Argwohn fehlte es ihm nicht. Ein satyrisches Drama, "Prometheus, Deukalion und seine Recensenten" betitelt, und von Wagner in Frankfurt am Main verfaßt, galt ziemlich allgemein für ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, wo Wieland von dem genannten Dichter einige Zeilen erhalten hatte, die auf ein freundliches Verhältniß hinzudeuten schienen. Gleichgültige Hintansetzung auf der einen Seite, und Versöhnung auf der andern, hielt Wieland in seinem Unmuth für das Loos, das ihm zu Theil geworden sei, so wenig er es verdient zu haben glaubte. "Nie hab' ich," schrieb er an Sophie la Roche, "mehr Liebe für einen Menschen gefühlt, als für den Verfasser des Götz und Werther. Seine Freundschaft würde mich glücklich machen. Aber er will nicht mein Freund seyn. Er will die Freude haben, vor der Welt sein Spiel mit mir zu treiben, und in die Art, wie er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen verzeihlich macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' ich mich unwürdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten geliebt und geschätzt zu werden?" So rührende Klagen enthielten mehrere von Wieland's damaligen Briefen. Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, der ihm unter allen seinen Freund fast noch allein geblieben war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein zweitägiges Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch rege, künftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche Pläne wurden in dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. Gleim's Bemühungen, ihm eine Stelle in Berlin zu verschaffen, wußte Wieland zu schätzen. Die Gründe, weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt ein bald nach der Rückkehr aus Halberstadt geschriebener Brief an Gleim. Darin hieß es unter andern: "Wahrscheinlich wird Carl August mir nie Ursache geben, mich von ihm zu entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schön auch immer Ihr Berliner Project für mich in unser chimärisches Plänchen paßte, so würde es doch in der Ausführung unendliche Schwierigkeiten haben. Anderswo, als in Weimar zu leben, würde mich doch blos die Noth zwingen können, irgend ein öffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die Versetzung in eine Welt, wie die Berlinische ist, würde sich überdies für meine Gemüthsart und meine Umstände kaum schicken. =Pain cuit et liberté= wird ewig mein Wahlspruch bleiben. Lieber mit sechshundert Thalern in dem kleinen Dörfchen, wo mein Gleim geboren wurde, in einer Hütte an dem Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend Thalern, als Sie wollen. Carl August ist mir gewogen und seine Mutter auch. In Hofintriguen und Staatssachen werde ich mich nie mischen, und mich so viel als möglich in meinem Schneckenhäuschen ruhig halten. Ich werde also wenig oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden und Unschuld dahinleben, so lange es Gott gefällt. Aendern sich einmal die Umstände, so wollen wir, um Ruhe zu bekommen, uns weder nach Berlin, noch in eine Windmühle setzen, sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, gerade so ein kleines suetonisches tranquilles Gütchen kaufen, wie es einem Danischmende nützt und frommt -- so weit von Sultanen und Bonzen, als immer möglich ist. In einer kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer kleinen Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und Horaz, wie ich bin, wohlfeiler glücklich seyn." So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt seines bisherigen Zöglings Carl August und dessen Vermählung mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt manche Veränderungen in seiner bisherigen Lage eintreten konnten. Er schien gefaßt, unter allen Umständen die Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche Lebensgefährtin gewesen war. "Ich habe," schrieb er, "schon meine Parthie genommen. Die Hofluft ist mir immer zuwider gewesen, und je seltner ich künftig genöthigt seyn werde, sie zu athmen, desto glücklicher werd' ich seyn." Diesem Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen Briefe an Sophie la Roche äußerte er: "Die bevorstehenden Auftritte, so unbedeutend sie für die übrige Welt sind oder scheinen, sind für uns Weimaraner doch von so großer Wichtigkeit, daß jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen nennt sich Wieland, weil er für sich selbst nichts verlangt, mit allem zufrieden ist, und übrigens voll guter Hoffnungen." Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er längst im Stillen gehegt, ward erfüllt durch die persönliche Bekanntschaft Goethe's, den der junge Herzog auf seiner Reise in Frankfurt am Main kennen und schätzen gelernt, und ihn aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu treten. Wenige Monate, nachdem Carl August die Regierung übernommen und seine Vermählung gefeiert hatte, traf Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit Begeisterung verkündete Wieland dies Ereigniß seinem Freunde Jacobi. Neid und Mißgunst waren seiner Seele gänzlich fremd. Den jungen Autor, der ihn durch seine Satyre gekränkt, bald als Liebling und Vertrauten eines Fürsten zu sehen, dem er bisher näher gestanden, machte ihm keine unangenehme Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen Aeußerung als "das größte Genie und als der beste, liebenswürdigste Mensch, den er bisher gekannt." Wielands Begeisterung für Goethe kannte keine Grenzen. Die Belege dafür findet man in mehrern seiner damaligen Briefe. Er war in der frohesten Stimmung, die auch wohl darin einen wesentlichen Grund haben mochte, daß in seinen bisherigen Lebensverhältnissen nicht die mindeste Veränderung eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm der Genuß seines bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit zugesichert worden. Die Gemahlin seines Fürsten gab ihm unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die Herzogin Amalia blieb ihm unveränderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch, unbekümmert um das Treiben der Welt, sich selbst und seinen Studien zu leben, sah Wieland erfüllt. "In seinem Schneckenhäuschen, wohin er," wie er einem Freunde meldete, "sich zurückgezogen," kam er nur mit Wenigen in Berührung. Wichtig ward jedoch für ihn die persönliche Bekanntschaft Herders, der als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden war. Den Eindruck, den Herder auf ihn machte, schilderte ein im October 1776 geschriebener Brief Wielands. "Meine ganze Seele," schrieb er, "ist voll von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu groß, zu herrlich. Ich fühle, wie wenig ich ihm seyn kann. Fühlen, einsehen, durchschauen, was er ist, und ihn lieben, mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann ich. Aber wie unzulänglich ist das für einen so tief denkenden, allumfassenden, mächtigen Genius!" Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland nicht gleichgültig gegen seine entfernten Freunde. Vorzüglich war es Gleim, dem er alle seine Freuden und Leiden mittheilte, und ihn gewissermaßen in das Innere seines Familienkreises führte. Wahrhaft einheimisch fühlte sich Wieland erst in Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der Stadt gelegenen Garten gekauft hatte. Dort, in ländlicher Einsamkeit, konnte er ungestört die Schönheiten der Natur genießen, und sich seinen Betrachtungen hingeben. Seine ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere Wendung bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem er eine Schilderung seiner "neuen Domaine" entwarf, bemerkte er: "Sie müssen sich nichts Vornehmes, noch Kostbares vorstellen. Bilden Sie sich ein, daß es ungefähr so ein Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton kaufen will, ein Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn ein Müsiggänger meiner Art vonnöthen hat; Bäume genug, um Schatten zu haben, und groß genug, daß meine Mädchen sich müde darin laufen können. Seitdem die Kirschbäume zu blühen angefangen haben, bin ich nun den ganzen lieben Tag draußen, und habe es schon so weit gebracht, daß mir in meinen vier Mauern in der Stadt, nirgends wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus zu gehen und im Freien, im Grünen, unter meinen Bäumen, im Angesicht meiner eignen kleinen Pflanzungen, zu leben und zu wallen, und den unendlichen Erdgeist einzuziehen, mit dem ich je länger, je mehr Sympathie und Verwandtschaft fühle." In einem spätern Briefe vom 7. September 1777 meldete Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, daß er seit Anfang des Sommers in einem großen Hause vor der Stadt wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten Freiheit und Ruhe. "Dort," schrieb er, "leb' ich fast ganz allein mit mir selbst und den Meinigen; und wenn mir, um ganz glücklich zu seyn, noch etwas abgeht, so ist's, daß ich der übrigen Welt nicht so ganz vergessen darf, als ich wohl gern möchte. Hinten an meinem Hause hab' ich einen Küchengarten mit Obstbäumen, und ein paar hundert Schritte davon liegt ein größerer Garten, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und worin ich dieser schönen herbstlichen Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz unvermuthet schenkt." In seiner Zurückgezogenheit blieb Wieland fast gänzlich unbekannt mit den abentheuerlichen und großenteils übertriebnen Gerüchten, die sich damals über Weimar und das dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene Freundschaftsverhältniß zwischen einem geistreichen Fürsten und einem genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, und war gewissermaßen das Signal geworden für alle Kraft- und Dranggenie's, nach Weimar zu wallfahrten. Die wunderlichsten Mährchen verbreiteten sich über Goethe und dessen Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach Weimar gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: "er mache alle Tage regelmäßig seinen dummen Streich, und wundere sich dann darüber, wie eine Gans, wenn sie ein Ei gelegt habe." Selbst von Herder ward gefabelt, er predige in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und reite unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus. Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das Gerücht schuld gab, rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe vom 7. Februar 1776 mit den Worten: "Ich höre, daß gewisse Leute, die aus verächtlichen Ursachen meine und Goethe's Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit in das, was hier geschieht und nicht geschieht, einmischen, und mich zu einem, ich weiß nicht ob Actuar oder Soufleur oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomödie machen, da ich doch, Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloßer Zuschauer bin -- bereit, mit aller möglichen Bonhomie zu klatschen, wenn gut gespielt wird, und höchstens die Achseln zuckend, oder ein paar =sacres bleus= zwischen den Zähnen murmelnd, wenn es dumm geht." Der Einfluß junger talentvoller Köpfe wirkte aufregend für Wielands geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen "Unterredungen mit einem Pfarrer" eine Apologie seiner frühern Schriften niedergelegt hatte. Manche Pläne entwarf er damals, seinen "deutschen Merkur" gemeinnütziger zu machen. Nichts, meinte er, würde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, als wenn man "mehr Urtheile über Bücher und andere Dinge" hinein brächte. "Den Leuten," schrieb Wieland, "liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie über alles Vorkommende denken und sagen sollen." Seltener waren allmälig die Beiträge geworden, durch welche Goethe, Herder, Jacobi u.A. vor dem Jahre 1776 sein Journal, dessen Aufnahme ihm sehr am Herzen lag, unterstützt hatten. Es enthielt mehr Aufsätze von seiner eignen Feder, und fast alle seine Werke theilte er bruchstückweise zuerst in dem "deutschen Merkur" mit. Seine fast ununterbrochene Beschäftigung mit der Literatur der Griechen und Römer entzog ihn nicht philosophischen und historischen Studien im weitesten Umfange des Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse für alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen in seiner Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem Auge. Er machte sich mit den neuern Reisebeschreibungen und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt. Sein reger Geist durchwanderte das große Gebiet der Wissenschaften und Künste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er reichhaltige Materialien zu größern und kleinen Aufsätzen für den "deutschen Merkur." Die meisten jener Aufsätze charakterisirte das Streben, Aufklärung zu verbreiten zu einer Zeit, wo schwärmerische Köpfe, wie der Pater Gaßner in Wien, der berüchtigte Graf Cagliostro, Meßmer, Schröpfer u.A. dem Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, daß man sich des Unglaubens auf der einen Seite, und des Aberglaubens auf der andern beschuldigte. Behutsam aber glaubte Wieland zu Werke gehen zu müssen, und nicht zu verkennen war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er über religiöse Gegenstände schrieb. Unter seinen mannigfachen Studien und Beschäftigungen ward er der Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines Lebens fallen die poetischen Erzählungen: "Gandelin" oder "Liebe um Liebe"; das "Winter- und Sommermährchen"; "Pervonte"; der "Vogelfang" oder "die drei Lehren", "Hann und Gulpenheh" u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden zur romantischen Poesie. Nach seinen eignen Aeußerungen war er überzeugt, daß sich "dem Mährchen ein höherer Zweck unterlegen lasse, als bloße Unterhaltung kleiner und großer Kinder." Bei den meisten der vorhin erwähnten Gedichte hatte Wieland französische Quellen benutzt, die =Fabliaux= von =Chretien de Troyes=, die =Lays de l'Oiselet= u.a.m. Aus einer altfranzösischen Sage, =Huon de Bordeaux= betitelt, schöpfte Wieland auch den Stoff zu seinem "Oberon", durch den er seinen Dichterruhm für immer begründete. Für eine eigenthümliche Schönheit des Plans und der Composition seines Epos hielt Wieland, nach seinem eignen Geständniß, "die Art und Weise, wie die Geschichte von Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der Geschichte Hüons und Rezia's eingewebt worden sei." Er schrieb darüber einem Freunde: "Oberon ist nicht nur aus zwei, sondern, wenn man es genau nehmen will, aus drei Haupthandlungen zusammengesetzt, nämlich aus dem Abentheuer, welches Hüon auf Befehl des Kaisers zu bestehen übernommen, der Geschichte seines Liebesverhältnisses mit Rezia, und der Wiederaussöhnung der Titania mit Oberon. Aber diese drei Handlungen oder Fabeln sind dergestalt in Einen Hauptknoten verschlungen, daß keiner ohne die andern bestehen, oder einen glücklichen Ausgang gewinnen könnte. Ohne Oberon's Beistand würde Hüon Kaiser Carl's Auftrag unmöglich haben ausführen können; ohne seine Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche Oberon auf die Treue und Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als Werkzeuge seiner eignen Wiedervereinigung mit Titania gründete, würde dieser Geisterfürst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf wechselseitige Unentbehrlichkeit gegründeten Verwebung ihres verschiedenen Interesses entsteht eine Art von Einheit, die meines Erachtens das Verdienst der Neuheit hat, und deren gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme an den sämmtlichen handelnden Personen zu stark fühlt, als daß sie ihm irgend ein Kunstrichter wegdisputiren könnte." In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten unterschied, daß durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen gesucht, Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten romantischer Gattung, daß man die Genien und Feen als Wesen einer höhern Ordnung und Bürger einer andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis und Geschichte für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch höhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in die übrigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum, Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist." Wieland war noch beschäftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen Lieblingsdichter Horaz zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in seiner Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des römischen Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner Uebersetzung bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier und den Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er, statt des Hexameters, den jambischen Vers, den er für geeigneter hielt, die Leichtigkeit und Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er mit gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald kürzer, bald weitläufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefügten Einleitungen und Erläuterungen, die von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren oft mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte scherzend, daß er während jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung überlassen habe. Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten "Gesprächen in Elysium" und in seinen "Göttergesprächen." Früher, als diese Schrift, entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt große Sensation erregte. Die erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen Schriften und Aufsätzen über politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen, daß Wieland in den für den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstücken des Romans "Alwill" mehrere Stellen strich, besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb darüber an Jacobi: "Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's drucken lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland für eine unerläßliche Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich über Staatsangelegenheiten sprechen, und über Maßregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen abhängig sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die Wünsche des Volks und die Meinung verständiger und unparteiischer Männer zu vernehmen, müsse den Fürsten immer willkommen seyn, so lange sie noch keine entschiedene Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der unglückliche Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten und ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr helfen, wohl aber schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mißbrauch der Presse. Aber eine Reform in den politischen Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich. Eine kühnere Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen, führte Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze. "Wenn man", äußerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen dürften, so gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag. Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer und Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von allen Dächern herabpredigen -- auf einen bloßen Vertrag zwischen uns und euch gründen; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurücknehmen können, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen: wie könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in der wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkührliche und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigenthum und unser Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir untersuchen, ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen, oder uns der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen angezündet und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen, wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht." Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II. Tode (1786) und noch mehr durch die spätern politischen Ereignisse sich bewährten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten: "Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen, als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für eins der wirksamsten Mittel, seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts." Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu nehmen, war Wielands unablässiges Bestreben. Bei der sich immer mehr ausbreitenden Aufklärung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, hielt er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck "die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden könnten." Nur einer einzigen Commotion, meinte er, bedürfe es, "um zehn oder zwanzig Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen." Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht getäuscht. Noch vor dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den Ausbruch der französischen Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie mächtig dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung niederlegte. Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das Zeugniß geben, daß "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die öffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme." Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil über die menschlichen Dinge" leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. "Nie vergesse ich," schrieb er, "daß Menschen in allen Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger, als Menschen sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut oder schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, daß ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen zutrauen sollte. Daher kommt es, daß ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darüber formalisire, wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder stoische Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, noch consequenter, noch uneigennütziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte." Von den Greueln der französischen Revolution wandte sich Wieland mit Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mächtiger in ihm. Rühmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwärtigen Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glücklich, wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht hätte; wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man erst fühlt, wenn man sie verloren." Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verübelten. Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklärung befördert zu haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung nach, ist das Beste für den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber -- was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit ist -- ein Schuster glauben, daß er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinnütziges oder ein Wort zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der für die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl leiden, in mehr als dreißig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die Wahrheit zu hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame, mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne daß ein Mensch etwas dagegen einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem Bürger, als heut zu Tage!" Durch Verschiedenheit der