The Project Gutenberg EBook of Geschichte der Englischen Sprache und Literatur, by Ottomar Behnsch This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Geschichte der Englischen Sprache und Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Einführung der Buchdruckerkunst Author: Ottomar Behnsch Release Date: July 1, 2006 [EBook #18731] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER ENGLISCHEN *** Produced by Louise Hope, David Starner and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net [Transcriber’s Note: This text uses a few characters that can only be seen in unicode (utf-8) encoding: yogh (ȝ), accented ǽ, short ĕ; German-style „low-high“ quotation marks. If the first group of characters do not display properly--in particular, if the ˘ and ´ marks do not appear directly above their letter--or if the quotation marks appear as garbage, you may need to change your text reader’s ”file encoding” or “character set”, or its default font. If this does not work, use the latin-1 version of this file instead. Where the printed book showed translations or parallel versions side by side, the e-text has consecutive blocks of text. Letters in +boldface+ received special treatment in two situations: In some verse passages, +boldface+ was used to highlight alliteration. These letters are generally shown as Capitals, while line-initial capitals have usually been converted to lowercase. Note that alliteration involving thorn (þ) is rarely marked, and the letter is inconsistently capitalized. This is probably typographic, but has not been changed. Footnote 154 describes „ein eigenthümliches +g+“ with enough detail to identify it as the letter yogh (ȝ). Yogh has therefore been substituted for boldface +g+ in these passages _only_. With a few obvious exceptions such as footnote tags, all brackets are in the original.] * * * * * * * * * * * * * * [Illustration: _Facsimile der Exeter Handschrift. (S. 69)_] [Illustration: _Cod. Vercell. Nº. CXVII p. 43. Andreas 1026_27._] [Illustration: _Facsimile des (Caedmon) Cod. Bodl. Jun. XI (S. 59.)_] GESCHICHTE der ENGLISCHEN SPRACHE UND LITERATUR von den ältesten Zeiten bis zur Einführung der Buchdruckerkunst. Von Dr. Ottomar Behnsch. Breslau, Verlag von Joh. Urban Kern. 1853. Contents [The table of contents did not appear in the printed book; it has been generated by the transcriber. The book included headnotes giving key names or descriptions for each page. They have been relocated to the table of contents, shown as a block of words separated by dashes.] Vorrede Einleitung I. Die Kelten II. Die Römer III. Die Germanen Erste Periode: Die angelsächsische Zeit I. Die lateinische Sprache Gildas.-- Nennius.-- Columban.-- Theodorus.-- Adrian.-- Aldhelm.-- Ceolfrid.-- Tatwine.-- Felix.-- Beda.-- Cuthbert.-- Egbert.-- Wilbrod.-- Winfrid.-- Willebad.-- Alcuin.-- Folchard.-- Gotselin.-- Grimbald.-- Johann.-- Werferth. II. Die angelsächsische Sprache Germanische Sprachen.-- Das Angelsächsische.-- Der Scóp.-- Beowulf.-- Sängers Reise.-- Byrhtnoth’s Tod.-- Caedmon.-- Judith.-- Juliana.-- Andrêas.-- Elêne.-- Guthlac.-- Athelstan’s Siegeslied.-- Lyrische Gedichte.-- Didaktische Gedichte.-- Die Gaben der Menschen.-- Sinnsprüche.-- Räthsel.-- Prosa.-- Athelbert’s und Wihtræd’s Gesetze.-- Alfred’s Gesetze.-- Cnut’s Gesetze.-- Die Gesetze Wilhelm’s des Eroberers.-- Der Glossator Aldred.-- Glossen.-- Ethelwold.-- Dunstan.-- Alfred.-- Alfric.-- Alfric Bata.-- Cynewulf.-- Wulfstan.-- Apollonius von Tyrus.-- Astronomie.-- Medicin.-- Die Sachsenchronik.-- Alter der angelsächsischen Sprache.-- Caedmon’s Sprache.-- Verschiedene Dialekte.-- Verlust von Handschriften.-- M. Parker.-- R. Cotton.-- J. Foxe.-- W. L’Isle.-- Hickes.-- Wheloc.-- Junius.-- Spelman.-- Wanley.-- Somner.-- Gibson.-- Wilkins.-- Barrington.-- Manning.-- Rask.-- Grimm.-- Englische und deutsche Bearbeiter.-- Thorpe.-- Kemble.-- Ingram.-- Wright.-- Halliwell.-- Grammatiken.-- Lesebücher.-- Bosworth’s Wörterbuch.-- Die angelsächsischen Beugungsformen.-- Substantiva.-- Adjectiva.-- Pronomina.-- Numeralia.-- Verba.-- Conjugation. Zweite Periode: Die normännische Zeit Erstes Eindringen der französischen Sprache. I. Der Verfall der angelsächsischen Sprache Eroberung England’s durch die Normannen.-- Unterdrückung des angelsächsischen Elementes.-- Französisch, die Sprache des Hofes und Adels.-- Französisch, die Sprache der Geistlichkeit.-- Französisch, die Sprache des Rechtes und der Schule.-- Französische Gesetze Wilhelm’s des Eroberers.-- Das Normännisch-Französische.-- Entartung des Angelsächsischen.-- Abschwächung der Endungen.-- Semi-Saxon.-- Sprachprobe aus der Sachsenchronik.-- Sprachproben aus Homilien.-- Sprachprobe aus den Sprüchwörtern Alfred’s.-- Normännische Sänger und Dichter.-- Anglo-normännische Psalmenübersetzung.-- Ph. de Thaun.-- Turold.-- G. Gaimar.-- Wace.-- Geoffrey von Monmouth.-- Benoit.-- Guernes.-- Layamon.-- Sprachproben aus G. von Monmouth, Wace.-- Sprachproben aus Layamon.-- Verschiedenheit der Handschriften Layamon’s.-- Das Ormulum.-- Nicholas von Guildford. II. Die Entstehung der englischen Sprache Proklamation Heinrich’s III.-- Anonyme epische Gedichte.-- Lyrische Gedichte.-- Fabliaux.-- Die Sprüchwörter Hending’s.-- Treatise on dreams.-- Fabel.-- Robert von Gloucester.-- Robert Manning.-- L. Minot.-- The visions of Piers Ploughman.-- Alliteration.-- Piers the Ploughman’s Creed. Dritte Periode: Die altenglische Zeit Entstehung des englischen Volkes.-- Gründung der englischen Universitäten.-- Entartung des Französischen in England.-- Angelsächsische Wörter dringen in das Französische.-- Mischung beider Sprachen.-- Lateinisch, die Sprache der Gelehrsamkeit u. des Rechtes.-- Französich, die Sprache der Bildung.-- Das Englische wird Unterrichtssprache.-- Das Englische wird Rechtssprache.-- Das Französische bleibt noch Hofsprache.-- Die englische Sprache im Parlament.-- Die englische Sprache wird die herrschende. I. Englische Poesie Altenglische Romanzen.-- Englisch-dänischer Romanzenkreis.-- Havelok der Däne, König Hörn.-- Die Robin Hood Balladen.-- König Eduard und der Schäfer.-- Der König und der Einsiedler.-- Lytell Geste of Robyn Hode.-- Gower.-- Chaucer.-- Chaucer’s Schriften.-- Chaucer’s Canterbury Tales.-- Charactere aus den Canterbury Tales.-- Unvollständigkeit der Canterbury Tales.-- Chaucer’s Bearbeiter.-- Chaucer’s Metrik.-- Chaucer’s Accent französischer wörter.-- Accent französischer Wörter.-- Accent angelsächsischer wörter.-- Occleve.-- Lydgate.-- Hawes.-- Barklay.-- Skelton.-- Mysteries.-- The Harrowing of Hell.-- Moralities.-- Interludes. II. Schottische Dichter Schottische Dichter.-- Evrard.-- Schottischer Dialekt.-- Barbour.-- Barbour’s Bruce.-- Andrew of Wyntoun.-- Hutcheon.-- Clerk of Tranent.-- Blind Harry.-- Jacob I.-- R. Henryson.-- Dunbar.-- Gawin Douglas. III. Prosa Ayenbyte of Inwyt.-- Mandeville.-- Johann von Trevisa.-- Wycliffe.-- Chaucer’s Prosa.-- Fortescue.-- R. Fabian.-- John de Irlandia.-- A. Cadiou. IV. Die Einführung der Buchdruckerkunst Caxton. +Vorrede.+ Die erste englische literaturgeschichte wurde als ein beitrag zu Chambers’ Educational Course unter dem titel History of the English Language and Literature, 8. Edinburgh 1835, von R. Chambers herausgegeben und seitdem mehrere male neu aufgelegt. Die für die sprachbildung wichtigste periode von der gründung der angelsächsischen herrschaft bis zum jahre 1400 wird indessen in diesem übersichtlichen, für den „general reader“ bestimmten kleinen buche auf nur zehn seiten abgehandelt; auch hat der verfasser, welcher sich über Chaucer’s veraltetes Englisch beklagt, der alten sprache, wenn und wo nur möglich, ein modernes gewand geliehen. Nach demselben plane ist ein grösseres werk, Cyclopædia of English Literature, edited by R. Chambers, 2 vols. 8. Edinb. 1844, bearbeitet, indem darin die altenglische literatur bis zum jahre 1400 nur mit fünf und dreissig druckseiten bedacht und fast überall eine modernisirte orthographie eingeführt worden ist. Die in Deutschland erschienenen englischen chrestomathien lassen ebenfalls die alte sprache und literatur England’s unberücksichtigt. Das handbuch der englischen sprache und literatur von H. Nolte und L. Ideler, 4 Bde. 8. Berlin, beginnt seinen prosaischen theil mit Bacon, und den poetischen mit Chaucer. Die vorzügliche Sammlung Herrig’s, The British Classical Authors, 8. Braunschw. 1850, eröffnet die englische und schottische poesie mit Chaucer und Barbour, und die englische prosa mit Wycliffe. Auch das neueste werk dieser art, das handbuch der englischen literatur, von A. Boltz und H. Franz, 2 Bde. 8. Berlin, 1852, führt nach einer kurzen sprachlichen einleitung Chaucer und Gower als älteste dichter, so wie den ersteren und Wycliffe als erste prosaiker der englischen literatur auf. Für die zeit _vor_ Chaucer fehlte es an einem buche, welches, gleichsam als historische einleitung zu jenen angeführten grösseren chrestomathien, eine pragmatische geschichte der englischen sprache und literatur während ihrer gewaltigsten und wichtigsten veränderungen enthielte und deren Übergänge anschaulich darstellte,--von dem erlöschen der keltischen und römischen zu dem auftreten der angelsächsischen sprache und der bildung einer reichen germanischen literatur durch das medium der mit dem christenthume eingeführten lateinischen kirchensprache,--von dem eindringen der normännisch-französischen zu dem untergange der alten angelsächsischen zunge,--von dem gegenseitigen verschmelzen beider idiome zu dem entstehen einer eigenen mischsprache, der englischen, welche ihre macht und verbreitung derselben zeit verdankt, in welcher das englische volk seine selbstständigkeit errang: alle diese phasen der englischen sprache, bis sie nach merkwürdigen wechselfällen durch die einführung der buchdruckerkunst grösserer festigkeit und sicherheit entgegengeführt wurde, soll die vorliegende arbeit schildern. +Einleitung.+ +I. Die Kelten.+ Die alten griechischen schriftsteller wussten wenig von dem westlichen und nördlichen Europa. Herodot erzählt nur, dass der äusserste westen Europa’s von einem volke bewohnt war, welches er Kyneten oder Kynesier nennt, und dass die Kelten in den anstossenden ländern wohnten (Herod. Euterpe cap. 33 und Melpomene cap. 49). Die brittischen inseln kennt Herodot unter dem namen Kassiteriden, von denen die Phönicier das zinn holten (Herod. Thalia cap. 115). Der autor des dem Aristoteles zugeschriebenen buches „von der welt“ (cap. 3) wusste bereits, dass jenseits der säulen des Hercules in dem ocean zwei grosse inseln Albion[1] und Ierne (Erin--Irland), die britannischen genannt, jenseits der Kelten lägen, und in dem orphischen argonautengedicht (edid. Hermann. Lipsiæ 1805. v. 1186) kommt die insel Iernis vor. Dieses ist die älteste kunde von den namen dieser inseln, welche auch von Polybius nicht vermehrt wird, indem er ebenfalls nur die britannischen inseln als die fundorte des zinns bezeichnet. Strabo verbindet die namen der Kassiteriden und britannischen [2] inseln. Ausser den Phöniciern hatten auch die kaufleute von Karthago und Tartessus die zinninseln unter dem namen Oestrymniden kennen gelernt, welche in der nähe von Albion und zwei tagereisen zur see von Ierne lagen. Auch die phocäische colonie Massilia und Narbo in Gallien trieben den zinnhandel über land. Nachdem das zinn, wie Diodorus Siculus berichtet, von seinem fundorte nach der insel Ictis (eine von der Scilly Islands) vor Britannien gebracht und von da nach Gallien hinübergeführt worden war, wurde es auf packpferden in dreissig tagereisen bis nach Narbo und nach Massilia befördert (Diod. Sicul. V, 22. 39). Die Römer konnten trotz der eifrigen nachfrage Scipio’s in Massilia und Narbo nichts näheres über die eigentlichen fundorte des zinnes erfahren. Erst Publius Crassus, wahrscheinlich von Cäsar gegen ende des ersten gallischen feldzugs zur unterwerfung der gallischen stämme am kanal ausgeschickt, entdeckte den weg des zinnhandels. Cäsar’s übergang nach Britannien im jahre 60 v. Chr. lüftete den schleier gänzlich. Seine berichte (de bello Gall. V, 13) über die britannischen inseln erwähnen bereits das um die hälfte kleinere Irland unter dem namen Hibernia und eine zwischen diesem und Britannien (medio cursu) liegende kleinere insel Mona, so wie mehrere nördlich gelegene kleine inseln. [Footnote 1: Auch Plinius, Ptolomæus und Stephanus Byzant. bezeichnen Britannien mit diesem namen.] [Footnote 2: Beide namen mögen von den phönizischen und karthagischen kaufleuten herrühren, indem sie offenbar semitischen ursprungs sind und dieselbe bedeutung haben, wie Bochart (Canaan, lib. 1. c. 39) zuerst vermuthet hat, indem er Kassiteron, worunter Plinius zinn versteht, mit dem chaldäischen kastira und kistara und dem arabischen kasdar, welche worte zinn bedeuten, in verbindung bringt und das wort Brettanike, wie es griechisch geschrieben wird, von dem semitischen barat anuk, zinnland, ableitet, wonach die phönizischen kaufleute den fundort des zinnes in ähnlicher weise benannt hätten, als die neue zeit von den gewürzinseln, der gold- oder sklavenküste spricht. Höchst unwahrscheinlich ist es dagegen, dass Britannien nach dem keltischen wort bryt, bemalt, wegen des tätowirens der eingeborenen seinen namen empfangen hätte. Die dichter und chronisten von Wales nennen die keltischen bewohner von Wales Kymry (Cimbern). Den grössten theil von England nennen sie Lloegr und dessen bewohner Lloegrwys (Sharon Turner’s hist. of the Angl. Sax. vol. I. Book I. chap. II. III.). Die ähnlichkeit des namens Brutus und Britannia mag Nennius, aus dem Geoffrey von Monmouth in späterer zeit geschöpft hat, zu der fabelhaften annahme veranlasst haben, Britannien sei von „Brutus,“ dem enkel des Askanius und urenkel des Aeneas, benannt und bevölkert worden. Nennius’ fabel, welche angeblich aus römischen quellen geschöpft ist, dürfte eine ausmalung der angäbe des Ammianus Marcellinus XV, 9 sein. (Am angeführten orte chap. IV.)] [Transcriber’s Footnote: Numerical equivalents (modern form) for Herodotus citations: I: Clio; II: Euterpe; III: Thalia; IV: Melpomene; V: Terpsichore; VI: Erato; VII: Poly(hy)mnia; VIII: Urania; IX: Calliope.] Nach Cäsar waren die bewohner des innern von Britannien die ureinwohner[3] der insel und keltischen stammes, während die küsten mit belgischen colonien, welche den namen ihrer mutterstämme auf dem festlande führten,[4] besetzt waren. Die belgischen einwanderer, wahrscheinlich ebenfalls von keltischer[5] abkunft, besassen gebäude nach sitte der Gallier, bedienten sich abgewogener stücke erzes als geld, trieben ackerbau und viehzucht und waren weit gebildeter als die brittischen ureinwohner, welche von milch und fleisch lebten, sich tätowirten und in thierhäute kleideten. Von jenen Belgen besassen wiederum die bewohner von Cantium (Kent) die meiste bildung.[6] Diodorus Siculus (V, 22) berichtet, dass auch die bewohner des belerischen Vorgebirges (The Land’s End, Cornwall) wegen des grossen, durch den zinnhandel entstandenen Verkehrs mit fremden feinere sitten hatten. [Footnote 3: Sharon Turner in seiner History of the Anglo-Saxons (Vol. I. Book I. chapt. 2) hat über die ältesten bewohner Britanniens alles zusammen getragen, was geschichte, sage und fabel uns überliefert haben.] [Footnote 4: Cæsar de bell. Gall. V, 12: „qui omnes fere iis nominibus civitatum adpellantur, quibus orti ex civitatibus eo pervenerunt et bello illato ibi remanserunt atque agros colere coeperunt.“] [Footnote 5: Die in Gallien wohnenden Belgen, so wie die Aquitanier waren nach Cæs. de bell. Gall. I, 1 von den eigentlichen Galliern, oder Kelten lingua, institutis, legibus verschieden. Wenn Cæsar de bell. Gall. II, 4 von den zunächst den Galliern wohnenden Belgen (Remi, um das heutige Rheims) erfuhr, dass plerosque Belgas ortos a Germanis, und dass sie Rhenum transductos propter loci fertilitatem ibi consedisse, Gallosqne qui ea loca incolerent, expulisse, so scheint dieses darauf hinzudeuten, dass die ursprünglichen Belgen (Gallier, Kelten.--Bel im keltischen ein morast) sich nach dem gegenüberliegenden Britannien geflüchtet und dort neue niederlassungen gegründet hatten. Will man dieses nicht zugeben, so würde man zu der annahme gedrängt werden, dass die bevölkerung der brittischen südküste, besonders aber von Kent, schon lange vor Cäsar’s zeit eine deutsche gewesen sei.] [Footnote 6: Cæsar de bell. Gall. V, 14: „Ex his omnibus longe sunt humanissimi, qui Cantium incolunt, quæ regio est maritima omnis, neque multum a Gallica differunt consuetudine.“] Die von Cäsar besiegten Britten bemühten sich bald um die freundschaft ihrer sieger und unterhielten einen lebhaften verkehr mit Rom unter Augustus und Tiberius. Während der regierung des letzteren hatte in Britannien Cunobelinus die grösste gewalt, welcher unter dem namen Cymbeline gegenstand der muse Shakespeare’s geworden ist. Nach Cunobelin’s tode entstanden innere unruhen in Britannien, welche den Römern eine erwünschte gelegenheit gaben, das land zur provinz zu machen. Der kaiser Claudius sandte im jahre 43 n. Chr. zuerst den Aulus Plautius nach Britannien, worauf er sich selbst dorthin begab, die söhne des Cunobelinus besiegte, deren hauptstadt Camulodunum (Colchester) in Essex einnahm und die herrschaft der Römer im südosten von England befestigte. Vespasian fügte den südwesten der römischen provinz zu, welche der Proprætor Ostorius Scapula mit einer reihe von befestigten lägern oder forts vom Avon zum Severn beschützte. Derselbe befestigte Camulodunum und machte es zum hauptquartier der Römer; die stadt wurde als colonia mit öffentlichen gebäuden und einem tempel des Claudius geschmückt, das eroberte land in ihrer nähe aber unter die veteranen der legionen vertheilt. Nach mannigfachen blutigen kämpfen mit den gegen das römische joch anstrebenden Britten, in denen einerseits der sitz der druidischen macht auf der insel Mona (Anglesea) von Suetonius Paullinus zerstört, und andererseits Camulodunum und der emporstrebende handelsort Londinium von den eingeborenen unter ihrer anführerin Boadicea verwüstet und geplündert wurden, gelang es endlich dem römischen führer Agricola, welcher eine menge castella in Britannien angelegt und im jahre 81 eine anzahl forts quer über die insel von der mündung des Clyde bis zum Forth gezogen hatte, ganz Britannien im jahre 84 unter die herrschaft der Römer zu bringen. Dieser tapfere general, dessen flotte ganz Britannien umschiffte und die Orkneys besuchte, machte sogar einen einfall in Irland.[7] [Footnote 7: Dio Cassius im IX. buche, Sueton und Plutarch in ihren lebensbeschreibungen, Tacitus in den annalen und besonders in seiner lebensbeschreibung des Agricola sind die hauptquellen für diesen theil der geschichte Britanniens.] Nunmehr hatten die verschiedenen keltischen stämme in Britannien, denn brittisches volk kann man wohl nicht sagen, ihre unabhängigkeit zum grössten theil auf immer verloren. Ihre nationalität war damit gebrochen und wurde noch mehr geschwächt, als die neuen herrscher ihr provinzielles verwaltungssystem auf die neue eroberung übertrugen, das land mit legionen und hilfstruppen überzogen und befestigte städte bauten; aus den wilden, aber freien Britten wurden römische unterthanen und leibeigene. Zwar zählt noch Ptolemäus in seiner geographie eine menge keltischer stämme in Britannien zugleich mit ihren wohnsitzen[8] auf, allein ihre namen verschwinden nach und nach. Nur diejenigen Kelten, welche in den gebirgen von Wales, oder von Schottland hausten, behielten noch lange ihre wildheit und zum theil ihre unabhängigkeit, indem sie sich auf das, wenn auch von den Römern angegriffene, aber nicht unterworfene Irland und dessen stammverwandte bewohner stützen konnten. [Footnote 8: Vergleiche Sharon Turner’s Hist. of the A.-S. vol. I. Book I, chapt. 5, wo 42 keltische stämme nach ihren wohnsitzen zur zeit der Römer aufgeführt werden.] Die sprache der alten Britannier zu jener zeit, als die Römer ihre siegreichen adler von Gallien aus nach Britannien trugen, war ein zweig des alten Keltischen,[9] welches im ganzen westlichen Europa gesprochen wurde, gegenwärtig aber nur noch in Wales, in den hochlanden und auf den inseln von Schottland, in Irland und auf der insel Man unter dem namen des Welschen,[10] Gælischen,[11] Ersischen[12] und Mankschen[13] lebt, auf dem festlande aber sich noch in dürftigen trümmern in der Bretagne[14] und vielleicht am biskayischen[15] meerbusen erhalten hat. Keltisch ____________|______________________ _________/__________ \ / \ Gælisch Gallisch Brittisch _______|__________ | / | \ __________|________ Irisch Ersisch Manksisch / \ _oder_ Cornisch Welsch Caldonach \________________________/ | Bretonnisch [Footnote 9: _Leibnitius_, G. G., Collectanea etymologica, illustr. linguar. veteris Celticæ, Germ., Galicæ aliarumque inservientia. 2. part. 8. Hannov. 1717. _Bullet_, J. B., Mémoires de la langue Celtique (l’hist. de la langue; descript. étymol. des villes, rivières etc. des Gaules; dictionaire Celtique). 3 tom. fol. Besançon 1754-60. _Denina_, C. J. M., Sur la langue Celtique et celles qu’on prétend en être sorties. 4. Berol. 1787. _De Bast_, M. J., Recherches hist. et littér. sur la langue Celtique. Gauloise et Tudesque. 2 voll. 4. Gand 1815. 16. _Diefenbach_, L., Celtica. I. Sprachl. documente zur geschichte der Kelten. II. Versuch einer geneal. geschichte der Kelten. 8. Stuttg. 1839. 40. _Maclean_, L., History of the Celtic languages. 12. Lond. 1840. _Galli_, C., Essai sur le nom et la langue des anciens Celtes. 8. Paris 1844. _Edwards_, W. F., Recherches sur les langues Celtiques. 8. Paris 1844.] [Footnote 10: _Walter_, An English and Welsh dictionary. 2 vols. 8. London 1829. _Gambold_, W., A Welsh grammar. 12. Carmarthen 1842. (4. ausgabe.)] [Footnote 11: _Macpherson_, J., Critical dissertation on the origin, antiquities, language of the ancient Caledonians. 4. London 1768. Dictionarium Scoto-Celticum; a dict. of the Gælic lang. publ. under the direction of the Highland Society of Scotland. 2 vols. 4. Edinb. 1828. _M’Alpine_, N., Pronouncing Gælic Dictionary, to which is præfix. a concise grammar. 8. Edinb. 1845.] [Footnote 12: _Neilson_, W., An introduction on the Irish language. 3 vols. 8. Dublin 1808. _O’Reilly_, E., Sauas Gasidhilge-Sags-Bhéarla. An Irish-English dictionary. To which is annexed a compendious Irish grammar. 4. Dublin 1817. 1822.] [Footnote 13: _Cregeen_, A., A dictionary of the Manks language. 8. Douglas 1835. _Kelly_, J., A practical grammar of the ancient Galic or lang, of the isle of Man, usually called Manks. 4. London 1803. Essex 1806.] [Footnote 14: _De Courson_, A., Essai sur l’histoire, la langue et les institutions de la Bretagne Armoricaine. 8. Paris 1840. _De Rostrenen_, Gr., Dictionnaire Français-Celtique ou Français-Breton. 4. Rennes 1738. Rev. et corr. par B. Jollivet. 2 vols. 8. Guingamps 1834. _De Rostrenen_, Gr., Grammaire Française--Celtique ou Française--Bretonne. 8. Rennes 1738. Guingamps 1833.] [Footnote 15: Das Baskische mit seinen mundarten mag ein rest des alten Aquitanischen sein, von dem schon Cäsar (de bell. Gall. I, 1) sagt, dass es von dem Gallischen und Keltischen verschieden sei. _Diefenbach_, L., Celtica. Zweite abtheilung. S. 5 u. ff.] Das heutige Englisch hat von jener einst so weitverbreiteten und in Britannien ausschliesslich gesprochenen sprache ausser einer beträchtlichen anzahl eigener namen zur bezeichnung von orten, bergen und flüssen nur sehr wenige wörter (flannel, mattock, plaid, tartan, gyve, tackle, bran etc.) und die meisten derselben erst in neuerer zeit angenommen. Schriftliche denkmale der alten keltischen zeit existiren nicht mehr. Die Druiden, deren vernichtung die Römer eifrig betrieben, da sie in ihnen die erhalter der keltischen nationalität sahen und fürchteten, hielten es nach Cäsar’s erzählung für unziemlich, ihre lehren der schrift zu übergeben und überlieferten dieselben, so wie die volksmythen und volkspoesien nur mündlich (Cæs. de bell. Gall. VI, 14). Die brittischen münzen, deren mehrere erhalten sind, waren nachahmungen der römischen und enthalten nur römische schriftzeichen. +II. Die Römer.[16]+ Das römische Britannien stand bald in eben so lebhaftem verkehr mit Rom und den provinzen des weltreichs, als Gallien, wozu Britannien der verwaltung nach lange zeit gerechnet wurde. Die triumphe der römischen heerführer und imperatoren über Britannien wurden als siege über die bewohner der enden der erde zu Rom nicht minder durch glänzende aufzüge als durch lobreden der ersten geister Rom’s gefeiert. Auch die genüsse und herrlichkeiten, welche Britannien bot, wurden dabei nicht übersehen. Juvenal besingt die brittischen austern aus Rutupiæ (Richborough): Rutopinove edita fundo ostrea, und schildert die wallfische der brittischen gewässer: Quanto delphinis balæna britannica major. [Footnote 16: Eine vorzügliche culturgeschichtliche schilderung Britanniens unter den Römern findet sich in The Celt, the Roman and the Saxon: a history of the early Inhabitants of Britain, down to the conversion of the Anglo-Saxons to Christianity. By Thomas Wright. 8. London 1852. Aus älterer zeit enthalten Horsley’s Britannia Romana und Camden’s Britannia interessante mittheilungen. Die römischen alterthümer Schottlands sind in der Caledonia Romana (Edinburgh 1845, in einem bande) von Robert Stuart gesammelt worden. Ausserdem sind eine grosse anzahl monographien über die römischen alterthümer einzelner städte und örter, so wie ganzer districte England’s in neuerer und älterer zeit erschienen, welche zum theil in dem oben genannten werke von Thomas Wright aufgeführt werden.] Martial schrieb ein epigramm auf die zierliche gestalt (decus formae) einer schönen Brittin, welche er Claudia Rufina nennt. Dafür trug aber auch Rom seine cultur, der Gallien schon in so hohem masse theilhaftig geworden war, nach Britannien. Martial brüstet sich: Dicitur et nostros cantare Britannia versus; und Juvenal feiert die ausbreitung der klassischen gelehrsamkeit und redekunst von Gallien aus nach Britannien: Nunc totus Graias nostrasque habet orbis Athenas: Gallia causidicos docuit facunda Britannos; De conducendo loquitur jam rhetore Thule. Die römischen legionen und zuströmenden bewohner aus allen gegenden des römischen weltreiches veränderten auch das äussere aussehen des landes; überall entstanden aus den stehenden lägern und in der nähe der römischen forts örter und städte, welche durch ein umfassendes strassensystem mit einander verbunden waren; tempel und altäre, villen, säulenhallen, bäder, kostbares mosaik und alle andern schöpfungen der römischen baukunst fanden sich in Britannien. Schon Tacitus spricht von London als einem grossen handelsorte, und Ptolemäus erwähnt eine menge römisch-brittischer städte, darunter Rutupiæ (Richborough) als hauptlandungspunkt vom festlande aus, Darvernum oder Durovernum (Canterbury), Venta (Winchester), Aquæ calidæ (Bath), Ischalis (Ilchester), Durnovaria (Dorchester), Saliva (Silchester), Corinium (Cirencester), Camulodunum (Colchester), Verulamium (St. Albans), Lindum (Lincoln), Ratæ (Leicester), Eburacum (York), Isurium (Aldborough), Caturactonium (Catteric), Olicana (Ilkley), Epiacum (Lanchester), Vinnovium (Binchester), Deva (Chester), Viroconium (Wroxeter) u.s.w. Allein im norden zählt Ptolemäus mehr als zwanzig grössere städte auf. Dass die Römer Britannien als völlig unterworfen betrachteten, geht auch daraus hervor, dass sie mehrere legionen als überflüssig allmälig aus dem lande zogen und nur noch vier, die II., VI., IX. und XX. als genügende besatzung darin stehen liessen. Von diesen stand die II. zu Isca (Cærleon) und die XX. zu Deva (Chester), um die bergbewohner von Wales, Cumberland und Westmoreland im zaume zu halten und das land vor den raubzügen der irischen seeräuber zu schützen, welche im Severn und Dee zu landen pflegten. Die VI. legion stand zu Eburacum (York), um die nördlichen gebirgsbewohner zurückzuscheuchen, wo sich auch die IX. wahrscheinlich in kleineren grenzforts zerstreut befand, denn der norden von Britannien bis an den caledonischen wald war dicht mit forts und militärischen posten besetzt. Im süden befanden sich dagegen in der ersten zeit der römischen herrschaft nur geringere mannschaften zerstreut. Während sich die Römer so in den fruchtbaren niederungen des südlichen und östlichen England’s ausbreiteten und befestigten, wurden die schwer zugänglichen gebirge im westen und norden die natürlichen festen der alten aus ihren früheren besitzungen verjagten Kelten, welche sich zunächst von der Sylva Caledonica[17] im norden unter dem namen Caledonier den römischen besitzungen so furchtbar und bekannt machten, dass der gesammten alten keltischen und unabhängigen gebirgsbevölkerung Britanniens der name Caledonier zu theil wurde. Als der kaiser Hadrian im jahre 120 persönlich nach Britannien kam, war es seine hauptsorge, diese Caledonier zurückzutreiben und zu ihrer abwehr quer über die insel eine 70 englische meilen lange, ununterbrochene, massive mauer vom Solway bis zum Tyne (von Carlisle bis Newcastle, oder genauer von Bowness am Solway Firth bis Wall’s End am Tyne) aufzuführen, welche auf der südlichen seite durch einen erdwall und tiefen graben vermehrte sicherheit erhielt und ausserdem noch von 23 stationsplätzen mit dazwischen liegenden forts und wachtthürmen geschützt wurde. Unter dem nachfolger Hadrian’s, dem kaiser Antoninus Pius, trieb der proprätor Lollius Urbicus die Caledonier noch weiter zurück und führte eine neue befestigungslinie mit forts und thürmen weiter nach norden quer über das land vom Forth bis zum Clyde, indem er dabei alte, schon von Agricola angelegte befestigungen benützte. Die verbindung der forts war durch einen ununterbrochenen erdwall hergestellt, welcher zu ehren des kaisers den namen Antonin’s wall erhielt. Gegenwärtig heisst dieser wall Graham’s Dike, und die mauer Hadrian’s[18] ist unter dem namen Pictenmauer bekannt. [Footnote 17: Cal -- Gal -- Gæl: keltisch, und don -- down: berg, so dass Caledonia so viel heisst als keltisches gebirgsland.] [Footnote 18: Kein theil England’s enthält so viele und merkwürdige römische alterthümer, als derjenige strich, durch welchen die mauer Hadrian’s führte; sie ist daher gegenstand einer besonderen schrift geworden: The Roman Wall: a historical, topographical, and descriptive Account of the Barrier of the Lower Isthmus, extending from the Tyne to the Solway, deduced from numerous personal Surveys. By the Rev. J. Collingwood Bruce, of Newcastle-upon-Tyne.] Es wurden jetzt auch in Britannien die vorboten des nahenden verfalles der römerherrschaft in dem streite um den besitz des kaiserthrones sichtbar. Auch die britannischen heerführer nahmen mit den in Britannien befindlichen legionen daran theil. Pertinax war kurze zeit kaiser, und Albinus wurde erst nach schwerem kampfe im jahre 197 von Severus bei Lyon besiegt und getödtet. Während dieser kämpfe, durch welche die aufmerksamkeit der römischen soldaten nach süden gelenkt wurde, erneuerten die Caledonier ihre einfälle. Zu gleicher zeit tritt an der nördlichen ostküste England’s, unmittelbar nördlich von dem Antonin’s walle ein neues streitbares volk gegen die Römer auf, welches von Dio Cassius Mäaten genannt wird, deren rückzug der nach Albinus tode von Severus zum proprätor ernannte Virius Lupus nur mit golde erkaufen konnte. Die plötzliche erscheinung dieser Mäaten zwischen den jenseits derselben hausenden Caledoniern und den Römern hat zu der annahme veranlassung gegeben, dass sie ein über das meer gekommener skandinavischer stamm gewesen seien. Sicheres ist nicht aufzufinden, indem ihr name bald wieder verschwindet. Als Virius Lupus nach einigen jahren dem erneuten andrängen der nördlichen feinde keinen erfolgreichen widerstand leisten konnte, eilte der kaiser Severus im jahre 208 nebst seinen beiden söhnen Geta und Caracalla durch Gallien mit einem grossen heere nach Britannien und drang im folgenden jahre nach Herodian’s bericht unter unsäglichen beschwerden und ununterbrochenen kämpfen durch gebirge, wälder und sümpfe bis an die nördlichste küste Britannien’s vor, durch welchen zug es zum ersten mal über allen zweifei erhoben wurde, dass Britannien eine insel sei. Gegen ende des Jahres 209 kehrte Severus nach Eburacum (York) zurück, wo er am 4. februar 211 starb. In den folgenden jahren der schwäche des römischen reiches zeigte sich bei den befehlshabern in Britannien die neigung, sich unabhängig zu machen, welches auch dem Carausius unter der regierung des Diocletian gelang. Unterdessen ging eine grosse veränderung im norden vor. Man nimmt nach einer späteren, zu Beda’s zeit bekannten Überlieferung an, dass einwanderer aus Irland unter einem führer, welcher Reuda genannt wird, in das westliche Schottland drangen und die grundlage desjenigen Volkes wurden, das später dem ganzen norden von Britannien den namen Schottland gab. Die alten Caledonier und die jüngeren Mäaten verschwinden von dem geschichtlichen schauplatz, und an ihre stelle treten die Picten[19] und Scoten nebst einem neuen stamme, den Attacotten, deren wildheit bald gefürchtet wurde. In diese zeit fallen auch die ersten streif- und raubzüge der germanischen und scandinavischen seefahrer nach den östlichen und südöstlichen küsten Britannien’s. Um diesen einfällen zu begegnen, wurde eine reihe forts an den südöstlichen küsten errichtet und zu Gessoriacum (Boulogne) in Gallien, ferner in den häfen des heutigen Kent, Sussex und Hampshire eine bewaffnete flotte unterhalten. Ein Bataver aus dem stamme der Menapier, Carausius, schwang sich zum oberbefehlshaber der flotte auf und errang viele siege über die seeräuber. Durch seine erfolge kühn gemacht, verband er sich mit den deutschen stämmen auf der Britannien zunächst liegenden nordküste des festlandes, bemächtigte sich Gessoriacum’s, des schlüsseis zur überfahrt nach Britannien, und machte sich zum mitkaiser Diocletian’s und Maximian’s, welche würde und macht er während eines zeitraumes von sieben jahren 287 bis 293 zu behaupten verstand, indem er zugleich die seeräuber und die Scoten von den grenzen zurückhielt. Seine macht endete mit seinem tode, den er von der hand des Allectus erhielt, welcher sich bis 296 als herrscher behauptete, in welchem Jahre Constantius seine truppen schlug, und Allectus in der schlacht das leben verlor. Constantius selbst starb 306 zu York, der römischen hauptstadt von Nordbritannien, worauf sein sohn Constantin der grosse noch bis 312 in Britannien blieb, ehe er alleinherrscher der römischen welt wurde. Die folgenden inneren kriege um den römischen thron entblössten Britannien von truppen, weshalb die Picten und Scoten ihre raubzüge in den süden des landes erneuerten. Sie wurden von dem magister armorum Lupicinus mit in der eile zusammengerafften Herulern, Mösiern und Batavern vertrieben, wonach das land einige zeit der ruhe genossen zu haben scheint. [Footnote 19: Da nach Beda’s kirchengeschichte (Denique [Osvaldus rex] omnes nationes et provincias Britanniæ, quæ in quatuor linguas, i.e. Britonum, Pictorum, Scotorum, Anglorum divisæ sunt, in ditione accepit. III, 7.) die Picten eine von den Scoten verschiedene sprache redeten, so hat man wohl zu voreilig angenommen, dass sie ein scandinavischer stamm gewesen seien, und darauf die eigenthümlichkeiten des schottisch-englischen dialektes gegründet. Vergl. Dissertation on the Origin of the Scotish Language von J. Jamieson, vor dessen Dictionary of the Scotish language. 2 vols. 4. Edinburgh 1808. Neue ausgabe von J. Johnstone. 2 parts. 4. London 1840.] Unter Julian’s regierung mögen die stürme der nördlichen feinde, so wie die einfälle der Dänen und Sachsen zur see von neuem begonnen haben, denn bald nach der thronbesteigung des Jovian ist Britannien von allen seiten bedrängt, ohne dass bis in die zeit seines nachfolgers Valentinian irgend ein erfolgreicher widerstand geleistet worden wäre. Valentinian überliess seinem bruder Valens die regierung des ostens und verwendete seine eigene ganze kraft auf die erhaltung des westens. Im jahre 368 erhielt er auf dem wege von Amiens nach Trier die nachricht von einem neuen und furchtbaren einfalle der barbaren, welche den befehlshaber der seeküste (bereits litus saxonicum genannt) Nectaridus besiegt und erschlagen und den befehlshaber des nördlichen Englands, Fullofaudes, in einen hinterhalt gelockt und getödtet hatten. In dieser grossen noth wurde Theodosius nach Britannien geschickt, welcher die feinde mit der plünderung der gegend um London beschäftigt fand. Es gelang ihm, die raubscharen zu verjagen und ihnen die beute zum theil wieder abzunehmen. Aus seiner proklamation, wonach denjenigen, welche zu ihrer pflicht zurückkehren würden, verzeihung zu theil werden sollte, worauf auch eine grosse anzahl von den räuberischen horden abfiel, geht deutlich hervor, dass die unterjochte eingeborene (keltische?) bevölkerung gemeinsame sache mit den fremden machte. Nachdem Theodosius die ankunft des Civilis, eines neuen civilgouverneurs von Britannien, und des Dulcitius mit hilfstruppen, unter denen sich auch ein haufe Deutscher (numerus Allemannorum) mit ihrem „rex“ Fraomarius befand, in London abgewartet hatte, begann er seinen feldzug gegen norden und endigte ihn so glücklich, dass er den Picten und Scoten sogar den theil des landes zwischen der mauer Hadrian’s und dem walle Antonin’s, welchen sie in vollem besitze hatten, wieder abnahm und die sehr beschädigten städte und forts zur abhaltung der barbaren wiederherstellen konnte. Mit dem danke der friedlichen einwohner und dem wegen der besiegung der germanischen seeräuber erhaltenen beinamen _Saxonicus_ (Pacatus Paneg. Theod.) verliess Theodosius die insel, nachdem er zuvor die ehrgeizigen pläne des Valentinus und Frontinus durchkreuzte; sie waren wegen politischer intriguen nach Britannien verbannt worden und setzten dieselben hier fort, indem sie eine verschwörung anstifteten, welche die losreissung Britannien’s von der römischen herrschaft bezweckte. Als der sohn des Theodosius, von Gratian zum nachfolger auserlesen, die kaiserliche würde annahm, empörte sich im jahre 383 Maximus, ein geborener Spanier, mit dem heere in Britannien und machte sich zum gegenkaiser. Dieser aufstand war in so weit glücklich, als Maximus nach seiner landung an der mündung des Rheins auch von den legionen in Germanien als kaiser begrüsst wurde. Theodosius sah sich genöthigt, dem neuen kaiser die provinzen Spanien, Gallien und Britannien zu überlassen, womit dieser sich aber nicht begnügte, sondern im günstigen Augenblicke über die Alpen ging und in Italien einfiel, wo er aber, von Theodosius besiegt, die krone mit dem leben verlor. Nach dem siege über Maximus begab sich Theodosius nach Gallien und schickte den Chrysanthus als statthalter nach Britannien, welcher dort die ruhe wiederherstellte. Der zug des Maximus ist von den alten geschichtsschreibern, besonders von Geoffrey von Monmouth (V, 14) zur einführung mancher fabeln in die englische geschichte benützt worden. Britannien, sagen sie, soll durch Maximus so von aller waffenfähigen mannschaft entblösst worden sein, dass es nicht mehr im stande gewesen, sich gegen die einfälle der barbaren zu schützen; ferner sollen die brittischen scharen, welche dem Maximus nach Gallien folgten, nach dessen niederlage sich in Armorica niedergelassen und diesem lande den namen Bretagne oder Kleinbritannien gegeben haben, worauf man die 11000 Jungfrauen, deren gebeine der stadt Cöln zugefallen seien, aus Britannien nach der Bretagne geschickt habe, um jenen scharen als weiber zu dienen. Aus der notitia imperii, welche um diese zeit entstanden ist, geht indessen hervor, dass zwar die XX. legion, welche lange zu Deva (Chester) gestanden hatte, gänzlich aus Britannien herausgezogen war, dass aber zwei legionen mit zahlreichen hilfstruppen immer noch zum schutze Britannien’s dienten und zwar dieselben, welche immer in diesem lande gestanden hatten: die VI. legion in ihrem alten hauptquartier zu Eburacum (York), und die II. legion, welche aber von Isca nach Rutupiae an die südöstliche küste verlegt worden war, entweder um die einfälle der Sachsen abzuwehren, oder um die Verbindung mit Gallien zu unterhalten. Dabei waren die südöstlichen und östlichen küsten stark befestigt und mehrere neue forts errichtet worden. Im anfange des fünften Jahrhunderts empörten sich die soldaten in Britannien und machten einen gewissen Marcus und bald darauf den Gratian, einen britannischen stadtbürger,[20] zum kaiser, welcher jedoch nach vier monaten von ihnen wieder erschlagen wurde. Hierauf folgte ein gemeiner soldat, der wegen seines namens Constantinus zum kaiser gewählt wurde. Dieser hielt sich einige zeit, wurde auch in Gallien, wo er die hereinbrechenden Deutschen schlug, als kaiser des abendreiches begrüsst und bekam auch Spanien in seine gewalt. Einige jahre später, als der kaiser Honorius durch den tod Alarich’s im jahre 411 von diesem furchtbaren feinde befreit war, sandte er Constantius mit einer grossen armee gegen Constantinus, welcher in Arles eingeschlossen, zur übergabe gezwungen und später in Ravenna getödtet wurde. Der sieg des Constantius war weder im stande, das in seinen grundfesten erschütterte reich zu halten, noch Spanien, Gallien und Britannien zu beruhigen. Diese provinzen unterwarfen sich der römischen herrschaft nicht mehr, sondern erwehrten sich ihrer feinde, so gut sie konnten. [Footnote 20: Apud Britannias Gratianus, _municeps_ eiusdem insulæ tyrannus creatur et occiditur. Orosius histor. VII, 40.] Während Constantinus in Gallien kriegte, hatten die brittischen städte im jahre 409 die unmächtigen kaiserlichen regierungsbeamten[21] abgesetzt, die plündernden Sachsen mit den waffen in der hand vertrieben, und waren von Honorius, welcher in Italien von den Gothen geängstigt wurde, im jahre 410 sogar aufgefordert worden, sich selbst zu beschützen,[22] denn die römischen legionen, welche ununterbrochen fast fünfhundert jahre lang in Britannien geherrscht hatten, waren von Constantinus nach Gallien geführt worden und kehrten nicht mehr zurück, da der abendländische kaiser zu grosse mühe hatte, Italien vor den anstürmenden barbaren zu beschützen, um eine entfernte und an den grenzen durch fortwährende einfälle unermüdlicher feinde bedrohte provinz zu vertheidigen: Britannien ward sich selbst überlassen. [Footnote 21: Sharon Turner’s History of the Anglo-Saxons vol. I., Book II., chapt. VIII. handelt von der eintheilung Britannien’s als provinz und ihren kaiserlichen regierungsbeamten.] [Footnote 22: Dieser merkwürdige moment der brittischen geschichte ist aufbewahrt und überliefert von Zosimus VI, 6. 10.] Durch die römerherrschaft war Britannien der civilisation gewonnen worden. Das land befand sich während derselben in einem blühenden zustande, war in allen theilen mit schön gebauten Städten bedeckt und mit einem netz gut angelegter strassen überzogen, wovon das grosse Itinerarium[23] des römischen reiches, welches unter dem namen des Antoninus Augustus bekannt ist und wahrscheinlich aus dem jahre 320 herrührt, so wie ein anderes Itinerarium zeugniss ablegt, welches Richard von Cirencester, ein mönch des vierzehnten jahrhunderts, aus einem alten wegebuche oder einer alten karte entnommen haben soll.[24] Die vielen römischen alterthümer, strassen, brücken, wasserleitungen, tempel, villen, thürme, wohngebäude, altäre, votivtafeln, gräber, waffen, schmucksachen und andere gegenstände des täglichen lebens wie der kunst, welche in späterer zeit über ganz England zerstreut gefunden worden sind, liefern den unumstösslichen culturhistorischen beweis von Britannien’s blüthe unter den Römern.[25] [Footnote 23: Abgedruckt mit bezug auf Britannien aus der ausgabe von Wesseling in Thomas Wright’s The Celt, the Roman etc. (S. 455.)] [Footnote 24: Diese compilation Richard’s von Cirencester wurde zuerst im jahre 1757 nach einer handschrift des vierzehnten Jahrhunderts zu Copenhagen in 8. von Bertram herausgegeben. Sie enthält achtzehn itinera, welche, wie Richard sagt, aus den zusammenstellungen geschöpft sind, die ein römischer heerführer habe veranstalten lassen. Thomas Wright’s buch enthält (S. 459) diese achtzehn itinera Richard’s von Cirencester, so wie den auf Britannien bezüglichen theil (S. 463) des im siebenten jahrhunderte zu Ravenna entstandenen geographischen werkes, welches in zwei handschriften (im Vatican und in der pariser bibliothek) auf uns gekommen ist.] [Footnote 25: Gildas spricht von Britanniens romanisirung „ita, ut non Britannia. sed Romana insula censeretur.“] Wenn man aber von Römern in den provinzen des grossen weltreichs spricht, so darf man während der kaiserzeit bei diesem worte nur noch selten an die bewohner Rom’s denken. Die ältesten römischen colonisten in den eroberten ländern bestanden freilich meist aus römischen bürgern und soldaten, welche ihre zeit ausgedient hatten, oder nicht länger zu dienen im stande waren, und für geleistete kriegsdienste durch landschenkungen belohnt werden sollten. Sie überkamen mit dem lande, das ihnen gegeben ward, zugleich die pflicht, die neue stadt und ihr gebiet zu schützen. In dieser weise ward Camulodunum (Colchester) gegründet, wie wir aus Tacitus erfahren. Als sich die herrschaft der römer ausdehnte, wurden den römischen legionen zahlreiche hilfstruppen beigegeben, welche aus der jungen mannschaft der unterjochten provinzen ausgehoben waren. So stand nach der Notitia imperii die 26. cohorte der Britten in Armenien, die 4. Ala der Britten kämpfte in Egypten, ein haufen Britten hatte sein standquartier in Spanien, ein anderer in Illyrien; andere brittische hilfstruppen standen in Gallien, Italien und anderen theilen des römischen reiches. In Britannien dagegen befanden sich fremde krieger, unter andern auch eine afrikanische legion, zu welcher auch schwarze Aethiopier gehörten. Aus solchen hilfstruppen entstanden zuweilen colonien in fremden ländern, wodurch die Römer nicht nur eine stütze ihrer herrschaft zu errichten, sondern auch eine allmälige assimilirung der verschiedenartigen bevölkerung ihres reiches zu erzielen suchten. Cicero nennt nicht mit unrecht die römischen colonien propugnacula imperii. Indessen verlor Rom durch diesen auflösungsprocess der nationalität fremder völker zugleich seine eigene. Männer aus stämmen und völkern, welche das alte Rom einst unter seine füsse getreten hatte, erhoben sich zu befehlshabern in den armeen, zu senatoren, stiegen sogar auf den kaiserlichen thron! In Britannien befanden sich nun besatzungen aus einer grossen anzahl fremder stämme, deren physiognomie und sprache eine auffallende verschiedenheit gezeigt haben muss. In der römischen sprache lag ihr hauptverbindungsmittel. Die notitia imperii giebt eine liste von den besatzungen der südöstlichen und östlichen küsten, welche den einfällen der Sachsen, so wie der nördlichen grenzen Britannien’s, welche den raubzügen der Picten und Scoten unterworfen waren. So standen z.b. zu Othona (später Yttanceaster in Essex) Fortensier aus Fortia in Sarmatien, zu Dubrae (Dover) Tungrier[26] aus Tongern im Lüttichschen, zu Portus Lemanis (Lymne) Gallier aus Tornacum oder Tournay, zu Anderida (Pevensey) Abulcen aus Spanien, zu Regulbium (Reculver) Betasier aus dem belgischen Gallien, u.s.w. An der nordgrenze waren die racen in den besatzungen noch gemischter; es finden sich darunter Belgier, Asturier, Gallier, Dalmatier, Dacier, Thracier und sogar Afrikaner. Unter den besatzungen im inneren des landes kommen besonders Bataver, Friesen, Germanen vom Rhein, aber auch andere stämme vor. Diese besatzungen wurden wenig gewechselt; inschriften auf altären und grabsteinen, welche an den stationsplätzen gefunden worden sind, zeigen uns, dass die truppen von einer frühen zeit der römischen eroberung dort gleichsam ansässig waren, denn es finden sich denkmäler, welche von dem oder den erben des oder der verstorbenen gesetzt worden sind, ein beweis, dass die militairischen colonisten eigenthümer des landes waren. Da nun solche besatzungen ohne zweifel mit ihrem mutterlande in verbindung standen und erforderlichen falles recruten von dort bezogen, so mussten die städte, wo sie sich aufhielten, einen bestimmten volkscharakter erhalten, obwohl mit der zeit modificirt durch römische civilisation, römisches gesetz, römische verfassung und durch den offiziellen gebrauch der römischen sprache, in welcher die muttersprache allmälig aufging, jedoch nicht ohne wiederum jene wesentlich nach aussprache, beugungsfähigkeit und satzbildung zu verändern. Dieses letztere geschah überall, we die Römer eine längere, ununterbrochene herrschaft ausübten, besonders aber in Italien, Gallien und Spanien, we die römische sprache sich im laufe der zeit in die verschiedenen romanischen mundarten umwandelte, welche allmälig auch als schriftsprachen benützt wurden. Wie weit dieses in Britannien der fall war, welches, bei seiner insularen abgeschlossenheit weiter von Rom entfernt war und später den römischen eroberungen beigefügt wurde, als die übrigen provinzen, lässt sich nicht mehr mit sicherheit bestimmen; aus dem umstande aber, dass die germanischen eroberer die römische cultur theilweise, und die römische sprache als volkssprache gänzlich verdrängten, während in Italien, Gallien und Spanien wenigstens letztere stark genug war, um die sprache ihrer germanischen sieger zu verwischen, lässt sich schliessen, dass das römische Sprachelement in Britannien mindere gewalt und tiefe besessen habe und namentlich in der letzten zeit der Römerherrschaft bedeutend geschwächt und von dem germanischen an mehreren orten verdrängt oder angegriffen worden sei. Aus dem heutigen Englisch lassen sich nur die worte Chester (cester), street und coln (Lin-coln) mit sicherheit auf die Zeit der Römerherrschaft, nämlich, auf die Wörter castrum, strata (via), colonia zurückführen. [Footnote 26: Tungrier standen als besatzung an mehreren orten in Britannien. Sie waren Deutsche, welche zu Cäsar’s zeit unter dem namen Aduatuci bekannt und mit anderen Deutschen, den stammen der Condrusi, Eburones, Cæræsi, Pæmani und Segni, noch vor Cäsar unter die keltische bevölkerung Belgien’s eingedrungen waren. Cæs. de bell. Gall. II, 4. und Mannert geogr. der Griechen und Römer II, 1. p. 199.] Die keltische bevölkerung Britannien’s war ohne zweifel während der Römerzeit in die tiefste abhängigkeit und unterthänigkeit herabgedrückt worden. Ihre waffenfähige mannschaft wurde ausgehoben und in andere theile des grossen reiches geschickt, um die schlachten der Römer zu schlagen und ihre herrschaft an den entgegengesetzten grenzen befestigen zu helfen. In den städten mit römischen besatzungen konnte eine keltische bevölkerung nicht aufkommen, daher es mehr als wahrscheinlich ist, dass besonders im osten und südosten von Britannien Kelten und keltische sprache nur noch auf dem lande aufgefunden wurden, während sich im westen und norden die wilden keltischen bewohner zusammendrängten und im fortwährenden kampfe mit den Römern und ihren von diesen unterjochten stammesgenossen befanden. Dort, besonders im westen, war es auch, wo sich bei den Kelten nach wahrscheinlich von der Bretagne aus erfolgter einführung christlicher gesittung die ersten spuren von staatenbildung und eigener cultur zeigten, welche seit der vernichtung der Druiden unter fortwährenden kämpfen und plünderungszügen verschwunden war. Dort entstand, auf alte überlieferungen gegründet, zuerst wieder eine eigene keltische literatur, welche sich zum theil bis in die neueste zeit erhalten hat. +III. Die Germanen.[27]+ Die zeit, welche dem aufgeben der römischen provinz folgte, und in welche die aufrichtung der angelsächsischen herrschaft fällt, ist in grosse dunkelheit gehüllt, die nur durch spärliche lichter von zeit zu zeit vorübergehend erhellt wird. Die brittischen städte waren bei ihrer der römischen nachgebildeten verfassung eben so viele kleine, für sich bestehende staaten, welche sich selbst verwalteten und regierten[28], während die nunmehr abgesetzte römische provincialverwaltung nur für die erhebung der steuern, eine geordnete rechtspflege und das allgemeine beste der provinz sorgte, und die ebenfalls verschwundene römische militairherrschaft dieselbe gegen äussere feinde beschützte und im innern zusammenhielt. Die romanisirte einwohnerschaft der städte hatte sich im laufe der jahre aus sich selbst und besonders durch neue ankömmlinge von dem festlande verstärkt. In den letzten jahren der römischen herrschaft war dieser zuschuss neuer einwohner der städte hauptsächlich aus Deutschland geflossen, so dass deutsches blut in den adern eines starken bruchtheiles der städtebevölkerung strömte, als Honorius die civitates Britanniae sich selbst überliess. Schon seit einem Jahrhundert hatten die bewohner der nördlichen küsten Deutschlands, welche man unter dem namen Sachsen begriff, wahrscheinlich auch die verwandten stamme der anstossenden jütischen halbinsel raub- und beutezüge nach den zunächst liegenden küsten Britannien’s unternommen, welche endlich zu bleibenden niederlassungen auf jenem theile der östlichen küste führten, welcher schon zu den zeiten der Römer litus saxonicum hiess und mit diesem namen auf eine sächsische bevölkerung schliessen lässt. Nach neuen einwanderungen dehnte sich auch die germanische bevölkerung von osten nach westen weiter aus und drang, sei es auf feindlichem, oder auf friedlichem wege, in die römischen städte, wo sie sich mit den romanisirten einwohnern vermischte. Dieses zusammenleben der Romanen und Germanen in manchen städten lässt sich z.b. dadurch beweisen, dass zu Canterbury, Colchester, Rochester und an ändern orten römische und sächsische gräber untermischt auf dem nämlichen beerdigungsplatze gefunden worden sind. Kurz, es erscheint sicher, dass die germanische bevölkerung im südosten der ehemaligen römischen provinz bereits das übergewicht gewonnen hatte, ehe die grossen einwanderungen der Sachsen und Angeln in späterer zeit statt fanden, und dass sie es war, welche nach dem wegzuge der römischen legionen dem weiteren vordringen und ferneren verwüstungen der Picten und Scoten im norden, und der Cymren und Cornen im westen England’s einen damm entgegenstellte. [Footnote 27: Sharon Turner’s vorzügliches werk The History of the Anglo-Saxons ist trotz aller neueren forschungen immer noch unübertroffen und für denjenigen, welchem die handschriften nicht zu gebote stehen, die hauptquelle für die kulturgeschichte der in Britannien eingedrungenen Angelsachsen.] [Footnote 28: Daher wandte sich auch Honorius im jahre 410 an die „_städte_“ Britannien’s, als die einzigen staatlichen organisationen, welche nach dem aufgeben der römischen herrschaft in Britannien noch vorhanden und lebenskräftig waren. Ausser vielen andern örtern gab es nach Richard solcher städte (civitates) mit ihren districten drei und dreissig in Britannien, darunter zwei municipia, Verolamium und Eburacum, neun coloniae, darunter Londinium und Camulodunum, zehn städte mit lateinischem rechte und zwölf tributäre städte (stipendiariae). Vergl. The History of the A.S. Vol. I. Book II. ch. 8.] Diese Picten und Scoten, so wie die mit den wilden Iren verbundenen Kelten im westen Britannien’s hatten zu der zeit des untergangs der römischen herrschaft und in der zunächst darauf folgenden ihre einfälle mit solchem glücke wiederholt, dass nur wenige städte im norden Britannien’s ihre zerstörungs- und plünderungswuth nicht erfahren hatten; ebenso waren sämmtliche städte an der grenze von Wales nördlich von Gloucester noch vor der massenweisen ankunft der Sachsen zerstört worden. Die furcht vor den anstürmenden barbarenhorden erklärt es, dass die mannhaften und krieggeübten Germanen von den noch verschonten römischen städten im süden und osten nicht mehr als feinde betrachtet, sondern als befreier und beschützer begrüsst wurden, obwohl die städte diesen schutz mit dem opfer ihrer unabhängigkeit und zum grossen theil mit dem Verluste römischer bildung bezahlen mussten. Nur ein einziger beinahe gleichzeitiger schriftsteller enthält eine nachricht von dem übergange Britaimien’s in die hände der Sachsen; es findet sich dieselbe in der ungefähr um das jahr 455 geschriebenen chronik des Prosper von Aquitanien, welcher erzählt, dass im achtzehnten jahre der regierung des kaisers Theodosius des jüngeren (441) Britannien nach vielen kämpfen und ereignissen (variis cladibus eventibusque) in die gewalt der Sachsen gekommen sei. Spätere Schriftsteller geben einen anderen bericht. Nach der mit vielen fabeln vermischten erzählung des Gildas soll Maximus nicht bloss die römischen truppen, sondern auch alle waffenfähigen eingeborenen aus Britannien geführt haben, so dass das land in einem zustande gänzlicher hilflosigkeit den raubzügen der Picten und Scoten preis gegeben gewesen sei. In dieser noth hätten die bedrängten einwohner von Britannien sich nach Rom gewendet und um hilfe gebeten, welche ihnen auch durch eine hingesandte legion zu theil geworden sei. Ehe diese legion Britannien wieder verlassen habe, seien die Britten bei der errichtung eines erdwalles (des Antonin’s walles) quer über das land als einer schutzwehr gegen die barbaren von den römischen soldaten unterstützt worden. Kaum aber hatten die Römer die insel verlassen, fährt Gildas fort, als auch die nördlichen feinde den wall wieder überstiegen und ihre plünderzüge von neuem begannen. Noch einmal liessen sich die Römer durch das flehen der Britten bewegen, hilfe zu senden. Die römischen Soldaten bauten nach dem siege über die barbaren eine steinerne mauer (Hadrian’s) von see zu see und errichteten längs der südöstlichen küste mehrere forts. Nach der entfernung der Römer überstiegen die barbaren auch diese maner, zerstörten die städte und mordeten die einwohner. In ihrer verzweiflung wendeten sich die Britten zum dritten male nach Rom, allein vergeblich, da Rom keine legionen mehr zu versenden hatte, und die Britten blieben den raub- und mordzügen der barbaren und der hungersnoth ausgesetzt. Nachdem die Britten sich von diesen leiden einigermassen erholt hatten, machten sie sich könige, welche im lande mit grausamkeit herrschten. Endlich fielen die Picten und Scoten nochmals in das land, und jetzt riefen die Britten unter ihrem tyrannen Gurthrigern (Vortiger) die Sachsen zu hilfe. Diese kamen und vertrieben die Picten und Scoten, wurden aber hierauf selbst schlimmere tyrannen, als die verjagten barbaren, weshalb die Britten unter Ambrosius Aurelianus „dem einzig übriggebliebenen Römer“ gegen die Sachsen aufstanden. Die Sachsen blieben jedoch nach einem langen kampfe sieger.[29] So Gildas. Beda in seiner kirchengeschichte hat sich der erzählung des Gildas angeschlossen, fügt jedoch einzelnes aus der üerlieferung und vorhandenen quellen hinzu. Er berichtet, dass die germanischen einwanderer unter Hengist und Horsa im jahre 449 ankamen, und dass ihnen die halbinsel Thanet zur niederlassung überwiesen wurde. Bald darauf veranlassten die ersten ankömmlinge ihre freunde und stammverwandten zur nachfolge. Diese kamen: Jüten,[30] Sachsen und Angeln. Die Jüten liessen sich in Kent und auf der insel Wight, die Sachsen in Wessex, Essex, Middlesex und Sussex, die Angeln in Ostangeln, Mittelangeln oder Mercia und im ganzen norden nieder. [Footnote 29: Eine zurückführung dieser fabelhaften geschichte, worin Gurthrigern wahrscheinlich mit dem Römer Gerontius verwechselt wird, auf historische thatsachen findet sich in Sharon Turner’s Hist. of the Anglo-Saxons. Vol. I. Book II. chap. 7.] [Footnote 30: Die jütische niederlassung in Kent und Wight, welche die früheste der germanischen stämme gewesen sein soll, ist indessen sehr angezweifelt worden, obwohl Beda und nach ihm die sachsenchronik ausdrücklich von den Jüten in Kent sprechen: „Of Iotum comon Cantware and Wihtware, thæt is seo mæiadh, the nu eardath on Wiht, and thæt cynn on West-Seaxum dhe man gyt hæt Jutnacynn,“ (von den Jüten kamen die Kentmänner und Wightmänner, das ist der stamm, welcher jetzt auf Wight wohnt, und das volk unter den Westsachsen, welches man noch Jütenvolk heisst.) Alfred giebt diese stelle also: „comon hi of thrym folcum tham strangestan Germanie, thæt of Seaxum, and of Angle, and of Geatum. Of Geatum fruman sindon Cantware and Wihtsætan, thæt is seo theod so Wiht thæt ealond oneardadh“ (sie kamen von drei Völkern, den stärksten Deutschland’s, dem der Sachsen, und der Angeln, und der Geaten [Gothen -- Jüten]. Von den Geaten stammen die Kentmänner und Wightsassen, d.h. das volk, welches die insel Wight bewohnt). Nach der gegenseitigen stellung der drei stämme in ihren ursprünglichen sitzen zu schliessen, welchen ihre späteren in England zu entsprechen scheinen, müssten die ansiedler der südöstlichsten spitze von England eher von der gegenüberliegenden küste Friesland’s als aus Jütland gekommen sein. Und die chronik Maerlant’s spricht in der that von Hengist: Een hiet Engistus een Vriese, een sas, Die uten lande verdreven was. Einer hiess Hengist ein Friese, ein Sachs, der aus dem lande vertrieben ward.] Dass nach der erzählung Beda’s die einwanderung der Sachsen im süden vor der besetzung des nordens durch Angeln genannt wird, mag seinen grund darin haben, dass Beda seine geschichte gerade auf die kentischen überlieferungen gründete. Es ist aber, wie schon angeführt, weit wahrscheinlicher, dass die nördlicheren theile Britannien’s schon früher von Germanen besetzt wurden; denn als die Angeln zuerst in der englischen geschichte auftreten, befinden sie sich schon längst im ungestörten besitze alles landes zwischen dem Humber und dem Antonin’s wall, welches in zwei königreiche, Bernicia und Deira, getheilt war. Die Angeln mochten von denjenigen nördlichen städten, welche noch nicht von den Picten und Scoten zerstört waren, in den letzten zeiten der römischen schwäche zu ihrem schutz herbeigerufen worden sein. Die wichtigsten dieser städte, Eburacum (Eoforvic, York), Pons Aelii (Munuces-ceaster, New-Castle) scheinen friedlich oder durch vertrag in die hände der Angeln gekommen zu sein; die meisten städte in Northumberland und in dem schottischen niederlande lagen indessen in trümmern. Die in Wessex entstandene sächsische chronik, welche freilich aus viel späterer zeit herrührt, enthält die ersten nachrichten von den kämpfen der Sachsen mit den von ihnen beeinträchtigten Britten, den romanisirten städten sowohl, als den keltischen häuptlingen im norden und westen (Arthur).[31] Diese berichte sind wahrscheinlich auf alte überlieferungen, sagen und gedichte der Sachsen gegründet. Vieles gehört offenbar der romantik an; die alten eigennamen, Hengist und Horsa nicht ausgeschlossen, mögen wenig geschichtlich sein. Die sächsische chronik lässt Hengist und Horsa im jahre 449 landen und das königreich Kent gründen, dessen hauptstadt das alte Durovernum unter dem namen Cantwara-byrig (Canterbury), Kentmännerburg, wurde. Im jahre 477, erzählt die sächsische chronik weiter, landeten die Sachsen unter Ella und seinen drei söhnen an der südlichen küste; 491 erhielten sie verstärkungen von dem festlande und belagerten, eroberten und zerstörten die stadt Anderida (Andredes-ceaster), worauf sie das königreich Sussex gründeten. Im jahre 495 kamen Sachsen unter Cerdic und dessen sohne an die küste von Hampshire; nachdem sie mehrfache verstärkungen später anlangender stammesgenossen an sich gezogen hatten, machten sie nach längeren, bis 527 andauernden kämpfen die alte stadt Venta unter dem namen Wintan-ceaster (Winchester) zur hauptstadt von Wessex, entrissen auch den Jüten die insel Wight. Cerdic’s sohn, Cynric, und enkel, Ceawlin, setzten die eroberungen der Westsachsen fort, bemächtigten sich der wichtigsten städte der heutigen grafschaften Bedford, Buckingham und Oxford und drangen bis an die grenzen von Wales vor, indem sie die drei grossen römischen städte Glevum (Glev-ceaster, Gleow-ceaster, Gloucester), Corinium (Cyren-ceaster, Cirencester) und Aquae solis (Bathan-ceaster, Bath) besetzten. Gleichzeitig, etwa um 527, hatte sich eine schar Sachsen östlich von Kent niedergelassen, denen es gelang, sich zu behaupten und das königreich Essex zu gründen, welches nebst Middlesex nur dadurch bedeutung erhielt, dass die alte römische hauptstadt Camulodunum (Colchester) und die aufblühende handelsstadt London in dessen bereiche lagen. Wahrscheinlich ist es, dass die Herrschaft der Sachsen an diesem theile der brittischen küste, welche schon längst als litus saxonicum bekannt war, nur durch frische ankömmlinge vom festlande neu gekräftigt wurde. [Footnote 31: Eine „authentische“ geschichte des gefeierten Arthur enthält Sharon Turner’s History of the Anglo-Saxons. Vol. I. Book III. chapt. 3.] Von den ersten niederlassungen der Angeln erfahren wir durch die sächsische chronik nur wenig, weil sie wahrscheinlich schon längst vor der gründung der späteren sächsischen königreiche bestanden. Die chronik erzählt nur, dass im jahre 547 Ida in Northumberland zu regieren begann und eine stadt baute, welche er zu ehren seiner frau Bebba Bebbanbyrig (Bamborough) nannte. So viel steht nach dieser quelle fest, dass die küste nördlich von Essex mit Angeln besetzt war, welche sich nach ihrer lage in das Northfolk und Southfolk schieden. Die macht dieser Angeln, von denen Nennius sagt, dass sie ihr heimathsland gänzlich (absque habitatore) verlassen hätten, was Beda (I, 15) bekräftigt, dehnte sich über Cambridgeshire und Lincolnshire aus und umfasste bald das herz von England bis an die grenze von Wales, wo sie die Westsachsen nach süden zurückdrängten. In Mittelengland nahmen die Angeln den namen Mercier an, und ihr königreich erhielt den namen Mercia.[32] [Footnote 32: Die Jüten, Sachsen und Angeln hatten zu ende des sechsten jahrhunderts in England sich in folgender weise fest gesetzt: die +Jüten+ in Kent, der insel Wight und einem theile von Hampshire; die +Sachsen+ als _Südsachsen_ in Sussex, als _Ostsachsen_ in Essex, Middlesex und im süden von Hertfordshire, als _Westsachsen_ in Surrey, Hampshire, Berks, Wilts, Dorset, Somerset, Devon und einem theile von Cornwall; die +Angeln+ als _Ostangeln_ in Norfolk, Suffolk, Cambridge, der insel Ely und einem theile von Bedfordshire; als _Mittelangeln_ in Leicestershire, welches zu Mercia gehörte; als _Mercier_, getheilt durch den Trent in _Süd_mercier in den grafschaften Lincoln, Northampton, Rutland, Huntingdon, dem nördlichen theile von Bedfordshire und Hertfordshire, Bucks, Oxfordshire, Gloucestershire, Warwickshire, Worcestershire, Herefordshire, Staffordshire, Shropshire, -- und in _Nord_mercier in Chester, Derby und Nottingham; als _Northumbrier_ in _Deira_, d.h. in Lancaster, York, Westmoreland, Cumberland, Durham, und in _Bernicia_, d.h. Northumberland und dem südlichen Schottland zwischen dem Tweed und dem Firth of Forth.] Weil die Angeln die frühesten und zahlreichsten germanischen ansiedler waren, welche den grössten theil Britannien’s besetzten, wurde dieses land fremden schriftstellern als Anglorum terra, oder Anglia bekannt, ja die Sachsen selbst im süden Britannien’s hiessen das gesammte land nicht Seaxe-land, sondern Engla-land (England), und Athelbert von Kent, als er die ersten christlichen sendboten im jahre 597 empfing, sagte ihnen, er könne die alte weise der gottesverehrung, „welche wir lange zeit mit allem Angelvolk hielten, the we langere tide mid ealle Angel theode heoldan“ (Alfred’s übersetzung des Beda) nicht verlassen. Die sprache aller germanischen bewohner der insel empfing den namen Englisc (Englisch), so wie diese selbst nach dem verschwinden der alten stammbenennungen sich Englishmen nennen. Trotzdem aber die stämme der Angeln die zahlreicheren und eine zeit lang die mächtigeren waren, erkämpften doch die Sachsen und unter diesen wiederum die Westsachsen allmälig die herrschaft über das gesammte England, welche 827 unter Egbert mit der Unterwerfung von Mercia und Northumberland und der 828 erfolgenden besiegung von Wales gesichert zu sein schien, als ein neuer feind, die Dänen, die kaum erworbene macht wieder zu zersplittern drohte. Egbert, welcher 836 starb, sein sohn Athelwolf und nachfolger Athelbald, Athelbert, Athelred und Alfred der grosse mussten gegen die Dänen kämpfen, welche seit 787 an den englischen küsten erschienen und besonders den nördlichen theil des landes, wo sich die Angeln angesiedelt hatten, zu ihrem ablagerungsplatze erwählten und von hier aus mit abwechselndem glücke herrschten, bis Alfred der grosse sie besiegte. Es ist nicht anzunehmen, dass die Dänen bedeutenden einfluss auf die angelsächsische sprache ausgeübt haben, indem damals ihre sprache nicht sehr von der ihrer ehemaligen nachbarn, der Angeln, verschieden gewesen sein mag. Alfred befindet sich nach der alten legende als harfner unerkannt im dänischen lager. In dem heutigen Englisch, namentlich in dem dialekte der nördlichen grafschaften, finden sich jedoch noch mehrere spuren skandinavischer wörter. Der name der Stadt Whitby (hwitbye, weissstadt), welche angelsächsisch Streoneshalh hiess, ist dänisch. Skandinavischen ursprungs sind wörter wie braid, elding, force (Wasserfall), gar, gill, greit (weinen), lag, etc. Nach Alfred’s tode im jahre 901 herrschten die Westsachsen besonders glücklich unter Athelstan 924 bis 941, welcher eine zeit lang herr von ganz Britannien war, noch bis 1016, wo Cnut, ein Däne, könig von England wurde. Er und seine zwei söhne Harold und Hardicnut regierten 26 jahre bis 1042, we die Sachsen unter Eduard dem bekenner die herrschaft wieder erlangten und sie bis zum jahre 1066 behaupteten, bis Harold II. von Wilhelm, dem herzoge der Normandie, unter dem namen des eroberers bekannt, besiegt wurde und in der schlacht bei Hastings die krone zugleich mit dem leben verlor. Die germanischen ankömmlinge, welche unter verschiedenen führern in dieser zeit nach England kamen, liessen sich hauptsächlich auf dem lande nieder, wo sie als vasallen und heergefolge in demselben verhältnis zu ihren vielen kleinen häuptlingen und fürsten lebten, als in ihrer ursprünglichen heimath. Sie wurden die herren des bodens, während die alte römisch-brittische bevölkerung des landes als ackerbauer und arbeiter sich in dem verhältniss der unterthanen und leibeigenen befand. Während die Sachsen und Angeln in dieser weise das land besetzten, blieben die städte, obwohl sie den germanischen königen, in deren gebiet sie lagen, abgabenpflichtig wurden und auch eine überwiegend germanische bevölkerung erhielten, im besitz ihrer altrömischen Verfassungen und grösstentheils auch ihrer freiheit und corporativen unabhängigkeit. Die städte vertheidigen noch immer, wie zur römerzeit, ihr eigenes gebiet selbst gegen die sächsischen und gegen die dänischen könige, sie schliessen mit ihnen und sogar später mit dem normannischen eroberer verträge zur sicherstellung ihrer freiheiten und rechte. Vorzüglich aber war es London, dessen bürgerliche macht und selbstständigkeit von den verschiedenen eroberen Britannien’s nicht vernichtet wurde, sondern den mehrmaligen wechsel der macht ertrug. London, welches von den dänischen königen zur residenz gemacht wurde, blieb lange jahre ein kleiner staat im reiche und hat manche alte vorrechte bis auf die heutige zeit durch alle fährlichkeiten hindurchgetragen. Die neueren von den Sachsen erbauten städte, welche theils an den könig, theils an geistliche und weltliche würdenträger abgabenpflichtig wurden, folgten in ihrer verfassung dem beispiele ihrer älteren schwestern und erhielten ähnliche privilegien, so dass auch sie, wie jene, im stande waren, die träger und vermittler der alten kultur während der rohen und blutigen zeit des mittelalters zu werden. Das christenthum wurde im jahre 597 auf veranlassung des papstes Gregor von vierzig mönchen unter führung Augustin’s zuerst in Kent öffentlich gepredigt und eingeführt, nachdem der fränkische bischof Liudhard schon vorher Berta, die tochter Charibert’s, des christlichen königs der Franken, zu ihrem gatten Athelbert, dem könige von Kent, begleitet und in der nähe von Canterbury in einer kleinen, dem heiligen Martinus geweihten kapelle die mysterien des christenthums verwaltet hatte. Die römischen mönche zogen in feierlicher procession nach Canterbury, wo sie sich niederliessen, und Augustin später zum ersten bischof erwählt wurde. Papst Gregor sendete mehrere kostbare bücher[33] an Augustin, mit denen so wie und mit der gleichzeitigen ausbreitung des christenthums für England eine neue zeit der cultur beginnt, und die grundlage derjenigen religiösen und geistigen bildung gelegt wird, auf welcher die ganze englische literatur, vielleicht nur mit ausnahme eines einzigen grösseren, noch aus der heidnischen zeit stammenden epos im laufe der jahrhunderte aufgerichtet worden ist. Von Kent breitete sich das christenthum allmälig weiter aus, besonders durch die predigt des Paulinus um 625 in Northumberland, wo Edwin, könig von Deira, Athelburga, die tochter des kentischen königs Athelbert geheirathet hatte. Northumberland, damals der mächtigste Staat in England, erhob sich durch die einführuug des evangeliums zugleich zum hauptsitze der gelehrsamkeit der Angelsachsen bis zur mitte des achten jahrhunderts. Das volk von Sussex jedoch hing noch im jahre 681 an seinen alten religionsgebräuchen, und auch in London fanden nach dem tode des von Athelbert zum bischofe bestimmten Melitus rückfälle vom christenthume statt. [Footnote 33: Wanley hat nach den nachrichten des Thomas de Elmham, eines mönches aus Augustin’s kloster zur zeit Heinrich’s V., die von Gregor nach England geschickten bücher verzeichnet; sie bestanden aus einer verzierten bibel in zwei bänden, den psalmen Augustin’s mit dem credo, pater noster und mehreren lateinischen hymnen, zwei evangelienbüchern, einem andern psalmbuch mit hymnen, einem legendenbuch von den leiden der apostel, einem ändern reich mit edelsteinen gezierten martyrergeschichtenbuch und einer erklärung der episteln und evangelien. Auch brachte Augustin das pastorale Gregor’s nach England, welches Alfred später in das Angelsächsische übersetzte.] Während die sächsischen und anglischen stämme von osten und süden in Britannien vordrangen und unter dem namen der Sachsen (Sassanach) den Kelten furchtbare feinde wurden, befestigten sich diese im norden und westen und machten versuche zur staatenbildung. Die hauptsächlichsten dieser keltischen stämme waren die Cumbern im norden, die Cymry (von den Sachsen Wealas, Welsche, nicht deutsch sprechende genannt) in Wales und die Cornen (Cornwealas) in Cornwall. Die cumbrischen Kelten, wahrscheinlich die alten Caledonier, besassen zwei alte römische städte: Luguballium in der nähe der mauer Hadrian’s, welches sie Caer- (Castrum) Luel (Caerleol, Carlisle) hiessen, und Tamea oder Theodosia am Clyde, welches von ihnen nach seiner lage Al-cluyd (die höhe am Clyde), von ihren nachbarn, den irischen Scoten aber Dun-Breton (Dumbarton), Brittenburg, genannt wurde. Carlisle ist in der brittischen sage als lieblingsaufenthalt des königs Arthur berühmt. Die Cymren in Wales und die Cornen in Cornwall, welche früher von der römischen stadt Isca (Exanceaster, Exeter) im zaume gehalten wurden, nahmen besitz von den alten, wahrscheinlich von ihnen zertrümmerten städten Maridunum (Caer-Marddyn, Caermarthen), Segontium (Caer-Sciont), Venta (Caer-went), Nidiun (Neath). Dem silurischen Isca, wo lange zeit das hauptquartier der II. legion gewesen war, gaben sie den namen Caer-legion (Caerleon), womit sie auch das alte Deva (Chester), wo die XX. legion gestanden hatte, bezeichneten. Ihre unabhängigkeit behaupteten die cornischen Kelten bis zur zeit des königs Athelstan, Wales wurde erst von Eduard I. unterworfen, und die nördlichen Kelten bildeten ein besonderes, erst spät mit England vereinigtes königreich Schottland. Das christenthum hatten die cornischen und welschen Kelten sehr früh, wahrscheinlich von Armorica oder Irland empfangen. Mit der steigenden kultur und den kämpfen der Angelsachsen finden sich auch anfänge einer eigenen keltischen volks-literatur. Sie war von den Engländern verachtet und nicht gekannt, bis Edward Lhwyd (Lloyd), Custos des ashmoleanischen museum’s in seiner Archaeologia Britannica. (Fol. Oxon. 1707), einem cataloge der ihm bekannten welschen manuscripte, zuerst die aufmerksamkeit darauf lenkte. Doch blieb die welsche literatur gänzlich von den Engländern vernachlässigt, bis The Myrvyrian Archaiology of Wales, collected out of ancient Mss. 8. III vols. London 1801-7 eine neue anregung gab. Die reichhaltigkeit der mitgetheilten welschen literatur (vol. I. gedichte auf 584 doppelcolumnen, vol. II. geschichte auf 628 Seiten, vol. III. philosophie, moral, gesetze u.s.w.) überraschte. Die ältesten gedichte auf den ersten 153 seiten des vol. I. reichen mit den Barden, denen sie zugeschrieben werden, bis in das sechste Jahrhundert hinauf. Die ältesten noch vorhandenen handschriften stammen aus dem zehnten, elften und zwölften Jahrhundert.[34] [Footnote 34: Mehreres hierüber ist in der einleitung zu R. Schmid’s gesetzen der Angelsachsen, thl. I. 8. Leipzig 1832 zu finden. Schmid schöpfte hauptsächlich aus Sharon Turner’s abhandlung A Vindication of the Genuineness of the Ancient British Poems of Aneurin, Taliesin, Llywarch Hen, and Merdhin with specimens of the Poems, welche dem dritten bande der geschichte der Angelsachsen (seite 313 bis 418 der pariser ausgabe von Baudry. 1840) beigefügt ist.] +Erste Periode.+ +Die angelsächsische Zeit.+ (Von 500 bis 1066.) +I. Die lateinische Sprache.+ Christliche Kelten sind die ersten schriftsteller des nunmehr unter dem namen Anglia, England, bekannten landes gewesen. Das idiom, dessen sie sich bei der abfassung ihrer werke bedienten, war die kirchen-, d.h. die lateinische sprache. _Gildas_ oder Gildus, ein christlicher priester und missionar aus Alcluyd (Dumbarton), welcher in der ersten hälfte des sechsten Jahrhunderts gelebt haben soll, mag eine lateinische abhandlung über die ältere brittische geschichte geschrieben haben, welche unter seinem namen bekannt ist. Allein die geschichte dieses autors ist sehr unsicher; man stellt seine wirksamkeit sogar um ein jahrhundert später und ist selbst der meinung, dass zwei verschiedene Gildas zu verschiedenen Zeiten gelebt haben, um durch eine solche annahme die geschichtlichen ungehörigkeiten des wahrscheinlich später überarbeiteten buches zu erklären. Einige bezweifeln das geschichtliche dasein eines schriftstellers Gildas gänzlich.[35] Ein ähnliches schicksal theilt _Nennius_, dem ebenfalls ein kleines historisches werk zugeschrieben wird.[36] Derselbe soll zu anfang des siebenten jahrhunderts als abt zu Bangor gelebt haben. Der erste unzweifelhafte Schriftsteller von bedeutung ist _Columban_, geboren in Irland, ein grosser beförderer des christenthums, welcher im jahre 615 starb. Seine schriften bestehen aus lateinischen abhandlungen und gedienten.[37] [Footnote 35: Eine ausführliche kritische abhandlung über die persönlichkeit dieses autors, die ihm beigelegten schriften und die mss., woraus dieselben genommen sind, befindet sich in Thomas Wright’s Biographia Britannica Literaria. A.S. Period. London. 8. 1842. Seite 115 bis 135. Mit übergehung der älteren ausgaben dieses autors, so wie von zwei alten englischen übersetzungen möge hier nur die letzte ausgabe des Gildas erwähnt werden: Gildas de Excidio Britanniæ. Ad fidem Codicum Manuscriptorum recensuit Josephus Stevenson. 8. Lond. 1838, welche von der Historical Society herausgegeben worden ist.] [Footnote 36: Siehe Wright’s Biogr. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 135 bis 142. Neueste ausgaben des Nennius: The „Historia Brittonum,“ commonly attributed to Nennius; from a manuscript lately discovered in the Library of the Vatican Palace, at Rome; edited in the tenth Century, by Mark the Hermit; with an English version. By the Rev. W. Gunn. 8. Lond. 1819. Nennii Historia Britonum. Ad fidem Codicum Manuscriptorum recensuit Josephus Stevenson. 8. Lond. 1838. (By the Historical Society.)] [Footnote 37: Siehe Wright’s Biogr. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 142 bis 163. Eine lebensbeschreibung Columban’s von Jonas, einem mönche zu Bobbio, einige jahre nach Columban’s tode geschrieben, findet sich in Mabillon’s Acta Sanctorum Ord. Bened. sæc. II. Ueber Columban’s gedichte handelt Bæhr, die christlichen dichter und geschichtsschreiber Rom’s. 8. Carlsruhe 1836. Seite 79. Columban’s übrig gebliebene werke sind abgedruckt in der Maxima Bibliotheca Veterum Patrum. Vol. XII. Fol. Lugd. 1677. Seite 1 bis 37, so wie in der kölner und pariser ausgäbe der Bibliotheca Patrum.] _Theodorus_, gebürtig aus Tarsus, ein sogar zu Rom wegen seiner gelehrsamkeit und seiner kenntniss der alten sprachen berühmter gelehrter, erzbischof von Canterbury, und sein freund, der abt _Adrian_, von geburt ein Afrikaner, von W. von Malmsbury „fons litterarum, rivus artium“ genannt, begannen in der zweiten hälfte des siebenten jahrhunderts die klassischen sprachen in England zu lehren. Diesen beiden fremden verdankten die Angelsachsen eine reihe von lateinischen schriftstellern und gelehrten, welche auf das ausland wieder befruchtend zurück wirkten. Unter den lateinischen Schriftstellern der ältesten _angelsächsischen_ zeit in England ist zu erwähnen _Aldhelm_, abt von Malmsbury, dem ersten angelsächsischen kloster, wo die mönche nach einer festen regel lebten, und wo sich um Aldhelm, welcher durch seine gelehrsamkeit eben so sehr als durch seine frömmigkeit und herzensgüte berühmt war, selbst aus Schottland und Frankreich schüler sammelten. Aldhelm starb im jahre 709. Ausser einigen unsicheren schriften ist zuerst eine abhandlung Aldhelm’s in prosa De Laude Virginitatis zu erwähnen, welche ein lieblingsbuch der Angelsachsen war, und in mehreren handschriften auf uns gekommen ist. Einige derselben, besonders die späteren, sind theilweise mit einer angelsächsischen übersetzung zwischen den zeilen versehen. Aldhelm schrieb über denselben gegenstand noch eine andere abhandlung in hexametern. Beide schriften enthalten die leidensgeschichten von märtyrern beiderlei geschlechts, welche sich durch ihre keuschheit ausgezeichnet haben. Ein anderes werk Aldhelm’s, Aenigmata, war bei den Angelsachsen nicht minder beliebt. Voraus geht eine einleitung in prosa, welche von den eigenthümlichkeiten der lateinischen metrik handelt. Ausser diesen schriften ist noch ein gedicht Aldhelm’s über die sogen. todsünden und eine kleine sammlung seiner briefe vorhanden. Die Aenigmata, eine nachahmung der Aenigmata des Symposius, enthalten eine doppelt acrostische einleitung in versen, deren erste _oder_ letzte buchstaben den vers Aldhelmus cecinit millenis versibus odas. geben, woraus geschlossen wird, dass das nur siebenhundert und vier und sechszig verse enthaltende werk nicht vollständig sei. Wright theilt diese acrostische einleitung aus einem im brittischen Museum aufbewahrten alten manuscripte mit. Sie möge ihrer sonderbarkeit wegen und als älteste probe lateinischer dichtung der Angelsachsen hier eine stelle finden: +A+rbiter æthereo jugiter qui regmine sceptr+a+ +L+ucifluumque simul cœli regale tribuna+l+ +D+isponis, moderans æternis legibus illu+d+; +H+orrida nam multans torsisti membra Behemot+h+, +E+x alta quondam rueret dum luridus arc+e+, +L+impida dictanti metrorum carmina præsu+l+ +M+unera nunc largire, rudis quo pandere reru+m+ +V+ersibus ænigmata queam clandestina fat+u+. +S+ic Deus indignis tua gratis dona rependi+s+, +C+astalidas nymphas non clamo cantibus istu+c+, +E+xamen neque spargebat mihi nectar in or+e+, +C+inthi sic nunquam perlustro cacumina, sed ne+c+ +I+n Parnasso procubui, nec somnia vid+i+. +N+um mihi versificum poterit Deus addere carme+n+, +I+nspirans stolidæ pia gratis munera ment+i+. +T+angit si mentem, mox laudem corda rependun+t+ +M+etrica; nam Moysen declarant carmina vate+m+ +J+amdudum cecinisse prisci vexilla trophæ+i+, +L+ate per populos inlustria, qua nitidus so+l+ +L+ustrat ab oceani jam tollens gurgite cepha+l+, +E+t psalmista canens metrorum carmina voc+e+ +N+atum divino promit generamine nume+n+, +I+n cœlis prius exortum, quam Lucifer orb+i+ +S+plendida formatis fudisset lumina sæcli+s+. +V+erum si fuerint bene hæc ænigmata vers+u+, +E+xplosis penitus nevis et rusticitat+e+, +R+itu dactilico recte decursa, nec erro+r+ +S+eduxit vana specie molimina menti+s+, +I+ncipiam potiora; sui Deus arida verb+i+, +B+elligero quondam qui vires tradidit Io+b+, +V+iscera perpetui si roris repleat haust+u+. +S+iccis nam laticum duxisti cautibus amne+s+ +O+lim, cum cuneus transgresso marmore rubr+o+ +D+esertum penetrat; cecinit quod carmine Davi+d+. +A+rce poli genitor, servas qui sæcula cunct+a+, +S+olvere jam scelerum noxas dignare nefanda+s+. Aldhelm war auch in seiner muttersprache ein solcher sänger, Scóp, dass ihn Alfred der grosse in die vorderreihe angelsächsischer dichter setzt; doch sind seine gedichte in der muttersprache verloren gegangen, obwohl sie im zwölften jahrhundert, wie William von Malmsbury schreibt, noch gesungen wurden. J. Grimm ist geneigt, das von ihm herausgegebene angelsächsische epos Andreas dem Aldhelm beizulegen.[38] Von ihm soll auch eine übersetzung der psalmen in angelsächsische verse herrühren, aber es sind keine genügende gründe vorhanden, die von Thorpe im jahre 1835 herausgegebene psalmenübersetzung für ein werk Aldhelm’s zu halten. Aus seinen angelsächsischen gedichten mochte Aldhelm die gewöhnte alliteration auch auf seine lateinischen verse übertragen, wie obige Probe zeigt.[39] [Footnote 38: Vergleiche Seite LI. der vorrede zu Andreas und Elene von J. Grimm. 8. Cassel. 1840.] [Footnote 39: Genauere nachrichten über Aldhelm’s leben und schriften enthält Wright’s Biogr. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 209 bis 222. Ausgaben: Canisii Antiquae Lectiones, tom. V. 4. 1608. Edit. Basnage fol. Antw. 1725. tom. I. Seite 709 bis 762. Maxima Bibliotheca Veterum Patrum, tom. XIII., fol. 1677. Seite 1.] Ein anderer kirchenschriftsteller der Angelsachsen, berühmt durch seinen noch berühmteren schüler Beda, war _Ceolfrid_, welcher um das jahr 642 wahrscheinlich in Northumberland geboren war. Ceolfrid lebte als abt des klosters zu Yarrow und seit 690 als abt des klosters zu Wearmouth. Im jahre 716 legte er sein amt nieder und begab sich auf die reise nach Rom, um dort zu sterben; sein tod erfolgte aber schon unterwegs in Frankreich. Durch seinen ruf angezogen, sammelten sich viele schüler, darunter auch Beda, um den abt von Wearmouth, welcher in kirchenangelegenheiten eine solche autorität besass, dass der neu bekehrte könig der Picten, Naitan, ihn um auskunft über die feier des osterfestes bat. Der von Ceolfrid als antwort an Naitan geschriebene brief ist von Beda (kirchengeschichte V, 21) überliefert worden.[40] [Footnote 40: Ueber Ceolfrid’s leben und wirken siehe Wright’s Biogr. Brit. Lit. A.S. Period. Seite 234 bis 237.] _Tatwine_, geboren in Mercia, erzbischof von Canterbury von 731 bis 734, in welchem jähre er starb, ist ein nachfolger Aldhelm’s auf dem gebiete der lateinischen poesie, indem von ihm Aenigmata, gedichte in hexametern, in einem noch nicht gedruckten manuscript des brittischen museums (reg. 12. c. XXIII) auf uns gekommen sind. Das folgende von Wright aus der Handschrift mitgetheilte Aenigma Tatwine’s beweist, dass die angelsächsischen mönche sich der feder zum schreiben bedienten.[41] De Penna. Nativa penitus ratione, heu, fraudor ab hoste! Nam superas quondam pernix auras penetrabam; Vincta tribus nunc in terris persolvo tributum, Planos compellor sulcare per æquora campos, Causa laboris, amoris, tum fontes lacrimarum Semper compellit me aridis infundere sulcis. [Footnote 41: Ueber Tatwine vergleiche Wright’s Biogr. Brit. Lit. A.S. Period. Seite 244 bis 246.] _Felix_, ein mönch zu Croyland, wahrscheinlich in Lincolnshire geboren, mag um das jahr 730 gelebt und geschrieben haben, da er ein freund Alfwald’s, königs der Ostangeln, war, welcher von 713 bis 749 herrschte. Felix ist der verfasser einer lebensbeschreibung des heiligen Guthlac, welcher sich zuerst in der wildniss von Croyland niederliess und im jahre 714 starb. Das buch ist dem könige Alfwald gewidmet. Die folgende probe aus Guthlac’s lebensbeschreibung, eine schilderung Croyland’s zu anfang des achten jahrhunderts, ist von Wright mit einer aus einem manuscript des brittischen museums (cotton. vespas. d. XXI. fol. 25) entlehnten und dem Alfric zugeschriebenen angelsächsischen übersetzung zusammengestellt worden.[42] Est in mediterraneorum Anglorum Britanniæ partibus immensæ magnitudinis acerrima palus, quæ a Grontæ fluminis ripis incipiens, haud procul a castello quod dicunt nomine Gronte, nunc stagnis, nunc flactiris interdum nigris fusis vaporibus et laticibus, necnon crebris insularum nemoribus intervenientibus, et flexuosis rivis parum ab austro in aquilonem maritenus longissimo tractu protenditur. Igitur cum supradictus vir beatæ memoriæ Guthlacus illius vastissimæ eremi inculta loca comperisset, cœlestibus adjutus auxiliis rectissimo callis tramite perrexit. Angelsächsisch: Ys on Bretone lande sum fenn unmætre mycelnysse, þæt on-ginneð fram Grante éa naht feor fram þære cestre ðy ylcan nama ys nemned Granteceaster. Þær synd unmætre moras, hwilon sweart wæter steal and hwilon fúle éa riþas yrnende, and swylce eac manige ea-land and hreod and beorhgas and treow ge-wrido, and hit mid menig-fealdan bignyssum widgille and lang þeneð wunað on norð sǽ. Mid þan se fore-sprecena wer and þære eadigan ge-mynde Guðlaces þær widgillan westenes þa ungearawan stowe þær ge-mette þa wes he mid godcundre fultume ge-fylst and þa sona þan rihtestan wege þyder to geferde. Contigit ergo proximantibus accolis illius solitudinis experientiam sciscitaretur, illisque plurima spatiosæ eremi inculta narrantibus, ecce quidam de illic adstantibus nomine Tatwinus se scisse aliquam insulam in abditis remotioris eremi partibus adserebat, quam multi inhabitare tentantes propter incognita eremi monstra et diversarum formarum terrores amiserant. Quo audito vir beatæ recordationis Guthlacus illum locum sibi monstrari a narrante efflagitat. Þa wæs mid þam þe he þyder com þæt he frægn þa bigendean þæs landes, hwær he on þam westene him eardung stowe findan mihte mid þy hi him menig-feald þing sædon be þære widgilnysse þæs westenes. Þa wæs Tátwine ge-haten sum man sǽde þa þæt he wiste sum ea-land synderlice digle þæt oft menige men eardian ongunnon, ac for menig-fealdum brogum and egsum, and for annysse þæs widgillan westenes þæt hit nænig man adreogan ne mihte. Ac hit ælcforþan be fluge, mid þam þe se halga wer Guðlac þa word ge-hyrde, he bæd sona þæt he him þa stowe ge-tæhte, and he þa sona swá dyde. Ipse autem imperiis viri Dei annuens, arrepta piscatoria scapula per invia lustra in tetræ paludis margines Christo viatore ad prædictam insulam, quæ lingua Anglorum Cruland vocatur, pervenit, quæ ante propter remotioris eremi solitudinem inculta et ignota manebat. Nullus hanc ante famulum Christi Guthlacum solus habitare colonus valebat, propter videlicet illic demorantium dæmonum phantasias: in qua vir Dei Guthlacus contemto hoste, cælesti auxilio adjutus, inter umbrosa solitudinis nemora solus habitare coepit. Eode þa on scip and þa ferdon begen þurh þa rugan fennas oþ þæt hi comon to þære stowe þe man haleð Cruwland. Wæs þæt land on middan þam westene swá ge-rád ge-seted þæs fore-sædan fennas swyðe digle, and hit swyþe feawe men wiston buton þam anum þe hyt him tæhte, swylc þær nǽfre menig man ǽr eardian ne mihte ær se eadiga wer Guthlac to-com for þæra eardunga þara awerigedra gasta. And he þa se eadiga wer Guþlac for-hogode sona þa costunge þæra awerigedra gasta, and mid heofonlicum fultume ge-strangod wearð, be-twyx þa fenlican ge-wrido þæs widgillan westenes, þæt he ana ongan eardian. [Footnote 42: Th. Wright’s Biogr. Brit. Liter. A.S. Period. seite 246 bis 249. Ausgaben: Mabillon, Acta Sanctorum Ord. S. Benedicti, Sæc. III. Part. I. Par. 1672. Seite 263 bis 284 nach einem manuscript des klosters Lira in der Normandie. The History and Antiquities of Croyland-Abbey in the county of Lincoln. By R. Gough. 4. London, 1783. Seite 131 bis 153, aus einem manuscript Harl. 3097.] Alle seine vorgänger übertraf _Beda_, mit dem beinamen Venerabilis, der lateinische hauptautor England’s unter den Angelsachsen. Die nachrichten über sein leben rühren hauptsächlich von ihm selbst her; sie sind am ende seiner kirchengeschichte enthalten. Geboren war Beda im jahre 673 in der nähe des ortes, wo bald darauf das kloster Wearmouth gegründet wurde. In diesem kloster unter dessen gelehrtem abte Ceolfrid erwarb sich Beda seine glänzenden kenntnisse, welche ihm einen ehrenplatz in der literaturgeschichte England’s sichern; in diesem kloster verbrachte er sein ganzes leben mit kurzen unterbrechungen unter übungen der frömmigkeit und literarischen arbeiten, deren grösserer theil aus der zeit von 716 bis 731 herzurühren scheint, in welchem jahre Beda’s hauptwerk, seine grosse kirchengeschichte der Angelsachsen, vollendet wurde. Die schilderung der letzten krankheit Beda’s, während welcher er mit einer übersetzung des evangeliums Johannis in das Angelsächsische beschäftigt war, und seines todes ist von der hand seines schülers _Cuthbert_ auf uns gelangt. Sein tod erfolgte am sechs und zwanzigsten Mai 735 am Asthma. Beda selbst hat zu ende seiner kirchengeschichte ein verzeichniss der von ihm bis zum jahre 731 verfassten schriften, welche sich auf acht und dreissig belaufen, mitgetheilt, zu welchen noch fünf andere aus späterer zeit hinzutreten. Seine werke umfassen hauptsächlich theologie und kirchengeschichte, betreffen aber auch naturwissenschaft und grammatik. Seine abhandlung de Natura Rerum und die im zehnten jahrhundert entstandene übersetzung derselben war mehrere jahrhunderte das wissenschaftliche hauptwerk in England. Seine wichtigste arbeit, die kirchengeschichte der Angelsachsen, welche er nach den vorhandenen besten schriftlichen und mündlichen quellen schrieb, ist nächst der angelsächsischen chronik, welche vieles aus Beda’s werk entlehnt, zugleich die hauptquelle für die erste geschichte der Angelsachsen in England; könig Alfred übersetzte Beda’s berühmtes werk in das Angelsächsiche.[43] [Footnote 43: Beda’s gesammelte werke wurden zuerst zu Paris 1544, 1545 und 1554 in sechs foliobänden gedruckt, später zu Basel 1563, zu Cöln 1612 und 1688 in acht folianten. Die wichtigste ältere ausgabe der historischen werke Beda’s ist von John Smith im jahre 1722 zu Cambridge in folio unter folgendem titel erschienen: Historiæ Ecclesiasticæ Gentis Anglorum Libri Quinque, auctore Sancto et Venerabili Bæda Presbytero Anglo-Saxone, una cum reliquis eius Operibus Historicis in unum volumen collectis. Die beste neuere ausgabe ist von der Historical Society unter dem titel herausgegeben worden: Verabilis Bedæ Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum. Ad fidem Codicum Manuscriptorum recensuit Josephus Stevenson. 8. London. 1838. Die Popular Treatises on Science, written during the Middle Ages. Edited by Th. Wright. 8. London. 1841, von der Historical Society of Science veröffentlicht, enthalten seite 1 bis 19 einen auszug aus der angelsächsischen übersetzung von Beda’s abhandlung De Natura Rerum. Im übrigen ist auf Wright’s Biogr. Brit. Liter. A.S. Period. zu verweisen, wo nebst einer lebensbeschreibung Beda’s ein ausführlicher wissenschaftlicher apparat zu dessen werken von seite 263 bis 288 gegeben wird.] Unter Beda’s freunden ist der bemerkenswertheste _Egbert_, erzbischof von York, von 732 bis 766, ein bruder Eadbert’s, königs von Northumberland. Egbert legte eine bibliothek zu York an, welche zu Alcuin’s zeiten eine für damalige verhältnisse sehr reiche sammlung von kirchenvätern, alten klassikern (Aristoteles, Cicero, Virgil, Plinius, Statius, Lucanus, Boethius, Cassiodorus, Orosius etc.), alten grammatikern und scholiasten (Probus, Donatus, Priscianus etc.) enthielt. Dieses war die bibliothek, welche Alcuin gegen Karl den grossen rühmte, und aus welcher er „die blüthen Britannien’s“ nach Frankreich holen wollte, damit „der garten in York nicht verschlossen sei, sondern die früchte desselben in das paradies von Tour gebracht würden.“ Um Egbert’s zeit war in die angelsächsische kirchendisciplin eine bedenkliche schlaffheit gekommen; sowohl weltliche als geistliche hatten sich einem üppigen leben ergeben, und gelehrsamkeit und zucht fingen an, aus den klöstern zu weichen. Beda ermahnt daher seinen freund noch kurz vor seinem tode, wieder eine strengere zucht in der diöcese einzuführen und wenigstens das Credo und Pater noster zum besten der laien wie des clerus in das angelsächsische übersetzen zu lassen. Egbert schrieb hierauf einen dialog De Ecclesiastica Institutione, welcher noch erhalten ist; hierauf veröffentlichte er auszüge (excerptiones) aus den älteren kirchenvorschriften über die wichtigsten punkte der kirchenzucht und verfasste endlich das confessionale und poenitentiale, die beiden hauptschriften der angelsächsischen kirche über diesen gegenstand. Wie es scheint, waren sie lateinisch und des besseren verständnisses wegen auch zugleich angelsächsisch abgefasst worden.[44] Folgendes ist eine probe aus diesen beiden schriften: Aus dem Confessionale. 27. Feowertyne winter mæden heo mot agan hire lichaman ge-weald. Cniht oð þæt he sig XV. winter eald sig he on his fæder ge-wealdum; syððan he hine mot munecian, gif he wyle, and na ær. Fæmne oð þæt heo sig XIII. oððe XIIII. winter sig heo on hyre yldrena mihtum; æfter þære yldo hire hlaford hi mot gefon mid hire wyllan. Se fæder his sunu, gif him mycel neod byð, he hine mot on þeowet ge-syllan, oð þæt he bið VII. winter ofer þæt, butan þæs suna willan, he hine ne mot syllan. Puellæ quatuordecim annorum corporis sui potestatem habere licet. Puer, usque ad XV. æstatis annum, in potestate sit patris sui; deinde se monachum potest facere, si velit, et non antea. Puella usque ad XIII. vel XIIII. annum sit in potestate parentum suorum; post hanc ætatem dominus ejus illam capere potest, cum voluntate sua. Pater potest filium suum, magna necessitate compulsus in servitutem tradere, usque ad septimum annum; deinde, sine voluntale filii, eum tradere non potest. Aus dem Pœnitentiale lib. IV. 32. Gif hwylc ge-hadod man on huntað fare, gif hit beo cleric, forga XII. monað flæsc; diacon, II. gear; mæsse-preost, III.; and bisceop, VII. Si ordinatus quis homo ad venationem prodeat, si sit clericus, XII. menses a carne se abstineat; diaconus, II. annos; presbyter, III.; et episcopus, VII. 33. Gif hwylc bisceop, oððe ænig ge-hadod man, hine oftrædlice oferdrince, oððe he þæs ge-swice, oððe his hades þolige. Si episcopus quis, vel quilibet ordinatus homo, ex consuetudine se inebriet, vel ab hoc desistat, vel ordinem suum perdat. 34. Gif munuc for ofer-druncennysse spiwe, fæste XXX. daga. Si monachus ex ebrietate evomuerit, XXX. dies jejunet. 37. Seðe þurh facn oþerne oferdreneð, fæste XL. daga.[45] Qui per fraudem alium inebriaverit, XL. dies jejunet. [Footnote 44: Der beste abdruck von Egbert’s schriften findet sich in: Ancient Laws and Institutes of England; comprising Laws enacted under the Anglo-Saxon kings etc.--also Monumenta Ecclesiastica Anglicana. fol. London. 1840. Edited by Benjamin Thorpe, and published by the Record Commission. Im übrigen siehe Wright’s Biogr. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 297 bis 305.] [Footnote 45: Mone in seinen forschungen zur geschichte der teutschen literatur und sprache. 8. Achen und Leipzig, 1830. Bd. I. Seite 509 giebt Varianten aus einer brüsseler handschrift (Nr. 300 in 4.), welche jedoch den sinn nicht ändern. Wichtig ist, was Mone über das poenitentiale Egbert’s im allgemeinen und insbesondere über das vierte buch desselben spricht, welches er (seite 457) für jünger hält. Man vergleiche hierüber, was Hildenbrand in seinen untersuchungen über die germanischen pönitentialbücher. 8. Würzburg, 1851. Seite 65 ff. und Wasserschleben in den bussordnungen der abendländischen kirche. 8. Halle, 1851. Seite 37 ff., auf quellenstudium und vergleichung vieler handschriften gestützt, über das Egbert’sche beicht- und bussbuch sagen, woraus mit ziemlicher gewissheit hervorgeht, dass das ganze nicht auf Egbert zurückzuführen, mindestens als eine sehr überarbeitete zusammenstellung mehrerer älterer beicht- und bussordnungen, worunter sich auch eine Egbert’sche arbeit befinden mag, zu betrachten sei.] Ein Angelsachse war es, welcher das christenthum seinen heidnischen stammverwandten in Deutschland zu bringen versuchte, nachdem Wilfred, 634 bis 709, den letzten germanischen stamm in England, die Südsachsen, 681 zur neuen lehre bekehrt hatte. Dieser erste angelsächsische apostel, welcher sein leben der bekehrung der Deutschen am Unterrhein und in Friesland widmete, war _Wilbrod_, gestorben 738. In seine fussstapfen trat _Winfrid_ oder Bonifacius, geboren um 680, welcher von 716 ab weiter in das innere von Deutschland, in Thüringen, Sachsen, Hessen, Franken, Baiern vordrang und zugleich viele Angelsachsen in diese länder nach sich zog, bis er endlich im jahre 755 von den heidnischen Friesen erschlagen wurde. Interessant ist eine zusammenstellung der abschwörungsformel und des glaubensbekenntnisses, welche Winfrid bei der taufe der bekehrten Sachsen anwendete, und des Angelsächsischen. _Die Abschwörungsformel._ Bonifacius. Forsachistu diabolæ? _Et resp._ Ec forsacho diabolæ. End allum diabol gelde? _Resp._ End ec forsacho allom diabol gelde. End allum diabole uercum? _Resp._ And ec forsacho allom diaboles uuercum end uuordum, Thunar erende, Uuoden end Saxnote,[46] ende allem them unholdum the hira genotas sint. Angelsächsisch. Forsacest þu diabule? _Et resp._ Ic forsace diabule. And eallum diabul gelde? _Resp._ And ic forsace eallum diabul gelde. And allum diabules wercum? _Resp._ And ic forsace eallum diabules wercum and wordum, þunor erende, Wodne and Seaxneate, and eallum þam unholdum þe hira geneatas sind. Englisch. Forsakest thou the devil? _Answ._ I forsake the devil. And all worship of the devil? _Answ._ And I forsake all worship of the devil. And all works of the devil? _Answ._ And I forsake all works and words of the devil, the worship of Thor, Woden and Saxnote and all the evil spirits who are their companions. Deutsch. Entsagst du dem teufel? _Antw._ Ich entsage dem teufel. Und allem teufelsdienst? _Antw._ Und ich entsage allem teufelsdienst. Und allen teufelswerken? _Antw._ Und ich entsage allen teufelswerken und worten, der Thorverehrung, dem Wodan und Sachsengott, und allen den Unholden, die ihre Genossen sind. [Footnote 46: Ueber die drei götter Thunar, Vuoden und Saxnot, besonders über den letzteren handelt J. Grimm in der Deutschen Mythologie. 8. Göttingen, 1844. Seite 149. 184. 196. 839. Saxnot = Seaxna-Eowðen?] _Das Glaubensbekenntniss._ Bonifacius. Gelobistu in Got almehtigan, fadær? _Resp._ Ec gelobo in Got almehtigan, fadær. Gelobistu in Crist, Godes suno? _Resp._ Ec gelobo in Crist, Godes suno. Gelobistu in halogan gast? _Resp._ Ec gelobo in halogan gast. Angelsächsisch. Gelyfest þu in God ælmihtigan, fæder? _Resp._ Ic gelyfe in God ælmihtigan, fæder. Gelyfest þu in Crist, Godes sunu? _Resp._ Ic gelyfe in Crist, Godes sunu. Gelyfest þu in haligan gast? _Resp._ Ic gelyfe in haligan gast. Englisch. Believest thou in God Almighty, the father? _Answ._ I believe in God Almighty, the father. Believest thou in Christ, God’s son? _Answ._ I believe in Christ, God’s son. Believest thou in the Holy Ghost? _Answ._ I believe in the Holy Ghost. Deutsch. Glaubst du an Gott allmächtigen, den vater? _Antw._ Ich glaube an Gott allmächtigen, den vater. Glaubst du an Christ, Gottes sohn? _Antw._ Ich glaube an Christ, Gottes sohn. Glaubst du an den heiligen geist? _Antw._ Ich glaube an den heiligen geist. Vergleicht man das original mit der angelsächsischen übersetzung, so ist zu bemerken, dass das bei den Angelsachsen vorkommende wort diabul gewöhnlich in deofle zusammengezogen erscheint, und dass anstatt erende gewöhnlich arung, erung (had-erung) vorkommt, wogegen anstatt and auch ende, und anstatt eall auch all geschrieben werden könnte. Im übrigen sind original und übersetzung wenig mehr verschieden als die angelsächsische sprache in England selbst zu verschiedenen zeiten und orten. Dem Bonifacius wird von Th. Wright ein lateinisches gedicht, Aenigmata, (Ms. reg. 15. B. XIX. fol. 204) in hexametern zugeschrieben, worin zehn (am ende der handschrift fehlt ein blatt, daher für uns nur neun) tugenden geschildert werden. Seine übrigen schriften bestehen aus predigten und briefen.[47] [Footnote 47: Martene und Durand, Veterum Scriptorum et Monumentorum Historicorum, Dogmaticorum, Moralium, Amplissima Collectio. Tomus IX. fol. Paris, 1733. enthält Bonifacii Sermones. Die beste ausgabe der briefe ist: Epistolae S. Bonifacii Archiepiscopi Magontini ordine chronologico dispositæ, notis et variantibus illustratæ a Stephano Alex. Würdtwein. fol. Magont. 1789. Vergleiche Wright’s Biog. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 308 bis 334.] Von Winfrid’s angelsächsischen nachfolgern in der bekehrung und bildung der Deutschen mögen noch genannt werden _Willehad_ aus Northumberland, bischof von Wigmodia (dem district um Bremen), und _Alcuin_ aus York, (gestorben 804), der gelehrte freund Carl’s des grossen. In Egbert’s zu York gestifteter schule gebildet, hatte Alcuin vor seiner entfernung die aufsicht über die dortige kostbare bibliothek. Seine wirksamkeit als schriftsteller bezieht sich mehr auf Carl’s des grossen reich als auf England. Von den vielen lateinischen schriften Alcuin’s wurden indessen die Questiones in Genesin im zehnten jahrhundert in das Angelsächsische übersetzt, welche übersetzung in vielen handschriften auf uns gekommen ist, woraus man schliessen kann, dass sie ein beliebtes buch der Angelsachsen war.[48] [Footnote 48: Beati Flacci Albini seu Alcvini Abbatis, Caroli Magni Regis ac Imperatoris Magistri, Opera. Post primam editionem, a viro clarissimo D. Andrea Quercetano curatam, de novo collecta, multis locis emendata, et opusculis primum repertis plurimum aucta, variisque modis illustrata. Cura ac Studio Frobenii. Tomi duo in quatuor voluminibus, fol. Ratisbonæ, 1777. Siehe die reiche Alcuinliteratur in Wright’s Biog. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 366-368.] England selbst hörte mit den einfällen der Dänen und ihren verwüstungen, welche auch die klöster und kirchen nicht verschonten, so lange auf, eine freistatt der gelehrsamkeit und bildung zu sein, bis die insel durch Alfred dem grossen wieder einige Ruhe gewann. An die stelle der lateinischen sprache trat nunmehr besonders durch die bemühungen Alfred’s die angelsächsische, welche früher nur von dem Scóp, oder sänger, und dem christlichen psalmisten literarisch benützt worden war. Alfred war genöthigt, in dasselbe England, aus welchem im vorigen (achten) Jahrhundert eine anzahl gelehrter männer hervorgingen, um das deutsche festland mit ihrem wissen und ihren büchern zu befruchten, fremde gelehrte, _Grimbald_ von St. Bertin und _Johann_ von Corvey, zur erziehung und bildung der unwissenden angelsächsischen geistlichkeit herbeizurufen. Von Alfred’s hohen geistlichen (der erzbischof von Canterbury ordinirte an einem tage sieben bischöfe in der kirche zu Winchester) sind keine lateinischen schriften auf uns gelangt. _Werferth_, bischof von Worcester, soll von Alfred mit der übersetzung der gespräche des papstes Gregor in das Angelsächsische betraut worden sein. Das einzige bekannte manuscript dieser übersetzung befindet sich im Corpus Christi College (Nr. 322) zu Cambridge; es stammt aus dem elften jahrhundert. Die lebensbeschreibung Alfred’s, welche unter dem namen des bischofs Asser bekannt ist, mag wahrscheinlich eine spätere, aus dem elften jahrhundert herrührende arbeit eines mönches sein,[49] welcher dazu die angelsächsische chronik und mündliche überlieferungen benützte. [Footnote 49: Vergleiche Wright’s Biog. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 405 bis 413.] Gegen das ende dieser periode, besonders unter Eduard dem bekenner, kam eine anzahl fremder geistlichen nach England. Von diesen verdienen genannt zu werden _Folchard_ aus Flandern, von dem heiligenlegenden in lateinischer sprache geschrieben worden sind, und _Gotselin_, ein mönch aus dem französischen kloster St. Bertin, in Canterbury 1098 gestorben, welcher eine menge legenden von englischen heiligen, darunter eine lebensbeschreibung des heiligen Augustin abgefasst hat. Dieselben befinden sich zerstreut in den verschiedenen Actis Sanctorum.[50] [Footnote 50: Vergleiche Wright’s Biog. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 512 bis 521.] Die kirchenschriftsteller der Angelsachsen führten der volkssprache keine unbedeutende anzahl lateinischer Wörter zu, welche fast sämmtlich kirchliche angelegenheiten betreffen; so findet sich später im Angelsächsischen der gebrauch von _mynster_, minster, (monasterium), _portic_, porch, (porticus), _cluster_, cloister, (claustrum), _munuc_, monk, (monachus), _bisceop_, bishop, (episcopus), _arcebisceop_, archbishop, (archiepiscopus), _sanct_, saint, (sanctus), _profost_, provost, (propositus), _pall_, pall (pallium), _calic_, chalice, (calix), _candel_, candle, (candela), _psalter_, psalter, (psalterium), _mæsse_, mass, (missa), _pistol_, epistle, (epistola), _prædician_, to preach, (prædicare), _profian_, to prove, (probare), _gemartyrod_ etc. Zugleich lernten die Angelsachsen fremde erzeugnisse mit ihren lateinischen namen kennen, die sie in ihre sprache aufnahmen; so z.B. _camell_, camel, (camelus), _ylp_, elephant, (elephas), _fic_-beam, figtree, (ficus), _feferfuge_, (feverfew), (febrifuga), _peterselige_, parsley, (petroselinum), _pipor_, pepper, (piper), _purpur_, purple, (purpura), _pumic_-stan, pumicestone, (pumex). +II. Die angelsächsische Sprache.+[51] Verwandtschaft und Zusammenhang der angelsächsischen sprache mit den übrigen zweigen des grossen germanischen stammes möchten am besten aus folgender übersicht hervorleuchten: +Alt-Germanisch.+[52] _Alt-Deutsch_[53] | _________________|_______________ / \ Alt-Hochdeutsch Alt-Niederdeutsch | | Möso-Gothisch, _________|________________ Alemannisch, / | \ Fränkisch Altsächsisch, Altfriesisch, Angelsächs. | | | | Neu-Hochdeutsch Niederdeutsch, Holländisch, Englisch (mit seinen mundarten.) (mit ihren mundarten.) _Alt-Skandinavisch_[54] auf Dänemark, Norwegen, Schweden, Island, den Orkney-, Schetland-, Faroer-Inseln. | _____________________|_____________________ / \ Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Isländisch, Orkney-, Schetland-, Faroer-Mundart. [Footnote 51: Im allgemeinen handeln hiervon S. Turner’s history of the A.S. Vol. III. Book IX. Wright’s Introductory Essay on the State of Literature and Learning under the Anglo-Saxons, 1842 zu London erschienen und auch als einleitung der Biog. Brit. Liter. beigefügt. L. Ettmüller’s handbuch der deutschen literaturgeschichte. 8. Leipzig 1847. Seite 120 bis 153. Michel, Bibliotheca Anglo-Saxonica, containing an accurate Catalogue of all works published in Anglo-Saxon, with an introductory letter, by J. P. Kemble. 8. Paris. 1837.] [Footnote 52: Deutsche grammatik v. J. Grimm. 4 theile. 8. Göttingen 1819-37. 1840.] [Footnote 53: Literatur der grammatiken, lexica und wörtersammlungen von J. S. Vater. 2. Aufl. von B. Jülg. 8. Berlin 1847 enthält von Seite 79 bis 98 einen vollständigen philologischen apparat übersichtlich geordnet.] [Footnote 54: Altnordisches lesebuch, von Fr. Ed. Chr. Dietrich. 8. Leipzig. 1843 enthält von seite IX bis LIV eine übersicht der literatur, von seite 1 bis 196 sprachproben, auf welche von seite 197 bis 288 grammatik und glossar folgen. Runensprachschatz; oder wörterbuch über die ältesten sprachdenkmale Skandinavien’s, von U. W. Dieterich. 8. Stockholm. 1844.] Die vorväter der germanischen eroberer Britannien’s wohnten an der nordküste Deutschland’s in ihrer ganzen ausdehnung von Friesland bis zur jütischen halbinsel. Die sprache derselben war die niederdeutsche,[55] weichere tochter der germanischen mutter in verschiedenen mundarten, welche in England sich zu verschmelzen trachteten, obwohl man ihre unterschiede in alter wie neuer zeit wahrzunehmen vermag. Durch die insulare lage des landes, welche zur einheit drängte, wie durch die berührung mit den romanisirten Britten und Galliern, endlich durch die frühe einführung des bildenden christlichen elementes entwickelte sich in England die sprache und literatur der Angelsachsen zu einer solchen blüthe, wie sie in dieser schönheit und mannigfaltigkeit bei keinem anderen deutschen stamme zu einer so frühen zeit anzutreffen ist. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass das Angelsächsische schon in früher zeit eine gebildete prosa besass; die prosa aber bekundet zugleich die geistige reife des volkes wie seiner sprache, weil es ihr sein wissen und denken vertraut, während in der alten poesie nur sein fühlen zu finden ist. [Footnote 55: Geschichte der niedersächsischen oder plattdeutschen sprache von J. Fr. A. Kinderling. 8. Magdeburg. 1800.] Es scheint unzweifelhaft, dass die deutschen einwanderer in der letzten hälfte des fünften jahrhunderts einzelne schöpfungen der nordischen muse nach England mitbrachten. Die ersten denkmäler der angelsächsischen sprache führen uns in die zeit zurück, wo alle literatur noch poesie, und der sänger, dichter und gelehrte _eine_ person war. So wie das leben damals durchaus dichterisch war, so war auch die dichtkunst eine lebendige, das leben schildernde, epische. Im gesange wurden die thaten der urväter, die geschichten der vergangenen tage der mitwelt überliefert, und was diese schuf, wurde sogleich wieder dem liede anvertraut und darin der nachweit aufbewahrt. So wurde im gesange die geschichte und die weisheit des volkes niedergelegt und vererbt auf die künftigen enkel. Die gabe des gesanges konnte nicht künstlich erworben werden, sondern stammte von der gottheit und war eine besondere gabe derselben, wie Beda (kirchengeschichte IV, 24) von Caedmon erzählt. Der sänger, scóp (von sceapan, scyppan, schaffen), stand daher in Ehren bei den Sachsen, sein platz war in der halle und an der tafel der fürsten; er begleitete sie in die schlacht und feierte ihre häuslichen freuden. Wie hoch die dichtkunst und der gesang unter den Sachsen gehalten wurde, sieht man aus manchen andeutungen des alten gedichtes Beowulf. Wenn der dichter uns die freude schildern will, welche in der königlichen halle von Heorot herrschte, so darf der sänger nicht fehlen (Beow. v. 987); dagegen ist es ein sicheres zeichen der sorge und des kummers, wenn die gewohnten gesänge nicht gehört werden (v. 4519). Dass die sänger die thaten der helden, mit denen sie lebten, im gesange verherrlichten, geht aus einer anderen stelle Beowulf’s deutlich hervor. Kaum hatte Beowulf den schrecklichen Grendel besiegt, als auch schon der hofsänger Hrothgar’s sich anschickt, den sieg Beowulf’s in verse zu bringen und damit der nachwelt zu überliefern (Beowulf, v. 1728). Zuweilen sang der dichter auch höhere dinge als die thaten der helden; er erhob seine harfe und sang die erschaffung der welt (Beowulf, v. 178). Je nach den umständen mochten auch heitere mit ernsten gegenständen in den liedern des sängers abwechseln. Der sänger wanderte auch fort von der heimath, besuchte fremde länder und sang vor den grossen derselben, welche ihm reichliche ehrengeschenke gaben, die er als zeugen seines ruhmes von der wandersfahrt nach hause brachte, wo er dann seine reisen schilderte. So mag das gedicht entstanden sein, welches unter dem namen Traveller’s Song oder Scopes widsið aus der exeterhandschrift mehrmals abgedruckt worden ist. (Vergl. weiter unten den schluss dieses alten gedichtes.) Dadurch, dass ein sänger dem anderen die gesänge, welche er empfangen und gedichtet hatte, überlieferte, und dass dieselben durch das öftere hören auch in dem weiteren kreise des volkes bekannt wurden, entstand ein poesiencyclus, welcher, ohne dass ein autor der einzelnen stücke bekannt gewesen wäre, rhapsodisch von geschlecht zu geschlecht forterbte, bis endlich die aufzeichnung einzelner rhapsodien oder grösserer epopöen erfolgte. Der berühmte Codex Exoniensis ist eine solche sammlung späterer aufzeichnungen einzelner rhapsodien des angelsächsischen sangkreises. Während der langen zeit zwischen dem entstehen der dichtungen und ihrer aufzeichnung durch die schrift, wurden sie ganz allein dem gedächtniss anvertraut und so erhalten. Jetzt, wo die schrift an die stelle des gedächtnisses getreten ist, mag man sich über die kraft und empfänglichkeit des letzteren ungemein wundern. Der aufzeichner von Wilfred’s lebensbeschreibung, Eddius (vita Wilfred. in Gale’s Historiae Britanniae scriptores XV. fol. Oxon. 1691. Seite 52. 53), erwähnt, dass Wilfred als jüngling, während seines aufenthaltes im kloster Lindisfarne, zuerst das psalmbuch nach dem lateinischen texte von Hieronymus, und dann das ganze noch einmal nach dem römischen text (more Romanorum juxta quintam editionem) auswendig gelernt habe. Aus William von Malmsbury (p. 77. Ausg. 1601) geht hervor, dass noch zu seiner zeit im 12. jahrhundert, als die angelsächsische literatur schon im verfall war, viele lieder aus alter zeit im munde des volkes lebten. Die wesentliche folge dieser überlieferung von mund zu mund war, dass die ursprüngliche form der gedichte sich im laufe der zeit änderte. Wenn die späteren sänger sie vortrugen, so geschah es natürlich in der sprache, die sie sprachen und ihre zuhörer am besten verstanden; daher kommt es, dass die handschriften, welche sie enthalten, in dem herrschenden westsächsischen dialekte ihrer zeit abgefasst sind, so dass man eigentlich nicht im stande ist, die allmälige veränderung der lebendigen sprache bis zu ihrer erstarrung in der schrift stufenweise zu verfolgen. Ja selbst die ursprüngliche gestalt des inhalts der gesänge konnte durch auslassungen, zusätze und kleine dem orte und der zeit angepasste veränderungen wechseln, wie sich dies in der that namentlich an Caedmon nachweisen lässt. Noch zu Alfred’s zeit mochte das gedächtniss das hauptmittel der überlieferung der alten gesänge sein. Er selbst wurde schon im frühen alter angehalten, die dichterischen erzeugnisse seines volkes auswendig zu lernen (Saxonica poemata diu noctuque solers auditor relatu aliorum sæpissime audiens docibilis memoriter retinebat. Asser, vita Aelfr. ed. M. Parker p. 7). Von dem zehnten jahrhundert bis in das zwölfte hinab erfolgten die meisten aufzeichnungen, wie die vielen aus dieser zeit herrührenden handschriften beweisen. Eine sichere nachricht über solche aufzeichnungen findet sich in dem buche de Gestis Herwardi Saxonis (in einem manuscripte des zwölften jahrhunderts), desselben Hereward, welcher mit seinen gefährten in den sümpfen von Ely den scharen Wilhelm’s des eroberers lange zeit trotzte. Der anonyme verfasser des buches erzählt in seiner vorrede, dass er als quelle das werk von Hereward’s priester _Leofric_, editum a Lefrico diacono eiusdem ad Brun presbitero, benützt habe und fährt dann fort: „Huius enim memorati presbiteri erat studium, omnes actus gigantum et bellatorum ex fabulis antiquorum, _aut ex fideli relatione_, ad edificationem audientium congregare, et ob memoriam Angliæ literis commendare.“ Leofric mochte der Scop Hereward’s sein und den muth der sächsischen kämpfer durch schilderung der heldenthaten ihrer vorväter kräftigen.[56] [Footnote 56: Vergl. Wright’s Introductory Essay zu Biogr. Brit. Liter. A.S. Period. Seite 15. Ferner desselben Essays on subjects connected with the Literature, Popular superstitions and History of England in the Middle Ages. 8. London, 1846. vol. I. Seite 25, und Essay XIV. Adventures of Hereward the Saxon. vol. II. Seite 91.] Der poetische ausdruck der alten gesänge beruht auf dem parallelismus der gedanken, häufigen metaphern und paraphrasen, besonders aber auf der natürlichen lebendigkeit der schilderung. Die poetische figur des gleichnisses kommt sehr selten vor. Im ganzen Beowulf findet sich nur fünfmal eine vergleichung in höchst einfacher form: eines schiffes mit einem vogel, der augen Grendel’s mit feuer, seiner nägel mit stahl, des lichtes in Grendel’s wohnung mit dem sonnenlichte, und des schmelzens eines schwerdtes mit dem des eises. Sylbenmass giebt es in den angelsächsischen gedichten nicht, binnen- wie end-reim nur selten.[57] Beide werden durch eine gewöhnlich doppelte hebung und senkung der stimme in je zwei durch alliteration verbundenen hemistichen ersetzt, welche von den englischen herausgebern angelsächsischer poesie in der regel getrennt als besondere verse, von den deutschen meist in einen vers zusammen gedruckt werden. In den handschriften sind die gedichte ununterbrochen gleich prosa geschrieben, jedoch sind die hemistichen meist durch punkte geschieden, was besonders bei langen versen für die verstheilung der Engländer spricht.[58] Die alliteration in ihrer regelmässigen form verlangt, dass in dem ersten hemistich die beiden tonwörter mit demselben buchstaben beginnen, welcher dann wiederum der anfangsbuchstabe des ersten tonwortes im zweiten hemistich sein soll. Jedoch finden sich viele abweichungen von dieser regel, welche auch durch spätere interpolationen und durch die ungenauigkeit der abschreiber verletzt worden sein mag. Die alliteration begünstigte, wie in späteren zeiten der reim, die bewahrung der gedichte im gedächtnisse. Man kann dieses daraus entnehmen, dass man sie auch in den predigten benutzte, um dem volke das behalten derselben zu erleichtern. (Vergl. Thorpe’s analecta Anglo-Saxonica seite 74, und Leo’s angelsächsische sprachproben seite